
Der Irrtum beginnt leise. Er beginnt mit einem wohlmeinenden Blick in den Lebenslauf. Da stehen dann die richtigen Stationen, die passenden Namen, die üblichen Orte: Gymnasium, Gap Year, Ausland, Praktikum bei der Versicherung, duales Studium bei der Bank. Und ganz hinten, fast schon im Footer: Motivation, Teamgeist, Leidenschaft. Es ist der perfekte Lebenslauf – perfekt im Sinne dessen, was wir darunter zu verstehen gelernt haben. Er ist glatt, anschlussfähig, kompatibel. Und: Er ist ein Problem.
Joachim Gutmann nennt dieses Problem nicht neu. Aber er benennt es mit einer Klarheit, die im HR-Kosmos selten geworden ist. Der langjährige Herausgeber des „Jahrbuchs Personalentwicklung“ seziert im Vodcast Zukunft Personal Nachgefragt das Phänomen der selektiven Blindheit, das sich in allzu vertrauten Auswahlprozessen zeigt. Wenn Menschen Menschen auswählen, so Gutmanns These, dann suchen sie nicht nach Eignung, sondern nach Ähnlichkeit. Was ihnen selbst vertraut ist, erscheint geeignet. Was abweicht, wird aussortiert.
Es ist eine Ähnlichkeitsökonomie, die nicht nur Chancen kostet, sondern auch gesellschaftliche Realitäten verzerrt. Gutmann spricht dabei nicht aus dem Elfenbeinturm, sondern aus jahrzehntelanger HR-Praxis. Seine Diagnose: Die Rekrutierungskultur vieler Unternehmen ist nostalgisch, nicht zukunftsfähig. Sie rekrutiert für ein Gestern, das sich als Morgen tarnt. Der Preis ist hoch: ungenutzte Talente, struktureller Bias, verlorene Innovationskraft.
Besonders drastisch wird es, wenn Gutmann über Frührentner, Selbstständige und Migranten spricht. Wer mit 55 arbeiten will, muss sich rechtfertigen. Wer als Solo-Selbstständiger tätig ist, gilt als Grauzone. Und wer mit einem ausländischen Abschluss nach Deutschland kommt, darf erstmal Formulare sortieren. Die deutsche Ordnungspolitik, so Gutmann, vernichtet Ressourcen. Nicht fahrlässig. Politisch hausgemacht.
Gutmann identifiziert vier Stellschrauben, an denen gedreht werden müsste, wollte man die Arbeitswelt wirklich neu justieren:
Qualifizierte Zuwanderung, nicht als Notnagel, sondern als planvolle Politik.
Gründerinnen-Förderung, die Familie und Unternehmertum versöhnt.
Freiwilliges Weiterarbeiten, ohne steuerliche Strafen.
Quereinstiege, die sich nicht an der Legende des nahtlosen Lebenslaufs orientieren.
Am deutlichsten wird Gutmann, wenn er sagt: „Talent hängt nicht mit 17 am Abitur.“ In einer Welt, die sich permanent neu erfindet, ist es absurd, Menschen anhand von Standards der Vergangenheit zu selektieren. Künstliche Intelligenz, so seine Hoffnung, könnte hier helfen. Nicht als allwissender Algorithmus, sondern als korrektiv gegen den menschlichen Tunnelblick. „Menschen suchen das, was ihnen ähnlich ist – Maschinen nur, wenn wir sie falsch programmieren.“
Gutmanns Perspektive ist nicht systemfeindlich, sondern systemisch. Er will nicht die Abschaffung der Wirtschaft, sondern ihre Erweiterung. Wenn Unternehmen von „atmenden Strukturen“ sprechen, dann meint er: eine Umgebung, die auch Solo-Selbstständige integriert, statt sie zu kriminalisieren. Wenn von „Transformation“ die Rede ist, dann meint er: einen Kulturwandel, der Ernst macht mit Vielfalt, Erfahrung und Ungewöhnlichem.
Manches klingt beinahe trivial – bis man erkennt, wie wenig davon umgesetzt wird. Die Zahl der Gründungen ist rückläufig, die Debatte über Einwanderung mit Vorurteilen belastet, die politische Diskussion über Selbständigkeit ist misstrauisch statt ermutigend. Und die Hoffnung auf Diversität wird von Vorstandsbildchen konterkariert, die wirken, als kämen sie alle aus einem einzigen Dorf.
Am Ende seines Ausblicks auf die Zukunft Personal Europe 2025 wird Gutmann keine Folie zeigen, sondern einen Appell formulieren: Wer verstehen will, wohin sich Arbeit bewegt, sollte nicht nur Buzzwords studieren. Er sollte im September vom 9. bis 11. September nach Köln kommen. Zum Austausch, zum Widerspruch, zur Weiterentwicklung.
Joachim Gutmann liefert kein Manifest. Aber er liefert das, was oft fehlt: einen Realitätscheck. Und manchmal ist das revolutionärer als jede Vision.
#ZPNachgefragt-Sendung, die am Dienstag live ausgestrahlt wurde, läuft wie Bolle:
