
Es ist ein klassisches Trauerspiel. Szene 1: Donnerstag, 10.39 Uhr, das BMBF flattert im Wind der digitalen Zeiten, eine Mail – explosiv, versteht sich – trudelt ein. Sabine Döring, die gefallene Philosophin im Staatsdienst, will Veraktung, Veraktung der „Wire“-Chats, die natürlich alle nur „privat“ waren, sagt die Ministerin. Nur privat, „ganz sicher“, beschwört sie im Ausschuss, aber Moment – jetzt die Mail. Relevante Vorgänge, entscheidungsrelevant, will Döring sagen. So relevant, dass sie diese Nachrichten zum Anlass nimmt, das Ministerium zur Herausgabe zu zwingen. Aber halt, was war das doch gleich? „Veraktet wird, was entscheidungsrelevant ist.“
Szene 2: Die Union wittert Blut, Stark-Watzinger taumelt, schon das zweite Mal vor dem Ausschuss. Nein, sie wusste nichts, nein, wirklich nicht. Bis Juni war sie ahnungslos, was da in ihrem Ministerium lief. Und diese Chats? Pah, reine Privatangelegenheit! Doch die ARD hat die Chats nun vorliegen und stellt fest: Ein Schelm, wer bei diesen „privaten“ Nachrichten an dienstliche Relevanz denkt. Diskutiert wird nämlich nicht über Kochrezepte oder Ferienpläne. Nein, man wälzt die Köpfe über den offenen Brief der Berliner Hochschullehrer, die Palästinenser, den Wissenschaftsbetrieb und die Frage, wer Förderung kriegt und wer nicht. So „privat“ ist das also.
Szene 3: Döring, die Schachfigur im Spiel der großen Ministerin, die der FDP ja diese glorreiche Bildungsaffäre eingebrockt hat. Döring soll jetzt die Verantwortung tragen, ein „Missverständnis“ war das alles. Sie, das Bauernopfer, das ganz zufällig die Prüfbitte verschickte. Dabei war sie doch nur philosophisch unterwegs, wollte prüfen, ob da nicht vielleicht eine „Lücke“ in der Wissenschaftsfreiheit klafft. So ein Mist aber auch. Nun ist sie weg, die Staatssekretärin, aber die Chats, die bleiben. Was war da „objektiv zu weit“ gegangen, Frau Ministerin? Eine kleine dienstliche Relevanz, ganz sicher nur für den internen Diskurs – oder doch eher die Bombe, die nun tickt?
Szene 4: Stark-Watzinger schickt E-Mails, Döring soll sich entschuldigen. Aber die Ministerin weiß natürlich von nichts. Ihr Sprecher tippt sich die Finger wund, um das Narrativ zu festigen. Die Chats, ach, die Chats, „informell“ bis ins Mark. Doch der Inhalt? Eine strategisch abgestimmte Entschuldigung, sorgfältig vorbereitet, mit allen Beteiligten im BMBF abgesprochen. Der Countdown läuft, das Wochenende naht, und die Beamten sollen beruhigt ins Wochenende gleiten – bis 11 Uhr soll das Ding im Kasten sein.
Szene 5: Und jetzt kommt es, wie es kommen musste. Die Ministerin versinkt – und veraktet sich dabei selbst. Ironie der Bürokratie: Während sie beteuert, dass es sich hier nur um harmlose Privatnachrichten handelt, dreht sich das Veraktungs-Karussell immer weiter. Was wusste die Ministerin wann? Die Veraktung sollte ihr Schutzschild sein, doch nun verstrickt sie sich selbst in der Bürokratiefalle, die sie so beharrlich zu umgehen versuchte.
Szene 6: Die FDP steht bereit, die Union schärft ihre Messer, und das Publikum im Ministerium schaut sich die Wiederholung an. Was wusste die Ministerin wann? Kann das Veraktungstheater fortgesetzt werden? Doch eines ist klar: Die Chats sind keine Privatsache mehr.
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