
Deutschland will Elektromobilität. Deutschland will „Hochlauf“. Deutschland will Zukunft. Und dann kommt die Realität. In Prozent. 1,3 % der Haushalte unter 2.600 Euro Nettoeinkommen besitzen 2023 ein E-Auto oder Plug-in-Hybrid.
13,4 % der Haushalte ab 5.000 Euro besitzen eins. Zehnmal so viel. Zehnmal.
Das ist nicht „nur“ Statistik. Das ist Politik, die sich als Markt tarnt. Das ist ein Verteilungsmechanismus mit Ladeanschluss.
Und jetzt, als Pointe: Ab 2026 soll wieder gefördert werden – Kauf oder Leasing, Bonus für Familien, Bonus für niedrigere Einkommen. So steht es in der Mitteilung.
Klingt nett. Klingt gerecht. Klingt nach Korrektur.
Ist aber im Kern: weiter am Symptom herumsubventionieren, statt an der Struktur zu bauen.
Denn die gleiche Mitteilung sagt auch: Wer elektrisch fährt, fährt oft neu oder geleast. Fast die Hälfte neu gekauft (48,5 %), fast die Hälfte geleast (45,2 %), Gebraucht nur 15,2 %.
Heißt: Wir fördern genau das Segment, das ohnehin Zugang hat: Neuwagen, Leasing, Firmenwagenlogik, Liquidität.
Wir fördern die Eintrittskarte, nicht den Eingang.
Die Wallbox als soziales Grenzobjekt
Die Wallbox ist kein Gerät. Die Wallbox ist ein Besitzstand.
Sie hängt an der Fassade des Einfamilienhauses wie ein Emblem: Hier wohnt Anschlussfähigkeit.
Und das ist der Skandal, der so banal wirkt, dass man ihn fast übersieht:
Etwa 80 % der Elektroautos werden zu Hause geladen.
Super. Nur: Zuhause ist nicht gleich Zuhause.
Etwa 70 % der Wohnungen liegen in Mehrparteienhäusern, oft vermietet – und genau dort wird Laden zum Drama: Eigentümerversammlung, Vermieterblockade, Netzkapazität, Kostenumlage, Haftungsfragen. Drei Jahre Diskussion für eine Wallbox, während die Politik vom „Hochlauf“ spricht.
Das ist keine Transformation. Das ist Standbild.
Und dann wundert man sich, dass Menschen sagen: Ich würde ja – aber ich kann nicht.
Elektromobilität als Privilegienmobilität.
„Öffentlich laden“ ist nicht gleich „öffentlich laden“
Es gibt sie ja, die Infrastruktur: gut 160.000 öffentliche Ladepunkte (1. Januar 2025), davon knapp 36.000 Schnellladepunkte. Und trotzdem: regionale Schieflagen. Ostdeutsche Länder dünner versorgt, Bayern/Baden-Württemberg dichter. Im Schnitt 7 Minuten zur nächsten öffentlich zugänglichen Ladesäule, in Ballungsräumen 2–5, in dünn besiedelten Regionen teils bis 30.
Aber selbst wenn die Säule da ist: Der Markt macht daraus oft ein Tariflabyrinth.
Wer keine Hausstrom-Idylle hat, zahlt drauf – finanziell und zeitlich.
Und so wird aus dem „öffentlichen Netz“ kein commons, sondern ein Flickenteppich aus Zugangshürden.
Der zentrale Förderfehler: Wir subventionieren Autos, nicht Systemwechsel
Es ist diese typisch deutsche Verwechslung:
Man hält Stückzahlen für Fortschritt.
Ja, 2025 waren 30,0 % der Neuzulassungen elektrisch (BEV oder Plug-in).
Und ja, 856.500 neue elektrische Pkw, davon 545.100 BEV (19,1 % aller Neuzulassungen).
Das klingt nach Bewegung.
Aber die Besitzstatistik sagt: In den Haushalten sind es insgesamt 6,0 % (2023).
Und die Einkommensverteilung sagt: Unten fast nichts, oben sehr viel.
Das ist der Riss. Das ist die Sollbruchstelle der Mobilitätswende.
Denn Mobilität ist Infrastruktur. Und Infrastruktur ist: Zugänglichkeit, Preislogik, Regeln, Standardisierung, Betrieb. Nicht: einmalig Geld auf den Kaufvertrag und dann „Viel Glück“.
Die bessere Logik: Laden dort, wo die Autos stehen – und zwar lange
Und hier kommt die Stelle, an der es plötzlich einfach wird. Fast unverschämt einfach.
Auf dem Green Monday wurde die Gegenidee sichtbar: Ladehubs in Parkhäusern (Konzept von Karl Grote). Die Frage, die alles entlarvt: Was macht das Parkhaus nachts?
Antwort: Es steht rum. Es hat Raum. Es hat Ordnung. Es hat Zufahrten. Es ist gebaut.
Und das Auto? Steht auch rum. Meist länger als 22 Stunden am Tag.
Also: langsames, kontinuierliches Laden statt Schnelllade-Hysterie.
Systemisch gedacht: Parken + Laden + Lastmanagement + faire Tarife.
Das ist nicht „Anti-Wallbox“. Das ist Post-Wallbox.
Weil es die Mehrparteien-Realität ernst nimmt, statt sie mit Einfamilienhausbildern zu übertönen.
Was jetzt gefördert werden müsste (wenn man’s ernst meint)
Gebäudelösungen in Mehrparteienhäusern: Standardpakete, Genehmigungsvereinfachung, Umlagemodelle, Betriebskonzepte.
- Quartiershubs: Parkhäuser, Garagenkomplexe, Mobilitätsstationen – mit einfacher Nutzerführung.
- Tarif-Fairness: weniger Vertragswildwuchs, mehr Transparenz, weniger Strafpreise für die ohne Eigenheim.
- Second-hand-Elektrifizierung: Gebrauchtmarkt stärken, sonst bleibt E-Mobilität Neuwagenmilieu.
Sonst kommt genau das raus, was die Destatis-Zahlen schon heute zeigen:
Ein grüner Fortschritt, der sozial nach hinten rausfällt.
Das trifft die Berliet Realität voll auf den Kopf. Selbst Reihenhaussiedlungen haben hier ein Problem. Das Kabel zur möglichen Wallbox muss erstmal am Weg des Nachbarn vorbei verlegt werden. Ist nicht mal nur ein Problem von Mietshäusern..