Im Auftrag der Zivilgesellschaft oder doch nicht

Neulich, irgendwo zwischen Podiumsdiskussion und Pressemitteilung, ist sie mir wieder begegnet: DIE ZIVILGESELLSCHAFT. In Großbuchstaben natürlich, wie es sich für eine höhere moralische Instanz gehört.
„Die Zivilgesellschaft fordert…“, „Die Zivilgesellschaft lässt nicht locker…“, „Die Zivilgesellschaft wird das nicht hinnehmen…“

Man fragt sich unweigerlich:
Wer ist diese Person?
Wo wohnt sie?
Und vor allem: Hat sie eigentlich gefragt, ob ich zu ihr gehören will?

Wenn man genau hinschaut, tritt die Zivilgesellschaft meistens in freier Wildbahn in Gestalt eines Menschen mit Mikrofon auf, der ungefähr Folgendes sagt:
„Die Zivilgesellschaft akzeptiert das nicht.“

Übersetzung:
„Ich hätte das gern anders, und es klingt beeindruckender, wenn ich behaupte, alle stünden hinter mir.“

Das majestätische Wir der Wohlmeinenden

Früher gab es Könige, die sagten „Wir, von Gottes Gnaden“. Heute gibt es Sprecher*innen der Zivilgesellschaft, die sagen „Wir als Zivilgesellschaft“. Der Trick ist der gleiche: Man erhebt das eigene Interesse zur allgemeingültigen Wahrheit.

Warum „Ich will X“ sagen, wenn „Die Zivilgesellschaft fordert X“ doch gleich nach Verfassung, Grundgesetz und UNO-Resolution klingt? „Ich habe eine Meinung“ ist halt weniger sexy als „Die Zivilgesellschaft hat gesprochen“.

Dabei wäre ein wenig Ehrlichkeit so einfach:

  • Statt: „Die Zivilgesellschaft fordert mehr Beteiligung.“
    Einfach: „Ich möchte bei mehr Dingen mitreden.“
  • Statt: „Die Zivilgesellschaft duldet keinen Rechtsruck.“
    Ehrlicher: „Ich habe Angst vor bestimmten politischen Entwicklungen und will, dass ihr meiner Position zustimmt.“
  • Statt: „Die Zivilgesellschaft braucht bessere Rahmenbedingungen.“
    Wäre auch möglich: „Mein Verein hätte gern mehr Geld und weniger Stress.“

Aber nein. Es muss immer die große Bühne sein. Man sagt ja auch nicht „Mein kleiner Förderantrag will bewilligt werden“, sondern „Die Zivilgesellschaft braucht Ressourcen“.

Ross, Reiter und ein sehr nervöses Ich

Interessant ist, wie panisch die Zivilgesellschaft wird, sobald jemand nachfragt:
„Wer genau ist denn hier die Zivilgesellschaft? Wie viele Leute? Welche Gruppen? Welche Interessen?“

Dann wird es schnell neblig:

  • „Naja, ehrenamtlich Engagierte.“
  • „NGOs.“
  • „Menschen, die sich einsetzen.“
  • „Alle, die guten Willens sind.“

Also im Grunde: jede*r, der sich spontan angesprochen fühlt. Oder anders: Die Zivilgesellschaft ist der Joker, den man zieht, wenn man keine Lust hat, die eigenen Interessen klar zu benennen. „Ich“ ist ja so wahnsinnig unhandlich. Da muss man sich erklären: Wer bin ich, was will ich, warum profitiere ich davon? Viel zu konkret.

„Die Zivilgesellschaft“ dagegen schwebt über allem. Sie ist immer auf der richtigen Seite. Die Zivilgesellschaft ist nie kleinlich, nie egoistisch, nie genervt, nie erschöpft. Und schon gar nicht widersprüchlich. Obwohl sie in Wahrheit aus Menschen besteht, die all das selbstverständlich sind.

Die moralische Superflatrate

„Im Namen der Zivilgesellschaft“ lässt sich besonders gut schimpfen. Das ist so eine Art moralische Flatrate:

  • Wenn man empört ist: „Die Zivilgesellschaft ist entsetzt.“
  • Wenn man beleidigt ist: „Die Zivilgesellschaft fühlt sich übergangen.“
  • Wenn man noch ein bisschen Öffentlichkeit braucht: „Die Zivilgesellschaft wird weiter Druck machen.“

„Ich bin entsetzt“ könnte ja eventuell als persönliche Befindlichkeit durchgehen. „Die Zivilgesellschaft ist entsetzt“ klingt dagegen nach Staatsaffäre, Untersuchungsausschuss und Notfallsitzung in Brüssel.

Nebenbei hat es auch etwas ungemein Praktisches: Wenn die „Zivilgesellschaft“ spricht, muss niemand Verantwortlichkeit übernehmen. Sollten sich später herausstellen, dass die Forderung vielleicht doch nicht so brillant war – tja, Pech. Dann hat halt „die Zivilgesellschaft“ falsch gelegen. Wer genau? Ach, schauen Sie, ein Vogel!

Zivilgesellschaftliches Genöhle

Hinzu kommt dieses eigentümliche Tonfall-Set, das an „zivilgesellschaftliche Intervention“ gekoppelt ist. Es klingt immer ein bisschen nach:

  • enttäuschter Elternsprechtag,
  • leichter moralischer Oberlehrerei
  • und einer Prise passiv-aggressiver Pädagogik.

„Die Zivilgesellschaft ist irritiert.“
Natürlich ist sie das. Die Zivilgesellschaft ist IMMER irritiert. Sie hat einen Dauer-Irritationslevel von 7 auf 10, mindestens. Sonst käme sie ja gar nicht dazu, ständig Forderungen zu formulieren.

Dazu kommt dieses Grundrauschen des Genöhles:
„Wir als Zivilgesellschaft werden nicht weiter hinnehmen, dass…“
„Es kann nicht sein, dass die Zivilgesellschaft…“
„Die Zivilgesellschaft fühlt sich nicht ausreichend eingebunden…“

Vielleicht bin ja nur ich es, aber langsam klingt das wie ein Chor aus sehr engagierten, sehr erschöpften Menschen, die aber um Himmels willen nicht zugeben wollen, dass sie in erster Linie für sich selbst sprechen. Weil das ja irgendwie egoistisch wäre. Oder banal. Oder beides.

Sagt doch einfach „Ich“

Dabei wäre die Lösung radikal schlicht: Sagt doch einfach „Ich“.

  • „Ich will, dass mein Verein mehr Geld bekommt.“
  • „Ich will, dass diese Regel geändert wird, weil sie mir schadet.“
  • „Ich will, dass meine Werte in der Politik stärker vertreten sind.“

Das wäre transparent. Greifbar. Man könnte darüber reden, verhandeln, widersprechen. Man könnte sagen: „Okay, du willst X, ich will Y, wie kommen wir da zusammen?“ Man könnte Interessen benennen, Ross und Reiter.

Stattdessen wird so getan, als spreche man für einen unsichtbaren, aber moralisch unanfechtbaren Massenkörper, der alles legitimiert, was man selber gerne hätte.

Die Zivilgesellschaft als Schminkspiegel

Am Ende ist „die Zivilgesellschaft“ oft nur ein hübscher Schminkspiegel für das eigene Ego: Man schaut hinein, sagt „Wir“, und sieht sich selbst, aber mit Heiligenschein.

Vielleicht wäre das ehrlichere Statement:

„Ich bin ein Mensch mit Interessen und Überzeugungen.
Ich hätte gern, dass ihr mir zuhört.
Und ja, ich weiß, dass ich nicht ‚die Gesellschaft‘ bin, sondern nur ein Teil davon.“

Das klingt weniger feierlich, aber deutlich sympathischer als das zivilgesellschaftliche Dauerpathos.

Bis dahin werden wir wohl weiterhin damit leben müssen, dass auf jedem Podium, in jeder Talkshow und in jeder zweiten Pressemitteilung regelmäßig verkündet wird, was die Zivilgesellschaft angeblich so denkt, fühlt und fordert.

Ich für meinen Teil erkläre hiermit feierlich:
Ich bin gerade einfach nur genervt.
Nicht „die Zivilgesellschaft“.
Nur ich.

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