Touch mich nicht! Warum der Fortschritt ständig abstürzt

Die Welt wird besser, sagen sie. Smarter, effizienter, digitaler. Nur fragt man sich inzwischen mit schmerzender Stirnfalte: Für wen eigentlich?

Während uns „der Fortschritt“ in ein Zeitalter der vernetzten Zahnbürste führt, stolpern wir durchs Leben wie schlecht gebriefte Beta-Tester eines Betriebssystems, das nie fertig wird. Gabriel Yoran nennt das, was uns da täglich begegnet, beim richtigen Namen: Krempel. Und das Buch, das er darüber geschrieben hat – Die Verkrempelung der Welt – ist der Weckruf für alle, die jemals versucht haben, das Radio in einem deutschen Mittelklassewagen zu bedienen.

Vom Knopf zur Qual – und zurück

Früher gab es Drehknöpfe. Man konnte sie mit geschlossenen Augen bedienen. Ein Klick, ein Rauschen, ein Lied. Heute hingegen beginnt der tägliche Hürdenlauf über Touchflächen, Slider, Menü-Submenüs und „innovative“ Gestenerkennung. In einem bekannten deutschen Kompaktmodell – wir nennen keine Namen – musste man jahrelang die Lautstärke über ein unbeleuchtetes Bedienfeld regeln, das während der Fahrt zur motorischen Mutprobe wurde. Erst fünf Jahre nach Markteinführung: das große Wunder. Man brachte den Knopf zurück. Keine Pointe.

Das wäre ja fast lustig, wenn es nicht symptomatisch wäre. Die automobile Nutzerführung wurde zur Erlebniswelt der Frustration. Die Handbremse? Einst ein kraftvoller Hebel, heute ein elektronisches Symbol, das sich weigert, wenn es zu kalt, zu schräg oder zu unentschlossen gedrückt wurde. Die Klimaanlage? Früher ein Drehregler. Heute ein Display, das bei Gegenlicht schwarz bleibt und im Standby aussieht wie ein gelöschter Kindle.

Die deutschen Autobauer – einst Hüter technischer Präzision – haben die analoge Intuition geopfert und mit stolzgeschwellter Brust gegen softwaregesteuerte Uneindeutigkeit ersetzt. Innovation? Nein. Es ist ein Featurismus mit Halluzinationen. Die Fahrzeuge wurden zu fahrenden Demonstratoren eines Denkfehlers: Fortschritt ist nicht, wenn alles komplexer wird – sondern wenn es einfacher wird.

Die dunkle Magie der Benutzeroberflächen

Dieses Drama ist kein Einzelfall. Es wiederholt sich in jedem Haushalt. Die Kaffeemaschine, die sich via App bedienen lässt, aber dennoch händisch mit Wasser und Tasse bestückt werden will. Der Herd, der auf Touch statt auf Dreh setzt, aber dann nicht reagiert, weil man die Fläche aus Versehen mit einem nassen Finger berührt hat. Und immer wieder dieselbe Entschuldigung: Das sei eben „state of the art“.

Doch was hier als Fortschritt verkauft wird, ist in Wahrheit ein Medienbruch des Alltags. Ich will Wasser aufkochen, bekomme aber zuerst eine Update-Meldung. Ich will Musik hören, finde mich in einem Untermenü wieder, das mich fragt, ob ich die Datenschutzerklärung für Bluetooth-Kopplung akzeptiere.

Premiumkrempel mit Fernbedienung

Yoran schildert die absurde Szene eines „smarten“ Kaffeevollautomaten, der vom Sofa aus per App steuerbar ist. Nur: Wer stellt die Tasse hin? Wer leert den Tresterbehälter? Das ist kein Fortschritt, das ist ein digital inszeniertes Befehlsempfänger-Theater für bequeme Fantasien.

Die Idee, Maschinen könnten unsere Bedürfnisse „vorausdenken“, hat sich als Illusion entpuppt. Sie denken gar nichts. Sie erwarten, dass wir denken – und gleichzeitig bereit sind, uns durch Handbücher im Verwaltungdeutsch der Rentenversicherung zu quälen. Es ist eine zynische Verwechslung von Autonomie mit Arbeitsverlagerung.

Die Gleichteilestrategie des Scheins

Und während die Geräte komplexer, die Interfaces dümmer und die Funktionen absurder werden, wächst das Trugbild von Auswahl. In Wahrheit jedoch greifen wir in denselben Regalbaukasten, ganz gleich ob wir bei Marke A, B oder C kaufen. Große Namen – oft nur noch Marketinghüllen. Dahinter: Plattformstrategien, Gleichteilepolitik, Mehrmarkenillusionen. Der Kühlschrank mit Logo X kann innen exakt so aussehen wie Modell Y – nur das Display ist anders. Und manchmal sogar das gleiche. Die Wahl, die wir treffen, ist eine kosmetische. Yoran nennt das Verblendungszusammenhang – und der Begriff sitzt. Wir kaufen Geschichten, keine Gegenstände. Wir wählen Emotionen, keine Qualität. Und wenn ein Gerät dann versagt, wird uns nahegelegt, doch mal das Benutzerverhalten zu überdenken.

Konsum und Kapitulation

Es ist das große Paradox unserer Zeit: Wir sollen durch Kaufentscheidungen das Klima retten – aber bitte digital, connected, jederzeit updatable. Es ist eine moralische Überforderung inmitten technischer Reizüberflutung. Der Konsum wird zur religiösen Handlung: korrekt, achtsam, CO₂-neutral. Doch während wir darüber diskutieren, ob Oatly oder Butter „besser“ sei, ist der Toaster schon wieder abgestürzt und verlangt ein Reset über eine App, deren Passwörter wir vergessen haben.

Yoran bringt dieses Dilemma präzise auf den Punkt: Wir sollen Krempel verweigern, aber sind umgeben von Krempel. Die Welt ist voll von Dingen, die schlechter sind als ihre Vorgänger – und dennoch kaufen wir sie, weil wir glauben, es müsste so sein.

Und dann war da noch das Auto

Wir sitzen also in Autos, die unsere Handbewegungen deuten wollen – aber an der Ampel die Temperatur nicht regeln lassen. Wir fahren los, doch das Infotainment braucht fünf Minuten zum Booten. Wir reden mit Sprachassistenten, die nach dem dritten Satz kapitulieren. Und am Ende wünschen wir uns: einen Knopf. Einfach einen verdammten Knopf.

Yorans Verkrempelung der Welt ist keine Technikschelte, sondern eine kluge, wütende, präzise Analyse unserer neuen Dingwelt. Es ist ein Buch, das zeigt, wie Produkte aufhören, Werkzeuge zu sein – und anfangen, Symptome zu werden. Symptome eines Systems, das „smarte“ Geräte produziert, aber dumme Erlebnisse.

Es ist höchste Zeit für eine neue Warenkunde. Nicht nostalgisch, sondern aufklärerisch. Nicht rückwärtsgewandt, sondern befreiend.

Denn gute Produkte erkennt man nicht an ihrer Feature-Liste. Sondern daran, dass sie sich nicht in den Vordergrund drängen müssen. Sondern einfach – funktionieren.

Ein Gedanke zu “Touch mich nicht! Warum der Fortschritt ständig abstürzt

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