
In den gegenwärtigen Diskussionen über künstliche Intelligenz herrscht ein eigentümlicher Dualismus: Einerseits wird KI als eine Maschine des Fortschritts verklärt, die mit nahezu magischen Fähigkeiten ausgestattet scheint. Andererseits schwingt in vielen Debatten eine tiefe Skepsis mit, gespeist von Kontrollverlust, Entfremdung und Unverständnis. Zwischen diesen Polen oszilliert auch der betriebliche Alltag – ein Alltag, in dem Innovation nicht von sich aus entsteht, sondern methodisch erzeugt, begründet und verankert werden muss. Die SAP-Podcast-Folge mit Beate Riefer vom SAP AppHaus bietet hierzu ein lehrreiches Beispiel: Sie zeigt, wie sich die Gestaltung von Business AI im Spannungsfeld von Sinnverstehen und Systemdenken vollzieht – nicht durch bloße Technikfaszination, sondern durch strukturierte Vermittlung und methodisches Vorgehen.
Beate Riefer beschreibt ihren Workshop zur Gestaltung von KI-Anwendungen nicht als kreatives Happening, sondern als einen methodischen Prozess mit klarer Zielorientierung. Der Workshop gliedert sich in vier Phasen: von der Analyse der Ist-Situation über die Identifikation von Verbesserungspotenzialen mithilfe sogenannter „Opportunity Cards“, bis hin zur Entwicklung konkreter Ideen (Idea Napkins) und der Ausarbeitung eines neuen Soll-Prozesses (To-Be Process). Was hier modellhaft erscheint, ist in Wahrheit eine disziplinierte Form der rationalen Weltgestaltung. Es geht nicht nur darum, neue Technologien zu implementieren, sondern sie verstehbar, anschlussfähig und damit handlungsleitend zu machen – durch Einbindung der betroffenen Akteure, durch strukturiertes Denken und durch den Versuch, verschiedene Wissensformen (technisch, funktional, erfahrungsbasiert) in ein operationalisierbares Ganzes zu überführen.
Riefers Haltung gegenüber generativer KI ist dabei bemerkenswert unaufgeregt. Nicht die Technologie selbst steht im Zentrum, sondern ihr Beitrag zur Lösung konkreter Probleme in real existierenden Prozessen. Sie spricht nicht von Superintelligenz, sondern von Textvorschlägen, automatisierter Dokumentensuche, effizienten Entscheidungswegen – alles innerhalb bestehender Arbeitsabläufe. Die Idee der „Embedded AI“, die sich nicht als singuläres Artefakt präsentiert, sondern als integrativer Bestandteil gewachsener Systeme, ist hier Ausdruck eines rational-gestaltenden Pragmatismus.
Zugleich ist dieser Zugang zutiefst aufklärerisch: Der Workshop wird zur Schule praktischer Vernunft, in der technische Möglichkeiten, betriebliche Realität und menschliche Erfahrung zusammengebracht werden. Die Rolle des Moderators ist nicht die des Wissenden, sondern des Möglichmachers – der Coach schafft Bedingungen für ein produktives Gespräch zwischen IT, Business und Nutzenden. So entsteht ein Raum, in dem nicht nur Ideen, sondern auch Vertrauen, Selbstwirksamkeit und kollektive Erkenntnis wachsen.
Dass dies nicht konfliktfrei geschieht, ist Teil der Wahrheit. Riefer spricht von „Kummerkastensituationen“, von Zeitdruck, unklaren Use Cases und fehlenden Schnittstellen zwischen Abteilungen. Hier offenbart sich ein zentrales Problem moderner Organisationen: Der technologische Fortschritt eilt den institutionellen Strukturen davon. Es fehlt nicht an Tools, sondern an geteiltem Verständnis. Die Workshops im SAP AppHaus erscheinen unter dieser Perspektive als Orte der Synchronisation – als kollektive Akte der Sinnstiftung und Koordination in einer fragmentierten Welt.
Diese Einsichten gewinnen zusätzliche Relevanz im Kontext des anstehenden SAP Learning and Adoption Forums am 25. Juni 2025 in Walldorf. Unter dem Motto „Activate Human Superpowers!“ soll dort diskutiert werden, wie Lernen, Wandel und Akzeptanz in SAP-Projekten neu gedacht werden können. Es ist ein bedeutungsvoller Schulterschluss: Die technische Durchdringung des Alltags ruft nach pädagogischer, organisatorischer und normativer Reflexion. Wer über „Superkräfte“ redet, muss auch über ihre Anwendung, Aneignung und Begrenzung sprechen.

So wie Beate Riefer das „menschenzentrierte Design“ entwirft, wird deutlich: Die Zukunft ist keine lineare Fortschreibung technischer Potenziale, sondern das Ergebnis sozialer Aushandlung, methodischer Disziplin und institutioneller Einbettung. Dabei zeigt sich auch, dass Herkunft nicht mehr länger über Zukunft entscheiden darf. Die Idee der Hyperindividualisierung, die jedem Einzelnen das Potenzial zur Gestalterrolle zuschreibt, findet in diesen Workshops eine konkrete Form: Ob IT-Expertin, UX-Designer oder Anlagenmechaniker – alle werden zu Ko-Produzenten einer technologisch geprägten, aber menschlich verantworteten Welt.
In einer Zeit, in der Digitalisierung oft als Selbstzweck erscheint, ist dies ein ermutigendes Signal: Die Werkzeuge allein verändern nichts. Erst wenn Menschen sich ihrer bedienen, um sich selbst und ihre Welt bewusster zu gestalten, wird aus Technik ein Fortschritt. Und vielleicht liegt in dieser Einsicht jene rationale Hoffnung, die den Begriff „Innovation“ wieder mit Sinn füllt.
Weiterführende Informationen:
- Business AI Design Workshop – SAP AppHaus
- ENC288 Podcast-Folge
- SAP Learning and Adoption Forum am 25. Juni 2025 – Anmeldung & Agenda
Man hört, sieht und streamt sich auf dem SAP-Forum in Walldorf am 25. Juni 2025. Constantin Sohn übernimmt das Livestreaming 🙂
Danke für die tolle Rezession und Reflektion.
Passt gut zum Papier, das wir für die ZP erarbeiten.