Pyromane Fernwärme – Reloaded: Wie Bonn die Müllverbrennung zur Klimarettung verklärt

Öko-Eselei in einem Bild.

Die Bonner Kommunalwahl am 14. September naht, und die Stadtwerke inszenieren sich mit einem gigantischen Banner als Klimaretter: „Klimawende? Läuft bei mir. Mit Müllverwertung und Fernwärme!“. Die Müllverbrennungsanlage (MVA) wird zum ökologischen Hoffnungsträger, obwohl sie in Wahrheit ein Relikt der Abfallbeseitigung ist. Dieses rhetorische Kunststück könnte man auch als „instrumentelle Rationalisierung der Müllverbrennung“ bezeichnen – eine PR‑Strategie, die Klimapolitik auf die Pyro-Tonne reduziert.

Müll: Der schlechte Brennstoff mit grünem Etikett

Die Stadtwerke rühmen sich, mit der MVA jährlich rund 472 GWh Wärme zu liefern und 118 MW Leistung bereitzuhalten. Doch der Brennstoff ist aus energetischer Sicht mager: Restmüll hat nur rund 10 MJ/kg Heizwert – weit weniger als Kohle, Holzpellets oder gar Reifen. Und die Bilanz wird nicht besser, wenn man den halben Inhalt der Grauen Tonne als „biogenen Anteil“ deklariert. Laut städtischer Stellungnahme zählt der Gesetzgeber den organischen Anteil als erneuerbar, der Rest als fossil. Über die Emissionsberichterstattungsverordnung wird der biogene Anteil pauschal mit 50 % angesetzt und damit aus dem Emissionshandel ausgeblendet. „Unvermeidbare Abwärme“ wird gesetzlich den erneuerbaren Energien gleichgestellt – ein bürokratischer Taschenspielertrick, den selbst Umweltverbände kritisieren.

Effizienzlügen und Abgasschleier

Die Stadt gibt zu, dass die MVA „eine erhebliche Menge CO₂“ ausstößt und pro Energieeinheit mehr CO₂ emittiert als ein Gaskraftwerk. Ihr Argument: Weil der entstehende Dampf zur Strom- und Wärmeerzeugung genutzt werde, werde insgesamt weniger fossiles Gas verbrannt. Das ist so, als würde man einen SUV ökologisch nennen, weil er auch eine Sitzheizung hat. Der elektrische Wirkungsgrad der MVA liegt bei unter 10 %, der thermische bei etwa 26 % – zwei Drittel der Energie verpufft. Selbst wenn man Carbon-Capture‑Technologien einsetzt, bleibt ein Gros der Emissionen bestehen. Modernere Blockheizkraftwerke erreichen in der Kombination aus Strom und Wärme bis zu 90 % Wirkungsgrad – und sie verbrennen zumindest definierte Brennstoffe statt Restmüll.

bvse: „Die Dinge hängen zusammen“

Der Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse) kritisiert in seiner Stellungnahme, dass die Stadt Bonn sich bei der Rechtfertigung der MVA auf die Ampelgesetzgebung stützt. Diese hat Abwärme aus Müllverbrennung per Gesetz den erneuerbaren Energien gleichgestellt – eine Entscheidung, die laut bvse im Gesetzgebungsverfahren „zurecht kritisiert“ wurde. Bonn erkenne selbst „aus nachvollziehbaren Gründen“ die Schwäche dieser Regelung an, greife in der Öffentlichkeitsarbeit aber dennoch zu Schlagworten wie Klimawende, Müllverwertung und Fernwärme. Der bvse erläutert, dass energetische Verwertung nur dort sinnvoll ist, wo keine stoffliche Nutzung mehr möglich ist. Gleichzeitig ließe sich der Restmüllanteil deutlich reduzieren, wenn Hersteller weniger Verbundstoffe einsetzen, die Getrenntsammlung von Bioabfall konsequent umgesetzt und die Gewerbeabfallverordnung endlich durchgesetzt würde. Solange diese Stellschrauben nicht gedreht werden, bleibt die MVA der größte Einzelakteur der Bonner Wärmestrategie – und entzieht der Abfallvermeidung das politische Gewicht.

Abfallvermeidung? Fehlanzeige.

Offiziell strebt Bonn Klimaneutralität bis 2035 an. Gleichzeitig betont die Stadt, dass trotz Recycling immer genug „stofflich nicht recyclingfähiger Abfall“ anfallen werde, um die MVA auszulasten. Auf Deutsch: Ohne kontinuierlichen Müllnachschub würde das Geschäftsmodell kippen. Die vom bvse eingeforderte getrennte Sammlung und das Design-for-Recycling werden zwar erwähnt, landen aber in der Verantwortung von „Produzenten und Verbrauchern“. So bleibt die Abfallvermeidung eine moralische Fußnote, während man sich mit 500.000 MWh Fernwärme pro Jahr brüstet.

Vom Entsorger zum Klimahelden – ein semantischer Taschenspielertrick

Die Müllverbrennung war nie als Kraftwerk geplant. Sie ist eine Notlösung der Abfallbeseitigung. Mit der Grünen Heilsformel „thermische Verwertung“ wird sie zur Energiequelle geadelt. Das Umweltbundesamt nennt diese Umetikettierung offen eine Beseitigungstechnologie mit Energieverlusten. Auch das Bonner Klimaziel wird zweckentfremdet: Die MVA wird zum Herzstück der Wärmeplanung stilisiert, flankiert von Wärmepumpen, die Abgase noch ein wenig ausquetschen sollen. Ein echter Paradigmenwechsel sieht anders aus.

Feuer aus!

Wer ernsthaft über Wärmewende spricht, muss Müllvermeidung, Recycling und den Ausbau wirklich erneuerbarer Quellen ins Zentrum rücken – nicht die pyromane Verlängerung der Abfallwirtschaft. Bonn könnte mit Flusswärmepumpen, Geothermie, Solarthermie und dezentralen Blockheizkraftwerken vorangehen. Stattdessen wird ein ineffizienter, CO₂‑intensiver Prozess als „Klimawende“ verkauft. Der bvse erinnert daran, dass Rechtskonstruktionen und Werbeslogans keine physikalischen Realitäten ändern. Das sollten die Wählerinnen und Wähler bei der Kommunalwahl nicht mit einem Schulterzucken hinnehmen.

Fußnote: Auf das Thema bin ich gestoßen, nachdem mir ein Mitarbeiter der grünen Oberbürgermeisterin Katja Dörner voller Überzeugung die kommunale Wärmeplanung als ein Beispiel brillanter Vorarbeit pries. Ich wollte unvoreingenommen bleiben, analysierte die betreffende Ratssitzung auf YouTube, studierte den Bericht – und stieß sofort auf eine Aussage, die mich stutzig machte:

Seit fast vier Jahrzehnten beschäftige ich mich mit der Verpackungsverordnung, dem Kreislaufwirtschaftsprinzip, der TA Siedlungsabfall und dem überfälligen Verbot der Deponierung unbehandelter Abfälle. Zuvor herrschte diesbezüglich Steinzeit: Es bedurfte erst eines Hans-Dietrich Genscher im Innenministerium, der die erste Umweltabteilung ins Leben rief, und der Gründung des Bundesumweltministeriums in den frühen 1980er-Jahren unter dem visionären Klaus Töpfer. Das Umweltbundesamt leistete wertvolle Vorarbeit, und mit neuen Verordnungen wurde der Grundstein für eine zirkuläre Ökonomie gelegt. Umso erstaunlicher, dass die Bonner Oberbürgermeisterin nun ein „Kuckucksei“ in dieses Nest des Umweltschutzes legt. Nach all den Jahren intensiver Beschäftigung mit Kreislaufwirtschaft macht mich diese Entwicklung zunehmend mürbe und müde.

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