Zum Tod von Wolfgang Bergsdorf: Analytischer Kopf und wichtiger Berater von Helmut Kohl

Der General-Anzeiger beschreibt in einem Nachruf Wolfgang Bergsdorf, der im Alter von 82 Jahren verstorben ist, als „intellektuellen Kopf“ im Umfeld von Helmut Kohl. Diese Charakterisierung trifft den Kern seines Wirkens, denn über Jahrzehnte hinweg war Bergsdorf einer der engsten Mitarbeiter Kohls in der CDU und der Bundesregierung. „Kohl machte den gebürtigen Bensberger nach seiner Wahl zum CDU-Vorsitzenden 1973 zum Leiter seines Büros im Adenauer-Haus (also in der Parteizentrale, gs). Zudem war er Chefredakteur der Zeitschrift ‚Die Politische Meinung‘ der Konrad-Adenauer-Stiftung. Während der schwarz-gelben Koalition von 1982 bis 1998 war Bergsdorf Abteilungsleiter im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung sowie für Kultur und Medien im Innenministerium“, so der GA.

In meiner Zeit als Leiter des Bonner Büros des Instituts für Demoskopie Allensbach lernte ich Bergsdorf in seiner Funktion im Bundespresseamt zwischen 1989 und 1993 kennen. Also eine spannende und wilde Zeit des Umbruchs zur Zeit der Wiedervereinigung. Ich schrieb damals die Wochenberichte fürs Kanzleramt und erlebte Bergsdorf und den klugen Politstrategen Horst Teltschik bei den Themenkonferenzen für die Monatsumfragen kennen, die dann Grundlage für meine Analysen waren.

Anekdote am Rande: Noelle sagte zu mir folgendes: „Herr Sohn, Sie können sich erst dann ‚Demoskop‘ nennen, wenn sie 100 Wochenberichte geschrieben haben.“ Was sagte mir die Pythia vom Bodensee wohl nach dem 100. Bericht – also nach knapp zwei Jahren meiner Tätigkeit?

Stephan Eisel, seinerzeit Redenschreiber und stellvertretender Leiter des Kanzlerbüros, sagte dem GA, dass Bergsdorf einer der ersten war, der sich wissenschaftlich mit der Massenkommunikation als politischem Phänomen und der Instrumentalisierung von Sprache in der Politik befasste. Das war in er Tat so. Ein kühler Kopf, immer unaufgeregt, aber sehr kritisch und tiefgründig. So schreibt er in seinem Buch „Herrschaft und Sprache“, im 31. Kapitel „Erneuerung der CDU-Terminologie: Soziale Anreicherung der ‚Freiheits‘-Rhetorik“ (1983 (!) im Neske-Verlag erschienen): „Die Euphorisierung der politischen Terminologie durch Willy Brandt hatte die CDU/CSU nichts entgegenzusetzen. Sie hielt zunächst an den traditionellen Formeln fest, die um ihren Zentralbegriff ‚Freiheit‘ gruppiert waren und geriet mit ihnen vor allem in der ost- und deutschlandpolitischen Auseinandersetzung in die Defensive. Begriffe wie ‚Wiedervereinigung‘ und ‚Selbstbestimmungsrecht‘, mit denen die CDU/CSU in den 50er Jahren ihre Politik der West-Orientierung gegen gesamtdeutsche Einwände flankierend abgesichert hatte, gewannen nun zentrale Stellenwerte ihrer Argumentation. Vor allem die CDU/CSU-Fassung des ‚Nation‘-Begriffs – von Oppositionsführer Rainer Barzel in seiner Kritik an der Brandtschen Ostpolitik immer wieder verwandt – geben der CDU-Terminologie eine neue, national akzentuierte Einfärbung. Mit ihr unterschied sie sich gründlich vom Vokabular der Regierung. Es gelang ihr aber kaum, die von der Regierung auch terminologisch erzeugten Erwartungshaltungen zu korrigieren. Die Niederlage der Unionsparteien in der Bundestagswahl 1972 wurde so auch zu einer Niederlage ihrer Terminologie.“ Entscheidend ist der Kontext.

Unter dem neuen Vorsitzenden Helmut Kohl wurden diese Defizite unter Führung des CDU-Generalsekretärs Kurt Biedenkopf sehr schnell aufgearbeitet durch einen verstärkten Dialog der Partei mit Intellektuellen. Also nix mit Birne und Provinz-Ei. Kohl war ein ErneuerSo sagte Biedenkopf auf dem Bundesparteitag der CDU 1973 folgendes: „Was sich heute in unserem Lande vollzieht, ist eine Revolution neuer Art. Es ist die Revolution der Gesellschaft durch Sprache…Statt der Gebäude der Regierungen werden die Begriffe besetzt, mit denen sie regiert, die Begriffe, mit denen wir unsere staatliche Ordnung, unsere Rechte und Pflichten und unsere Institutionen beschreiben.“ In der Mannheimer Erklärung wird der Begriff der „Freiheit“ eng mit dem Schlüsselwort „sozial“ verknüpft. „‚Freiheit‘, ‚Gerechtigkeit‘ und ‚Chancengleichheit‘ sowie ‚Solidarität‘ werden als ‚Grundwerte‘, die sich gegenseitig bedingen und ergänzen, bezeichnet“, erläutert Bergsdorf.

Die Freiheit des Einzelnen wurde sprachlich verbunden mit seiner Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft. Kann sich Merz hinter die Ohren schreiben. Unter Kohl und den Generalsekretären Biedenkopf und Geißler war die Union schon mal fortschrittlicher und sozialer orientiert. Was Geißler nach der Jahrtausend-Wende schrieb, wäre auch heute noch ein sittlicher Maßstab für eine christliche Partei. Das nur am Rande.

In dieser Zeit habe ich eine Menge über empirische Sozialforschung gelernt, über die Analyse von Umfragen und über strategische sowie taktische Politikberatung – in den Hintergrundgesprächen mit Teltschik, Bergsdorf, Noelle und Co.

Bergsdorf hörte politisch das Gras wachsen und brachte immer wieder interessante Hypothesen auf die Agenda der Mehrthemen-Befragungen von Allensbach. Erfolgschancen einer bundesweiten CSU, Rolle der Grünen, Siegchancen der Allianz für Deutschland in Ostdeutschland und vieles mehr.

Nach meinem Wechsel als Pressesprecher in die Wirtschaft verlor ich leider den Kontakt zu den Polit-Profis im Kanzleramt und im Bundespresseamt. Ich profitiere aber nach wie vor von der Klugheit von Menschen wie Bergsdorf. Für mich waren die Begegnungen mit ihm ein Glücksfall. Auch die späte Freundschaft zu Rüdiger Altmann, dem Berater von Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard.

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