
Eine Recherche über Rechentricks, politische Ignoranz und eine Wärmewende auf Kosten der Kreislaufwirtschaft
„Im Rahmen der Anhörungen zum GEG und WPG haben wir das schon angesprochen. Aber die Ampelregierung war auf diesem Ohr taub.
Die für den Verwertungsstatus herangezogene R1-Formel ist eine Mogelpackung, sie bildet keinen Nettowirkungsgrad ab.“
– bvse – Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung
Mit dieser Aussage bringt der Fachverband auf den Punkt, was in der aktuellen kommunalen Wärmeplanung vieler Städte schiefläuft – exemplarisch sichtbar in Bonn. Dort wird die Müllverbrennungsanlage (MVA) nicht nur zur zentralen Quelle der Fernwärmeversorgung erklärt, sondern auch rechnerisch zur Klimaretterin stilisiert. Grundlage dieser Schönfärbung ist ein Dreiklang aus fragwürdiger Rechenformel (R1), verzerrter Brennwertlogik und einem politisch beförderten Biomärchen, das kaum der Realität standhält.
Die R1-Formel: Wenn Beseitigung zur Verwertung wird
Die R1-Formel aus Anhang II der EU-Abfallrahmenrichtlinie entscheidet darüber, ob eine Müllverbrennungsanlage als „Beseitigung“ (D10) oder als „energetische Verwertung“ (R1) gilt. Überschreitet der errechnete Wert einen politisch gesetzten Schwellenwert (0,6 bzw. 0,65), darf die Anlage als „energieeffizient“ gelten.
Doch wie der bvse deutlich macht, ist R1 eine Mogelpackung:
- Sie rechnet mit Bruttowerten, nicht mit dem Netto-Wirkungsgrad.
- Sie berücksichtigt nicht die hohen Energieverluste durch Rauchgasreinigung, Eigenbedarf und Emissionen.
- Sie ermöglicht es, selbst Anlagen mit nur 25–30 % realer Energieeffizienz als „verwertend“ einzustufen – sofern genug Abwärme genutzt oder bilanziell ausgewiesen wird.
Mit dieser Formel wird Entsorgung zu Energie – und Müll zu „grüner Wärme“.
Der Brennwert: Thermische Trickserei statt Kreislaufwirtschaft
Müll ist kein homogener Brennstoff. Um die MVA am Laufen zu halten, braucht es eine ausreichende Heizwertmischung:
- Der biogene Anteil im Restmüll – also Küchenabfälle, Laub, Papier – ist meist zu feucht und zu energiearm, um allein effizient verbrannt zu werden.
- Deshalb braucht es fossile Stützfeuerung, oft in Form von Verpackungen, Kunststoffen, Reststoffen – die eigentlich in die Getrenntsammlung gehören.
In der Praxis bedeutet das:
Der Bioanteil sorgt für die „grüne“ Bilanz, der Verpackungsmüll für die notwendige Hitze.
Die Müllverbrennungsanlage profitiert so doppelt von der systematischen Missachtung der Abfallhierarchie:
- Organik, die eigentlich in die Biotonne gehört, liefert den rechnerischen Bioanteil.
- Verpackungen, die in den Gelben Sack gehören, liefern den Brennwert, um das feuchte Material überhaupt thermisch verwerten zu können. In Städten wie Bonn liegt die Fehlwurfquote bei 40 bis 50 Prozent – eigentlich kein großer Unterschied zur grauen Restmülltonne.
Ein ökologischer Zielkonflikt wird hier technisch überdeckt – und politisch ignoriert.
Der politische Kontext: Taubheit gegenüber Kritik
In den parlamentarischen Anhörungen zum Gebäudeenergiegesetz (GEG) und zum Wärmeplanungsgesetz (WPG) wurde dieser Widerspruch wiederholt angesprochen – unter anderem vom bvse und weiteren Akteuren der Recycling- und Kreislaufwirtschaft. Doch: „Die Ampelregierung war auf diesem Ohr taub.“
Statt einer offenen Debatte über die Grenzen der thermischen Verwertung und die nötige Priorisierung stofflicher Recyclingwege, wird die Fernwärmeplanung auf Basis überholter MVA-Strukturen zementiert. Kommunale Pläne, wie in Bonn, machen die Müllverbrennung zur festen Säule der künftigen Energieversorgung – mit dem Etikett „klimaneutral“, aber auf einem Fundament aus Fehlwürfen, Formellogik und politischem Schweigen.
Wärmewende braucht Wirklichkeit, nicht Wirkungsgrad-Illusionen
Was als „grüne Wärme“ in der kommunalen Planung auftaucht, ist in Wahrheit das Ergebnis einer politisch gewünschten Rechenakrobatik. Die R1-Formel ersetzt keine echte Effizienzanalyse. Der Brennwert ersetzt keine Kreislaufwirtschaft. Und der biogene Anteil ist häufig das Produkt fehlerhafter Abfalltrennung – nicht ökologischer Strategie.
Eine ernstgemeinte Wärmewende müsste diese Widersprüche benennen – und nicht übertünchen. Sie müsste Müllvermeidung, Recycling und Abwärmenutzung priorisieren – nicht die Auslastung überdimensionierter Verbrennungsanlagen.
Solange das nicht geschieht, bleibt die grüne Wärme aus dem Müll das, was der bvse zurecht benennt: eine Mogelpackung mit Brennwert.