
Seit Jahrzehnten verfolge ich ein Phänomen, das jedem Prognosemodell der VWL den Rang abläuft: Nicht die Konjunktur macht die Menschen optimistisch – oft ist es umgekehrt. Erst eine aufgehellte Stimmung ist der Antriebsmotor für die Volkswirtschaft. Wer das ernst nimmt, muss sich heute weniger über einzelne Quartalszahlen wundern als über die wachsende Kluft zwischen öffentlicher Rhetorik und gelebter Erfahrung.
In den Kommentaren zur ersten Veröffentlichung fiel nun ein treffender Hinweis: Goodharts Gesetz. Sobald eine Kennzahl zur Zielgröße wird, verliert sie ihren Informationswert. Das gilt für Geldmengen in der Zentralbankpraxis ebenso wie für „Stimmung“ im politischen Betrieb. Wer Stimmungen managen will, sorgt häufig dafür, dass sie unkenntlich werden – weil Menschen spüren, dass hier nicht mehr verstanden, sondern gesteuert werden soll. Aus dem Seismografen wird ein Instrument der Kulisse.
Die Selbständigen als Frühwarnsystem – und warum sie gerade nicht an „Aufbruch“ glauben
Man sieht das gerade exemplarisch bei den Soloselbständigen und Kleinstunternehmen. Der Jimdo-ifo-Geschäftsklimaindex ist im Dezember auf -23,7 Punkte gefallen; sowohl Lagebeurteilung als auch Erwartungen verschlechterten sich. Dazu kommt ein Wert, der in der politischen Debatte viel zu selten vorkommt, aber ökonomisch alles erklärt: Unsicherheit. 34,3 % der Befragten fällt es schwer, die eigene Geschäftsentwicklung vorherzusagen – deutlich mehr als in der Gesamtwirtschaft (23,8 %).
Und die Erwartungen für 2026 sind ein Konzentrat dieser Nervosität: 35,3 % rechnen mit einer Verschlechterung, nur 14 % mit einer Verbesserung; der Rest erwartet Stillstand. Das ist keine „schlechte Laune“. Das ist die nüchterne Bilanz von Menschen, die jeden Monat beweisen müssen, dass ihre Rechnung aufgeht.
Wolf Lotter: Der Verdacht, dass es „oben“ egal ist – und warum das so toxisch wirkt
Wolf Lotter reagierte auf meine erste Veröffentlichung mit einem Satz, der hängen bleibt, weil er nicht wirtschaftlich, sondern politisch-psychologisch ist: der Verdacht, es sei dem Bundeskanzler „völlig wurscht“ – und eine schlechte Lage für Selbständige manchen in der Politik womöglich sogar recht.
Ob man diese Zuspitzung teilt oder nicht: Sie trifft einen Nerv. Lotter argumentiert seit langem gegen die reflexhafte Abwertung von Selbständigkeit und verweist auf die kulturelle Schieflage, in der Selbständige schnell als Problem, selten als produktive Infrastruktur der Gesellschaft gesehen werden. Genau diese Wahrnehmung – „wir sind unsichtbar“ – findet sich inzwischen auch organisiert wieder: Der VGSD warnt mit Blick auf 2026 vor einem möglichen „stillen Sterben“ kleiner Unternehmen und fordert Reformen bei Statusfeststellung, Beitragsbemessung, Aktivrente und privater Altersvorsorge.
Das ist die Stelle, an der Stimmung und Konjunktur sich berühren: Wenn eine große Gruppe wirtschaftlich relevanter Akteure den Eindruck gewinnt, politisch nicht vorzukommen, wird aus Vorsicht Investitionsverzicht – und aus Investitionsverzicht wird Wachstumsschwäche. Nicht, weil jemand „pessimistisch sein will“, sondern weil die Zukunft in der Kostenrechnung keinen Rabatt kennt.
Welchering und die Barmer: Wenn Systeme Vertrauen verbrauchen
In dieselbe Kerbe schlägt ein X-Posting von Peter Welchering, der mit seiner Krankenkasse um Hilfsmittel streitet, um trotz Schwerhörigkeit weiter lehren zu können – und die Ausflüchte der Bürokratie als „atemberaubend“ beschreibt.
Hier geht es nicht um Einzelfälle als Anekdote, sondern um ein strukturelles Muster: In einem System, das Solidarität verspricht, aber in der Praxis oft wie Zuständigkeits-Schach wirkt, wird Vertrauen zur Mangelware.
Ich kenne das aus eigener Erfahrung: Meine Krankenkasse mag mich – so mein Eindruck – spätestens seit meinen Fragen zur Leistungsfähigkeit dieser Organisation nicht mehr. Welchering ging der bei der Barmer noch der Frage nach, was ein Vorstandschef so nach Hause bringt. Allein die Grundvergütung lag 2024 bei 351.805 Euro, die Gesamtvergütung bei 358.957 Euro. Das ist nicht „Skandal“ um des Skandals willen. Es ist eine Frage der Proportionen – und der Signale, die ein System an seine Beitragszahler sendet.
ÖRR-Problem im Gesundheitswesen: Fragmentierung plus Selbstbedienungsanreize
Bei den gesetzlichen Krankenkassen zeigt sich eine Struktur, die man sonst aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk kennt: Viele Einheiten, Monster-Gremien, schwer durchschaubare Verantwortung – und oben eine Vergütungslogik, die sich erstaunlich gut gegen den Alltag der Versicherten immunisiert.
Ein Blick auf die nackten Zahlen ist ernüchternd:
- Brutto-Verwaltungs- und Verfahrenskosten (2024): 15,98 Mrd. Euro
- Erstattete Verwaltungskosten: 3,35 Mrd. Euro
- Netto-Verwaltungskosten: 12,63 Mrd. Euro
- Persönliche Verwaltungskosten: 10,80 Mrd. Euro
- Beschäftigte insgesamt (ohne Eigenbetriebe): 132.250
Und zur Struktur: Der GKV-Spitzenverband weist für 01. Januar 2026 noch 93 gesetzliche Krankenkassen aus!!!!! Der Gesetzgeber erlaubt pro Kasse Vorstände von bis zu zwei Personen (bis 500.000 Mitglieder) bzw. bis zu drei Personen (darüber).
Hefte raus: Selbst wenn nur ein Teil der Kassen mehrköpfige Vorstände hat, landet man rasch jenseits des Zahlenraums bis 100. Und selbst wenn man die genaue Summe nicht zentral ausgewiesen bekommt: Die Möglichkeitsstruktur ist eindeutig – viele Apparate, viele Spitzen, viele Schnittstellen. In so einem System entsteht Dysfunktion nicht erst durch bösen Willen, sondern durch Reibungsverluste, Zielkonflikte und eine Kultur, die sich an internen Regeln wärmt, während draußen die Versicherten frieren.
Was das für Selbständige heißt: Bedingungen statt PR
Genau hier schließt sich der Kreis zur „Stimmung“. Wer Selbständigen 2026 „Aufbruch“ erzählt, ihnen aber gleichzeitig ein Sozialabgaben- und Bürokratielabyrinth zumutet, betreibt Stimmungspolitik – und zerstört damit die Stimmung als Information.
Für Selbständige heißt eine ernst gemeinte Wende:
- weniger Ungewissheit (Statusfeststellung entkrampfen, Scheinselbständigkeitsangst reduzieren),
- weniger Schikanen (verständliche Verfahren, klare Fristen, echte Rechtsklarheit),
- tragfähigere Sozialabgaben-Logik (Beitragsbemessung, die Einkommen realistisch abbildet – nicht willkürlich volatil),
- realistischere Finanzierungskanäle (Kreditzugang, Garantien, weniger Hürden),
- und erst danach Kommunikationskampagnen über „Zuversicht“.
Denn Zuversicht ist kein Plakat. Sie ist ein Nebenprodukt verlässlicher Institutionen. Und wenn Goodhart recht hat – und er hat oft recht –, dann gilt: Sobald Politik versucht, „Stimmung“ als Zielgröße zu optimieren, verliert sie die Fähigkeit, Stimmung als Frühindikator zu lesen. Dann bleibt nur noch: Zynismus. Und der ist, ökonomisch betrachtet, eine sehr teure Ressource.
Mehr zu diesem Thema in unserem Sohn@Sohn-Newsletter am Freitag, den 16. Januar 2026:
