
Mit scharfem Blick und rascher Feder, im Geiste, am Pult, in den Tasten, auf den Nervensträngen der digitalen Gesellschaft. Das ist die Bühne, das ist das Drama: TwitterX, LinkedInOut, Facebooked, TikToked und die restlichen Schrottplätze des Cyber-Ichs. Eine Farce sondergleichen.
„Der große Ausstieg“ – ein Drama in fünf Akten, nein, eine Revue, ein Zirkus, ein Karneval, wo sich die Protagonisten die Klinke in die Hand geben, vor dem großen Nichts posieren und dann – puff – sind sie weg. „Adieu TwitterX“, ruft der Eine, während der Andere schon von der nächsten Plattform springt, wie von einem sinkenden Schiff.
Elon, der Narr am Hofe, tanzt seinen irren Reigen. TwitterX – ein Klagelied von vorgegebenen Zeichen auf Steroiden, jetzt nur noch X, ein Schicksalsschlag für das Ego der Influencer. Elon, der große Zampano, verspricht den Mond und liefert – heiße Luft. „Kommt alle her!“, ruft er, „seht, wie ich diese alte Ruine neu tapeziere!“ Und die Menge folgt, skeptisch, erwartungsvoll, empört.
Die Kommentatoren sind in heller Aufregung, die Experten raufen sich die Haare. LinkedIn wird zur Wall Street der Selbstvermarktung, Facebook zum Jahrmarkt der Eitelkeiten, Instagram zur Dauerwerbesendung mit Selfie-Intermezzo. Aber TwitterX, das war noch die Agora, der Marktplatz der Meinungen. Und nun? Nur noch ein X im digitalen Wüstensand.
Der Ausstieg wird zelebriert wie eine Enthauptung im Mittelalter. Mit großer Geste und einem Hauch von Märtyrertum verkündet man: „Ich gehe! Aus Protest! Wegen Musk!“ Applaus von den Seitenlinien, doch am nächsten Tag – hoppla – da ist man wieder da, still und heimlich, ein bisschen wie derjenige, der bei der Party auf Wiedersehen sagt und dann doch noch ein Stündchen bleibt. Heuchelei? Nein, ein Statement! „Wir sind gegen das System, aber Teil des Systems sind wir dennoch.“
Die neuen Ufer – Threads, Mastodon, Blue Sky – sie locken und winken. Doch wer bleibt dort? Die Anfangseuphorie weicht der Ernüchterung. Was einst wie das gelobte Land aussah, entpuppt sich als Diaspora. Kein Ort für Helden, nur ein weiterer Ort des digitalen Exils. „Seht her, ich bin jetzt hier!“ – und doch ist keiner da, um zuzuhören.
Dann sind da noch die Reichen und Mächtigen, die „Vulgärkapitalisten“ – ja, genau, die S-Brüder, die über alles und jeden herrschen wollen. „Think big“, schreit der eine, „Execution now“, brüllt der andere. Man schüttelt den Kopf, aber man folgt. Ach, diese grandiosen Träume, zerstört von der Banalität des Alltags. Am Ende sitzen sie doch alle wieder auf LinkedIn und Facebook, weil – wo soll man sonst hin? Das Spiel geht weiter, der Zirkus zieht weiter, und wir? Wir applaudieren und meckern im Takt.
Und Elon? Der lacht sich ins Fäustchen, genießt das Schauspiel, das er inszeniert hat. Die Plattformen kommen und gehen, die Skandale ebenso. Die Protagonisten wechseln ihre Masken, doch die Bühne bleibt dieselbe. Der große Reigen des digitalen Wahnsinns dreht sich weiter, und wir – wir sind mittendrin. Prost, auf das nächste Drama!
Ach, was für ein Theater! Was für eine Show! Die Akteure straucheln, stolpern, stehen wieder auf – und wir? Wir sind das Publikum, das jubelt, buht und am Ende doch wiederkommt. In diesem digitalen Lustspiel sind wir alle nur Statisten, gefangen im Netz der Ironie. Amen.
Siehe auch:
Soziale Medien: Die Renaissance des Handwerks
TikTok und der datenschutzkonforme Einsatz
Digitale, algorithmische, plebejische Öffentlichkeit …
Das sehe ich anders 😬 Gunnar
Denn gerade das Fediverse mit dem erwähnten Beispiel Mastodon macht die Community zum Gestalter, statt Gast der jeweiligen Plattform
Auch im Fediverse gibt es Fürstentümer mit eigenen AGBs, die willkürlich agieren können, wie in allen privatisierten Plattformen.
Als freie Software kann Mastodon von allen für alle Zwecke eingesetzt werden. Auch Rechte nutzen die Technologie. Das lässt sich technisch nicht verhindern. Das von Donald Trump gegründete Truth Social basiert auf Mastodon, ebenso das Onlineportal Gab, das einige US-Medien als «Twitter für Rassisten» bezeichnet haben.
Nachzulesen unter: Mey, Stefan. Der Kampf um das Internet: Wie Wikipedia, Mastodon und Co. die Tech-Giganten herausfordern (Beck Paperback 6532) (S.25). C.H.Beck. Kindle-Version.
Ich halte das ActivityPub-Protokoll und das Konzept des Fediverse weiterhin für den zukunftsträchtigsten und unterstützenswertesten Weg. Wenn Threads sich noch final zum Fediverse öffnet, ist auch ein großer Player dabei. Aber ich kann mir aussuchen, wo ich mein Konto habe und WordPress ist sogar meine eigene Fediverse-Instanz.
Und ich kommentiere nicht erneut, die Fediverse-Puristen. Wenn sie wollen, können die sich ja in ihren Instanzen abschotten und mit bösen Thread’ianern kommunizieren.
Für mich ist das interessant, was inhaltlich am meisten bringt. Und da ist TwitterX nach wie vor unschlagbar – vom Sachverständigenrat bis zum Journalismus. Und die Reichweite bei den Livestreams auf TwitterX liegt bei mir auch ganze vorne – neben LinkedIn.
Wir sind uns einmal mehr nicht einig. Eine Plattform bzw. einen Besitzer, der Rechtsradikale und Rechtspopulisten fördert und unterstützt, darf man man meiner Meinung nach nicht unterstützen. Angebliche Reichweite hin oder her. Jede und jeder, der auf der Plattform bleibt, kriecht Herrn Murks in den Allerwertesten.
Ich halte es für inakzeptabel, dass gerade auch viele öffentliche Stellen noch immer auf X verlautbaren, statt ihre eigenen Plattformen zu stärken. Und die Leute nehmen noch das Wort „Digitale Souveränität“ in den Mund.
Wir sollten alle an einem dezenztralen Netzwerk arbeiten und es fördern, das nicht von einem Elon Murks, Mark Suckerbörg und ähnlichen Gestalten abhängig ist.
Ich krieche niemandem in den Arsch. Elon Murks ist ein unberechenbarer Vulgärkapitalist, der aus einer schlechten Laune heraus Twitter für 44 Milliarden Dollar gekauft hat. Ihm sind Werte scheißegal und dabei ist er im Silicon Valley in guter Gesellschaft – von Uber bis Facebook. Wenn man sich die Trump- und Brexit-Kampagnen im Zuckerberg-Imperium anschaut, musst Du da auch verschwinden. Gleiches bei Tiktok als verlängerte Arm der KP-China. Die AfD war schon Vor-Musk-Zeiten stärkste Kraft auf Twitter. Siehe mein Interview mit dem Kulturwissenschaftler Professor Porombka aus dem Jahr 2017!!!!! Headline: Aus dem Werkzeug der Befreiung wurde ein Werkzeug der „Alt Right“ – Über die Okkupation von Utopien. Das hat mit Arschkriecherei nichts zu tun, sondern mit Naivität der Netzszene, die das Thema schlichtweg unterschätzt hat. Oder zu arrogant war, rechtzeitig zu reagieren. Und das war schon 2017 so. Ursache-Wirkung nicht verwechseln, Stefan. Siehe auch: https://www.netzpiloten.de/medien-oeffentlichkeit-netzwerke-utopie/ Nachtrag: Ich war wohl einer der ersten Publizsten, der Musk kritisch betrachtet hat, da hat der Rest der Netzwelt ihn noch als Genie abgefeiert.
Ich sehe es eher pragmatisch (oder für mich pragmatisch)
Zeitgeschehen, Politik, Ereignisse, das alles findet für mich nach wie vor auf X statt. Ich finde die von Elon Musk stark propagierten Community Notes genial. Er bekommt dort auch regelmäßig sein Fett weg.
Und ich halte es für schwierig, unsere politische Sichtweise in Deutschland auf 1:1 die USA und Amerikaner zu übersetzen. Nach unseren Maßstäben wären über 40 % der Amerikaner (republikanische Wähler) rechtsradikal.
Gleichzeitig sehe ich es, wie Gunnar. Die anderen Protagonisten, wie der Chef von Uber oder Mark Zuckerberg, sind für mich kein Deut vertrauenswürdiger, die KP China schon gar nicht.
Dennoch, nachdem ich all das gesagt habe, möchte ich anmerken, dass für mich Mastodon das Licht in der Düsternis der sozialen Medien ist. Hier finde ich noch eher authentische Menschen und Diskussionen.
Vor allen liebe ich eines am #Fediverse: Es gibt keinen Algorithmus.
Ich bin da recht einfach gestrickt: Es ist (für mich – wichtig: das muss jeder selbst für sich entscheiden) moralisch einfach nicht vertretbar, noch auf Twitter zu sein, damit das System von offenkundigem und belegtem Hass und Hetze zu unterstützen. Reichweite (wenn sie denn da ist), hin oder her. Ich, für mich, arbeite auch nicht für alle Branchen, Industriezweige oder Parteien. Das Geld wäre mir zu schmutzig. Andere nehmen es ohne Zucken. Mit Twitter halte ich es da ähnlich. Übrigens, absolut konsequent.
Was die „Alternativen“ angeht: Ich denke, die Zeit der damaligen Kommunikation alá Twitter ist schlicht vorbei. Die Menschen von damals, verteilt auf Inseln (Mastodon, Threads und Co.) – das beschäftigt ich, weil ich gern mit ihnen allen verbunden geblieben wäre. So suche ich mir die Menschen auf den Kanälen wieder zusammen, oder lasse es einfach. In meiner Session letztens beim Barcamp Münster habe ich noch gesagt, dass ich meine digitale Heimat (Twitter) verloren habe, da ich sie für moralisch einigermaßen integre Menschen nicht mehr für benutzbar sehe und hadere mit mir, ob ich mich dem Suchen einer Neuen weiter hingeben soll, oder ob mir die Tatsache, dass mir mein Netzwerk so reicht, nicht auch einfach akzeptieren kann. Letzteres scheint zu gewinnen 🙂
Wenn es um die Moral geht, wird es dünn im Social Web. Unter jedem Dach ein Ach.
Zustimmung André, diese freie Open Source und jederzeit den Hoster wechseln. Das fokussierte auf den Tröt, statt auf den Algorithmus… Den Inhaber ..die Stakeholder oder die Werbetreiber.. Macht was Anderes..
Aber auch wiederum nicht das selbe oder gleiche.
Das Fediverse ist nach 30 Jahren wieder der Ursprung des Internet und liegt bei der Gemeinschaft und nicht dem Börsenkurs
Pingback: Vom Fußballfeld aus Appell zu mehr gesellschaftlicher Gemeinsamkeit – StefanPfeiffer.Blog
Na klar, Zuck und Co. sind auch keine Heiligen – aber in einem Topf mit Musk schwimmen die halt nicht. Und das Klientel auf Twitter noch mit anderen zu vergleichen, geht halt eigentlich auch nur noch mit True Social und irgendwelchen Telegram-Gruppen. Aber safe: Jeder hat seine Grenzen und eigenen moralischen Kompass.
Ich kann mich noch an Anhörungen im Repräsentantenhaus erinnern, in denen das ganz anders gesehen wurde, also die Rolle von Zuck. Er ist semantisch nicht so ein Großmaul wie EM. Aber technologisch werden seine Plattformen für Propaganda-Scheißdreck hoch Drei missbraucht. Gleiches gilt für den antisemitischen und antiisraelischen Dreck, der täglich auf Plattformen wie YouTube und Tiktok verbreitet wird. Da wird mir übel. Dennoch halte ich dagegen auf diesen Plattformen. Die Reduktion der Debatte auf eine Person halte ich nicht für zielführend.