Überalterte Chefetagen lähmen den Aufschwung: Wenn Firmen keine Erben finden

Deutschland steckt nicht nur in einer klassischen Konjunkturflaute, sondern in einer strukturellen Sackgasse. So fasst Hermann Simon, der „Hidden-Champions“-Experte, die Lage zusammen. Klassische Rezessionsindikatoren wie ein schwaches Umsatzwachstum des Mittelstands kaschieren, dass tiefer liegende Probleme vorliegen: Eine alternde Unternehmerbasis, historisch niedrige Investitionsbereitschaft und ein verhaltener Gründergeist junger Talente. KfW-Analysen bestätigen, dass der deutsche Mittelstand zwar „auch in schwierigen konjunkturellen Zeiten eine hohe Resilienz“ zeigt, jedoch bei Investitionen historisch auf einem Tiefpunkt verharrt. Mit anderen Worten: Es wird weniger in die Zukunft investiert. Gleichzeitig steigt der Kostendruck, ohne dass Unternehmen das Wachstumskapital mobilisieren. Solche Symptome weisen weit über eine normale Konjunkturdelle hinaus auf eine tiefe Systemkrise.

Vergreisende Firmenleitungen und fehlende Nachfolgen

Ein zentrales Kennzeichen der Lage ist die Altersstruktur im Mittelstand. KfW-Research weist darauf hin, dass im Jahr 2024 mehr als 54 % aller Mittelstandsinhaber 55 Jahre oder älter waren – vor 20 Jahren betrug dieser Anteil nur etwa 20 %. Das durchschnittliche Alter der Inhaber liegt inzwischen bei über 54 Jahren (Gesamtbevölkerung: 44,6 Jahre). Weniger als jeder Zehnte im Mittelstand ist heute unter 40 – ein historisches Tief. Parallel dazu fehlen junge Nachfolger: Eine repräsentative KfW-Befragung zeigt, dass es zu wenige Interessenten gibt, die bestehende Unternehmen übernehmen möchten. Diese Schieflage führt zum von KfW-Experten beschriebenen Nachfolgeengpass. Sie stellen nüchtern fest: „Eng gekoppelt an die Alterung ist ein sich verschärfender Nachfolgeengpass. […] Eine ungeklärte Nachfolge wirkt wie eine Bremse auf die Investitionstätigkeit“. Ist die Nachfolge gelöst, so KfW-Chefvolkswirt Dr. Dirk Schumacher, löst sich auch die Investionsbremse.

Hermann Simon illustriert diese Lücke mit konkreten Beispielen: Im Sohn@Sohn-Adhoc-Interview nennt er einen 79-jährigen Metallbauer mit 23 Mitarbeitern ohne Nachfolger, ein 69-jähriges Ingenieursgenie ohne Nachfolger sowie einen 65-jährigen Weltmarktführer mit über einer Milliarde Euro Umsatz – ebenfalls ohne Nachfolger. Die Basis des Mittelstands bröckelt also: Immer mehr Unternehmer erreichen das Rentenalter, investieren kaum noch und finden keine Nachfolge. Die Folge ist, dass innovative Projekte liegen bleiben und erfahrene Firmen ohne nennenswerten Übergang geschlossen werden (teils sogar aus Frust über bürokratische Hürden). Nach KfW-Berechnungen planen bis Ende 2025 etwa 231.000 Unternehmer ihre Geschäftsaufgabe. Allein demografisch würde das in den nächsten Jahren Zehntausende von (oft gesunden) Unternehmen aus dem Markt fegen.

Gründergeist und Innovationstanzamkeit

Parallel zu den Nachfolgeproblemen fehlt es an neuem Unternehmergeist. Junge Talente meiden das Risiko der Selbstständigkeit: Schon heute „flüchtet die junge Generation ins Beamtentum und in Konzerne“, diagnostiziert Simon. In China heben bei seinen Vorträgen über 50 % der jungen Ingenieure die Hand, wenn er fragt, wer Hidden Champion werden wolle – in Deutschland nur etwa 5 %. Der Frust ist: Ein abgeschlossenes Studium oder gute Berufschancen garantieren ein sicheres Einkommen, Unternehmertum dagegen steht im Ruf, mit zu vielen Ungewissheiten behaftet zu sein. Die DIHK-Umfrage belegt: Viele qualifizierte Fachkräfte entscheiden sich „gegen eine Selbstständigkeit“, weil sie in Krisenzeiten lieber ein gesichertes Angestelltenverhältnis mit guten Konditionen wählen. Eine fehlende Kultur, sich selbständig zu machen, beschränkt nicht nur Start-ups: Sie lässt auch das Angebot an Nachfolgekandidaten für etablierte Unternehmen stark schrumpfen.

Die geringen Gründungszahlen bestätigen diesen Trend. Zwar vermeldet der KfW-Gründungsmonitor 2024 einen leichten Anstieg der Startup-Aktivitäten, doch das Niveau bleibt gering und lange nicht ausreichend, um die Lücke zu schließen. Statt unternehmerischer Erneuerung entsteht in Deutschland ein „mentaler Stillstand“: Die Forschung blüht an Universitäten, aber das Wissen fließt kaum in neue Geschäftsmodelle. In einem provokanten Vergleich stellt Simon fest, dass Bonn-Rhein-Sieg trotz sechs Exzellenzclustern und zahlreicher Forschungsinstitute nur zwei Drittel des Pro-Kopf-Einkommens Luxemburgs erreicht. Innovation bleibt in Deutschland oft Theorie, nicht Praxis.

Zusätzlich fehlt der Mut zu radikalen Innovationen. Die meisten Förderprogramme setzen auf technologische Zukunftsprojekte (E-Mobilität, Künstliche Intelligenz, Start-ups), während das unsichtbare Rückgrat der Industrie – die Hidden Champions im Maschinenbau, Anlagenbau oder Spezialchemie – kaum wahrgenommen wird. Simon kritisiert etwa, dass „Ministerien und Agenturen gar nicht wissen, dass es diese Unternehmen gibt“. Die Sprunginnovationsagentur mit 250 Mio. Euro Budget sei ein „lächerliches“ Gegenstück zu DARPA (4,5 Mrd.). Ohne einen Fokus auf die eigenständige Weiterentwicklung etablierter Mittelständler und ihre oft unspektakulären Nischenprodukte bleibt Deutschlands Innovationspolitik halbherzig.

Grenzen klassischer Wirtschaftspolitik

Vor diesem Hintergrund versagen klassische Rezepte: Steuererleichterungen, Konjunkturprogramme oder Bürokratieabbau greifen nur am Rand. Sie entlasten zwar Unternehmer finanziell, beseitigen aber nicht das Gründerproblem und die mangelnde Risikobereitschaft. KfW-Chefvolkswirt Dirk Schumacher bringt es auf den Punkt: „Die Unternehmen beweisen auch in schwierigen Zeiten eine hohe Resilienz. Das heißt allerdings nicht, dass es ihnen wirklich gut geht. […] Die Investitionsbereitschaft bleibt weiter gering“. Es fehlt nicht an Gewinnen oder kurzfristig verfügbaren Mitteln, sondern an Weitblick und Zuversicht, diese Mittel in neue Anlagen und Ideen zu investieren. Ohne ausreichend Nachfolger und Gründer verpuffen die Effekte von Investitionsanreizen: Selbst wenn Steuern sinken oder Zuschüsse fließen, bleiben Firmen zurückhaltend, wenn sie das operative Ende ihres Geschäfts fürchten.

Politische Debatten um Konjunkturpakete oder Zinsentscheidungen treffen damit am Thema vorbei. Wie Simon provozierend anmerkt, nützt höchste Exzellenzforschung wenig, wenn aus ihr „Wissen ohne Handeln“ wird. Stattdessen fordert er eine radikale Entbürokratisierung und vor allem Tempo bei Entscheidungen – Stichwort Ein-Gang-Verfahren für Nachfolgemeldungen oder verkürzte Genehmigungen. Nur so wird das Ruder herumgerissen.

Handlungsfelder und Forderungen

Das skizzierte Gesamtproblem verlangt gezielte Maßnahmen jenseits konventioneller Stellschrauben. Wir brauchen vor allem mehr Unternehmertum, nicht mehr Schulden. Konkrete Handlungsfelder sind:

  • Förderung von Unternehmensnachfolgen: Schaffung einer einheitlichen Anlaufstelle für Nachfolgeprozesse (eine zentrale Behörde oder Plattform), um Bürokratie zu reduzieren. Steuerliche Übergangsregelungen und Informationskampagnen müssen deutlich ausgebaut werden. Idee: Steuererleichterungen nur beim Erhalt des Betriebs (nicht beim Ausscheiden), Nachfolgeberater stützen, öffentliche Nachfolgebörsen lancieren. DIHK und KfW mahnen, das Nachfolgeverfahren zu entbürokratisieren und Altinhaber gezielt anzusprechen.
  • Mentalitätswandel bei jungen Talenten: Unternehmertum muss als Karriereoption Aufwertung erfahren. Entrepreneurship sollte in Schulen und Hochschulen systematisch gefördert werden – ähnlich wie Simon vorschlägt, Naturwissenschaftler praxisnah Business lehren zu lassen, etwa im Stil einer „Business School“ an Universitäten. Start-up-Module, Gründerstipendien und Ausbildungspartnerschaften zwischen Industrie und Hochschulen können jungen Menschen Mut machen. Es braucht eine Kultur, die Erfindergeist feiert und Scheitern als Lernchance definiert.
  • Innovationspolitik über Technologie hinaus: Förderpolitiken müssen weg von reinen Prestigeprojekten hin zu den Stärken der Industrie rücken. Dazu gehört stärkere Förderung produkt- und prozessbezogener Innovationen im Mittelstand (Infrastruktur, Produktionstechnik, Nachhaltigkeit). Statt nur Bälleroboter und Flugtaxis zu unterstützen, sollten die Nischenchampions entwickelt werden, auf deren Produkten ein Großteil des globalen Handels basiert Eine gezielte „Hidden-Champions-Strategie“ könnte Forschung, Marketing und Internationalisierungsmärkte für bewährte Firmen fördern. Innovationsfonds sollten nicht nur Zukunftstechnologie (KI, Quanten) finanzieren, sondern auch Verbesserungen in etablierten Bereichen.
  • Umbau der Förderkulisse für unternehmerisches Risiko: Deutschland muss eine risikofreudigere Förderlogik etablieren. Das heißt: Mehr Wagniskapital und Muttermal für Scheitern. Öffentliche Risikokapitalfonds könnten Venture-Capital-Investments größerer Art auflegen, Anreize für private Investoren schaffen. Die neue Sprunginnovationsagentur muss mit höheren Budgets und flexiblen Investitionskriterien ausgestattet werden. Auch Förderprogramme sollten stärker auf unternehmerische Visionen ausgerichtet sein (hohes Risiko, hohes Potenzial) statt vor allem verbrauchsarme Technologien. Die Verweisungsquote für erfolgreiche Nachfolgeprojekte sollte Belohnung sein, nicht Pflicht. Kurz: Es darf nicht mehr als „verschenktes“ Geld gelten, wenn etwas scheitert.

Deutschland fehlt heute nicht das Kapital oder die Technologie-Expertise, sondern der Mut zu Unternehmertum und nachhaltiger Erneuerung. Das zeigt sich an den konkreten Beispielen fehlender Nachfolger, junger Gründungsunlust und historischen Investitionsniveaus. Nur wenn Politik, Wirtschaft und Wissenschaft gemeinsam ein Umfeld schaffen, das Nachfolge erleichtert, Gründer beflügelt und mutige Innovation belohnt, kann Deutschland aus der Sackgasse herausfinden. Ohne diesen kulturellen und strukturellen Wandel drohen der deutschen Wirtschaft langfristig Stillstand und Schrumpfen – trotz jeder Steuererleichterung und jedes Konjunkturpakets.

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