
Mich stört an der ganzen Debatte eine Geisteshaltung, die im Netz seit Jahren als Tugend verkauft wird: „Wir machen das einfach nur aus Spaß.“ Als sei „Spaß“ ein ethischer Freifahrtschein. Als sei Publizieren ein Hobby wie Modelleisenbahn – nur dass hier nicht kleine Züge kreisen, sondern Aufmerksamkeit, Reichweite, Deutungshoheit und am Ende auch politische Wirklichkeit.
#9vor9 war mal ein kommerzielles Projekt. Und selbst wenn es heute als wöchentliches Videoformat „nur zum Spaß“ läuft: Genau darin liegt das Problem. Denn in einer Aufmerksamkeitsökonomie ist „Spaß“ keine Privatangelegenheit, sondern eine Marktintervention. Wer regelmäßig publiziert – journalistisch, politisch, meinungsbildend –, der besetzt Slots: in Feeds, in Köpfen, in Debatten. Das ist nicht neutral. Und es ist auch nicht kostenlos, nur weil niemand eine Rechnung schreibt.
Was viele Pro-bono-Aktivisten verdrängen: Sie stehen in Konkurrenz zu denen, die Publizieren beruflich machen. Nicht aus Bosheit, sondern strukturell. Wenn ein Format wöchentlich Content liefert – sauber produziert, kontinuierlich, kostenlos –, dann ist das für das Publikum erst einmal bequem. Aber es ist auch ein Preissignal: „Gute Inhalte gibt es umsonst.“ Und jedes Mal, wenn dieses Signal verstärkt wird, wird es für professionelle Publizistik schwerer, Preise durchzusetzen – ob über Abos, Sponsoring oder Werbung.
Das ist kein theoretisches Problem, sondern ein altes Muster. Ich kenne das seit 1998. Damals habe ich ein Online-Magazin gegründet, angeregt durch Spiegel Online. Das war die Zeit, in der man überhaupt erst lernen musste, was digitale Publizistik bedeutet – redaktionell, technisch, wirtschaftlich. Später kamen Blogs (2006/2007), Twitter, Facebook, dann Google+ mit Hangouts on Air – und immer wieder dieselbe Welle: Enthusiasmus, Kostenlos-Kultur, „Wir machen das aus Leidenschaft“, und am Ende bleiben die, die davon leben müssen, im Preisdruck stecken.
Man kann das romantisieren: „Demokratisierung der Öffentlichkeit.“
Man kann es aber auch nüchtern sehen: De-Professionalisierung durch Umsonst-Konkurrenz.
Natürlich: Nicht jeder Hobby-Publisher „kannibalisiert“ automatisch jemanden. Aber sobald ein Format regelmäßig, meinungsstark und reichweitenorientiert in denselben Themenfeldern sendet, in denen andere versuchen, ihre Arbeit zu finanzieren, ist die Frage legitim: Unterlaufe ich mit meinem Gratis-Angebot gerade berufliche Arbeit? Und wenn ja – welche Verantwortung folgt daraus?
Denn „Spaß“ ist keine Kategorie, die die Folgen aufhebt. Im Gegenteil: Das „nur zum Spaß“ tarnt oft, dass man faktisch journalistische Funktionen übernimmt: kuratieren, einordnen, Deutung anbieten, Skandalisierung, Mobilisierung. Das sind Machtfunktionen – und Macht ohne professionelle Standards und ohne wirtschaftliche Verantwortung ist ein schiefes Konstrukt.
Was mich daran zunehmend nervt: Diese Umsonst-Mentalität wird moralisch aufgeladen. Wer Geld verlangt, gilt schnell als „kommerziell“ im abwertenden Sinn. Wer es umsonst macht, gilt als „idealistisch“. Dabei ist es häufig genau andersherum: Idealistisch ist, Strukturen zu schaffen, die kritische Publizistik dauerhaft tragfähig machen. Zynisch ist, das System mit Gratis-Content zu fluten und dann überrascht zu sein, dass Redaktionen ausbluten, Honorare sinken und investigative Arbeit kaum noch finanzierbar ist.
Wir sollten daher weniger darüber reden, wie man mit noch einem kostenlosen Format „die Debatte verbessert“, und mehr darüber, wie man kritische Publizistik finanzierbar und professionalisierbar macht – mit oder ohne Sponsoren. Denn sonst gewinnen zwangsläufig diejenigen, die andere Geschäftsmodelle haben: Plattformen, die über Werbung monetarisieren; Akteure mit politischen Geldquellen; Personenmarken, die über Nebeneinnahmen leben (Beratung, Vorträge, Mandate). Und wer bleibt dann übrig? Nicht die unabhängige, kritische Publizistik – sondern eine Mischung aus Aktivismus, Entertainment und Plattformlogik.
Wenn wir wollen, dass es ernsthafte, kritische Stimmen gibt, die nicht nur senden, wenn die Laune gut ist, dann brauchen wir Professionalität. Und Professionalität braucht Einnahmen. Alles andere ist ein Wunschkonzert, das am Ende genau jene zerstört, die es eigentlich bräuchte.
Darum mein Punkt – zugespitzt: „Nur zum Spaß“ ist in der digitalen Öffentlichkeit kein Unschuldsargument, sondern oft ein Beitrag zur Preiserosion. Und diese Preiserosion macht uns kaputt. Sie macht die Preise kaputt, sie macht Standards kaputt, sie macht das Berufsfeld kaputt.
Wer publiziert, sollte sich entscheiden: Will ich Hobby sein – oder Teil einer professionellen Öffentlichkeit? Beides zugleich geht eine Zeit lang, ja. Aber strukturell zahlt irgendwer den Preis. Und meistens sind es die, die ohnehin schon am Limit arbeiten.