Über das Blau des Himmels, Jack Dorsey und die Unterstützung eines antisemitischen und rassistischen Kandidaten in den USA #Bluesky

human statue under clear sky
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Die Bluesky-App sei das Social Network der Stunde, schreibt Markus Beckedahl auf LinkedIn. „In der vergangenen Woche hat es einen massiven Nutzer:innen-Exodus von Twitter Richtung des blauen Himmels gegeben. Das hab ich so bisher noch nicht erlebt. Aber ich habe leider wenig Hoffnung.“

Die Sorge von Markus ist berechtigt. Die privatisierten Öffentlichkeiten des Netzes, die Plattformen, Apps und browserbasierten Anwendungen sind wie die früheren Kaufhaus-Tempel in den Innenstädten. Oder wie Ikea, Lidl, Norma, Metro und Co. Es gelten die Geschäftsbedingungen und Marotten der Betreiber. Dahinter können sich Faschos und frühere Waffen-SS-Mitglieder verbergen, schräge Investoren, habgierige Vermögensverwalter, Lohndrücker, Kontrollfreaks, Überwachungsfanatiker, Abmahner und Absahner. Alles schon erlebt und recherchiert. Dennoch schließe ich Handeslskonzerne nicht aus, die Filialen in meinem Wohnort anbieten, um dort Milch, Zucker oder Socken zu kaufen. Die Betreiber dieser Filialen können mich allerdings ausschließen, in dem sie schlichtweg ein Hausverbot aussprechen. Hausrecht und AGBs sind dafür die Grundlage. Genau wie bei Twitter-X, BlueSky, Mastodon-Providern, Facebook und Co.

Sie können Polizei, Geheimdienst, Sittenwächter, Zensor, Staatsanwalt und Richter in einer Person spielen. Sie instrumentalisieren Allgemeine Geschäftsbedingungen für Sanktionen, schließen Nutzer willkürlich aus und erteilen nach Belieben Ermahnungen, gegen die sich keiner so richtig wehren
kann.

Wo kann ich denn sorglos im Social Web unterwegs sein, ohne direkt oder indirekt irgendwelche vulgärkapitalistischen Schmierlappen des Silicon Valley zu unterstützen? Da wird es dann eng:

Etwa die trumpistischen Techno-Freaks, die mit demokratiefeindlichen Statements aufwarten und das mit Coolness-Habitus verkaufen. Oder die Weisheiten des rechtslibertären Peter Thiel. Er meint, Freiheit sei mit Demokratie nicht vereinbar; seit den 1920er Jahren seien immer mehr Menschen von Sozialleistungen abhängig (geworden) und Frauen gewannen neue Rechte – beides Gruppen, die bekanntermaßen schwer von libertären Positionen zu überzeugen sind – was dazu geführt hat, dass der Begriff kapitalistische Demokratie eine Art Oxymoron geworden ist. Was Thiel zelebriert, ist Totalitarismus in Reinkultur: Der Staat, das bin ich.

Hinter der sektenhaften New-Age-Wir-verbessern-die-Welt-Fassade steckt sehr viel darwinistisches Sieger-Gequatsche und Aufgeblasenheit á la Trump. Ein Großteil der Silicon-Valley-Gründergeneration besteht aus unangenehmen Typen, schreibt der Journalist und Drehbuchautor Dan Lyons in seinem Opus „Von Nerds, Einhörnern und Disruption“.

„Frühere Hightech-Unternehmen wurden von Ingenieuren und MBAs gegründet, heutige von jungen, moralfreien Hütchenspielern, von der Art Jungs (und es sind fast alles junge Männer), die sich im Kino ‚The Social Network‘ angesehen haben, in dem Mark Zuckerberg als diebischer, heimtückischer Lügner dargestellt wird, und die danach genauso werden wollen wie er. Viele haben gerade erst das College abgeschlossen – oder sich nicht einmal die Mühe gemacht, es abzuschließen.“

Seit 2012 gibt es im Silicon-Valley-Wörterbuch den Begriff brogrammer – ein Programmierer vom Typ bro, ein jugendlicher Macho, der seine Wasserpfeife mit Bier füllt und Frauen begrapscht. Bald kommen die unvermeidlichen Skandale und Prozesse, die Geschichten über schleimige Gründer, die weibliche Angestellte belästigen oder, in einem extremen Fall, ihre Freundin zusammenschlagen. Solche Leute stehen an der Spitze der neuen Generation Hightech-Unternehmen, solchen Leuten vertrauen viele Menschen sehr viel Geld an. Man möchte sich ja gerne vormachen, dass die Zeche, wenn diese Blase platzt, von den Risikokapitalgebern der Sand Hill Road in Menlo Park gezahlt wird, aber ein Großteil des Geldes, das man diesen Kids jetzt nachwirft, stammt aus Pensionsfonds“, warnt der frühere Newsweek-Technologieredakteur.

„Wenn ich mich in San Francisco umsehe, fürchte ich, dass das alles nicht gut gehen kann. Diese Kombination aus Wunschdenken, billigem Geld, gierigen Investoren und unmoralischen Gründern ist das Rezept für eine Katastrophe“, so Lyons.

Dennoch werden solche Gestalten hofiert in Jungunternehmer-Pornoheften wie Business Punk. Es wurde und wird die neue Unanständigkeit gefeiert. Es ist ja auch abgefahren, wenn jemand Gesetze für sinnlos hält, Steuerhinterziehung predigt und staatliche Regeln mit exterritorialen Insel-Pseudostaaten aushebeln will. Öffentliche Kontrolle, anstrengende und zeitraubende Gesetzgebungsverfahren stören die Business Punker. Als Ergebnis bekommen wir repressive Toleranz, wie es Herbert Marcuse formulierte. Repräsentiert von Vulgär-Kapitalisten wie Donald Trump. Antidemokratische Systemzersetzung im Geiste egozentrischer Machtspiele á la Peter Thiel.

Dem Hedgefonds Milliardär Nicolas Berggruen schwebt eine Meritokratie nach chinesischer Machart vor. Zudem sollen die Stimmen von „wissenden“ Wählern höher gewichtet werden. Die minder Informierten – tja, was macht man mit diesen Leuten…? Auch in den „Parlamenten“ sitzen dann nur Wissende. Wie man die findet, skizzierte der frühere Google-Chef Eric Schmidt im Verbund mit Jared Cohen. „Politikberater“ aus der Informatik und Kognitionspsychologie werden mit Big Data die richtigen politischen Persönlichkeiten herausfischen, mit Algorithmen die Reden und Texte auswerten, über Hirnscans die Reaktionen der Wunschpolitiker auf Stress oder Versuchungen testen und am Ende nur wissende Parlamentarier für die Meritokratie ausspucken. 

Zweifelhaftes und empörende Sachverhalte können wir mittlerweile über Twitter-X-Eigentümer Elon Musk runterbeten.

Aber auch über die Irrwege von Bluesky-Vorstandsmitglied Jack Dorsey. Er unterstützt Robert F. Kennedy Jr. als Präsidentschaftskandidaten, der vor allem für Verschwörungstheorien bekannt ist. „Instagram hat lange Kennedys Account gesperrt, weil er Missinformationen rund um Impfungen verbreitet hat – die zusätzlich antisemitisch und rassistisch waren.https://gizmodo.com/jack-dorsey-robert-f-kennedy-jr-2024-instagram-1850505777. Im Januar hat das Auschwitz Museum einen Hitler-Deutschland-Vergleich von Kennedy als ‚trauriges Symptom moralischen Verfalls‘ gerügt.
https://thehill.com/homenews/state-watch/590995-auschwitz-memorial-says-rfk-jr-speech-at-anti-vaccine-rally-exploits/. Seither tingelt Kennedy außerdem durch die üblichen rechten Podcasts der USA. Ich verstehe ehrlich nicht, wie die öffentliche Unterstützung Dorseys da nicht mehr Alarmglocken klingeln lässt. Muss er sich erst selbst zu deutscher Politik äußern“, fragt sich Helga Hansen auf LinkedIn.

Was wohl mein Großvater zu solchen Gestalten sagen würde oder mein lieber Vater?

Sind nun Bluesky, Mastodon und Co. die Rettung vor dem teuflischen Elon Musk? Das halte ich für einen schlechten Scherz. Besonders, wenn man die eigenen Abwanderungsgedanken mit großer Geste auf Twitter-X inszeniert. Oder auf Facebook, LinkedIn mit Screenshot und so.

Oder man lässt den Account erst mal nur ruhen. Oder man macht nur ab und zu ein Crossposting. Oder man taucht nach langer Zeit wieder auf Facebook auf, weil Mark Z. plötzlich nicht mehr ganz so schlimm erscheint. Meine Güte. Was für ein Pharisäertum.

Wo soll es nur hingehen?

Siehe auch:

Warum Bluesky gerade durch die Decke geht – und was Mastodon daraus lernen kann

Bluesky Apps: Eine Art Tweetdeck und anpassbare Feeds

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