Stadtgedächtnis im Turnhallentrakt: Wie Bonn sein Museum vergisst

Kommentar zur Interimsplanung des Bonner Stadtmuseums

Die Verwaltung spricht von Synergien, Zwischenlösungen und einer dezentralen Stadtausstellung mit 100 Objekten. Doch was sich hinter der wohlmeinenden Rhetorik der Bonner Stadtspitze verbirgt, ist eine Tragikomödie mit Ansage – inszeniert seit mehr als einem Jahrzehnt, mit wechselnden Hauptdarstellern, aber stets demselben Plot: Die Stadt bekommt kein Stadtmuseum.

Dabei hätte alles ganz anders kommen können – ja, es war sogar bereits verabredet. Vor mehr als zehn Jahren, so bestätigt es ein Insider, lagen die Pläne für ein umfassendes Museumskonzept auf dem Tisch. Neben dem Stadtarchiv und der Stadthistorischen Bibliothek sollten auch das Stadtmuseum und die Gedenkstätte für die NS-Zeit dauerhaft auf dem Gelände der alten Pestalozzischule untergebracht werden – nicht als Provisorium, sondern als ein komplettes Ensemble moderner Erinnerungskultur.

Die denkmalgeschützte Turnhalle war ursprünglich nur als Eingangsbereich mit Garderobe, Toiletten und Veranstaltungsraum vorgesehen. Für die eigentliche Dauerausstellung war ein architektonisch anspruchsvoller Neubau zwischen Archiv und Turnhalle geplant – mit Verbindung zum erweiterten Altbau und einem modernen Depotbau. Ein Ort mit Konzept, mit Infrastruktur, mit städtebaulichem Anspruch.

Zwei Jahre lang wurde geplant, skizziert, gerechnet – bis die Stadtspitze plötzlich die Museumskomponente aus dem Projekt strich. Die Architekten durften nur noch am Archiv weiterarbeiten. Dieses hätte spätestens 2021 fertiggestellt sein sollen. Heute, im Sommer 2025, ist das Archiv noch immer eine Baustelle.

Und nun? Die Verwaltung schlägt einen „Interimsstandort“ vor: Die Turnhalle, einst nur als Durchgangsraum gedacht, soll nun alles in einem sein – Stadtmuseum, Gedenkstätte, zentraler Gedächtnisort. Eine Turnhalle, kein Museum.

Der Inhalt der geplanten Ausstellung liest sich ebenfalls wie ein Rückschritt: 100 Objekte sollen die Bonner Stadtgeschichte erzählen, einige davon verstreut im Stadtraum. Ein Konzept, das bereits in den 1990er Jahren ausprobiert wurde – mit mäßiger Resonanz. Stichworte wie „Cäsar in der Commerzbank“ oder „Mehlem-Keramik im Bundesrechnungshof“ sind älteren Bonnern noch in Erinnerung. Das Fazit damals wie heute: „Aufhübschung“ statt Struktur. Lokale Geschichte als Dekoration statt als kulturelles Angebot.

Doch schlimmer als die Wiederholung ist die Gefahr: Gibt man Geld für dieses Interim aus, so die Einschätzung des Insiders, wird das Provisorium dauerhaft zur Lösung erklärt. Eine tatsächliche, dauerhafte Museumsplanung – mit Neubau, eigenem Standort und musealer Infrastruktur – rückt in weite Ferne. Der kulturpolitische Wille, der schon jetzt kaum noch spürbar ist, könnte endgültig versanden.

Und wenn das Interim scheitert? Dann, so die nüchterne Prognose, verschwinden die Sammlungen im Depot. Auf Jahrzehnte. Ohne Sichtbarkeit, ohne öffentlichen Auftrag, ohne Gedächtnis.

Dabei war das Bonner Stadtmuseum von Anfang an ein politisches Zufallsprodukt. 1989 kam es im Rausch des Jubiläums „2000 Jahre Bonn“ zu einem überraschenden Ratsbeschluss – kurz vor dem Mauerfall. Wäre der historische Umbruch damals schon absehbar gewesen, so die Einschätzung unserer Quelle, hätte es das Museum wohl nie gegeben.

Nun steht die Stadt wieder an einem Wendepunkt. Doch dieses Mal nicht in der großen Geschichte, sondern in der kleinen städtischen Erinnerungspolitik. Und während in Köln, Düsseldorf und anderen Städten die Stadtmuseen fest verankerte Orte des bürgerschaftlichen Selbstverständnisses sind, droht Bonn, sein Museum im Hallentrakt zu versenken.

Der aktuelle Vorschlag der Stadt ist kein Schritt nach vorn, sondern eine elegant verpackte Kapitulation. Wer die städtische Erinnerung ernst nimmt, braucht keine Ausstellung auf Zeit – sondern endlich eine Entscheidung mit Substanz.

Es geht nicht nur um 100 Objekte. Es geht darum, ob eine Stadt wie Bonn noch den Mut hat, sich ihrer eigenen Geschichte zu stellen – mit Anspruch, Raum und Konzept.

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