
Lieber Klaus,
Dein neuer Beitrag ist differenziert, historisch reflektiert und diskursiv offen – Eigenschaften, die man in der ideologisch überhitzten Debatte um den Begriff „Neoliberalismus“ nur zu gern häufiger sehen würde. Und dennoch: Die Ausgangsreferenz auf Quinn Slobodians Hayek’s Bastards lenkt Deine Analyse von Beginn an auf eine Leimspur, die die ideengeschichtlichen Linien grobschlächtig zieht.
Wer die Entwicklung des Neoliberalismus ernsthaft verstehen will, muss das Walter-Lippmann-Kolloquium von 1938 etwas genauer analysieren. Dort saßen eben nicht Hayeks „Bastarde“, sondern die eigentlichen Architekten einer neuen liberalen Ordnung: Alexander Rüstow, Wilhelm Röpke, Louis Rougier, inspiriert von Lippmanns The Good Society – ein intellektuelles Rettungswerk des Liberalismus in einer Zeit der politischen Extreme.
Rüstow und Röpke waren keine Marktfundamentalisten. Sie wollten den Liberalismus aus seiner Erstarrung befreien, ohne ihn den Antidemokraten zu überlassen. Sie kritisierten scharf das Laissez-faire des 19. Jahrhunderts und den Totalitarismus von links und rechts. Ihre Vision war ein freiheitlicher Staat, der Märkte nicht nur zulässt, sondern aktiv gestaltet – im Sinne sozialer Gerechtigkeit, gesellschaftlicher Kohärenz und institutioneller Verlässlichkeit.
Mit diesem Ansatz legten sie die Grundlagen dessen, was wir heute als Soziale Marktwirtschaft bezeichnen. Und dieser Ansatz war in vielerlei Hinsicht eine Rückbesinnung auf die soziale Seite des Liberalismus, wie sie in Deutschland durch Denker wie Lujo Brentano oder Hermann Schulze-Delitzsch geprägt worden war.
Gerade der frühere Bundespräsident Theodor Heuss, der Rüstow 1954 einen bewegenden Brief schrieb, erinnert an diese vergessene Traditionslinie des deutschen Liberalismus – und an ihre soziale Tiefendimension. Heuss schreibt:
„Und daß ein ‘liberales’ Spießbürgertum, das es immer gab, wie ein ‘konservatives’, ein ‘sozialistisches’, des Ausgangspunktes nicht immer bewusst blieb, hat dessen seelische Temperatur lau werden lassen.“
Und weiter:
„Wer will sich noch erinnern, daß der Liberale Lujo Brentano mit seinen Jugendschriften über ‘die Arbeitergilden der Gegenwart’ der Frühhistoriker der englischen, der Wegbereiter der deutschen Gewerkschaften gewesen ist? (…) Und daß ein ‘liberaler’ wie Hermann Schulze-Delitzsch das Patronat über die erste deutsche Gewerkschaftsgründung übernommen hat?“
Diese Erinnerungen sind mehr als nostalgische Randnotizen. Sie sind das geistige Fundament einer politischen Idee, die sich gerade nicht im marktradikalen Dogmatismus erschöpft – sondern soziale Verantwortung mit individueller Freiheit versöhnt. Und genau darin bestand der originäre Anspruch des Neoliberalismus 1938: Nicht Deregulierung als Dogma, sondern Ordnungspolitik als Ethik. Davon ist allerdings die heutige FDP Lichtjahre entfernt.
Wenn Slobodian suggeriert, die autoritäre Rechte sei ein Ableger des neoliberalen Projekts, dann verwechselt er historischen Einfluss mit strategischer Aneignung. Und wenn diese Linie unkommentiert übernommen wird – selbst wenn es nur strukturell geschieht –, entsteht ein Trugbild. Eines, das analytisch reizvoll ist, aber historisch ungenau. Und politisch gefährlich. Den anderen Teil über die libertären Spinner lasse ich unkommentiert. Die sind schon seit langer Zeit politische Geisterfahrer. Soweit meine Re-Replik, lieber Klaus. Gehe jetzt ins Bett. Bin müde.
Pingback: Neoliberal – ein Epochenbegriff im Vergehen - Netnographie & Digitaler Wandel