
Björn Ommer auf der re:publica über den Übergang zur Wissensgesellschaft – und die Frage, ob Hyper-Personalisierung wirklich demokratisiert
Wenn Professor Björn Ommer auf der Hauptbühne der diesjährigen re:publica von generativer KI als „Ermöglichungstechnologie“ spricht, dann meint er nicht nur deren kreative Potenz, sondern deren epistemische Sprengkraft. Es ist eine These mit weitreichenden Konsequenzen: Generative KI transformiert nicht nur die Art, wie wir Inhalte erzeugen – sie verändert die Bedingungen von Erkenntnis. Ommer zeichnet den Übergang von der Informations- zur Wissensgesellschaft als strukturellen Bruch, nicht als evolutionären Übergang. Und er nennt einen Katalysator, der das Potenzial hat, das intellektuelle Machtgefüge neu zu ordnen: Live-Wissen.
Von der statischen Datenbank zum dynamischen Erkenntnismodell
Die klassische Informationsgesellschaft operierte mit Filtern. Informationen mussten ausgewählt, verdichtet, gespeichert werden. Wissen wurde archiviert. In Ommers Szenario jedoch ist Wissen kein Produkt mehr, sondern ein Prozess. Die generative KI reagiert nicht mehr nur auf Input, sie kuratiert, reflektiert, abstrahiert – in Echtzeit. Erkenntnis wird zu einem relationalen Geschehen: situativ, kontextuell, individuell.
In seiner Keynote formuliert Ommer dies mit einem historischen Vergleich: Der Unterschied zwischen der Telefonzelle und dem Smartphone sei nicht die Miniaturisierung der Hardware, sondern die Entgrenzung der Funktion. Analog dazu unterscheidet sich die KI-getriebene Wissensgesellschaft nicht nur quantitativ von ihrer Vorgängerin – sie bricht mit deren epistemischem Modell.
Diese Perspektive korrespondiert mit den Thesen, die zur Zukunft Personal Europe 2025 in Köln vorgestellt werden sollen. Dort ist die Rede von einer radikalen „Hyper-Personalisierung“, die Bildung, Arbeit und Entwicklung entstandardisiert und auf individuelle Potenziale zuschneidet. Eine personalisierte Lernarchitektur, so das Versprechen, soll das reproduktive Bildungssystem ablösen. Herkunft ist nicht mehr gleich Zukunft.
Das normative Versprechen – und seine Gegenstimmen
Doch wie belastbar ist dieses Versprechen? In einer Abenddiskussion mit Kollegen – alle aus dem universitären und beratenden Umfeld – wurde mir ein zentraler Zweifel entgegengehalten: Bleiben die alten Eliten nicht doch im Sattel? Wird nicht auch diese neue Form von Wissen wieder exklusiv angeeignet – nur diesmal nicht über Titel, sondern über KI-Kompetenz?
Die Frage ist berechtigt. Und Ommer gibt selbst Hinweise auf die Ambivalenz. Zwar plädiert er für Open-Source-Modelle und eine Dezentralisierung von KI-Nutzung. Doch er weiß auch: Die Voraussetzung für Souveränität ist nicht allein technischer Zugang, sondern kognitive Mündigkeit. Wer personalisiertes Wissen nutzen will, muss zuerst in der Lage sein, sich selbst epistemisch zu personalisieren.
An dieser Stelle bringt Ommer das wohl wirkmächtigste psychologische Modell unserer Zeit ins Spiel: Daniel Kahnemans Theorie der zwei Systeme. System 1, das schnelle, automatische, instinktive Denken, ist anfällig für Täuschung, Verzerrung, Manipulation. Es ist das System, das die gegenwärtige Aufmerksamkeitsökonomie dominiert. System 2, das langsame, reflektierende Denken, erfordert Kraft, Disziplin – und Unterstützung.
Was generative KI leisten kann, ist nichts weniger als ein Verstärker für System 2. Eine Art externer Resonanzraum für das reflektierte Selbst. KI wird so zur kognitiven Prothese der Vernunft – wenn sie richtig eingesetzt wird. Wenn sie nicht nur mehr Inhalt, sondern mehr Klarheit produziert.
Wissen als Interface – oder als neue Elite?
Doch darin liegt die Ambivalenz: Die Werkzeuge, die unsere kognitive Selbstermächtigung fördern sollen, können ebenso gut dazu genutzt werden, neue epistemische Asymmetrien zu zementieren. Wer kontrolliert die Personalisierung? Wer entscheidet, welcher Filter als „mein“ Filter auftritt? In der Informationsgesellschaft war das Problem die Überfülle. In der Wissensgesellschaft wird es die Struktur der Auswahl sein.
Daher steht die vielbeschworene Demokratisierung durch KI auf dem Prüfstand. In den ZP-Thesen heißt es: „Es bleiben weniger Geheimnisse.“ Doch was, wenn gerade die neuen Schnittstellen wieder Intransparenz erzeugen – nicht durch Mangel, sondern durch Übermaß an Personalisierung?
Ommer bleibt Realist: Die Epoche des unreflektierten Skalierens sei vorbei. Stattdessen brauche es ein „Change of Mindset“, insbesondere in Europa. Die KI, so sein Appell, dürfe nicht als bloßes Mittel zur Effizienzsteigerung betrachtet werden. Sie sei ein Werkzeug zur kognitiven Selbstermächtigung – aber nur, wenn wir ihre Nutzung in Bildung, Arbeit und Gesellschaft aktiv gestalten.
Live-Wissen, Deep Reasoning, neue Kuratoren
In diesem Licht erscheint das Konzept des Live-Wissens in einem neuen Rahmen. Es ist nicht nur ein technischer Fortschritt – es ist eine Herausforderung an unsere epistemische Praxis. Wenn Wissen live ist, dann ist auch Irrtum live. Dann braucht es neue Formen der Kuratierung: Lehrer als Resonanzverstärker, Führungskräfte als Lernarchitekten, Plattformen als Möglichkeitsräume – nicht als Gatekeeper.
Die ZP-Thesen sprechen vom „Ende des Stellenprofils“, von „permanenter Kompetenzentwicklung“ und vom Lehrenden, der nicht mehr bewertet, sondern entfaltet. All das ist nur dann mehr als idealistische Rhetorik, wenn die Praxis des Denkens neu gelernt wird – mit, durch und trotz KI.