Der historische Faust und die Dampfplauderer der Gegenwart

Er war da. In Köln, in Bonn – und überall dort, wo man sich nach Bedeutung sehnte. Nicht Goethe, nicht Marlowe – der echte, der historische Faust. Der Doktor der Worte, der mit „viel geredet, aber nichts gelehrt“ von sich reden machte. Ein schwäbischer Wandergelehrter mit akademischer Großspurigkeit, rhetorischer Schlangenöl-Kompetenz und einem Hang zur Show.

Was er nicht war: ein Magier im klassischen Sinne. Was er allerdings perfekt beherrschte: die Kunst der Selbstinszenierung. Und wer sich heute durch die Hallen der Selbstoptimierung auf LinkedIn, durch die Panels der Selbstvermarktung bei Wirtschaftskongressen oder durch die Talkshows der Bildungsreformer schaltet, erkennt: Der Faust lebt. In Coachjacken. In Dreiteilern. In luftigen Bühnenideen.

Faust – das Original: Influencer der Renaissance

Der echte Faust, so berichten seine Zeitgenossen, sei in Köln in der Franziskanerkirche beim Predigen erwischt worden – nur mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass er kein Geistlicher war. Er redete. Und redete. Und die Leute hörten zu. Weniger wegen des Inhalts, mehr wegen der Form. Und weil es eben „viral“ war.

Wäre Faust heute aktiv, hätte er wohl ein Coaching-Start-up, das verspricht, „mit KI deine Seelenpotenziale zu entschlüsseln“ – und dazu eine Podcast-Reihe über transzendentales Leadership in 27 Episoden. Sein Titel: Beyond Excellence: Der Weg zur inneren Freikugel.

Magie, Macht und Managementfloskeln

In der Erzählung des Thomas Franke – jener szenischen Lesung in Bonn, in der die Spuren des historischen Fausts nachgezeichnet wurden – wird klar: Dieser Mann war ein Blender. Einer mit Charme, mit Talar, mit nichts dahinter. Aber mit großem Echo.

Seine Spezialität? Die Simulation von Bedeutung. Er gab sich als Alchemist aus, als Kosmologe, als Sternendeuter. Aber seine stärkste Wirkung war die Suggestion: Er machte andere glauben, dass er mehr wusste als sie. Und damit sind wir mitten in der Gegenwart. Ausführlich nachzulesen im Sohn@Sohn-Newsletter. Wir freuen uns über neue Abonnenten.

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