
Die Kommunalwahlen in Nordrhein‑Westfalen am 14. September 2025 sind nicht nur ein politisches Ereignis, sondern auch ein Gradmesser für die Modernität politischer Kommunikation. Während die offiziellen Wahlprognosen erst am Abend des Wahltags veröffentlicht werden, erlaubt die Analyse von Online‑ und Offline‑Resonanz bereits vorher Einblicke in die Dynamik des Wahlkampfes. Der Gastbeitrag des Kommunikationswissenschaftlers Hektor Haarkötter im Bonner General‑Anzeiger diagnostiziert Schwächen in der Social‑Media‑Strategie der Bonner Parteien und legt damit ein wichtiges Fundament für die wissenschaftliche Untersuchung digitaler Wahlkampfpraktiken. In diesem Beitrag wird Haarkötters Diagnose mit einem datengetriebenen Ansatz für die Messung von Sichtbarkeit, Sentiment und Interaktionen verknüpft. Ziel ist eine systematische, wissenschaftliche Betrachtung des Bonner OB‑Wahlkampfes, die weit über anekdotische Beobachtungen hinausgeht.
Digitale Kampagnenforschung
Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit digitalem Wahlkampf hat sich seit den 2010er‑Jahren etabliert. Untersuchungen zeigen, dass Social‑Media‑Plattformen nicht nur zusätzliche Kanäle sind, sondern eigene Logiken besitzen: Sie dienen der Mobilisierung, der Agendasetzung und dem Mikrotargeting, können aber auch Kritik und Gegenkampagnen verstärken. Eine zentrale Erkenntnis der Digitalforschung lautet, dass Inhalte für jede Plattform spezifisch angepasst werden müssen, um effektiv zu wirken. Haarkötters Beitrag greift diese Erkenntnisse auf und wendet sie auf den Bonner Wahlkampf an.
Haarkötters Gastbeitrag im General‑Anzeiger
Der Gastbeitrag analysiert die Social‑Media‑Strategien der Bonner Parteien in der heißen Phase des Kommunalwahlkampfes. Haarkötter beobachtet, dass viele Parteien dieselben Inhalte auf Facebook, Instagram und TikTok posten und dadurch die heterogenen Nutzergruppen ignorieren. Er stellt klar: „Je nach Plattform spreche man völlig verschiedene Alters‑ und Zielgruppen an“. Diese unreflektierte Mehrfachverwertung von Content führe weder zu Professionalität noch zu Authentizität.
Haarkötter beurteilt die einzelnen Kandidatinnen und Kandidaten wie folgt:
- Katja Dörner präsentiert sich professionell, postet aber nur alle paar Tage, wodurch Chancen zur kontinuierlichen Mobilisierung ungenutzt bleiben. Ihr Auftritt betont die persönliche Marke mehr als die Parteizugehörigkeit.
- Guido Déus mischt politische Forderungen und persönliche Inhalte. Haarkötter bemängelt, dass Déus Instagram‑Videos auch auf Facebook verbreitet, obwohl dort textbasierte Beiträge besser funktionieren.
- Jochen Reeh‑Schall Die SPD‑Kanäle seien inhaltlich wild gemischt, es fehle eine klare Linie. Der Kandidat poste authentische Eindrücke. Bei der Stringenz gibt es Nachholdbedarf.
- Petra Nöhring setzt auf einheitliches Branding („Zuständig für Bonn“). Während die FDP‑Parteiseiten überwiegend Textkacheln und Plakatmotive wiederholen, präsentiert sich Nöhring selbst professionell mit Videos und Interviews.
- Michael Faber und die Linke fokussieren auf fertig produzierte Textkacheln zu Themen wie queerem Leben; Haarkötter sieht darin wenig Attraktivität für junge Zielgruppen.
- Johannes Schott (BBB) postet nüchterne Forderungen und bleibt dadurch farblos.
- Volt wird als positives Gegenbeispiel genannt: Professionell produzierte Videos, Aufrufe zu Workshops und ein ausgeprägter Dialog mit dem Publikum.
Haarkötters Beitrag liefert damit eine qualitative Klassifikation der Kommunikationsstile, benennt Mängel (Recycling von Inhalten, fehlende Strategie) und hebt gelungene Ansätze hervor (professionelles Storytelling, Interaktion). Diese Befunde bilden die Grundlage für eine empirische Überprüfung mittels eines quantitativen Resonanzmodells.
Methodischer Ansatz: Sichtbarkeits‑, Sentiment‑ und Interaktionsindex
Um die Wirkung der Wahlkampagnen systematisch zu messen, wurde ein multidimensionales Analysemodell entwickelt. Es verbindet fünf Datenquellen:
Social‑Media‑Aktivität: Beiträge, Likes, Kommentare, Shares und Follower‑Zuwächse auf Facebook, Instagram, TikTok, LinkedIn, X/Twitter, Mastodon und YouTube. Die Plattformen werden nach Zielgruppen-Relevanz gewichtet; Facebook erreicht eher ältere, TikTok und Instagram jüngere Nutzer.
Lokale Medienresonanz: Erwähnungen in regionalen Nachrichten (GA Bonn, Radio Bonn/Rhein‑Sieg, Bonner Blogs). Reichweitenstärkere Medien erhalten höhere Gewichtung.
Interaktionsqualität: Antworten auf Nutzerfragen, Umfragen, Live‑Streams. Haarkötter kritisiert insbesondere das Fehlen von Interaktionsaufrufen.
Sentiment‑Analyse: Mittels deutscher Sprachmodelle (z. B. German‑BERT) werden Postings und Kommentare in positiv, neutral und negativ kategorisiert. Das Sentiment wird mit der Engagement‑Rate multipliziert, um die Intensität abzubilden.
Aus diesen Quellen entstehen wöchentliche Werte:
Der digitale Wahlkampf zur Bonner Kommunalwahl 2025 zeigt exemplarisch, wie sehr politische Kommunikation im lokalen Raum vom professionellen Einsatz sozialer Medien abhängt. Haarkötters GA-Gastbeitrag legt die Schwachstellen offen: fehlende Plattformstrategie, copy‑and‑paste‑Mentalität und mangelnde Interaktion. Die wissenschaftliche Resonanzmessung bestätigt und quantifiziert diese Eindrücke. Der kombinierte Sichtbarkeits‑, Sentiment‑ und Interaktionsindex ermöglicht eine laufende Beobachtung der öffentlichen Wahrnehmung und liefert Hinweise darauf, wo Kandidaten besser werden könnten. Die Indizes werden normiert, sodass die Summe aller Kandidatinnen und Kandidaten 100 % ergibt. Die finale Prognose erfolgt am Wahltag um 18 Uhr.