Wachstum in der Sackgasse oder am Wendepunkt? Was wir aus den Nobelpreisen und der #NEO25 Session mit Heinz D. Kurz lernen können @NobelPrize

Aus Stockholm in den Livestream – Nobelpreise als Stresstest für die Wirtschaftsordnung

Im Livestream der Next Economy Open setzt sich ein vertrautes Bild durch. Auf der einen Seite eine Welt, die scheinbar im Stau steht, Stagnation in Deutschland, Produktivitätsflaute in vielen Industrieländern, politisch ausgelaugte Reformdebatten. Auf der anderen Seite ein Professor, der mit der Gelassenheit eines langen Forscherlebens erklärt, warum drei Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaft gerade jetzt unbequem aktuell sind. Heinz D. Kurz spricht über Joel Mokyr, Philippe Aghion und Peter Howitt, führt sie zu Joseph Schumpeter zurück und macht daraus keine akademische Feierstunde, sondern eine nüchterne Lageanalyse des Kapitalismus.

Die eingangs gestellte Frage, ob Nobelpreise überhaupt noch in die Zeit passen, beantwortet sich im Verlauf der Session von selbst. Sie passen, wenn man sie nicht als Weihrauch für eine Zunft liest, sondern als verdichtete Theorieangebote für eine aus dem Tritt geratene Wirtschaftspolitik. Der rote Faden der drei geehrten Forscher ist die Auseinandersetzung mit einer einfachen, aber folgenreichen Frage. Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass sich ein Teil der Welt auf einen Pfad dauerhaften Wachstums begibt, während der Rest über Jahrhunderte stationär bleibt. Und weshalb scheint dieser Pfad heute an Dynamik zu verlieren.

Wissen als Institution – Die Gelehrtenrepublik als frühe Next Economy

Joel Mokyr beantwortet die erste Frage, indem er den Fortschritt selbst zum Gegenstand macht. Statt Wachstum als Ergebnis von Kapitalakkumulation und Arbeitskräftezuwachs zu behandeln, rekonstruiert er die Entstehung einer Kultur, die neuartige, als nützlich verstandene Wissensproduktion ermöglicht. Kurz greift diese Linie im NEO Gespräch auf, wenn er von der europäischen Kleinstaaterei und der Gelehrtenrepublik spricht. Politische Fragmentierung zwingt die Herrscher, um Talente zu werben. Akademien, Gesellschaften, später Fachzeitschriften und Enzyklopädien senken die Zugriffskosten auf Wissen. Naturphilosophie wird durch Figuren wie Francis Bacon stärker auf praktische Problemlösung ausgerichtet. Propositional Knowledge, das Wissen warum etwas funktioniert, verbindet sich mit Procedural Knowledge, dem Wissen wie man es anwendet. Aus dieser Verbindung entsteht die eigentliche Infrastruktur der Moderne, lange bevor der erste Dampfkolben sich bewegt.

Damit ist ein Kernpunkt berührt, der für Führungskräfte und Wirtschaftspolitiker entscheidend ist. Wissen ist kein beliebig ersetzbarer Input, sondern eine Institution. Wer Organisationen führt, führt immer auch Wissenssysteme. Die Frage ist dann weniger, wie hoch der nächste Investitionszuschuss ausfällt, sondern ob die eigene Organisation Strukturen hat, die neues Wissen erzeugen, verteilen und testen können. In dieser Perspektive sind Forschung, Bildung, Datenqualität, interne Lernarchitektur und externe Netzwerke kein Kostenblock, der zu verschlanken ist, sondern das eigentliche Betriebssystem der Wertschöpfung.

Für Staaten folgt daraus eine vergleichbare Verschiebung. Bibliotheken, Hochschulen, unabhängige Forschungseinrichtungen und offene digitale Wissensplattformen gehören nicht in die Restgröße der Kulturpolitik, sondern in den Kern der Wirtschaftsstrategie. Eine Gesellschaft, die hier spart, darf sich über Innovationsschwäche nicht wundern.

Macht und Märkte: Was Aghion und Howitt über kreative Zerstörung lehren

Die Arbeiten von Philippe Aghion und Peter Howitt ergänzen diesen kulturhistorischen Zugriff um eine präzise Theorie der endogenen Dynamik. Sie beschreiben Innovation nicht als anonymen Restposten, der von außen in eine Volkswirtschaft fällt, sondern als Ergebnis bewusst handelnder Unternehmer, die in Forschung investieren, um temporäre Marktmacht zu erzielen und dabei andere verdrängen. Das ist nichts anderes als eine formalisierte Fassung dessen, was Schumpeter kreative Zerstörung genannt hat.

Kurz arbeitet in der NEO Session zwei Konsequenzen heraus, die für heutige Debatten zentral sind. Innovation erzeugt Gewinner und Verlierer. Jede neue Technologie erodiert Renten und Positionen derjenigen, die auf der alten Technik sitzen. Und etablierte Unternehmen haben starke Anreize, radikale Neuerungen zu blockieren, aufzukaufen oder zu verzögern. Je stärker Märkte monopolisiert sind, desto geringer ist die Bereitschaft, das eigene Geschäftsmodell selbst zu unterminieren. Das gilt für die historischen Grundbesitzer, die neue landwirtschaftliche Verfahren bekämpften, ebenso wie für heutige Plattformkonzerne, die Startups integrieren, um deren Erfindungen vom Markt verschwinden zu lassen.

Für die wirtschaftspolitische Praxis folgt daraus eine unbequeme Einsicht. Wettbewerbs und Industriepolitik sind nicht zwei getrennte Disziplinen, sondern zwei Seiten derselben Aufgabe. Wer Wachstumschancen eröffnen will, muss beides zugleich können, Märkte so strukturieren, dass Eintritt und Experimentieren möglich sind, und zugleich jene Formen von Marktmacht begrenzen, die Innovation ersticken. Kurz verweist auf Forschungsergebnisse, die einen umgekehrten Zusammenhang zwischen Wettbewerbsintensität und Innovationsrate zeigen. Bei zu wenig Konkurrenz ruht sich der Monopolist aus, bei zu viel Konkurrenz fehlt die Luft zum Investieren. Produktive Dynamik entsteht im mittleren Bereich, in dem der Anreiz groß genug ist, sich von den anderen abzuheben, ohne ständig ums Überleben kämpfen zu müssen.

Führung im Zeitalter der kreativen Zerstörung – Auftrag an Unternehmen und Führungskräfte

Aus der Perspektive eines Managementdenkers liegt hier der operative Auftrag. Unternehmen können sich nicht darauf verlassen, dass der Staat das Innovationsumfeld in ihrem Sinne optimiert. Sie müssen sich die Frage stellen, ob sie in ihrer eigenen Branche als Treiber oder als Blockierer auftreten. Wer jede potenziell disruptive Einheit reflexartig einkauft, nur um sie einzuhegen, betreibt kurzsichtige Risikoabwehr und sägt langfristig am eigenen Fundament. Wer dagegen bewusst Strukturen schafft, in denen interne und externe Neuerer Raum erhalten, kann sich selbst zum Moderator der kreativen Zerstörung machen, statt ihr ohnmächtig ausgeliefert zu sein.

Das betrifft nicht nur Forschungsbudgets und Beteiligungen, sondern die gesamte Organisation. Leistungsbewertung, Karrierewege, Fehlerkultur, Kooperation mit Startups und Hochschulen, die Gestaltung von Datenarchitekturen, all das entscheidet darüber, ob ein Unternehmen tatsächlich zum Teil eines lebendigen Wissenssystems wird oder nur vorhandene Routinen verwaltet. In der Logik der Nobelpreisträger ist Stillstand kein neutraler Zustand, sondern eine aktive Entscheidung gegen zukünftige Optionen.

Der Blick auf Deutschland – Stagnation als Ergebnis von Prioritäten

Der zweite Auftrag richtet sich an die Wirtschaftspolitik im engeren Sinn. Gegen Ende der Session wird Kurz nach einer Ableitung für die Bundesrepublik gefragt. Seine Antwort ist bemerkenswert nüchtern. Eine Volkswirtschaft, die ihr begrenztes Überschussprodukt vornehmlich konsumtiv verwendet, kann nicht dauerhaft innovationstreibend wirken. Wenn öffentliche Haushalte Investitionen in Bildung, Infrastruktur, Forschung und Unternehmensgründungen zugunsten laufender Ausgaben zurückfahren, verschwindet die materielle Basis für das, was Mokyr und Aghion beschreiben. Stagnation ist dann kein Überraschungseffekt, sondern das Ergebnis einer schlichten Prioritätensetzung.

Damit ist die Ausgangsfrage der Session neu zu stellen. Es geht nicht um Wachstum oder kein Wachstum in einem abstrakten Sinn, sondern um die Struktur, aus der Wachstum entsteht. Ein System, das vor allem aus Verteilungskämpfen um bestehende Renten besteht, mag kurzfristig stabil erscheinen, verliert aber jene Fähigkeit zur Anpassung, die moderne Kapitalismen stark gemacht hat. Ein System, das bewusst in Wissensinfrastruktur, Gründungsökosysteme, Wettbewerb und Qualifizierung investiert, wächst vielleicht moderater in alten Kennzahlen, gewinnt aber an Resilienz und Innovationskraft.

Nobelpreise als Kompass – Warum die Auszeichnung noch in die Zeit passt

Der Ertrag der NEO25-Session mit Heinz D. Kurz liegt nicht darin, dass sie abschließende Antworten gibt. Ihr Wert liegt in einer Verschiebung des Blickwinkels. Nobelpreise sind in dieser Lesart keine Ehrentitel für vergangene Leistungen, sondern Signale. Sie markieren Forschungsrichtungen, in denen Antworten auf aktuelle Probleme gesucht werden können. Mokyr erinnert daran, dass Kulturen des Wissens überhaupt erst geschaffen werden müssen. Aghion und Howitt zeigen, wie fragil die Dynamik der kreativen Zerstörung ist, wenn Interessen der Etablierten ungebremst bleiben. Kurz macht daraus eine konkrete Frage an deutsche Politik und Unternehmen. Haben wir die Institutionen, um neues Wissen tatsächlich produktiv werden zu lassen. Und sind wir bereit, die Konflikte auszuhalten, die mit jedem echten Innovationsschub verbunden sind.

In diesem Sinne passen Nobelpreise sehr genau in die Zeit. Sie liefern keine Rezepte, aber sie verschieben Koordinaten. Was daraus entsteht, entscheidet sich nicht in Stockholm, sondern in den Unternehmen, Verwaltungen und Bildungsinstitutionen, die aus solchen Einsichten Konsequenzen ziehen oder eben nicht.

Exkurs: Die Nobelpreis-Vorlesung als Programm für die Next Economy

In den Prize Lectures in Stockholm bringen Mokyr, Aghion und Howitt das auf den Punkt, was Heinz D. Kurz in der NEO-Session analytisch zuspitzt. Gleich zu Beginn formuliert das Nobelkomitee den gemeinsamen Nenner: Langfristiges Wachstum beruht auf technologischem Fortschritt, der sich als schöpferische Zerstörung entfaltet. Kreativ, weil neue Ideen entstehen, destruktiv, weil sie alte Strukturen obsolet machen.

Joel Mokyr wendet sich gegen die These vom ausgeschöpften „low hanging fruit“. Ja, Handel, bessere Institutionen und Kapitalakkumulation unterliegen abnehmenden Grenzerträgen. Aber für Wissen gilt das nur, wenn die Gesellschaft es so organisiert. Seine Botschaft ist provokant einfach: Wenn die positive Rückkopplung zwischen Wissenschaft und Technik weiter verstärkt wird, haben wir den Höhepunkt des Fortschritts noch nicht gesehen. Die eigentliche Knappheit liegt in passenden Institutionen, nicht in Ideen.

Genau hier setzt der zweite Teil der Vorlesung an. Mokyr benennt vier Bedingungen für anhaltende Innovation: starke Anreize für die „obere Spitze“ der Talente, ein offener Markt für Ideen, Freizügigkeit für kreative Köpfe und ein Staat, der weder erstickt noch sich zurückzieht, sondern rahmt und balanciert. Die Warnung ist klar: Technologischer Wandel beschleunigt sich, Institutionen passen sich langsamer an. Wenn politische Fragmentierung, Populismus und Anti-Immigrationspolitik diesen Anpassungsprozess blockieren, wird aus der Chance der künstlichen Intelligenz eine Wachstumsbremse. Genau diese Spannung zwischen technologischem Potenzial und institutioneller Trägheit steht im Zentrum der Debatte auf der Next Economy Open.

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