Zwischen Digital-Detox-Spießigkeit und Verboten: Sternstunde Philosophie mit Bernhard Pörksen und Rolf Dobelli @srfkultur @barbaraBleisch @dobelli @WEilenberger

⁦⁩In einer Zeit, in der das Smartphone unser ständiger Begleiter und die digitale Vernetzung allgegenwärtig ist, wirft die Sendung „Sternstunde Philosophie“ mit Rolf Dobelli und Bernhard Pörksen unter der Leitung von Wolfram Eilenberger und Barbara Bleisch einen kritischen Blick auf die Auswirkungen dieser Entwicklungen auf unseren Alltag und unsere geistige Gesundheit. Die Diskussion kreist um die omnipräsente Frage, inwiefern uns Handys und soziale Medien im Alltag beeinflussen, ob sie unseren Geist „vergiften“, eine Aufmerksamkeitskrise hervorrufen und wie der Trend zum „Digital Detox“ zu bewerten ist.

Die beiden Gäste, Rolf Dobelli, bekannt für seine kritische Haltung gegenüber dem News-Konsum, und Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler, erörtern die tiefgreifenden Veränderungen in unserer Kommunikation, Aufmerksamkeit und im sozialen Miteinander durch die Digitalisierung. Dobelli plädiert für einen selektiven Umgang mit Informationen und betont die Notwendigkeit, sich auf längere, tiefgründige Inhalte zu konzentrieren, um echtes Verständnis und Wissen zu kultivieren. Pörksen hingegen warnt vor den Gefahren der „Aufmerksamkeitsökonomie“, die durch Algorithmen der sozialen Medien gefördert wird, und fordert eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Mechanismen digitaler Plattformen.

Beide Gäste sind sich einig, dass die aktuelle „Rip-off-Kultur“ der sozialen Medien zu einer Verflachung der geistigen Auseinandersetzung führt und eine Herausforderung für die individuelle Konzentrationsfähigkeit sowie für das demokratische Zusammenleben darstellt. Die Debatte zeigt deutlich, dass es nicht nur um eine individuelle Entscheidung für oder gegen die Nutzung digitaler Medien geht, sondern um eine gesellschaftliche Herausforderung, die nach strukturellen Lösungen verlangt.

Interessant ist, dass trotz der kritischen Betrachtung der negativen Auswirkungen digitaler Medien auch die positiven Aspekte, wie der Zugang zu einem unendlichen Pool an Informationen und Bildungsinhalten, nicht außer Acht gelassen werden. Die Diskussion legt nahe, dass eine ausgewogene, bewusste Nutzung digitaler Technologien und Medien die Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts darstellt.

„Sternstunde Philosophie“ gelingt es, die ambivalente Rolle digitaler Medien in unserer Gesellschaft zu beleuchten und regt zum Nachdenken über unseren eigenen Umgang mit dem „liebsten Spielzeug“ an. Die Sendung hinterlässt den Zuschauer mit der Erkenntnis, dass die Frage nach der richtigen Balance zwischen digitaler Vernetzung und geistiger Autonomie eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit ist und lädt ein, den eigenen Digitalverbrauch kritisch zu reflektieren.

Bei den Ausflügen in die Neuro-Welt fällt mir immer wieder auf, mit welcher Selbstverständlichkeit über Auswirkungen auf das Gehirn gesprochen wird – von Manfred Spitzer bis Ralf Dobelli:

Dahinter stecken Träume, Horrorszenarien und schlichtweg Idiotie, wie bei den Pionieren der Künstlichen Intelligenz, die noch nicht einmal in der Lage sind, künstliche Gehirne von Kleinkrebsen nachzubauen oder gar zu verstehen. Biologen versuchen das nun seit Jahrzehnten – ohne Erfolg. Das Kleinstgehirn des Krabbeltierchens besteht gerade mal aus 30 Millionen Neuronen und kontrolliert den Verdauungstrakt. Man hat bis heute nicht verstanden, wie das funktioniert. Es bleibt das nüchterne Fazit: “We don’t know how the human brain works.” Ähnliches erlebten wir beim milliardenschweren Human Brain Project. Humanoide Maschinen sind Hirngespinste von Sachbuch-Autoren, Wissenschaftlern und Journalisten, die einem mechanistischen Weltbild hinterherlaufen.

Es sind letztlich völlig überdrehte Thesen, die man mit Künstlicher Intelligenz und Neurowissenschaften verbindet. Das wirkt sich positiv auf den Verkauf von Büchern über das Ende des Zufalls aus oder über Neuro-Leadership, Neuro-Marketing und Maschinen-Intelligenz. Es ist eine beliebte Methode, um milliardenschwere Forschungsbudgets und Beratungsaufträge zu kapern, wie beim Human Brain Project. Beim öffentlichen Diskurs sollte man die wirtschaftlichen Interessen dieser Akteure nicht aus den Augen
verlieren.

Die Logik ist nur ein Beschreibungsapparat, so wie die Grammatik für Sprache, sagte Systemtheoretiker Heinz von Foerster im Fernsehinterview mit Lutz Dammbeck:

„Die Logik ist ja nur eine Maschine, um mit gewissen Aussagen gewisse andere Aussagen machen und entwickeln zu können. Der Übergang von A nach B, das ist, was die Logik kontrolliert….also die Logik bringt ja gar nichts Neues….die Logik macht es nur möglich, dass Sie von einem Satz, der etwas verschwommen ist, etwas ableiten können, oder Sätze, die ähnlich verschwommen sind, ordentlich beweisen können.” In diesen weltweit funktionierenden Maschinensystemen seien alle Aussagen richtig – im Sinne der Ableitungen.

Wer die Manipulatoren der toten Maschinenwelt verstehen will, darf die Maschinen nicht in den Vordergrund stellen und sie beseelen. „Sonst kommt im Wechselspiel von Mensch und Maschine zu viel Toleranz ins Spiel. Ich höre auf zu denken. Das gilt auch für die Moralisierer, die der Technik böse Absichten unterstellen und ständig krude Verbote fordern. Wer einen Schuldigen in der Maschinenwelt verortet, unternimmt keine weiteren Denkanstrengungen mehr. Die Maschine ist aber keine Person. Wenn ich den Stecker ziehe, tut sie gar nichts mehr. Maschinen sind immer Werkzeuge von Menschen. Auch der Algorithmus wird von Menschen gemacht und benutzt“, sagt der Organisationswissenschaftler Gerhard Wohland.

Da der Mensch aber nicht berechenbar ist, spucken die Maschinen vielleicht sinnvolle Daten zur Stauwarnung und zur Vorhersage von Grippewellen aus, versagen aber bei der Antizipation menschlichen Verhaltens, wenn es um komplexe Fragen geht und nicht um meine morgendlichen Rituale, die vom Toilettengang bis zur Verspeisung von Himbeermarmeladen- Brötchen reichen. Für diese Vorhersage braucht man keine aufwendigen Algorithmen – es handelt sich um triviale Gewohnheiten.

Was wirklich wichtig ist, dokumentierte Johann Gottfried Herder. Er war im 18. Jahrhundert davon überzeugt, dass eine Bibliothek, die zu stark auf die Ordnung des Wissens Einfluss nimmt, Innovationen erschwert oder unmöglich macht. Kein Gelehrter könne das Universalarchiv noch einholen. Alles ist nicht zu lesen, zu kennen, zu wissen. Herder selbst wird deshalb zum Cursor, zum Läufer, der im virtuellen Raum der Gelehrtenbibliothek zwischen Texten durcheilt und in dieser schnellen Bewegung neue Querverbindungen schafft, die man so bisher noch nicht gelesen hat. Er wendet die Kulturtechnik der kursorischen Lektüre an. „Herder darf schnell werden, weil er nicht nur auf eine neue Form des Lesens rekurriert, sondern auch auf eine alte rhetorische und gelehrte Schreibtechnik. Es ist ein methodisches Verfahren, das ihm die Lizenz zum Flüchtigen gibt“, schreiben Matthias Bickenbach und Harun Maye in ihrem Buch „Metapher Internet – Literarische Bildung und Surfen“ (Kadmos-Verlag http://www.kv-kadmos.com). Kanonische Wissensbestände sollten daher durch intelligente Suchroutinen ersetzt werden. Bildung unter hochtechnischen Bedingungen wäre demnach eine operative Kompetenz – im 18. Jahrhundert und auch heute! Es gehe darum, Wissenstechniken zu entwickeln, die als Such- und Kombinationsverfahren mit der Überfülle produktiv umgehen, so Bickenbach und Maye.

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