Suhrkamp Theorie: Die faszinierende Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte – FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube im Gespräch mit Morten Paul #fbm23 @JKaube @mortenpaul @SpectorBooks @kwi_essen

Das Jahr 2023 steht im Zeichen mehrerer Jubiläen, darunter das 50-jährige Bestehen der Buchreihe „suhrkamp taschenbuch wissenschaft“ (stw). Die Aufnahme in diese renommierte Reihe bedeutet eine breite Wahrnehmung eines Titels. Weniger bekannt ist, dass es zuvor und parallel bis 1986 die Buchreihe „suhrkamp Theorie“ gab und viele Titel später in die stw übernommen wurden.

Morten Paul hat in seinem Buch „Suhrkamp Theorie. Eine Buchreihe im philosophischen Nachkrieg“ die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Reihe detailliert untersucht. Suhrkamp Theorie war bis 1986 eines der anspruchsvollsten geisteswissenschaftlichen Programme in der Bundesrepublik. Die enge Zusammenarbeit mit den Herausgebern Jürgen Habermas, Dieter Henrich, Jacob Taubes, Hans Blumenberg und später Niklas Luhmann spielte dabei eine entscheidende Rolle.

Auf der Frankfurter Buchmesse führte FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube ein Gespräch mit dem Autor Morten Paul über dieses spannende Kapitel der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte. Das Interview beleuchtete die einzigartige Position der Theorie-Reihe, die über die reine Philosophie hinausgeht.

Im historischen Kontext betonte Paul die Rolle der Herausgeber, die in den Jahren 1923 bis 1929 geboren wurden und ihre Erfahrungen mit dem Faschismus gemacht haben. Die Buchreihe spiegelt den Wissenshunger und den Wunsch wider, sich von der Allmachtsfantasie der Philosophie abzusetzen. Sie repräsentiert auch das Bestreben, Wissenslücken in Deutschland nach 1945 zu schließen und sich von ausländischen Forschungsprogrammen inspirieren zu lassen.

Paul wies darauf hin, wie das Suhrkamp-Projekt eine skeptische Vorstellung von Aufklärung und Wissenschaft vermittelt. Besonderes Augenmerk lag dabei auf den vier Hauptfiguren der Buchreihe und ihrer Rolle bei der Entstehung und Entwicklung des Programms.

Trotz der Unterschiede zwischen den Hauptfiguren des Suhrkamp-Projekts führte ihr gemeinsames Engagement zu einem vielseitigen Programm.

Besonders bemerkenswert sind die Bedenken von Hans Blumenberg bezüglich des Druckformats der Theorie-Bände. Er hinterfragte, ob Taschenbücher als Werkzeuge des Markenbrandings und als Manifestationen des geistigen Kapitalismus wirklich sinnvoll für die Gesellschaft sind. Diese Perspektive ist heute von besonderem Interesse, da Taschenbücher als selbstverständlich angesehen werden.

Auch die Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft wurde hinterfragt. In einer Zeit, in der Fortschritt und Technologie rasch voranschritten, war die Art und Weise, wie Wissen vermittelt und verbreitet wurde, von großer Bedeutung. Dies führte zu Überlegungen über die Legitimität und den Wert wissenschaftlicher Publikationen. Welche Rolle spielen Bücher dabei? Wie können Ideen am besten vermittelt werden?

In dieser Ära gab es auch wachsende Bedenken hinsichtlich der technologischen Kontrolle über die Natur, insbesondere in Bezug auf Atomenergie und Atomwaffen. Die Expansion der Universitäten und die Sorge vor einer wissenschaftlichen Überlegenheit der Sowjetunion aufgrund des Sputnik-Schocks waren ebenfalls wichtige Themen dieser Zeit.

Trotz der tiefgründigen Reflexionen und hohen Ideale rückten die Praktikabilität des Büchermachens und ein gewisser Pragmatismus in den Vordergrund. Die Debatte über das Verhältnis von Theorie und Praxis, insbesondere im politischen Kontext, war ein zentrales Thema.

Im Gespräch erörterten Kaube und Paul die Herausforderungen einer Buchreihe, die ursprünglich als innovative und avantgardistische Veröffentlichung konzipiert war, sich aber im Laufe der Zeit nicht so erfolgreich durchsetzte, wie der Verleger Siegfried Unseld gehofft hatte. Trotz der eher geringen Verkaufszahlen spielte die Reihe eine wichtige Rolle bei der Etablierung des Verlags in wissenschaftlichen und theoretischen Kreisen.

Das Erscheinen von „suhrkamp taschenbuch wissenschaft“ (stw) markierte schließlich einen Wendepunkt, der zur Einstellung der Theorie-Veröffentlichungen im Jahr 1986 führte. Viele Theorie-Bände fanden dort eine Wiederveröffentlichung mit besseren Verkaufszahlen.

Eine Rezension des Buches von Morten Paul wird folgen.

Lust am Diskurs

So ein wenig erinnert das Theorie-Projekt von Suhrkamp an die Gründung des Merve-Verlages:

Dazu meine Netzpiloten-Kolumne: Kontrollvakuum – Der Leser als Partisan 

1970 wurde in Berlin der Merve-Verlag gegründet und galt nach anfänglichen marxistischen Ausflügen als publizistische Zentrale von Postmoderne und Dekonstruktion. So bilanzierte der entkollektivierte Merve-Gründer Peter Gente Ende der 1970er Jahre, dass man an der Dialektik irre wird. Das Verlags-Kollektiv zerbröselte irgendwann. Unter dem Deckmantel „proletarischen Erfahrungsinteresses“ flüchteten die Genossen ins partikulare Private: Bluesmusik, Nietzschelektüre, Malen, Biokost und Esoterikliteratur. Peter Gente entdeckte das Nachtleben. 

Die Verlockungen der Kneipe

Seine Unlust am Diskutieren soll in dem Maß gewachsen sein, wie er den Lockungen der West-Berliner Kneipenlandschaft erlag, erläutert Philipp Felsch, der dazu ein wunderbares Buch geschrieben hat: „Der lange Sommer der Theorie: Geschichte einer Revolte 1960 bis 1990“.

Der hausmeisterliche universitäre Diskurs stand jedenfalls nicht mehr auf der Agenda des Verlages und bescherte uns doch wahnsinnig interessante Bücher. Aus der Internationalen Marxistischen Diskussion wurde ein Internationaler Merve Diskurs. Man entdeckte die Kunstszene und die Neuen Wilden, die sich im Schöneberger „Dschungel” tummelten: Markus Oehlen, Rainer Fetting, Martin Kippenberger. Entstanden sind eine Reihe von Künstlerbüchern: Godard, Heiner Müller, Minus Delta t, Blixa Bargeld und Werke über ästhetische Theorie: Roland Barthes’ Cy Twombly, Böhringers Begriffsfelder oder  Hosokawas Walkman-Effekt. Dann natürlich die Merve-Champions Foucault, Virilio, Baudrillard oder Deleuze.

Entdeckung der Systemtheorie 

Später widmete sich der Berliner Verlag die Systemtheorie. Lesenswert der Luhmann-Band „Archimides und wir”. Nachgeholfen hatte der Luhmann-Schüler Dirk Baecker mit einem Brief an Gente: „Heute würde ich Ihnen gerne zwei Buchprojekte vorstellen, die sehr gut in Ihre Tradition innovativen Traditionsverzichts passen würden. Im ersten Projekt handelt es sich um einen kleinen Band mit den gesammelten Interviews von Niklas Luhmann. Sie haben sicherlich mitverfolgt, zum Beispiel in der FR und in der taz, dass Luhmann einen sehr kühlen und ironischen, manchmal bissigen und in der Selbstkommentierung an ‚Monsieur Teste’ erinnernden Interviewstil entwickelt hat, der diesem Genre wieder etwas literarischen Schwung verleiht. Allesamt immer etwas launige, auf Tagesgeschehen und –eindrücke bezogene Kommentare, können sie doch auch als Einführungen in den spezifisch luhmannschen Theoriestil dienen“, so der Auszug des Becker-Schreiben, abgedruckt im äußerst lesenswerten Felsch-Band „Der lange Sommer der Theorie – Geschichte einer Revolte 1960 – 1990“, erschienen im C.H.Beck-Verlag. Baecker und Georg Stanitzek liefern in der Einleitung des Luhmann-Buches noch eine kleine Epistemologie des Interviews. So könne man von dem Systemtheoretiker lernen, dass Kommunikation immer auch eine Operation der Beobachtung füreinander unerreichbarer Köpfe ist. In kaum einer Gesprächsform werde dies anschaulicher als im Interview. Es wird nicht der Versuch unternommen, Köpfe kurzzuschließen. Die Gesprächsform lebt von der Zufälligkeit der Fragen, was allerdings durch Autorisierungen oder vorgefertigte Skripte häufig genug in eine aseptische und damit ungenießbare Metamorphose kippt. 

Diskurse ohne Volkerziehung 

Zur Merve-Kultur zählte immer die Lust am Diskurs und nicht die Volkserziehung. Das brachte Michel de Certeau, ein weiterer sehr wichtiger Autor des Berliner Verlags, trefflich zum Ausdruck: Wer die Masse zu repräsentieren vorgebe, kämpfe in Wirklichkeit darum, sie zu erziehen, zu disziplinieren und zu gruppieren. 

Peter Gente und Heidi Paris kultivierten ihre gute Laune: „Wir wollen ein kleiner Verlag, unscheinbar und daneben sein, und das macht irre Spaß.“ 

Sie nutzten das Kontrollvakuum und erfreuten sich an der Partisanenexistenz ihrer Leser. Das lebt auch nach dem Tod von Gente und Paris weiter. Zeitlose Bände mit hoher Diskurs-Dynamik auf billigem Papier. Paperbacks, bei denen man Sätze gegen den Strich lesen kann. Schlüsse aus den Texten ziehen, von denen die Texte nichts wissen und einer Kunst des Lesens aus dem Geist der Respektlosigkeit frönen. Als Netzpartisan ist Merve meine Leitstelle. 

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