
Ein Gespräch mit Professor Dr. Anne Karow von der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf.
Die Zahlen sind eindeutig – und alarmierend: Innerhalb von zehn Jahren haben sich die krankheitsbedingten Fehlzeiten durch psychische Erkrankungen in Deutschland nahezu verdoppelt. Der jüngst veröffentlichte DAK-Gesundheitsreport spricht eine klare Sprache. Für Professor Dr. Anne Karow, Psychiaterin, Psychotherapeutin und medizinische Geschäftsführerin der E-Health-Initiative MiNDNET, ist dieser Befund kein abstrakter Statistikwert, sondern Ausdruck einer gesundheitspolitischen Schieflage – und einer enormen Herausforderung für Unternehmen, Sozialversicherungen und nicht zuletzt das Gesundheitssystem.
„Es ist einerseits begrüßenswert, dass die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen langsam abnimmt und Diagnosen häufiger gestellt werden“, so Karow im Interview auf der Fachmesse Zukunft Personal Nord in Hamburg. „Gleichzeitig sehen wir aber eine dramatische Überforderung in der Versorgung.“
Die therapeutische Infrastruktur ist am Limit
Trotz des gestiegenen Bedarfs wächst das Versorgungsangebot an Psychotherapeutinnen und -therapeuten nicht im selben Tempo. Im Gegenteil: Die Wartelisten sind lang, die Hürden für Hilfesuchende hoch. Was das für Betroffene bedeutet, weiß Karow aus ihrer Arbeit an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf genau – ebenso wie aus der Perspektive von Arbeitgebern, die oft hilflos auf die Abwesenheit leistungsfähiger Mitarbeitender reagieren müssen.
Der Begriff „multifaktoriell“ sei in der Psychiatrie ein gebräuchlicher – und passe auch hier, sagt Karow. „Es geht nicht nur um objektive Belastungen. Vielmehr entscheiden subjektive Faktoren: Habe ich Einfluss auf meine Arbeit? Fühle ich mich als Teil eines funktionierenden Teams? Werde ich gehört?“
Digitale Psychotherapie als Versorgungslösung
Angesichts knapper Ressourcen rückt für Karow ein Ansatz in den Vordergrund: die digital unterstützte Therapie. Mit ihrem Unternehmen MiNDNET entwickelt sie evidenzbasierte Anwendungen, die über das Digitale Versorgungsgesetz (DVG) als sogenannte Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) zugelassen sind. Diese Apps können auf Rezept verschrieben und von der Krankenkasse erstattet werden.
Karow betont: „Diese Anwendungen sind kein Ersatz für intensive Psychotherapie, aber eine wirksame Ergänzung – insbesondere zur Überbrückung von Wartezeiten oder zur langfristigen Stabilisierung.“ In Deutschland gibt es bereits rund 60 DiGAs, davon allein sieben für Depressionen und ebenso viele für Angststörungen.
Individualisierung statt Standardisierung
Entscheidend für den Erfolg solcher digitalen Therapien sei die individuelle Anpassbarkeit. „Ein zentrales Wirkprinzip ist die therapeutische Allianz – auch digital“, erklärt Karow. Deshalb müsse die Anwendung personalisiert sein: textbasiert für Lesefreudige, audiozentriert für Hörende, modular für Menschen mit ADHS. Ihre aktuelle Entwicklung „ORIKO“ zielt genau auf diese Diversität ab.
Begleitet werden diese Programme idealerweise von Fachpersonal, doch auch das sei angesichts der Versorgungsengpässe nicht immer möglich. Hier sei perspektivisch die Künstliche Intelligenz gefragt – allerdings noch in regulatorischer Grauzone. „KI verändert sich dynamisch. Den Wirksamkeitsnachweis zu erbringen, bleibt eine wissenschaftliche Herausforderung.“
Medizinische Evidenz unter digitalen Bedingungen
Auch im Forschungsbereich wird umgedacht. Statt standardisierter Fragebögen setzt Karow zunehmend auf sogenannte Patient-Reported Outcome Measures (PROMs), die stichpunktartig, zeit- und kontextbezogen Daten liefern. „Das erlaubt eine viel feinere Diagnostik – auch im Alltag.“ Was in der Lernforschung bereits als Standard gilt – Hyperindividualisierung durch adaptive Systeme – hält nun auch in die Therapie Einzug.
Appell an Politik und Krankenkassen
Trotz der Fortschritte bleibe eine zentrale Herausforderung bestehen: das regulatorische Umfeld. „Wir brauchen Sicherheit – aber keine Überregulierung“, warnt Karow. Der Balanceakt zwischen Patientenschutz und Innovationsfreude sei heikel. Wenn Sicherheitsauflagen so hoch werden, dass Nutzerinnen und Nutzer bereits am Login scheitern, verliere das System seine Wirkung.
Ihr Appell an die Politik – insbesondere an die Akteure der Koalitionsverhandlungen: Deutschland habe im Bereich der Psychotherapie wissenschaftlich und klinisch eine Weltspitze aufgebaut. Diese Expertise müsse nun konsequent mit der digitalen Innovationskraft verbunden werden – „nicht nur zum Wohle der Betroffenen, sondern auch als gesundheitspolitisches Exportgut.“
Anne Karow ist Professorin für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf (UKE), Medizinische Leitung der MiNDNET E-Health AG und GmbH und Chefärztin der Falkenried Klinik