Isso, Isso: Zwischen fallenden Mauern und irrlichternden Träumen – Einstürzende Neubauten live im Kölner E-Werk

Das Kölner E-Werk wurde an diesem Abend nicht einfach von Musik erfüllt – es wurde von einer poetischen Vision durchdrungen, die sich jenseits der Konvention bewegte. Einstürzende Neubauten und und das Charisma des Sängers Blixa Bargeld schufen kein Chaos, sondern ein harmonisches Geflecht aus Klang und Bedeutung. Kein auswechselbares Konzert, sondern eine Performance, bei der der Klang zu einem Medium der Philosophie wurde.

Blixa Bargeld – nicht nur Sänger, sondern auch Architekt und Impressario dieser akustischen Skulpturen – steht am Mikrofon wie ein zeremonieller Meister. Seine Worte sind nicht gesungen, sondern beschworen, jedes ein Fragment aus einer größeren, universellen Erzählung. Wenn er in „Grazer Damm“ die Geschichte einer zerfallenden Welt und einer verlorenen Kindheit erzählt, entfaltet sich eine melancholische Energie, die sowohl politisch als auch persönlich ist:

„Die Züge und der Tod fahren nachts / Neben der Regenrinne über das Dach.“
Es ist eine Poesie des Alltäglichen, des Zerbrechlichen, eine Erinnerung daran, dass in der Ruine auch immer die Möglichkeit einer neuen Ordnung liegt.

Die Klänge? Kein Lärm, sondern akustische Texturen, die sich entfalten, Schicht für Schicht. Mülltonnen und Eisenstangen, Plastikrohre und zerfetzte Gummireifen – es sind die Alltagsgegenstände, die unter den Händen der Musiker zum Leben erweckt werden. Doch in den Händen von Einstürzende Neubauten wird jedes Objekt zu einem Instrument, das die Verbindung zwischen Mensch und Umwelt neu definiert. Es ist die Philosophie der Band, dass Klang nicht nur aus konventionellen Instrumenten kommen muss, sondern aus allem, was uns umgibt. Dieser avantgardistische Ansatz verleiht ihrer Musik eine Tiefe, die weit über die einfache Erfahrung des Hörens hinausgeht.

In „Pestalozzi“, einem der Höhepunkte des Abends, schimmert Bargelds einzigartige Mischung aus Humor und Tiefsinn durch:
„I’m sitting in my chair / Feeling very Pestalozzi / Feeling very A.S. Neill / I won’t slave to the recipe / Or the picture on the box.“
Hier wird Bargeld zum Chronisten einer Welt, die sich weigert, in vorgefertigte Muster zu passen. Er spielt mit der Idee des kreativen Chaos, des Widerstands gegen das Banale. Es ist eine Aufforderung, die Grenzen des Gewohnten zu sprengen und in die Welt der Möglichkeiten einzutreten.

Doch der Humor ist immer nur ein Seitenstrang im komplexen Gewebe ihrer Performance. Die Neubauten stehen für eine tiefe Auseinandersetzung mit den Themen Vergänglichkeit und Schöpfung. Bargeld selbst hat einmal gesagt, dass es darum geht, „den Moment des Klangs zu erfassen, bevor er vergeht“. Dieser flüchtige Moment, in dem das Geräusch zu einem Ausdruck der Menschlichkeit wird, durchzieht jeden Song des Abends.

Das Publikum im E-Werk war still, fast ehrfürchtig, als die Klänge der Neubauten den Raum füllten. Jeder Schlag auf das Metall, jeder verzerrte Ton war ein Schritt in eine andere Dimension. Keine Verstörung, keine Zerstörung – sondern eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Realität des Klangs und der Materie. Bargeld sagte einst: „Musik ist das Zerbrechen der Stille“, und an diesem Abend wurde klar, was er meinte. Die Stille des Kölner E-Werks wurde nicht zerbrochen, sondern aufgebrochen, um etwas Tieferes freizulegen.

Einstürzende Neubauten bewiesen an diesem Abend, dass sie mehr als eine Band sind – sie sind eine Bewegung, eine philosophische Auseinandersetzung mit der Welt. Blixa Bargeld, der Poete im Zentrum des Sturms, entfaltete seine Vision mit einer solchen Präzision und Kraft, dass jeder im Raum spüren konnte: Hier wurde etwas Großes geschaffen. Kein Krach, kein Lärm – nur die pure Essenz des Klangs, getragen von einer poetischen Kraft, die uns alle in ihren Bann zog.

Die Einstürzende Neubauten sind weiterhin auf Tour, und hier sind die kommenden Termine:

  • 15. Sep – Hamburg, Elbphilharmonie (ausverkauft)
  • 21. Sep – København, Conservatory’s Concert Hall (Tickets verfügbar)
  • 22. Sep – København, Conservatory’s Concert Hall (Tickets verfügbar)
  • 24. Sep – Utrecht, Tivoli (Tickets verfügbar)
  • 01. Okt – Roma, Auditorium Parco della Musica (Tickets verfügbar)
  • 02. Okt – Milano, Teatro Dal Verme (Tickets verfügbar)
  • 03. Okt – Ferrara, Teatro Comunale (Tickets verfügbar)
  • 05. Okt – Zürich, Volkshaus (Tickets verfügbar)
  • 06. Okt – Genève, Alhambra (Tickets verfügbar)
  • 08. Okt – Frankfurt, Batschkapp (Tickets verfügbar)
  • 09. Okt – Hannover, Capitol (Tickets verfügbar)
  • 12. Okt – Stockholm, Fållan (ausverkauft)
  • 13. Okt – Oslo, Sentrum Scene (Tickets verfügbar)
  • 17. Okt – Leipzig, Haus Auensee (Tickets verfügbar)
  • 18. Okt – Praha, Forum Karlín (Tickets verfügbar)
  • 21. Okt – Warsaw, Klub Stodoła (Tickets verfügbar)
  • 24. Okt – Barcelona, SALA APOLO (Tickets verfügbar)
  • 26. Okt – Toulouse, Le Bikini (Tickets verfügbar)
  • 27. Okt – Paris, La Cigale (Tickets verfügbar)
  • 29. Okt – Antwerpen, De Roma (Tickets verfügbar)


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