
Es ist wieder so weit. Ein weiteres Monument des einst blühenden Konsumkapitalismus bricht in sich zusammen, zerfällt in seine Einzelteile und hinterlässt nichts als einen staubigen Nachgeschmack von Vergangenheit. Esprit – eine Marke, ein Gefühl, ein verflossener Traum. Einst der Inbegriff lässiger, kalifornischer Leichtigkeit, nun bloß noch ein trauriges Überbleibsel aus einer Zeit, als Mode noch mittig sein durfte, als Mittelmaß noch ein Marktsegment war und nicht das Ticket in den Abgrund.
Hamburg, die stolze Stadt des Handels, verliert mit einem Schlag fünf weitere Pfeiler der einstigen Esprit-Phalanx. Wandsbek, Alstertal, Harburg, Mundsburg, Ottensen – Namen, die sich bald auf der Liste der Gescheiterten wiederfinden werden. 1.300 Menschen ohne Job, 56 Geschäfte, die bis Jahresende verschwinden werden – ein schleichender Exodus aus den Innenstädten, aus dem Leben. Für Professor Gerrit Heinemann, den Seismografen des Handelsbebens, war das alles längst klar. Die Diagnose war gestellt, das Todesurteil gefällt: Esprit, ein weiterer Dinosaurier auf dem Weg ins Nichts.
Und dennoch, wie bei Galeria, fragt man sich: Warum? Warum musste es so weit kommen? Warum wird eine Marke, die einmal so kraftvoll war, so jämmerlich zu Grabe getragen? Esprit, einst die fröhliche Verheißung eines erschwinglichen Stils, verlor den Kontakt zur Zeit, verlor den Boden unter den Füßen. Während sich der Markt in Extreme aufspaltete – die luxuriöse Exklusivität auf der einen Seite, der gnadenlose Preiskampf auf der anderen – blieb Esprit in einem Niemandsland stecken. Weder hochwertig noch billig genug, um in einer Welt zu bestehen, die nur noch Schwarz und Weiß akzeptiert.
Heinemann beschreibt es treffend: Der stationäre Handel schrumpft, die Innenstädte veröden, und was bleibt, ist ein Staunen darüber, dass sich immer noch Investoren in dieses Spiel stürzen, als könnte Nostalgie die neuen Gesetze des Marktes außer Kraft setzen. Doch das ist es eben nicht – Nostalgie ist kein Geschäftsmodell, sondern eine Falle.
Was also bleibt von Esprit? Ein paar leere Läden, die schnell mit Ramsch gefüllt werden oder, noch schlimmer, dauerhaft leer stehen werden. Eine Marke, die verblasst und in den Köpfen der Menschen verschwindet, die einst ihre treuen Kunden waren. Ein Symbol dafür, wie sehr der stationäre Handel, die Innenstädte, ja, wie sehr wir alle es versäumt haben, die Zeichen der Zeit zu erkennen und den Wandel aktiv zu gestalten. Esprit ist Geschichte. Und es ist eine Geschichte, die uns alle betrifft. Der Handel stirbt – nicht laut und dramatisch, sondern still und leise, in jedem kleinen Laden, der seine Türen für immer schließt.
Der Zusammenbruch Esprits ist mehr als nur das Ende einer Marke. Es ist das Menetekel, der scharfe Schnitt, der uns daran erinnert, dass der Wandel unaufhaltsam ist, dass das Mittelmaß keinen Platz mehr hat in dieser neuen Welt. Wir stehen vor den Trümmern eines Systems, das wir einst für unerschütterlich hielten. Und jetzt? Jetzt schauen wir zu, wie sich das Ende langsam, aber unaufhaltsam vollzieht. Esprit, das Mittelmaß, das gescheitert ist. Ein Denkmal des Versagens.