
Die Reaktionen auf meine jüngsten Berichte über das vergessene Grab von Johann Joseph Eichhoff und die chronisch verkapselte Lage des Bonner Stadtmuseums sind vielstimmig, klarsichtig und – das vielleicht Bemerkenswerteste – geprägt von einer Bürgerlichkeit, die längst unter Verdacht steht: Gemeinsinn, Bildungshunger, kulturelle Verantwortung. Es sind Stimmen, die sich nicht mit Betroffenheit begnügen, sondern das Benennbare benennen. Und sie kommen nicht aus den Kulissen parteipolitischer Inszenierungen, sondern von Menschen, die sich im besten Sinne dem urbanen Erbe verpflichtet fühlen – wie Claus Recktenwald und Michael Gassmann.
Was beide in ihren Kommentaren beschreiben, ist mehr als ein kulturpolitisches Desaster. Es ist der Zusammenbruch einer städtischen Idee. Bonn, das sich einst selbstbewusst „Bundesstadt“ nannte, ist im Begriff, zur erinnerungslosen Verwaltungsmaschine zu verkommen – mit Pressesprech statt Präsenz, mit Prozessrhetorik statt Programmatik, mit einem Stadtmuseum, das von sich selbst nichts mehr zeigen will.
Claus Recktenwald bringt es auf den Punkt: „Weil es hier im Moment kaum Stadtgesellschaft gibt.“ Diese Diagnose trifft nicht nur das Museum. Sie beschreibt den Zustand einer kommunalen Öffentlichkeit, die von ihren Repräsentanten auf Selbstverwaltung reduziert wurde. Wo Gemeinsinn sein müsste, herrscht Zuständigkeit. Wo das Gespräch mit den Bürgern beginnen sollte, wird auf ein Beteiligungsportal verwiesen. Die Stadt, die einmal Beethoven hervorbrachte, lässt heute die Grabstätte Eichhoffs verwahrlosen – ein Sinnbild für das ganze Elend.
Der Mangel an Neugier, Bildungshunger und historischer Tiefe zieht sich durch die Kulturverwaltung wie ein grauer Faden durch ein blasses Tuch. Michael Gassmann schreibt treffend: „Das Stadtmuseum ist Opfer einer ideenarm ideologisierten, andererseits handwerklich unzulänglichen Kulturpolitik geworden.“ Das ist nicht zu hart formuliert – es ist zu milde. Denn es war nicht Unfähigkeit allein, sondern Ignoranz im System: Die Nachfolger Ingrid Bodschs flohen, verstummten oder wurden – wie der aktuelle Amtsinhaber – „an subalterner Stelle versteckt“. Man wollte kein Museum, man wollte Ruhe.
Diese „Ruhe“ ist keine gesellschaftliche Friedensformel, sondern Ausdruck eines autoritativen Kulturverständnisses, das sich hinter scheinpartizipativen Worthülsen verschanzt: Beteiligung, Diversität, Aktivismus. Und während man von „aktivistischen Museen“ spricht, werden die Türen verschlossen, Archive eingesargt, Porträts aus dem Depot verbannt. Der Widerspruch ist offenkundig: Man vernagelt die Erinnerung – und nennt es Öffnung.
Claus Recktenwald, der als Vorsitzender des Bonner Anwaltvereins einst Kulturinstitutionen nicht nur besuchte, sondern sichtbar machte, erinnert daran, dass es einmal üblich war, auf die Häuser zuzugehen – auf Menschen wie Andreas Eckard, Marianne Pitzen, Christina Vegh, Stephan Berg, Ingrid Bodsch. Diese Menschen öffneten ihre Schatzkammern nicht, weil es Anträge gab, sondern weil es Gespräche gab. Heute fehlt nicht das Budget. Es fehlt die Haltung.
Diese Haltung muss zurückgewählt werden – und zwar dort, wo sie ihre politische Grundlage hat: in der Stadtspitze. Die Kommunalwahl 2025 ist nicht irgendeine Routineentscheidung über Verkehrsplanung und Baulandentwicklung. Sie ist ein Referendum über die Frage, ob Bonn weiterhin geschichtsblind, erinnerungsschwach und kulturvergessen regiert werden soll – oder ob eine neue Generation das Ruder übernimmt, die weiß, dass eine Stadt ohne Gedächtnis keine Zukunft hat.
Es geht nicht um ein Porträt oder ein Grabmal. Es geht um die Wiedergewinnung urbaner Würde. Das Gedächtnis der Stadt liegt in Kisten. Die Verantwortung liegt auf dem Wahlzettel.
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