Tag zwei: Die Stadt liest den Berg

Freiburg führt vom Münster zum Haus des Erasmus und weiter zur Buchhandlung zum Wetzstein. Dort liegt auf dem ersten Tisch ein Buch über Saig – jenes Dorf über dem Titisee, das am Vortag noch am Weg zum Hochfirst lag. Auf der Rückfahrt setzt die Ravennaschlucht den letzten Satz.

Montag, 10. August 2026

Der zweite Reisetag bringt kaum Höhenmeter und führt dennoch weit. Nach dem Aufstieg zum Hochfirst bleibt die große Wanderung heute aus. Wir fahren nach Freiburg. Am Ende umfasst der Tagesweg die Renaissance, die Studentenzeit der achtziger Jahre, den August 1990, die philosophischen Debatten des zwanzigsten Jahrhunderts und einen kurzen Abstecher unter die Bögen der Ravennabrücke.

Freiburg trägt Rot und Gold

Auf dem Münsterplatz steht der Markt in voller Farbe. Geranien, Dahlien, Kräutertöpfe und Sträuße bilden eine bewegliche Sommerausstellung vor dem roten Historischen Kaufhaus. An dessen Fassade treten die Figuren unter ihren Baldachinen an, während unten Gemüse, Blumen und Alltagsgespräche den Platz beherrschen. Auf dem Tisch steht ein Rothaus-Weizen. Das Glas ist schon weit geleert, der Schaum haftet am Rand. Der Schwarzwald ist mit in die Stadt gefahren. Er erscheint hier weniger als Landschaft denn als Wappen, Biermarke und selbstverständliche Zugehörigkeit.

Das Münster antwortet darauf mit Sandstein, Dunkelheit und Höhe. Im Inneren ziehen lange, helle Bahnen aus dem Gewölbe herab. Sie fangen das Licht der farbigen Fenster auf und geben dem Raum etwas Schwebendes. Eine silberne Reliquienbüste steht hell in ihrer Vitrine. Hinter Gittern erscheinen geschnitzte Figuren wie eine Versammlung, die seit Jahrhunderten ohne Unterbrechung tagt. An anderer Stelle zeigt das Münster sein technisches Gedächtnis: mächtige Holzbalken, Räder und Hebel eines alten Schlagwerks. Zeit wird hier mechanisch erzeugt. Ein Balken holt aus, das Rad setzt ihn in Bewegung, Metall trifft Metall. Draußen hängt ein Wasserspeier an der Mauer und blickt mit jener grotesken Geduld auf die Menschen hinab, die gotische Baumeister ihren Geschöpfen mitgaben. Freiburg beherrscht diese Gleichzeitigkeit. Markt und Reliquie, Bierglas und Kreuz, Blumenstand und Weltgericht liegen nur wenige Schritte auseinander.

Erasmus hinter der roten Fassade

Vom Münster führt der Weg zum Haus zum Walfisch. Die rote Fassade, die goldenen Linien des Portals und der überbaute Durchgang wirken fast theatralisch. An der Außenwand erinnert eine Tafel daran, dass Desiderius Erasmus von Rotterdam von 1529 bis 1531 in diesem Haus wohnte. Der Besuch besitzt für mich einen persönlichen Unterton. Erasmus gehört seit Jahren zum Personal meiner Texte auf ichsagmal.com. Dort erscheint er als Anwalt des unberechenbaren Menschen, als Gegner des Bildungsdünkels und als Freund eines Denkens, das Dogma, Fachsprache und autoritäre Gewissheit dem Gelächter aussetzt.

Im „Lob der Torheit“ richtet sich dieses Gelächter gegen eine Gelehrsamkeit, die sich selbst für die Welt hält. In meinen Beiträgen wird Erasmus deshalb zum Verbündeten gegen Expertenkult und mathematische Menschenmodelle. Der Mensch lässt sich weder auf den ökonomischen Homunculus noch auf eine sauber kalkulierte Entscheidungseinheit verkürzen. Erfahrung, Zufall, Eigensinn und Torheit kehren in jede Rechnung zurück. Vor dem Haus zum Walfisch wird aus diesem publizistischen Begleiter wieder eine historische Person. Erasmus hat diese Tür benutzt, diese Straße betreten, vielleicht denselben Wechsel zwischen dem Schatten des Durchgangs und dem hellen Freiburger Himmel erlebt. Das „Lob der Torheit“ erhält plötzlich eine Adresse. Die Erinnerungstafel wirkt gegenüber dem reichen Portal beinahe zurückhaltend. Doch Erasmus hätte den Rangunterschied vermutlich geschätzt. Die Selbstdarstellung gehört an die Fassade, der Gedanke braucht nur einen Satz.

Die Salzstraße führt in die achtziger Jahre

Von Erasmus ist es nicht weit zur Salzstraße und zur Buchhandlung zum Wetzstein. Für mich führt dieser Weg zugleich in eine private Geographie. Seit den achtziger Jahren gehört der Wetzstein zu meinen Freiburger Fixpunkten. Während meiner Studentenzeit besuchte ich regelmäßig meine Eltern. Sie hatten in Offenburg eine Ferienwohnung und dachten daran, dort später ihren Alterswohnsitz zu nehmen. Der Unfalltod meines Vaters im August 1990 durchkreuzte diesen Plan. Manche Orte bewahren die Zukunft, die eine Familie einmal entworfen hatte. Freiburg und Offenburg tragen für mich seither auch diese abgebrochene Möglichkeit in sich. Ein Weg durch die Salzstraße kann Jahrzehnte öffnen, ohne dass sich an den Fassaden viel ändern müsste.

Die Buchhandlung zum Wetzstein wurde 1978 gegründet und über viele Jahre von Thomas Bader geprägt. Nach seinem Tod 2014 führt Susanne Bader die Buchhandlung weiter und bewahrt ihr zugleich die Fähigkeit zur Veränderung. Thomas Bader, geboren 1942, starb viel zu früh. Die Erinnerung an ihn hängt weniger an einer einzelnen Anekdote als an der besonderen Form, in der er Bücher auswählte, empfahl und inszenierte. Er verkaufte keine beliebigen Titel. Sein Sortiment war ein Urteil.

Im Abschiedsband erinnert Paul Ege an einen Buchhändler, der Empfehlungen ohne Gefälligkeit gab und die Grenzen seines Programms nicht für jede Bestellung aufgab. Die Lesungen folgten einer strengen Ordnung: Um zwanzig Uhr wurde die Tür geschlossen; Zuspätkommende mussten draußen bleiben. Zugleich gehörten diese Abende zu den legendären Freiburger Literaturveranstaltungen. Friedrich-Wilhelm von Herrmann beschreibt Thomas Bader als kundigen Gesprächspartner der Philosophie. In der entsprechenden Abteilung erhielten Heidegger, Husserl und Eugen Fink einen besonderen Rang. Bücher standen dort nicht nur im Regal. Sie waren Ausgangspunkte für Gespräche, Briefwechsel und langjährige geistige Beziehungen.

Eine Handschrift, die weiterreist

Zu Thomas Bader gehört seine Handschrift. Sie ist unverwechselbar: weit ausschwingend, konzentriert und leicht geneigt, als bliebe auch der geschriebene Satz noch in Bewegung. Vor Jahren kaufte ich ein ganzes Konvolut mit Zitaten in dieser Schrift. Schiller, Goethe, Hölderlin und andere Autoren standen auf einzelnen Blättern und zierten lange die Wände meines Hauses. Später übernahm meine Stieftochter Katarina die Sammlung – in Erinnerung an ihre Mutter, die Thomas Baders Arbeit ebenfalls sehr schätzte.

Im Wetzstein liegt nun der „Immerwährende Wetzstein-Kalender“. Das fotografierte Exemplar stammt aus der fünften Auflage von 2023, gedruckt in 500 nummerierten Exemplaren. Es trägt die Nummer 487. Gestaltung und Schrift führen Thomas Bader über seinen Tod hinaus in die Gegenwart der Buchhandlung.

Aufgeschlagen ist der August. Theodor Storm beginnt:

„Ein Blatt aus sommerlichen Tagen,
ich nahm es so im Wandern mit.“

Später erinnert das Blatt daran, „wie grün der Wald“ war, den der Wanderer durchschritt. Der Vers passt fast zu genau. Gestern lagen die Blätter am Weg zum Hochfirst. Heute stehen sie in Thomas Baders Schrift auf einer Kalenderseite, mitten in Freiburg. Ein Kalender ordnet gewöhnlich die Zeit. Dieser bewahrt sie. Die Monate kommen wieder, die Jahre wechseln, die Handschrift bleibt. Und mit ihr kehren Menschen zurück, die fehlen.

Saig liegt auf dem ersten Tisch

Dann geschieht jene kleine Fügung, für die gute Buchhandlungen gebaut sind. Gleich auf dem ersten Tisch liegt „Das Dorf der Visionäre. Aufbruch in die Bundesrepublik 1927–1947“ von Rainer Bayreuther und Gunilla Eschenbach. Das Buch erzählt, wie das Schwarzwalddorf Saig über dem Titisee in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zu einem Treffpunkt von Künstlern, Philosophen, Wissenschaftlern, Unternehmern und politischen Akteuren wurde. Am Vortag waren wir bei unserer Hochfirst-Wanderung am Saiger Kreuz vorbeigekommen. Saig lag am Rand des Weges: ein Name auf Schildern, eine offene Höhe über dem Wald, Häuser und Wiesen zwischen Titisee und Hochfirst. Nun liegt das Dorf als Buch vor uns.

Der Auftakt folgt dem jungen Dichter Uli Klimsch, der im Sommer 1919 mit der Schwarzwaldbahn am Bahnhof Titisee ankommt. Er verlässt den See, steigt durch den Hochwald hinauf und erreicht über tausend Meter Höhe die offene Landschaft von Saig. Nach der Enge des Waldes treten Wiesen, Höfe, ein Kirchlein und der Blick in die Ferne hervor. Die Beschreibung wirkt wie eine historische Doppelbelichtung unserer eigenen Tour. Auch wir hatten den See verlassen, waren unter der Bahn hindurch in den Wald gestiegen und hatten oben erlebt, wie sich die Landschaft öffnet. Zwischen Klimschs Ankunft und unserer Wanderung liegt mehr als ein Jahrhundert. Der Weg hat seine Dramaturgie behalten.

Das Buch versammelt in Saig Namen, die auf den ersten Blick kaum in ein Hochschwarzwalddorf passen: Martin Heidegger, Edmund Husserl, Otto Dix, Marie Luise Kaschnitz, Hanns Martin Schleyer. Spätere Kapitel führen zu Walter Eucken, Leonhard Miksch und den Debatten über Marktordnung, Preisfreigabe und die wirtschaftliche Verfassung der entstehenden Bundesrepublik. Dabei widersteht das Buch der Verführung durch einen einzigen Gründungsakt. Der sogenannte „Saiger Beschluss“ erscheint als spätere Legende. Historisch ergiebiger sind die Gespräche, Begegnungen, Freundschaften, Affären und zufälligen Überschneidungen, die sich über Jahre in diesem kleinen Ort verdichteten. In einem algorithmisch sortierten Laden wäre der Fund eine Empfehlung. Im Wetzstein wirkt er wie eine Antwort. Gestern waren wir den Weg hinaufgegangen. Heute liefert die Buchhandlung die Geschichte dazu.

Unter den Bögen der Ravennabrücke

Auf der Rückfahrt zum Titisee verlassen wir die Straße noch einmal und fahren zum Parkplatz an der Ravennaschlucht. Für eine lange Tour reicht der Nachmittag nicht mehr. Ein kurzer Weg genügt. Die Ravennabrücke steht mit ihren mächtigen Steinbögen über dem Tal. Ihre Pfeiler teilen Wald und Himmel in große geometrische Flächen. Oben verläuft die Bahnstrecke, unten verschwindet der Weg zwischen Fichten.

An einem Pfeiler wacht Johannes Nepomuk, der Brückenheilige. Die Figur steht hoch an der Mauer, über ihr ein funktionales Metalldach, unter ihr eine Tafel mit der Frage: „Wer war Nepomuk?“ Mittelalterliche Schutzidee und moderne Befestigungstechnik haben sich auf eine eigentümlich praktische Lösung geeinigt.

Wir gehen ein Stück in die Schlucht. Das Licht wird schwächer, die Luft feuchter, der Verkehr verstummt. Bald übernimmt das Wasser die Akustik. Es fällt über Steine, sammelt sich, beschleunigt wieder. Der Wasserfall ist kein monumentales Schauspiel. Er gehört zu jener kleineren Form des Naturerlebnisses, die Aufmerksamkeit verlangt und gerade dadurch länger im Gedächtnis bleibt. Über uns trägt das Viadukt die Eisenbahn durch den Schwarzwald. Unten folgt das Wasser seinem älteren Weg. Zwischen beiden bewegen wir uns für eine kurze Strecke zu Fuß.

Am Abend erreichen wir wieder den Titisee. Im Gepäck liegt das Buch über Saig. Der Wetzstein-Kalender ist auf den August geöffnet, Storms sommerliches Blatt begleitet den Tag. Gestern führte der Weg über das Saiger Kreuz. Heute lag Saig in Freiburg auf dem ersten Tisch. Nun reist das Dorf als Buch zurück an den See. Die Landschaft hat begonnen, ihre eigene Geschichte mitzulesen.

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