Warum Corporate Influencer gerade in der Krise zeigen, ob ein Unternehmen kommunikativ erwachsen ist #ZPNord

Solange die Konjunktur trägt, die Auftragsbücher ordentlich aussehen und das Management seine Botschaften in freundlicher Umgebung platzieren kann, gilt Kommunikation in vielen Unternehmen als eine Art Begleitmusik des Erfolgs. Dann werden Interviews gegeben, Leitbilder formuliert, Werte plakatiert und auf LinkedIn jene kleinen, wohltemperierten Einblicke in den Arbeitsalltag kuratiert, die Zustimmung erzeugen, ohne allzu viel Risiko zu bergen. Erst in der Krise zeigt sich, was davon Substanz hatte.

Genau hier liegt der Kern des Gesprächs mit Klaus Eck auf der Zukunft Personal Nord. Corporate Influencer wirken im guten Wetter angenehm. Ihre eigentliche Bedeutung entfalten sie aber, wenn Gegenwind aufkommt. Dann entscheidet sich, ob ein Unternehmen bloß einige aktive LinkedIn-Gesichter besitzt oder ob es tatsächlich ein belastbares Kommunikationssystem aufgebaut hat. Die Differenz ist beträchtlich. Das eine ist Sichtbarkeit. Das andere ist Vertrauenskapital.

Denn die Krise stellt jede Organisation vor dieselbe unangenehme Frage: Gibt es in diesem Unternehmen Menschen, die glaubwürdig sind, weil sie schon vor dem Problem da waren, oder versucht man erst im Ernstfall, Glaubwürdigkeit künstlich zu beschaffen? Der Unterschied ist sofort sichtbar. Vertrauen lässt sich nicht ausrollen wie ein Notfallplan. Es entsteht vorher, in der Routine, in der wiederholten Verständlichkeit, in der Erfahrung, dass ein Unternehmen nicht nur sendet, sondern seine eigene Belegschaft und seine Umwelt ernst nimmt.

Nicht die Influencer lösen die Krise aus, sondern das Schweigen

Eck beschreibt dabei einen bemerkenswerten Befund: In Deutschland ist bislang keine Krise durch Corporate Influencer ausgelöst worden. Das ist deshalb interessant, weil in vielen Unternehmen noch immer die alte Angst vorherrscht, zu viele sprechende Mitarbeitende könnten zur unkontrollierbaren Gefahrenquelle werden. Tatsächlich zeigt die Praxis eher das Gegenteil. Nicht die aktive Kommunikation hat sich als problematisch erwiesen, sondern das fehlende Vertrauen, die schlechte Abstimmung und die häppchenweise Preisgabe von Informationen.

Die eigentliche Schwäche vieler Organisationen liegt somit nicht in zu viel Offenheit, sondern in zu wenig innerer Sicherheit. Wo Menschen im Unternehmen nicht wissen, was geschieht, entstehen Gerüchte. Wo das Management spät, unklar oder taktisch kommuniziert, füllen Medien, Märkte und Flurfunk die Lücken. Wo der Betriebsrat nicht eingebunden ist, die interne Kommunikation stockt und nur die offizielle Sprachregelung kreist, beginnt jenes Misstrauen zu wachsen, das später nur noch mit großem Aufwand eingefangen werden kann.

Corporate Influencer ersetzen diese offizielle Krisenkommunikation nicht. Sie sollen es auch nicht. Sie sind weder Pressestelle noch Notfallstab. Ihre Funktion liegt woanders: Sie tragen zur Verständlichkeit des Unternehmens bei. Sie halten Beziehung, wo andere nur Botschaften aussenden. Sie schaffen Nähe, wo formale Statements oft kühl oder defensiv wirken. Gerade deshalb werden sie in der Krise nicht als Täter wahrgenommen, sondern als Sympathieträger. Nicht weil sie das Unternehmen schönreden sollen, sondern weil sie sichtbar machen, dass Organisationen aus Menschen bestehen und nicht nur aus Verlautbarungen.

Die Krise ist ein Test der Unternehmenskultur

Darin steckt eine weiterreichende Einsicht. Krisenkommunikation ist nie bloß eine Frage des Wortlauts. Sie ist immer auch ein Test der Unternehmenskultur. Ein Unternehmen, das intern nicht sauber kommuniziert, wird extern kaum souverän wirken. Ein Unternehmen, das seine Belegschaft erst informiert, wenn schon die Lieferanten vor der Tür stehen oder der Pförtner nach dem morgigen Fortbestand fragt, hat nicht in erster Linie ein PR-Problem. Es hat ein Führungsproblem.

Eck benennt diesen Punkt sehr präzise. Die Mitarbeiterschaft vertraut dem Unternehmen und seiner Führung grundsätzlich oft stärker, als man von außen vermutet. Dieses Vertrauen ist ein Vermögenswert. Aber es schrumpft schnell, wenn in kritischen Situationen der Eindruck entsteht, dass nicht gesprochen, sondern taktiert wird. Das gilt im Besonderen für Branchen im Umbruch: Industrie, Automobil, Zulieferer, energieintensive Sektoren. Dort, wo Restrukturierungen, Kostendruck und Stellenabbau die Wirklichkeit prägen, ist jede kommunikative Nachlässigkeit sofort ein kulturelles Signal.

Deshalb ist der Satz wichtig, dass man Krisenkommunikation nicht erst in der Krise erfinden kann. Wer nicht vorher geklärt hat, wer auf welchem Kanal welche Rolle übernimmt, wer intern informiert wird, wann der CEO spricht, wann der offizielle Kanal führt und wo Corporate Influencer sinnvoll begleiten, wird im Ernstfall hektisch. Und Hektik ist in der Krise fast immer ein Verstärker des Problems.

Die stille Leistung der Vielfalt

Von hier führt der Gedanke direkt zum zweiten, politisch aufgeladenen Thema des Gesprächs: der sinkenden Relevanz von Diversity. Dass das Thema derzeit aus dem Vordergrund gerückt ist, überrascht nicht. Konjunkturelle Schwäche, Stellenabbau, geopolitische Unsicherheit und der alte Reflex auf vermeintliche „Wohlfühlthemen“ drängen viele Unternehmen zurück in eine Sprache der Nützlichkeit, als müsse nun wieder das Harte gegen das Weiche verteidigt werden. Diversity gerät in solchen Phasen schnell unter Verdacht, dekorativ oder verzichtbar zu sein.

Gerade darin zeigt sich jedoch eine erstaunliche Kurzsichtigkeit. Denn Vielfalt ist nicht nur ein moralischer Zusatznutzen. Sie ist auch eine Form institutioneller Klugheit. Unternehmen, die sich in ihrer Kommunikation zu homogen aufstellen, verlieren Resonanzräume. Unternehmen, die nur denselben Typus sprechen lassen, verengen ihre Anschlussfähigkeit. Unternehmen dagegen, die über Corporate Influencer verschiedene Generationen, Funktionen, Lebenslagen und berufliche Biographien sichtbar machen, stärken nicht nur ihr Bild nach außen. Sie machen intern kenntlich, dass Unterschiedlichkeit zur realen Struktur des Unternehmens gehört.

Eck weist zu Recht darauf hin, dass Corporate-Influencer-Programme gerade hierin einen leisen, aber wirksamen Beitrag leisten können. Sie bringen Vielfalt nicht als Kampagnenbegriff, sondern als gelebte Sichtbarkeit in die Organisation zurück. Nicht über Hochglanzmotive, sondern über konkrete Personen. Nicht durch Verordnung, sondern durch Präsenz. Das ist kommunikativ oft wirksamer als jede Diversity-Broschüre, weil es nicht behauptet, sondern zeigt.

Wenn Recruiting pausiert, bleibt Bindung entscheidend

Hinzu kommt eine arbeitsmarktpolitische Pointe, die oft unterschätzt wird. Auch wenn in manchen Branchen derzeit weniger rekrutiert wird, bleibt Employer Branding relevant. Das wirkt nur auf den ersten Blick widersprüchlich. Denn wer in wirtschaftlich unsicheren Zeiten nicht massiv einstellt, muss dennoch die Menschen halten, die er halten will. Mitarbeiterbindung wird damit wichtiger, nicht unwichtiger.

Genau hier gewinnen Corporate Influencer neue Bedeutung. Nicht nur als Instrument der Außenwirkung, sondern als Element innerer Stabilisierung. Sie können Change-Prozesse verständlicher machen, Managemententscheidungen einordnen, den kulturellen Ton eines Unternehmens prägen und Anschlussfähigkeit erzeugen, wo sonst nur Top-down-Kommunikation bliebe. Das ist in einer Phase, in der viele Belegschaften verunsichert sind und zugleich der demographische Druck weiter wächst, alles andere als nebensächlich.

Denn der vermeintliche Übergang vom Arbeitnehmer- zum Arbeitgebermarkt ist, wie Eck andeutet, womöglich nur eine Zwischenphase. Der demographische Wandel arbeitet weiter. Der Abfluss der Boomer wird nicht ausbleiben. Wer jetzt allein auf kurzfristige Marktentspannung setzt und seine Kommunikations- und Bindungsinstrumente zurückfährt, spart an einer Stelle, an der er bald wieder teuer einkaufen muss.

Die Ökonomie der Glaubwürdigkeit

Es liegt daher nahe, Corporate Influencer nicht länger bloß als freundliches Add-on des Recruitings zu betrachten. Sie sind Teil einer breiteren Ökonomie der Glaubwürdigkeit. Sie kosten Zeit, etwas Struktur, etwas Betreuung, etwas strategische Klarheit. Aber sie sind, verglichen mit vielen anderen Kommunikationsmaßnahmen, ein erstaunlich günstiges Instrument – vorausgesetzt, man begreift ihre Logik richtig.

Sie sind keine ausgelagerte PR-Armee. Kein Krisenschutzschild im technischen Sinn. Kein Ersatz für Führung. Und schon gar nicht dürfen sie zu 24-Stunden-Sendern im Dienste der Unternehmenskultur umfunktioniert werden. Wo das versucht wird, kippt Glaubwürdigkeit in Instrumentalisierung. Ihre Stärke liegt gerade darin, dass sie keine Sprechautomaten sind, sondern glaubwürdige Akteure innerhalb eines größeren Zusammenhangs.

Die Krise ist deshalb der Moment, in dem ein Unternehmen erfährt, ob es nur Reichweite organisiert hat oder ob es tatsächlich Beziehungen aufgebaut hat. Wer dann nur auf offizielle Kanäle starrt, hat die Gegenwart nicht verstanden. Wer aber weiß, wie CEO, Führung, interne Kommunikation, Betriebsrat, offizielle Kanäle und Corporate Influencer zusammenspielen, besitzt einen seltenen Vorteil: Er kann Vertrauen nicht erzwingen, aber er hat es vorbereitet.

Und genau das dürfte in den kommenden Jahren zum eigentlichen Unterschied werden – nicht nur in der Krise, sondern lange davor.

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