
Schottland, das raue, das stolze, das widersprüchliche Land des Nordens – wir beginnen unsere Reise im lebhaften, farbintensiven Pitlochry. Umgeben von sanften Hügelketten, tiefgrünen Wäldern, rauschenden Wasserfällen und spiegelnden Flussläufen wirkt der Ort nicht wie ein Relikt vergangener Zeiten, sondern wie ein immerwährender Übergang zwischen Natur und menschlicher Behutsamkeit. Die viktorianische Architektur des Bahnhofs, die mit Bedacht gepflegten Gärten und das Murmeln des Tummel-Flusses machen Pitlochry zu einem idealen Ausgangspunkt – nicht, weil es spektakulär wäre, sondern weil es mit einer stillen Selbstverständlichkeit den Takt vorgibt für das, was noch kommen soll.
Von hier aus geht es weiter gen Nordosten, vorbei an kühlen Flüssen, immergrünen Hügeln und Schafen, die stoisch Wind und Regen trotzen. Der Weg führt uns nach Balmoral, dem Rückzugsort der Königinnen und Könige. Die Mauern des Schlosses sind gesättigt mit Geschichten – manche offiziell, andere nur geflüstert –, aber alle umweht vom feinen Dunst königlicher Melancholie.



In Inverness, der Hauptstadt der Highlands, weht ein anderer Wind. Die Stadt ist eine merkwürdige Mischung aus bürgerlicher Geschäftigkeit und historischer Last. Hier beginnt die Reise in die Tiefen der schottischen Erinnerung – ins Culloden Battlefield.
Dort, wo 1746 die Jakobiten unter Bonnie Prince Charlie ihre letzte Schlacht verloren, liegt die Erde schwer und schweigsam. Der Wind trägt keine Stimme mehr, nur noch die Ahnung einer unterdrückten Hoffnung. Die Gedenksteine auf dem windgepeitschten Moorfeld tragen keine Namen, sondern Clans – als sei das Blut der Vergangenheit in den Familien selbst eingeschrieben.

Wer weiterfährt nach Westen, kommt über Fort William nach Mallaig. Dort beginnt das romantische Kapitel der schottischen Eisenbahn: Die Strecke über das Glenfinnan Viadukt, berühmt geworden durch die Harry-Potter-Filme, führt durch eine Landschaft, die wirkt, als habe sie ein Romantiker komponiert. Die Bögen des Viadukts überspannen Täler wie musikalische Phrasen, getragen vom Dampf der alten Lokomotive.

Nicht weit entfernt begegnet uns die historische Dampflokomotive mit der Nummer 46464 – eine Ivatt 2MT 2-6-0, einst gebaut in Crewe, nun unterwegs auf der Strathspey Railway zwischen Aviemore und Broomhill. Die schwarzen Eisenkörper dampfen, zischen, leben – ein bewegtes Denkmal aus der industriellen Seele Großbritanniens.

In Mallaig selbst empfängt uns der Duft des Atlantiks. Ebbe und Flut prägen das Bild des Hafens, Möwen schreien, während die Boote sanft im Rhythmus des Meeres schaukeln. Der Blick reicht weit – hinaus zu den Hebriden, die wie schlafende Riesen am Horizont liegen.

Magnolienbäume blühen wider Erwarten in dieser rauen Gegend, und ein hügeliger Golfplatz, sattgrün und salzwindverweht, liegt direkt an der Küste, als sei er dort aus Versehen gewachsen. Mallaig ist ein Ende – aber auch ein Übergang, eine Schwelle zwischen Kontinent und Inselwelt, zwischen Festhalten und Loslassen.

Zurück in der Stadt – Edinburgh –, erhebt sich die Statue von Adam Smith, nicht weit von jener seines engen Freundes und intellektuellen Weggefährten David Hume. Die Royal Mile wird so zur Achse der schottischen Aufklärung. In meinen Vorlesungen zur Wirtschaftsethik waren sie stets präsent: Smith, der Moralphilosoph und Vater der modernen Ökonomie, der in seiner „Theorie der ethischen Gefühle“ das Mitgefühl, die Sympathie und die moralische Urteilskraft in den Mittelpunkt stellte.

Für ihn war moralisches Handeln nicht bloß ein Produkt rationaler Überlegung, sondern ein Ausdruck unserer Fähigkeit, uns in andere hineinzuversetzen – eine frühe Form der Empathietheorie.
David Hume hingegen – Skeptiker, Empiriker, brillanter Stilist –, zerschlug systematisches Denken dort, wo es in Dogmatik zu erstarren drohte. In seiner „Untersuchung über den menschlichen Verstand“ attackiert er das Prinzip der Kausalität: Was wir für Ursachen halten, seien nichts als gewohnheitsbasierte Erwartungen. Für Hume ist das Fundament menschlicher Erkenntnis nicht die Vernunft, sondern der Glaube – nicht im religiösen Sinne, sondern als notwendiger Instinkt, der zwischen den Lücken des Wissens operiert. Diese Haltung – radikal, bescheiden und doch mutig – prägte auch Adam Smiths Denkstil. Die beiden verband eine tiefe Freundschaft und ein ständiger Briefwechsel, in dem Ökonomie, Ethik und Erkenntnistheorie ineinander übergingen. Hume starb 1776 – im selben Jahr, in dem Smith sein Hauptwerk „The Wealth of Nations“ veröffentlichte. Der Übergang von Zweifel zur Systematisierung war fließend, nicht widersprüchlich, sondern ein intellektuelles Echo.

Und dann ist da noch James Boswell. Seine Biographie über Samuel Johnson habe ich verschlungen wie ein gutes Glas Single Malt am Kamin. Boswell – charmant, unruhig, erzählerisch brillant – verstand es, mit literarischer Finesse und psychologischem Gespür die Wirklichkeit zu dokumentieren.


Er war kein bloßer Chronist, sondern ein Erzähler der inneren Bewegtheit. In der Boswell’s Court, Nr. 352 der Royal Mile, scheint sein Geist noch zu wohnen. Ein schmaler Gang führt zu einem versteckten Innenhof – ein Ort wie gemacht für Gespräche, für Zwiesprache mit den Toten.

Am Ende der Reise steht das Reiterdenkmal des Herzogs von Wellington. Der Feldherr, der bei Waterloo die Entscheidungsschlacht gegen Napoleon führte, soll in den Minuten der größten Anspannung gesagt haben: „Ich wollte, es wäre Nacht, oder die Preußen kämen.“ Es war ein Augenblick historischer Verdichtung – Hoffnung und Verzweiflung in einem einzigen Satz. Als Blücher schließlich erschien, wurde aus Resignation Rettung. Der eiserne Blick Wellingtons in die Ferne täuscht darüber hinweg, dass auch dieser Sieg ein Produkt kollektiver Improvisation war. Vielleicht ist es auch das Land selbst, das nicht vergessen will, dass Freiheit hier nie einfach ein Geschenk war – sondern etwas, das man gegen Wind, Krone und Zeit erkämpfen muss.
So endet unsere Reise durch Schottland – mit viel Nebel, viel Geschichte, viel Philosophie. Und mit der Gewissheit: Es gibt Orte, die sind mehr als Landschaft. Sie sind Gedächtnis.
Wunderbar über ein einzigartiges Land geschrieben. Danke!
Lieber Herr Sohn,
was für ein wunderschöner, stimmungsvoller und geistreicher Reisebericht, abseits eingetretener Pfade – besonders, wenn man einige Orte selbst schon besucht hat. Aber: Sie hatten eine schöne Reise und das ist das Wichtigste.
Beste Grüße
Ellen Schellinger
PS: MPG-Reise Normandie 2024
🙂