
Wie wird aus einem Outdoor-Produzenten ein Kreislauf-Pionier? Wie wechselt man von analog und linear zu digital und zirkulär – ohne den roten Faden zu verlieren? Die Antwort gab Oliver Mergens, Corporate Responsibility Manager bei Vaude, am sechsten Green Monday in den Räumen der GLS Bank in Bochum. Organisiert vom Smarter-Service-Institut, entwickelte sich die Session mit Vaude zu einem der diskursiv klarsten Momente des Abends – und zum stillen Gegenentwurf zur politischen Grobrhetorik, die sonst oft den Umbau der Wirtschaft begleitet.
Was Mergens präsentierte, war keine Werkschau eines Vorzeigeunternehmens, sondern ein Werkstattbericht des Zweifelns, Verwerfens, Wiederaufnehmens. Das Thema: Kreislaufwirtschaft – nicht als Narrativ, sondern als reale Produktionsumstellung.
Design as Decision
„Kreislaufwirtschaft beginnt im Design“, so Mergens. Das klingt nach Broschürensprache, doch die Praxis bei Vaude zeigt, wie sehr jede Naht, jede Faser, jeder Reißverschluss Teil eines größeren Systemwechsels ist. Vom Material über die Konfektion bis zur Rücknahme: Jeder Produktionsschritt wurde neu justiert. Und zwar nicht als Ersatz des Alten, sondern als bewusste Abkehr vom linearen Denken – von der Produktion hin zur Funktion. Vom Produkt zum System.
Das Unternehmen aus Tettnang agiert damit weit über die gesetzliche Mindestnorm hinaus. Es tut das nicht aus Altruismus – sondern aus strategischer Notwendigkeit. Denn wer die Zukunft des Marktes gestalten will, muss heute schon wissen, was seine Produkte morgen können. Oder nicht mehr dürfen.
Vom Produkt zur Plattform
Was bei Vaude entsteht, ist eine Kreislaufökonomie, in der Rücknahme nicht Rückschritt, sondern Wissensgewinn bedeutet. Reparaturzentren, digitale Produktpässe, Materialtracking, neue Kooperationen mit Dienstleistern: Das Unternehmen versteht sich nicht mehr nur als Hersteller, sondern als Knotenpunkt eines zirkulären Netzwerks.
„Wir sind nicht mehr der Startpunkt eines Produkts, sondern ein Moment im Kreislauf“, sagte Mergens. Diese Denkweise – radikal, aber realistisch – erfordert Mut zur Imperfektion. Denn nicht alles funktioniert auf Anhieb. „Manchmal ist der zirkuläre Weg länger, teurer, umständlicher“, so Mergens. Aber er sei resilienter – wirtschaftlich, ökologisch, kulturell.
Kreislaufwirtschaft als strategisches Betriebssystem
Der Auftritt von Vaude war mehr als ein Case. Er war eine Mahnung: Die ökonomische Zukunft entscheidet sich nicht in den bilanzpolitischen Flanken, sondern in den infrastrukturellen Tiefenschichten der Produktion. Es geht nicht nur um CO₂-Bilanzen und Rücknahmequoten, sondern um einen mentalen Systemwechsel – vom Beherrschen zum Integrieren.
Während in Berlin noch über Ressortzuständigkeiten für Kreislaufwirtschaft gestritten wird, liefert Vaude, was der Staat derzeit schuldig bleibt: ein kohärentes, funktionierendes Beispiel. Es macht sichtbar, was Professor Henning Wilts in der Eröffnung des Green Monday forderte: Kreislaufwirtschaft dürfe nicht in der „Abteilung 17c des Umweltministeriums“ versauern – sie müsse zur Chefsache im Kanzleramt werden.
Ernstfall Wirtschaft
Vaude steht damit exemplarisch für jene Unternehmen, die nicht auf Gesetzesänderungen warten, sondern auf Systemlogik setzen. Die aus Produktdaten Wirtschaftsdaten machen. Die aus Entsorgung Verantwortung ableiten. Und die das tun, bevor es im Markt belohnt wird – weil sie wissen: Der Umbau kommt sowieso. Die Frage ist nur, wer ihn mitgestaltet.
In diesem Sinne war die Session mit Vaude ein politisches Signal in Form eines Geschäftsmodells – und eine Einladung, das nächste Kapitel der Kreislaufwirtschaft nicht nur zu schreiben, sondern zu leben.