
Es ist schon ein bemerkenswertes Schauspiel, wenn eine Debatte eskaliert, die genau das bestätigt, was sie bestreiten will. Da wird der Autor – also ich – in der dritten Person verhandelt, als ob er nicht selbst Teil des Diskurses wäre. „Der Autor glaubt…“, „Der Autor hat nicht verstanden…“, „Der Autor will doch nur…“ – als stünde ich reglos im Stall und das Tribunal diskutierte über meine Existenz.
Doch die eigentliche Pointe ist eine andere. Denn was hier als Abrechnung inszeniert wird, ist in Wahrheit eine Projektion. Es geht nicht um meine Argumente, sondern um das Unbehagen, das sie auslösen. Denn ich habe es gewagt, den Heiligen Gral der digitalen Gegenöffentlichkeit zu hinterfragen: die Idee, dass man sich aus den toxischen Plattformen einfach herausziehen könne, um irgendwo anders, im Fediverse oder sonst wo, eine bessere, gerechtere Form der Öffentlichkeit zu errichten.
Die Komfortlüge der Parallelwelt
„Wir brauchen keine Schlacht“, heißt es. „Wir bauen unsere eigenen Räume.“ „Wir entziehen uns dem System.“ Klingt edel, klingt mutig – ist aber nichts anderes als die Fortsetzung des Problems mit anderen Mitteln. Denn Öffentlichkeit ist kein Wunschkonzert, kein Safe Space, den man sich nach eigenen Vorlieben gestaltet. Wer Öffentlichkeit will, muss sich dem stellen, was Öffentlichkeit ausmacht: Macht, Zugang, Aufmerksamkeit, Sichtbarkeit – und eben auch Konflikt.
Die großen Plattformen sind das Schlachtfeld. Dort wird entschieden, welche Narrative dominant werden. Wer sich aus diesen Räumen zurückzieht, überlässt sie nicht der Stille, sondern jenen, die wissen, wie man sie strategisch nutzt. Und hier gibt es eine extreme Professionalisierung – von AfD bis zu den Vordenkern der Neuen Rechten: „Aber das sind doch keine echten Debatten mehr, das ist doch kein ehrlicher Austausch!“ mag man rufen. Nein, das sind sie nicht. Und genau deshalb kann man sie nicht einfach ignorieren.
Denn die Plattformen sind längst keine Orte mehr, an denen es um „faire“ Diskussionen oder den Wettbewerb der besten Argumente geht. Sie sind orchestrierte Maschinen, in denen Sichtbarkeit nicht verdient, sondern gesteuert wird. Das wissen jene, die sie bespielen, und sie nutzen es zu ihrem Vorteil. Die Idee, dass man dort nichts mehr ausrichten könne, ist der bequemste Sieg, den man den Gegnern einer offenen Gesellschaft schenken kann.
Der Mythos von der herrschaftsfreien Gegenwelt
Die größte Selbsttäuschung ist der Glaube, dass eine dezentrale Infrastruktur automatisch eine demokratischere Öffentlichkeit erzeugt. Die Realität sieht anders aus. Auch im Fediverse gibt es Moderation, Ausschlussmechanismen, Hausrecht. Auch dort entscheiden Instanzbetreiber, wer gehört wird und wer nicht. Nur sind die Mechanismen weniger sichtbar. Wer glaubt, dass „offene Protokolle“ das Problem lösen, verwechselt die Infrastruktur mit der Praxis.
Ja, man kann im Fediverse eigene Räume schaffen. Man kann sich einen Ort bauen, an dem man sich wohlfühlt. Aber ein Rückzugsraum ist noch keine Öffentlichkeit. Eine Debatte, die nur unter Gleichgesinnten geführt wird, ist kein gesellschaftlicher Diskurs. Es bleibt eine Simulation, ein Raum, in dem man sich gegenseitig bestärkt, aber nicht durchdringt.
Die Frage ist nicht, ob es Alternativen gibt. Die Frage ist, ob sie gesellschaftliche Relevanz haben. Und die bekommt man nicht, indem man sich mit Stolz auf seine eigene Insel zurückzieht.
Öffentlichkeit ist kein Hobbyprojekt
„Wir brauchen keine Konkurrenz.“ Vielleicht nicht. Aber ihr braucht Menschen. Ihr braucht Reichweite. Ihr braucht Anschlussfähigkeit. Wer keine kritische Masse erreicht, bleibt ein nettes Nischenprojekt, aber keine Alternative.
Man kann sich einreden, dass man eine bessere Öffentlichkeit baut. Oder man stellt sich der Frage, wo Öffentlichkeit tatsächlich stattfindet. Wer in Parallelwelten flüchtet, statt sich den realen Mechanismen zu stellen, betreibt Eskapismus mit intellektuellem Anstrich.
Aber das ist eben das eigentliche Problem dieser Debatte: Nicht jeder will wirklich Öffentlichkeit. Manche wollen nur einen Ort, an dem sie sich sicher fühlen. Das ist legitim. Aber es ist nicht dasselbe.
Und wer über mich reden will, kann es gerne im Livetalk tun. Dort, wo echte Öffentlichkeit stattfindet – mit Namen, Gesicht und Argumenten.
Exkurs: Das Fediverse als digitaler CB-Funk
Es gibt Parallelen, die lassen sich nicht übersehen: Die engagierten Kommentatoren in der Fediverse-Debatte erinnern an die alte CB-Funk-Community – eine eingeschworene Gruppe von Technikbegeisterten, die mit Leidenschaft über Frequenzen, Modulationen und Reichweiten diskutierte, während der Mainstream längst auf andere Kommunikationswege umgestiegen war.
Das Fediverse folgt einem ähnlichen Muster. Man schwärmt von Dezentralität, betont die Freiheit eigener Instanzen, erklärt mit geduldiger Pedanterie die Funktionsweise von ActivityPub und AT-Proto – und merkt dabei nicht, dass man nur noch mit den eigenen Leuten funkt. Die große Öffentlichkeit? Uninteressant. Wer nicht mitmachen will, hat es eben „nicht verstanden“.
Doch das Problem ist nicht die Technik – es ist die Selbstgenügsamkeit. CB-Funk war einmal ein wichtiges Kommunikationsmittel. Doch als das Mobiltelefon kam, war es vorbei. Niemand hatte mehr Lust, sich mit Antennenreichweiten und Kanälen zu beschäftigen, wenn ein simpler Anruf alles schneller und unkomplizierter löste. Das Fediverse steht vor einer ähnlichen Frage: Will es eine Parallelwelt bleiben, in der Eingeweihte sich gegenseitig die technische Eleganz ihres Systems bestätigen – oder will es tatsächlich eine gesellschaftlich relevante Alternative sein?
Denn eines ist klar: Wer nur in seiner Frequenz sendet, aber nicht gehört wird, betreibt kein Netzwerk. Er betreibt Selbstgespräche mit Funkgerät.