
Auf dem Symposium zur Innovationskommunikation der Technischen Hochschule Nürnberg äußerte sich Robert Weber, Podcaster und Experte für industrielle KI, zur aktuellen Abwanderung von Entwicklern aus Unternehmen wie Microsoft und OpenAI.
Der Braindrain in der KI-Forschung
Besonders besorgniserregend sei der zunehmende Brain Drain in der KI-Forschung. Entwickler, die jahrelang in spezialisierten Domänen gearbeitet haben, seien frustriert über die einseitige Fokussierung großer Unternehmen auf LLMs und Chatbots. Dieser Trend führe dazu, dass viele Talente diese Unternehmen verlassen und sich neuen Herausforderungen zuwenden.
„Ein prominentes Beispiel ist Johannes Brandstetter, der von Microsoft Research an die Universität Linz wechselte, um dort AI-basierte Simulationen zu lehren. Diese Entwicklungen bieten Chancen für europäische Hochschulen und Unternehmen, talentierte Fachkräfte anzuziehen und innovative Lösungen zu entwickeln“, so Weber im Sohn@Sohn-Adhoc-Interview.
Resilienz und europäische Lösungen
Weber unterstrich die Notwendigkeit eines ausgewogenen Ansatzes zwischen neuen und traditionellen Technologien. Besonders in der Industrie sei die Kombination aus Gen-AI und herkömmlichem maschinellen Lernen entscheidend. Resilienz und Unabhängigkeit von nicht-europäischen Lösungen seien wichtige Ziele. Investitionen in regionale Unternehmen und die Förderung europäischer Technologien, wie sie bei der Veranstaltung „AI in the Alps“ diskutiert wurden, spielen dabei eine zentrale Rolle.
Innovationskommunikation und Kritik an klassischen Medien
Weber, bekannt für seinen „Industrial AI Podcast“, hob hervor, dass die Konzentration auf spezialisierte Themen und qualifizierte Gäste essenziell für den Erfolg eines Nischenformats ist. Trotz der vergleichsweise kleineren Zuhörerschaft im Bereich industrieller Anwendungen von Künstlicher Intelligenz, sei die Treue und das Engagement der Hörer entscheidend. Veranstaltungen wie „AI at the Alps“ tragen ebenfalls dazu bei, eine engagierte Community aufzubauen und zusätzliche Einnahmequellen zu erschließen.
Weber kritisierte den Mangel an technischem Verständnis in vielen Redaktionen, was die Vermittlung komplexer technologischer Themen erschwere. Er schlug vor, authentische und sachkundige Personen in die Kommunikation einzubeziehen, um die Qualität und Verständlichkeit der Inhalte zu verbessern.
Zukunftsprojekte und weitere Veranstaltungen
Abschließend kündigte Weber zukünftige Projekte an, darunter weitere Ausgaben der Event-Reihe „AI at the Alps“ und Interviews mit innovativen Unternehmen wie der britischen Shadow Robot Company, bekannt für ihre hochentwickelten Roboterhände. Diese Initiativen sollen dazu beitragen, die Innovationskraft Europas zu stärken und die Resilienz der Industrie zu erhöhen.
VDMA-Präsident: Neue Erzählungen für Innovationen braucht das Land
Im Interview mit Sohn@Sohn sprach Karl Haeusgen, Präsident des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), über die Notwendigkeit neuer Erzählungen für Innovationen in Deutschland.
Haeusgen wies darauf hin, dass Deutschland zwar einerseits für seine Ingenieure und „Made in Germany“ bekannt sei, andererseits aber auch eine gewisse Technologiefeindlichkeit und Risikoaversion vorherrsche. „Wir brauchen Innovationen und eine bessere Kommunikation darüber, um diesen Spagat zu schließen“, so Haeusgen. Dabei sei es wichtig, die Ideen des Ökonomen Joseph Schumpeter einzubeziehen, insbesondere die Rolle der Unternehmer bei der Markteinführung von Innovationen.
Unterscheidung von Innovationstypen
Haeusgen skizzierte die Bedeutung der Unterscheidung zwischen allmählichen und disruptiven Innovationen. Disruptive Innovationen könnten Verlierer schaffen, was die Kommunikation herausfordernder mache. Zudem kritisierte er den Wirtschaftsjournalismus, der häufig nur auf das Silicon Valley schaue, statt auch Deep Tech-Unternehmen zu berücksichtigen. Er lobte Professor Hermann Simon für seine Arbeit, die Hidden Champions in den Vordergrund zu rücken.
Wachstumsschwäche und Rahmenbedingungen
Trotz der Stärke der Hidden Champions gebe es in Deutschland eine anhaltende Wachstumsschwäche seit 2009. Haeusgen forderte bessere Rahmenbedingungen, darunter Steuererleichterungen, Bürokratieabbau und schnellere Genehmigungsprozesse. Er betonte, dass bereits einige gute Maßnahmen auf den Weg gebracht wurden.
Lob für Robert Habeck
Haeusgen hob die Rolle von Politikern wie Robert Habeck in der Innovationskommunikation hervor. Habeck sei ein herausragender Kommunikator, der wirklich zuhöre und Ideen konstruktiv aufgreife. „Wir brauchen mehr von dieser Art der Kommunikation“, so Haeusgen.
Wirtschaftspolitische Maßnahmen
Zur Frage nach der Notwendigkeit größerer wirtschaftspolitischer Maßnahmen wie einem Inflation Reduction Act äußerte sich Haeusgen differenziert. Er befürwortete zwar höhere Investitionen, plädierte jedoch für breite Forschungsförderung und allgemeine Steuererleichterungen anstatt punktueller Subventionen.
Botschaft an Bonn
Abschließend kritisierte Haeusgen die Schließung des Masterstudiengangs für Innovationskommunikation an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und appellierte an die Verantwortlichen, diese Entscheidung zu überdenken. „Man kann Entscheidungen immer korrigieren“, resümiert Haeusgen.
Förderung der Innovationskommunikation an Hochschulen und Promotionsmöglichkeiten an Fachhochschulen
Professor Volker Banholzer von der Technischen Hochschule Nürnberg erläuterte die Komplexität und die Verbindung von technischer und sozialer Innovation. Er unterstrich die Bedeutung der Innovationskommunikation als eigenständiges Fachgebiet, insbesondere in der akademischen Ausbildung und Forschung. Er verwies auf die Notwendigkeit, Promotionsmöglichkeiten in diesem Bereich zu schaffen, und sprach sich für die Integration von Fachhochschulen in den Promotionsprozess aus. Die Annäherung von universitärer Forschung und angewandten Wissenschaften sei ein sinnvoller Schritt, der über kurz oder lang unvermeidlich sei.
Szenario-Techniken und Zukunftsbilder
Dr. Alexander Fink, Co-Founder und CEO von ScMI (Scenario Management International), hob im Interview die Bedeutung von Szenario-Techniken als Denkinstrument für die Innovationskommunikation hervor. Er betonte, dass diese Methoden entscheidend sind, um übergeordnete Zukunftsbilder zu entwickeln und verschiedene Stakeholder einzubeziehen. Fink erklärte, dass es nicht ausreiche, nur über einzelne Maßnahmen zu sprechen. Vielmehr sei es wichtig, umfassende Zukunftsbilder zu entwerfen, die in effektive Narrative eingebettet werden können. Szenario-Techniken spielen dabei eine zentrale Rolle. „Mit Szenarien können Unternehmen und Organisationen unterschiedliche Zukunftsmöglichkeiten visualisieren und diskutieren“, so Fink. Diese Techniken helfen dabei, ein gemeinsames Verständnis zu schaffen und die Kommunikation zu verbessern.