Die gefährliche Verniedlichung Putins – Vom Verdrängen zur Verblendung

Es gehört zur deutschen Krankheit, das Offensichtliche nicht sehen zu wollen – zumindest dann, wenn es unbequem ist. Und was könnte unbequemer sein als das Eingeständnis, jahrzehntelang einem Diktator aufgesessen zu sein, der seine geopolitischen Ambitionen nie wirklich verborgen hat? Stattdessen erleben wir in Talkshows, Feuilletons und sogar auf Regierungsebene eine paradoxe Allianz aus Besserwisserei und Selbstbetrug. Die russische Propaganda wirkt. Nicht subtil, nicht raffiniert, sondern plump – und dennoch durchschlagend. Wie konnte es so weit kommen?

Die Antwort ist einfach: Wir wollten es nicht anders. Es ist das alte Spiel der Entlastung durch Verharmlosung. Putin sei eben ein starker Führer, ein Mann mit Wurzeln, einer, der seine nationale Identität verteidige. Russland fühle sich bedroht, isoliert, gedemütigt – und wir seien schuld. Die Krim? Eine historische Heimkehr. Die Ukraine? Ein Bruderzwist. Der Westen? Ein imperialistischer Block. Und so sprechen nicht nur die üblichen Verdächtigen aus der AfD oder der BSW-Ecke, sondern auch Salonphilosophen, Bildungsbürger und Landespolitiker in wohligen Amtsstuben.

Man höre Michael Kretschmer, den sächsischen Ministerpräsidenten, der im Jahr 2025 weiterhin ernsthaft vorschlägt, mit Russland über Gaslieferungen zu verhandeln – während die Ukraine erneut unter massivem Raketenbeschuss leidet. Ausgerechnet er, der Deutschland in Fragen der Versorgungssicherheit wieder in russische Abhängigkeit führen will, propagiert Realpolitik – aber sie ist nichts anderes als moralisch kaschiertes Appeasement. Man möchte sich verwundert die Augen reiben. Als hätte es den Überfall auf Georgien, die Krim-Annexion, den Syrienkrieg, den Mord an Litwinenko, die Giftanschläge in Großbritannien, die Sabotageaktionen in der EU, den Mord an einem Georgier mitten in Berlin und den Dauerbeschuss ukrainischer Städte nie gegeben.

Aber nein – verhandeln müsse man. Vielleicht auch ein bisschen zurückrudern bei den Sanktionen. Und weil man sich in Deutschland gerne für besonders reflektiert hält, stellt man das Ganze als „Differenzierung“ dar. In Wahrheit ist es ein Paradebeispiel politischer Regression: die Rückkehr zum Kinderglauben, man könne mit Diktatoren reden wie mit ungezogenen Schuljungen.

Es ist kein Zufall, dass Walter Kohl, ein Mann mit klarem Blick und historischem Gedächtnis, schon vor Jahren davor warnte, Russland mit westlichen Maßstäben zu vermessen. In seinem Buch „Welche Zukunft wollen“ beschreibt er im Jahr 2020 das System Putin als das, was es ist: eine autoritär-oligarchische Kleptokratie, die ihre Macht auf Gewalt, Propaganda und außenpolitische Destabilisierung stützt. Er benennt die Kaperung des Staates durch Sicherheitseliten, die sowjetische Tradition der Desinformation und die perfide Logik einer Machtelite, die nur eine Sprache versteht – die der Stärke. Und doch tun viele in diesem Land so, als handele es sich hier um eine legitime Interessenpolitik mit „historischer Tiefe“.

Besonders grotesk wird es, wenn sich Intellektuelle wie Richard David Precht als außenpolitische Erklärbären profilieren. Im Interview mit einem Berliner Blatt, das sich in post-sowjetischer Nostalgie suhlt, fabuliert Precht über die NATO als „Bluff“ und erklärt, Deutschland werde Litauen im Ernstfall ohnehin nicht verteidigen. Das Interview stammt aus einer Zeit, in der die Bundeswehr gerade begann, ihr erstes dauerhaftes Auslandskontingent in Litauen aufzubauen – eine triviale Tatsache, die dem Vielschreiber offenbar entgangen ist. Man fragt sich, ob Precht zwischen seinen Druckfahnen überhaupt noch Nachrichten liest oder ob er längst in einer Echokammer aus Eitelkeit und Arroganz lebt.

Was hier geschieht, ist nicht nur ein intellektuelles Versagen. Es ist ein politisches. Denn mit jedem verharmlosenden Narrativ, das von Kretschmer, Precht oder auch Teilen der SPD transportiert wird, wird Putins Agenda gestärkt: die Spaltung Europas, die Zersetzung von Vertrauen in Institutionen, die Normalisierung der Gewalt als Mittel der Außenpolitik.

Dabei ist das, was Russland in der Ukraine seit 2022 betreibt, nichts anderes als ein imperialer Vernichtungskrieg. Keine „Spezialoperation“. Keine historische Korrektur. Sondern brutale, absichtsvolle Zerstörung eines souveränen Staates. Wer das nicht klar benennt, macht sich zum Komplizen. Das „Nicht-so-gemeint-Sein“ schützt vor Verantwortung nicht. Und schon gar nicht vor der Geschichte.

Walter Kohl plädiert für einen Dreiklang aus Selbststärkung, Reduktion von Abhängigkeiten und Dialog – aber eben nur auf der Grundlage von Realität. Nicht auf Basis ideologischer Nebelschwaden oder moralischer Selbsttäuschung. Es geht nicht um Dämonisierung, sondern um Diagnose. Und die fällt klar aus: Putin führt Krieg, auch gegen uns – wenn auch bislang auf anderen Feldern. Die Zeit der Ausreden ist vorbei.

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