Pyromane Fernwärme: Die kommunale Wärmeplanung in Bonn auf dem Prüfstand – Zur instrumentellen Rationalisierung der Müllverbrennung in der Wärmewende

Die Stadt Bonn hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Klimaneutralität bis 2035. Im Zentrum dieser Strategie steht auch die kommunale Wärmeplanung, ein Konzept zur langfristigen Umgestaltung der städtischen Wärmeversorgung. Einer der zentralen Pfeiler dieser Planung ist überraschend traditionell – es ist die Müllverbrennungsanlage (kurz: MVA).

Sie wird als größter Einzelakteur bei der Versorgung mit Fernwärme ausgewiesen und gilt offiziell als erneuerbare Energiequelle. Doch was als pragmatische Lösung für die Wärmewende erscheint, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein System voller Widersprüche, ökologischer Schwächen und semantischer Fragwürdigkeiten. Die obige Aussage halte ich für einen schlechten Treppenwitz. Bei der letzten Ratssitzung hätte ich das auseinander genommen.

Die Müllverbrennungsanlage als grüner Hoffnungsträger?

Laut offizieller Potenzialanalyse der Stadtwerke Bonn liefert die Müllverbrennungsanlage jährlich rund 472 Gigawattstunden (GWh) Wärmeenergie. Das entspricht ungefähr dem jährlichen Heizbedarf von etwa 35.000 durchschnittlichen Haushalten. Gleichzeitig verfügt die Anlage über eine installierte thermische Leistung von 118 Megawatt (MW). Das heißt: Unter idealen Bedingungen kann die Anlage zeitgleich bis zu 118 Millionen Watt an Wärme bereitstellen – etwa so viel wie 100.000 elektrische Heizlüfter à 1.200 Watt.

Etwa die Hälfte des verbrannten Mülls wird dabei als sogenannter „biogener Anteil“ eingestuft – also als organisches Material wie Lebensmittelreste, Holz oder Papier. Diesen Anteil wertet man bilanziell als klimaneutral, obwohl bei der Verbrennung trotzdem Kohlendioxid und andere Emissionen entstehen. Durch diese Einstufung gilt die Müllverbrennung offiziell als erneuerbare Energiequelle – eine durchaus fragwürdige Annahme.

Heizwert, Wirkungsgrad und graue Energie

Ein nüchterner Blick auf die physikalischen Eigenschaften des Brennstoffs Hausmüll offenbart das energetische Dilemma. Der sogenannte Heizwert, also die bei der Verbrennung freigesetzte nutzbare Energie, liegt bei durchschnittlich 10.000 Kilojoule pro Kilogramm (kJ/kg). Zum Vergleich:

  • Steinkohle erreicht bis zu 32.000 kJ/kg,
  • Braunkohlebriketts etwa 20.000 kJ/kg,
  • Holzpellets rund 18.000 kJ/kg
  • und selbst Altreifen übertreffen den Müll mit bis zu 32.000 kJ/kg deutlich.

Das ist kein Plädoyer für obige Energieträger, sondern zeigt, wie wenig ergiebig der stinknormale Restmüll in den Grauen Tonnen halt ist.

Müll ist ein energietechnisch minderwertiger Brennstoff. Zudem entstehen bei der Verbrennung giftige Abgase, die durch aufwändige Filtertechnik und Rauchgasreinigung wieder eingefangen werden müssen. Diese Systeme verbrauchen selbst Energie – ein großer Teil der erzeugten Wärme geht also direkt wieder für den Eigenbedarf der Anlage drauf.

Der Wirkungsgrad – das Verhältnis zwischen eingesetzter und nutzbar gewordener Energie – ist entsprechend bescheiden. Laut Angaben des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) liegt der elektrische Wirkungsgrad bei nur etwa 9 %, der thermische bei etwa 26 %. Das bedeutet: Nur ein Drittel der im Müll enthaltenen Energie wird überhaupt nutzbar – der Rest verpufft als Abwärme oder Eigenverbrauch. Moderne Blockheizkraftwerke kommen dagegen auf kombinierte Wirkungsgrade von bis zu 90 % – also das Dreifache.

Die rhetorische Umpolung: Von Entsorgung zu „Energiequelle“

Was als effizienter Beitrag zur Wärmewende verkauft wird, ist in Wahrheit die nachträgliche Ökologisierung eines Entsorgungssystems. Die Müllverbrennungsanlage wurde nie als Kraftwerk geplant, sondern als Notwendigkeit der Abfallbeseitigung. Sie wurde gebaut, um Müll zu vernichten – nicht, um ihn energetisch zu verwerten. Dennoch hat man sie in der aktuellen Wärmeplanung zum Erneuerbaren-Star umetikettiert. Das Umweltbundesamt (UBA) widerspricht diesem Kurs deutlich: Müllverbrennung sei keine Form des Recyclings, weder stofflich noch energetisch, sondern schlicht „eine Beseitigungstechnologie mit Energieverlusten“.

Diese semantische Aufwertung zur „thermischen Verwertung“ dient letztlich dazu, über eine Reihe von Zielkonflikten hinwegzutäuschen:

  • Die Müllmengen sinken aufgrund besserer Sortierung und Recyclingverfahren.
  • Die MVAs sind auf hohe Auslastung angewiesen – sonst steigen die Betriebskosten und damit die Müllgebühren. Da wir in der Rhein-Region drei großes MVAs haben (also in Bonn, Leverkusen und Köln), ist der Auslastungsgrad ein Dauerbrenner bei den Betreibern.
  • Der Import zusätzlicher Abfälle oder die Umleitung recycelbarer Stoffe in die Verbrennung wird zur betriebswirtschaftlichen Notwendigkeit. Fragt mal iim Rat nach, wie viele Müll-Mengen importiert werden müssen, um einen hohen Auslastungsgrad zu erreichen.

Bonn als Fallstudie einer strukturell rückwärtsgewandten Planung

Bonn bietet ein aufschlussreiches Beispiel dafür, wie kommunale Wärmeplanung anstatt eines Paradigmenwechsels eher einer „Rettung bestehender Infrastrukturen“ gleicht. Die Müllverbrennungsanlage wird nicht in Frage gestellt, sondern zum Herzstück eines zukünftigen Energiesystems gemacht. Ergänzt wird das Konzept durch geplante Wärmepumpen, die Restwärme aus den Abgasen nutzen sollen. Doch selbst diese technischen Ergänzungen verbessern lediglich den Wirkungsgrad – sie lösen das Grundproblem nicht: dass hier ein armer, ineffizienter und umweltschädlicher Brennstoff zum „grünen“ Hoffnungsträger verklärt wird.

Ein Rückgriff auf die Vergangenheit – als Zukunftsmodell verkauft

Die kommunale Wärmeplanung in Bonn zeigt exemplarisch, wie sehr Klima- und Energiepolitik von bestehenden Investitionen und politischen Machtverhältnissen geprägt ist. Der Rückgriff auf die Müllverbrennung als Fernwärmelieferant mag kurzfristig praktikabel erscheinen – langfristig steht er jedoch im Widerspruch zur Abfallhierarchie, zum Ziel der Ressourcenschonung und zur technologischen Entwicklung dezentraler, effizienter Wärmesysteme.

Wirkliche Wärmewende bedeutet nicht, Müll zu verbrennen – sondern Müll zu vermeiden. Und ja: Müllbeseitigung via Verbrennung ist besser als Deponierung, die seit langer Zeit verboten ist. Also für nicht vorbehandelten Abfall. Besser als MVAs sind Blockheizkraftwerke. Das Umweltbundesamt schreibt aber auch: „Trotz der relativ geringen Einsatzmengen, von etwa 3,2 Mio.
Mg/a an Abfällen, leisten die Anlagen einen bedeutenden Beitrag zur Substitution fossiler Brennstoffe.
Dies ist dadurch begründet, dass der Energiegehalt der Brennstoffe durch den direkten Einsatz im
Brennprozess….zu einem großen Anteil genutzt werden kann.“ Gemeint sind aber nicht MVAs, sondern Zementwerke. So ein Pech.

6 Gedanken zu “Pyromane Fernwärme: Die kommunale Wärmeplanung in Bonn auf dem Prüfstand – Zur instrumentellen Rationalisierung der Müllverbrennung in der Wärmewende

  1. Anonym

    Ich finde es bemerkenswert – um nicht zu sagen widersprüchlich –, wie in der öffentlichen Diskussion gerne auf die „schlechten“ Gaskraftwerke und Gasheizungen eingedroschen wird, während gleichzeitig Müllverbrennungsanlagen als tragende Säule der kommunalen Wärmeplanung verkauft werden. Das ist nicht nur klimapolitisch fragwürdig, sondern auch technisch absurd.

    Denn wenn wir über Effizienz sprechen, schneiden moderne Gaskraftwerke mit Wirkungsgraden von bis zu 60 % deutlich besser ab als Müllverbrennungsanlagen, die oft nur 20–30 % der eingesetzten Energie überhaupt nutzbar machen. Und selbst einfache Gas-Brennwertheizungen im Haushalt erreichen je nach Typ 85–98 % Wirkungsgrad – das ist ein Vielfaches dessen, was MVAs leisten.

    Dass Wärmepumpen da mit 300–500 % Effizienz noch eine andere Liga darstellen, steht außer Frage. Trotzdem wird genau das System (Gasheizung), das jahrzehntelang solide und effizient Wärme geliefert hat, jetzt pauschal verdammt – während die ökologisch wie ökonomisch fragwürdige Müllverbrennung zum klimafreundlichen Hoffnungsträger verklärt wird.

    Natürlich ist Gas keine dauerhafte Lösung. Aber die Vorstellung, man könne ausgerechnet durch das Verfeuern von Abfall – mit all seinen Schadstoffen, Emissionen und immensen Energieverlusten – eine zukunftsfähige Wärmeversorgung aufbauen, ist bestenfalls Schönfärberei. Die Fernwärme aus Müll ist kein Fortschritt – sie ist ein Verwaltungstrick zur Auslastung überholter Infrastruktur.

    Und das sollen wir dann als Beitrag zur Wärmewende feiern?

  2. gsohn

    Ja, das ist in der Tat ein bemerkenswertes Kuckucksei, das da unter dem grünen Etikett ausgebrütet wurde. Wer Müllverbrennung zur Klimaretterin stilisiert, betreibt letztlich politische Alchimie: Aus grauem Restmüll soll plötzlich grüne Wärme werden – und keiner soll merken, dass der Wirkungsgrad dabei irgendwo zwischen mittelmäßig und miserabel liegt.

    Was hier als ökologische Transformation verkauft wird, ist oft nur die rhetorische Rettung vergangener Investitionen. Die Müllöfen laufen – koste es, was es wolle. Und wenn es die Glaubwürdigkeit einer angeblich nachhaltigen Stadtentwicklung ist.

    Ich hätte es mir auch anders vorgestellt. Aber offensichtlich kann selbst in grün regierten Kommunen die Realität der Infrastrukturpolitik stärker sein als jede CO₂-Bilanz.

  3. gsohn

    Ich musste früher übrigens häufig lachen, wenn klassische Entsorger die Müllverbrennung als thermische oder energetische Verwertung adeln wollten. Nun machen es die Grünen.

  4. Constantin Sohn

    Die Fernwärme aus der Müllverbrennung ist das, was passiert, wenn man den Thermobecher der Vernunft mit dem Filterkaffee der Bequemlichkeit füllt: heiß, bitter und voller Rückstände.

    Was als grüne Zukunft verkauft wird, ist nichts weiter als ein Upgrade des Gestern mit einem neuen Etikett. Die kommunale Wärmeplanung in Bonn wirkt wie ein Schulaufsatz, der zu spät abgegeben wurde – hektisch zusammenkopiert aus den Altpapierkörben der Verwaltung.

    Wenn Müllverbrennung „klimaneutral“ ist, dann ist Cola auch gesund, weil sie Zucker aus Pflanzen enthält.

    Die Stadt tut, als könnte man aus den Schatten der Vergangenheit Licht für morgen machen – dabei lodert da nichts als das schlechte Gewissen von gestern.

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