Wo der Tod Raum fordert: Erinnern, lieben, bleiben – Willi Achten im Gespräch in Bonn-Duisdorf

Es begann mit einem Wissen, das keiner aussprach.
Dass es hier um das Ende gehen würde. Um den Tod – unausweichlich, ja, aber nicht als Zusammenbruch, sondern als leises Ausschwingen einer Welt, die noch einmal in voller Gegenwärtigkeit aufleuchtet, ehe sie verlöscht.

Am Samstagabend, im kleinen, gastlichen Rahmen von Bonn-Duisdorf, empfingen Paul Remmel und ich den Schriftsteller Willi Achten.
Er kam nicht als Vortragender, sondern als Zeuge.
Sein neuer Roman Die Einmaligkeit des Lebens (Piper Verlag) legt davon Zeugnis ab: vom Verlust der Brüderlichkeit, von der Zerstörung der Heimat, vom langsamen, würdevollen Untergang dessen, was einmal Halt war.

Brüder und der Schatten des Judas

Simon und Vinzenz Brougen – zwei Brüder aus dem fiktiven Ort Kirschrath, irgendwo am Rande der Tagebaulandschaften – wachsen auf in einer Welt, die noch Halt zu geben scheint: Fußball, Ministrantenleben, elterlicher Obsthof.
Und doch lauert unter der Oberfläche schon die Erschütterung.

In einer Szene, die Willi Achten während des Gesprächs fast beiläufig, aber mit schwerer Bedeutung schilderte, passiert es:
Simon reißt aus unbedachter Leidenschaft die Judasfigur vom Altar.
Nicht ein Weltkrieg, nicht Napoleon hat dieses Kunstwerk zerstören können – sondern eine einzige unsichere Geste eines Jungen, geblendet von der Nähe zu Martha, der Tochter des Bestatters.

Vinzenz richtet die Figur.
Es ist eine der leisesten und gleichzeitig größten Geste von Brüderlichkeit, die sich später, als das Sterben anbricht, wie ein dunkles Echo umkehrt.

„Wie geht Sterben?“ – Das unausweichliche Gespräch

2017 kehrt Vinzenz heim.
Doch nicht als der Heimkehrer, der Frieden sucht, sondern als einer, dessen Körper bereits von innen her untergraben wird.
Ein Glioblastom.
Ein Tumor, der wächst, der „Raum fordert“, wie die Ärzte es nennen – und diese Sprache der Kälte wird bei Achten zur zentralen Metapher.

„Die Raumforderung draußen im Revier, die Raumforderung im Kopf meines Bruders – es gibt keinen Unterschied“, sagte Achten in Bonn-Duisdorf.
„Beides sind Maschinen, die etwas Lebendiges verdrängen.“

Vinzenz, der einst Simon gestützt hatte, wird nun selbst zum Haltlosen.
Er bittet, verzweifelt, fast trotzig: „Simon, verdammt, wie soll das gehen?“
Sterben – eine Aufgabe, für die es keine Handreichung gibt.

Kirschrath – Das verlorene Land

Während Vinzenz leidet, wird auch die Heimat der Brüder aufgelöst.
Kirschrath, das Obstland, die Kirche, die Straßen – alles fällt den Baggern zum Opfer.
„Die Heimat verschwand nicht mit einem Knall“, so Achten, „sie rieselte davon wie Sand in einer kaputten Sanduhr.“

Und in diesem Verschwinden zeigte sich eine zweite Schuld:
Die katholische Kirche, einst moralisches Rückgrat der Gemeinde, habe, so Achten, „ihre Liegenschaften verkauft wie ein beliebiges Grundstück. Ohne Kampf, ohne Widerstand.“
Wieder war es Verrat – diesmal nicht aus Versehen, sondern aus Berechnung.

Martha – Das leise Gegenbild

Martha, die stille Gefährtin aus Kindheitstagen, bleibt in diesem Roman eine Erscheinung zwischen Nähe und Entzug.
Ihre Beziehung zu Simon bleibt schwebend, offen, von Zuneigung durchwirkt und doch nie eingelöst.

Eine Szene in der Klinik, die Achten während des Gesprächs mit einer fast körperlichen Intensität beschrieb, bleibt unvergesslich:
Martha legt Simon die Hand auf den Rücken – und durch das leise Heben und Senken ihres Bauches spürt er ihre Tränen.
Nichts wird ausgesprochen, nichts dramatisiert.
Und doch ist alles gesagt.

Willi Achten hat keinen Roman über Heldentum geschrieben.
Er hat keinen Trost anzubieten, keine versöhnende Pointe.
Die Einmaligkeit des Lebens ist ein Buch über den Tod – aber es erzählt von ihm mit einer solchen Sanftheit, dass selbst der Abschied zu einem Teil des Gelebten wird.

Simon kann Vinzenz nicht retten.
Er kann ihm nur beistehen.
Und manchmal, im größten Verlust, ist genau das das Größte.

Nachklang eines Abends

Als das Gespräch endete und die Kameras verstummten, war nichts abgeschlossen.
Wie das Dorf, das verschwindet, aber noch nach Erde riecht.
Wie der Bruder, der stirbt, aber noch im Herzschlag lebt.

In Bonn-Duisdorf haben wir an diesem Abend nichts festgehalten.
Aber wir haben erinnert.

Und vielleicht, ganz vielleicht, ist das, was bleibt, nicht weniger als alles.

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