
Am dritten Tag der Exkursion führte die Marcel-Proust-Gesellschaft in die Kathedrale von Rouen, ein Monument gotischer Baukunst, das in seiner Präsenz und Höhe weit mehr ist als nur Stein und Licht. Yvan Leclerc, langjähriger Flaubert-Forscher, nahm die Gruppe mit auf eine gedankliche Reise in die symbolische Tiefe, die Flaubert dieser Kathedrale beimaß. „Die Kathedrale,“ erklärte Leclerc, „ist für Flaubert nicht nur ein architektonisches Werk, sondern ein Schauplatz innerer Konflikte und Sehnsüchte.“ Besonders fasziniert war die Gruppe vom Saint-Julien-Fenster im Nordflügel des Chors, das Flaubert zur Inspiration für seine „Légende de Saint-Julien l’hospitalier“ diente.

Bei der Betrachtung dieses Fensters konnten die Teilnehmer nachvollziehen, wie Flaubert hier die Legende des Heiligen mit der künstlerischen Absicht verband, religiöse Motive und menschliche Dilemmata in eine literarische Form zu bringen. Leclerc führte aus, dass Flaubert in der Darstellung von Emma Bovary in der Kathedrale diese sakrale Atmosphäre nutzte, um ihre innere Zerrissenheit zu spiegeln – „fast so, als würde das gotische Gewölbe ihre persönlichen Verfehlungen und Hoffnungen symbolisch umfangen.“

In der anschließenden Busfahrt nach Illiers-Combray vertiefte Jürgen Schlömp-Röder das Verständnis für die gotische Architektur, indem er Otto von Simsons Werk „Die gotische Kathedrale“ diskutierte. „Für von Simson ist die Kathedrale ein Abbild des Göttlichen,“ führte Schlömp-Röder aus, „eine vom Menschen geschaffene Struktur, die über ihn selbst hinausweist.“ In von Simsons Lesart reflektieren die Proportionen und das Lichtspiel der gotischen Architektur die metaphysische Idee einer überirdischen Ordnung. „John Ruskin,“ ergänzte Schlömp-Röder, „sah in der gotischen Architektur etwas Ähnliches: eine Form von Freiheit, eine Ausdruckskraft, die es erlaubt, menschliche Begrenzungen zu überwinden.“ Die Kathedrale diente dabei als eine Art leuchtender Raum, der die spirituellen wie intellektuellen Dimensionen der Zeit greifbar macht.

In Illiers-Combray angekommen, besuchte die Gruppe das Musée Marcel Proust. Besonders im Speisesaal des Museums, in dem Proust häufig las, zeigte sich für Jürgen Ritte, wie dieser Raum als intimer Rückzugsort diente, ein Ort, an dem Proust die Werke anderer Autoren durchdringen konnte. „Dieser Raum,“ erklärte Ritte, „ist mehr als ein Speisesaal; er verkörpert die besondere Beziehung, die Proust zum Lesen pflegte.“

Die Lektüresituation bei Proust sei eine fast rituelle gewesen: „Der Leser sitzt, und zwar, zum Bedauern der bonne – die im Manuskript bereits durch die cuisinière ersetzt wird – sehr unbequem, wie es sich für einen asketischen Arbeiter gehört.“ Das wahre Lektüremöbel, das die „passivité égoïste“ verkörpere, sei für Proust jedoch der Fauteuil neben dem Bücherregal, „auf dessen Polstern Kopf und Gedanken ruhen.“ In einer späteren Fassung dieses Manuskripts gab Proust dem Bild noch klarere Konturen: „Der Kopf ruht auf einem Polster bzw. Kissen von anderer Leute Gedanken, sur un coussin de vérité toute élaborée et de connaissances définies.“ In der Lecture formulierte Proust diese Beziehung zum Lesen als eine Art geistige Entdeckungsreise, bei der Bücher wie „Engel“ die Himmelspforten aufstoßen und das Bewusstsein erweitern.

Nach dem Besuch im Musée führte ein Spaziergang durch den Jardin Pré Catelan, der als „Parc de Swann“ Eingang in Prousts Werk fand, die Gruppe weiter in die literarische Landschaft des Autors. Hier, inmitten alter Bäume und blühender Pflanzen, wurde die Verbindung zwischen Erinnerung und Natur lebendig – ein symbolischer Ort, an dem Proust die Welt seiner Kindheit festhielt und literarisch zu einem Raum des Erinnerns transformierte.

Beim Abendessen im Atelier Monarque in Chartres setzte Professor Reiner Speck seinen Vortrag über die Arztsöhne Proust und Flaubert fort. „Proust und Flaubert,“ so Speck, „waren geprägt durch ihre Väter und deren medizinische Genauigkeit, die sie in ihren eigenen Werken widerspiegelten.“ Beide hätten durch diese Perspektive eine Detailgenauigkeit entwickelt, die den menschlichen Zustand in seiner ganzen Ambivalenz sichtbar mache. Speck zitierte Proust: „Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu suchen, sondern mit neuen Augen zu sehen.“ Für Proust war das Schreiben ein Mittel, die verborgenen Winkel der menschlichen Seele aufzudecken, während Flaubert seine Charaktere mit der Präzision eines Wissenschaftlers studierte.
Zum Abschluss des Abends überbrachte die Tochter des Diplomaten Guntram von Schenck dessen Grußwort. Schenck hob in seinen Worten die zentrale Rolle der deutsch-französischen Beziehungen für das kulturelle und politische Europa der Zukunft hervor. Die Literatur, so Schenck, sei seit jeher ein verbindendes Element zwischen den Nationen, ein Raum des gegenseitigen Verständnisses und der intellektuellen Bereicherung. In Zeiten zunehmender politischer Spannungen und nationaler Abschottung appellierte Schenck an die Bedeutung kultureller Zusammenarbeit, die als „unsichtbares Fundament eines vereinten Europas“ bestehen müsse. „Es ist die Kunst, die Literatur, die das Band zwischen den Ländern stärkt,“ erklärte er, „und nur durch den stetigen Austausch unserer Ideen und Werke können wir ein Europa des Friedens und der Einheit schaffen.“

Am vierten Tag besuchte die Gruppe das Musée des Beaux-Arts in Rouen. Hier waren Werke von Jacques-Émile Blanche zu sehen, der nicht nur Prousts Porträt schuf, sondern auch die Pariser Gesellschaft in ihren Nuancen und Kontrasten auf die Leinwand brachte. Blanche, ein Künstler, der die komplexe innere Welt seiner Zeitgenossen meisterhaft einzufangen verstand, war für Proust mehr als nur ein Maler – er war ein wichtiger Weggefährte in der Kunst der genauen Beobachtung und des Festhaltens gesellschaftlicher und emotionaler Feinheiten.

Eine Randbemerkung von Jürgen Ritte während des Rundgangs verwies darauf, dass Proust in Jean Giraudoux, dessen Porträt ebenfalls von Blanche gemalt wurde und im Musée des Beaux-Arts zu sehen ist, den kommenden Autor und Nachfolger sah – jemanden, der das literarische Erbe weitertragen könnte und dessen Werke die gesellschaftliche und psychologische Tiefe erreichen würden, die Proust selbst in seinem Schaffen anstrebte.
Der Besuch im Musée des Beaux-Arts bildete den Abschluss der Exkursion und verband Kunst und Literatur als Spiegel einer Gesellschaft, deren Tiefen und Nuancen durch das Zusammenspiel von Bild und Wort lebendig gehalten werden.





















































































































































































