
Vorwort
Für Erkenntnisblitze ist bekanntlich der Ausspruch „Heureka!“ des griechischen Physikers und Mathematikers Archimedes zum Erkennungszeichen geworden: Ich hab’s gefunden! Gelöst wird nicht nur das irritierende Grundproblem des Denkers, sondern öffnet auch seinem Lebensweg eine neue Perspektive.
Mit der spontanen Einsicht ist es aber nicht getan. Der Geistesblitz muss zu einer Werkidee weiterentwickelt werden, schreibt Manfred Geier in seinem Opus „Geistesblitze – Eine andere Geschichte der Philosophie“.
In dem Band geht es auch um die „Entdeckung“ ́des kritischen Rationalismus durch Karl Popper. Ein Heureka-Erlebnis der Buchlektüre. Leitstern für die wissenschaftstheoretischen Arbeiten von Popper war das Forschungsprinzip von Albert Einstein. Er grenzte sich von vielen Wissenschaftlern ab, die krampfhaft nur nach der Bestätigung des eigenen Schaffens suchten:
Dazu zählten vor allem Psychoanalytiker wie Freud oder Adler. „Weil ihre Wahrheit offenbar zu sein schien, fanden sie gläubige Anhänger und Bewunderer, und wer nicht an sie glaubte, galt als verstockt, durch Ideologien verführt oder als unaufgeklärt“, schreibt Geier.
Einstein dagegen suchte nach einer möglichen Widerlegung seiner Gravitationstheorie, und er war bereit gewesen, sie als unhaltbar aufzugeben, wenn sie einer experimentellen Überprüfung nicht standgehalten hätte. Die Ausschaltung von Fehlern war ihm wichtiger als die Behauptung sicherer Wahrheiten. „Aus diesem Grund war die erste Bewährung der Relativitätstheorie während der Sonnenfinsternis vom 29. Mai 1919 das große Erlebnis, das Poppers geistige Entwicklung maßgeblich beeinflusste.
So kam er gegen Ende des Jahres 1919 zu dem Schluss, ‚dass die wissenschaftliche Haltung die kritische war; eine Haltung, die nicht auf Verifikation ausging, sonder kritische Überprüfungen suchte, die die Theorie widerlegen konnten.“
Auf Basis dieses Geistesblitzes demontiert er 1944 in seiner Schrift „Das Elend des Historizismus“ den trügerischen Glauben an die Vorhersehbarkeit geschichtlicher Entwicklungen und spricht sich für eine Sozialtechnik der kleinen Schritte aus, die Helmut Schmidt in seiner Kanzlerschaft beherzigte.
In einer offenen Gesellschaft komme es nach Ansicht von Popper darauf an, politische Institutionen so zu organisieren, dass es schlecht oder inkompetenten Herrschern unmöglich ist, allzu großen Schaden anzurichten. Die guten Absichten des allwissenden und durchregierenden Basta-Politikers verwandeln sich schnell in einen politischen Albtraum. Sympathisch war ihm der Denkansatz von Xenophanes, dass alles menschliche Wesen ein Raten ist, und dass auch seine eigenen Theorien im besten Falle nur der Wahrheit ähnlich sind.
Das ist auch der Maßstab für die Geistes- oder Gedankenblitze der Kommunikation, die Sohn@Sohn zu vielen Anlässen immer wieder heraus kitzeln. Nicht am Reißbrett, nicht über vorgestanzte Moderationskarten, nicht über blutleere Teleprompter-Rhetorik, sondern über die Lust an der Kombinatorik, über den Charme des Zufalls, die blitzschnelle Anpassung an das nicht Vorhersehbare und über die Kunst des guten Gesprächs. Sohn@Sohn folgen Popper und Xenophanes: Im Lauf der Zeit finden wir, suchend, das Bessre.