
Vor sechs Jahren wurde Miguel Abrantes Ostrowski noch wie ein Spinner und Nestbeschmutzer behandelt. Das kann man einer „Würdigung“ seines Buches im „General Anzeiger“ entnehmen, erschienen am 6. Mai 2004:
„Was ist von einer Veröffentlichung zu halten, die laut Verlag aus dem Stand jede Menge Reaktionen vom begeisterten Hallelujah bis zur wüsten Beschimpfung ausgelöst und sich innerhalb von sechs Wochen schon 15 000 Mal verkauft hat? Und die die Medien einerseits als witzig-frech geschrieben loben, andererseits als frauen-, ja menschenverachtend verreißen. Er habe in seinem Buch ‚Sacro Pop. Ein Schuljungen-Report‘ nur zu Papier gebracht, worüber sich Absolventen einer jesuitischen Internatsschule heute noch ‚zu 75 Prozent genauso austauschen‘, sagt handzahm Autor Miguel Abrantes Ostrowski, ein inzwischen 32-jähriger Vertragsschauspieler in Freiburg. ‚Uns ist das Werk bekannt. Wir geben keine offizielle Stellungnahme dazu ab‘, so die Reaktion des Bad Godesberger Aloisiuskollegs. Im Internat des katholischen Traditionsgymnasiums an der Elisabethstraße hatte Abrantes die Jahre 1983 bis ’93 verbracht, die er jetzt, zwar leicht verfremdet, aber umso schillernder beschreibt. In flockigem Ton bietet er all die Anekdötchen an, in denen sich die Internatsjahrgänge der Achtziger und Neunziger im Rückblick nur allzu gerne wiedererkennen: Wie ein auf dem Schulhof geparkter VW-Käfer polizeilichen Bombenalarm auslöste. Wie des Sportlehrers Boxer regelmäßig den Fußball zerbiss. Wie der Kunstlehrer beim Montags-Klassenausflug nach Köln verzweifelt am verschlossenen Museum Ludwig rüttelte. Wie als Abi-Gag Wannen von Mehl auf den fröhlich singenden Lehrerchor herabregneten. Und wie die verliebten Jungs ihren Angebeteten vom Clara-Fey-Gymnasium zu imponieren versuchten. Etwa indem sie auf dem Rheinauen-See ‚den muskulösen Gondoliere raushängen ließen‘. Sobald Mädchen im Spiel sind, gehen dem Autor heute noch die Fantasien eines pubertierenden Pennälers durch. ‚Wir hatten als Internatsschüler halt so was von Fußballstadion, Südkurve‘, argumentiert Abrantes. ‚Mit den Fiktionen des Herrn Abrantes haben wir nichts zu tun‘, wehrt die Ako-Leitung ab. ‚Ich klage nicht an, hab‘ ja auch keinen Schaden genommen. Das ist keine Abrechnung‘, stapelt der Autor nun tief, berichtet dann aber doch, er habe gehört, dass seine Schule die Rechtslage prüfen lässt. Junge Literatur müsse einfach provokant und frech daherkommen, betont Michael Zylka vom Essener Prokom Verlag. Der Schauspieler selbst sucht derzeit für sein Buch nach einem viel diskutierten Auftritt in Freiburg noch einen Lesungsort in Bonn. ‚Mein Traum wäre ja die Ako-Kirche‘, meint Abrantes, der im Gespräch die ‚zu 75 Prozent gute Ako-Erziehung‘ würdigt, die aber wenig Niederschlag in seinem Buch findet. Letztlich habe er mit seinem Erstling auch ein pädagogisches Prinzip der Jesuiten in die Tat umgesetzt: alle Kräfte unbeirrt auf eine Sache zu richten“, so die etwas lapidare Buchbesprechung im Bonner General Anzeiger (kein Ruhmes-Blatt für den GA!) Damals lautete die Stellungnahme der AKO-Leitung: „Mit den Fiktionen des Herrn Abrantes haben wir nichts zu tun“.
Heute klingen die offiziellen Verlautbarungen ganz anders. Nach der Publikation eines ehemaligen AKO-Schülers aus dem Jahre 2004 habe das Kolleg sofort reagiert. Im Auftrag des Ordens seien auch hier „unter Zusicherung größter Vertraulichkeit und Diskretion“ Gespräche mit Ehemaligen über die in dem Buch angedeuteten vermeintlichen Übergriffe geführt worden, so Pater Schneider. Auch hier hätten die Akten bald schon geschlossen werden können. Selbstverständlich stehe er auch weiterhin für Gespräche zur Verfügung, könne und dürfe aus Gründen unabhängiger Untersuchungen jedoch nicht selber ermitteln, sondern werde dies immer einer unabhängigen Person oder Institution übertragen.
