
Plötzlich flüstert es wieder in den Gängen der Macht, als sei das Reich der Schatten noch nie abgedankt worden. Baku also. Nicht Brüssel, nicht Berlin – Baku! Eine feuchte Kapsel aus Öl, Gas und geopolitischem Grauen, eingelassen ins Kaspische wie ein schlecht verheilter Splitter. Und mittendrin die alten Männer des Petersburger Dialogs, jene wandelnden Erinnerungen an Schröders rotgetränkten Handschlag, Putins kalten Blick, den muffigen Dunst der Gaspipeline-Diplomatie. Stegner, Platzeck, Pofalla – als hätten sie nie aufgehört, sich im Halbdunkel zu treffen, als sei die Zeit stillgestanden, seit das letzte Canapée serviert wurde.
„Privat“, murmelt Stegner, als er auf dem 1.-Mai-Marsch angesprochen wird. Privat, wie man eine Hühnersuppe am Krankenbett isst. Privat, wie man in der Badewanne Opernarien grölt. Nur dass es hier nicht um Badeschaum geht, sondern um Subkow, Gazprom, Fadejew, Sanktionslisten. Dass Russland laut Fadejew mit dem Westen „im Krieg“ steht – ach, das ist dann wohl inoffiziell, oder wie nennt man das, wenn der Menschrechtsrat zu Tisch bittet?
„Ich war da nur als ich.“ Wie viele Menschen darf ein Mann sein, wenn er zwischen Antipasti und Armageddon laviert? Wie viele Hüte trägt ein Parlamentarier, der bis vor Kurzem im Kontrollgremium der Nachrichtendienste saß und jetzt, just for fun, Tee mit den Spionen des Feindes trinkt?
Helmut Schmidt hätte gequalmt. Vor Wut. Nicht bloß wegen der Etikette – er hätte die Gläser mit der flachen Hand vom Tisch gewischt, wenn jemand „privat“ gesagt hätte, wo „politisch“ nicht nur das Offensichtliche war, sondern das Ganze. Keine Trennung, keine Schutzbehauptung, kein Rückzugsgefecht ins „Ich war nicht dienstlich da“. Politik war bei Schmidt Beruf – ja – aber eben auch Existenzform, Verantwortung bis in die kleinste Geste. Cola, Suppe, Bescheidenheit – das war keine Pose, das war die Haltung eines Mannes, der begriffen hatte, dass Staatsmoral nicht im Bundestag beginnt, sondern beim Abendessen. Bei den Einladungen. Bei der Frage, wo man sich blicken lässt – und wo nicht.
Und dann: Pofalla. Wieder Pofalla. Immer Pofalla. Der Mann, der „jetzt ist Schluss“ sagte und dann nie verschwand. Der als Kanzleramtschef unter Merkel ein Kommen und Gehen orchestrierte wie ein Türsteher des Grauens – nun als stiller Mitfahrer auf Bakus Rückbank, Kanzlei im Gepäck, Erinnerung an Staatsräson im Rückspiegel.
Die Frage bleibt: Wann ist man ein Stammgast der Macht? Reicht zweimal Baku? Dreimal? Oder zählt es erst, wenn der Kellner im Zafferano schon ohne Bestellung den Espresso bringt und „Fadejew, wie immer?“ fragt?
Vielleicht ist das die neue Außenpolitik der alten Herren: ohne Mandat, ohne Rückgrat, aber mit passablem Zanderfilet in Trüffeljus. Nur dumm, dass es nicht um Geschmack geht, sondern um Legitimation. Und da sitzt der Westen nun: an einem gedeckten Tisch, dessen Besteck die Gegner reichen – fein säuberlich poliert, bereit zum Verrat.
Schmidts Verdikt hätte ausgereicht: moralisch verwerflich. Punkt. Keine Fußnote, kein Kontext, kein „aber privat“. Ein Leben lang hat er sich gegen diese Trennung gewehrt – weil sie der Anfang vom Ende ist. Vom Ende der Klarheit, der Verantwortung, der Demokratie, wie sie in gefährlichen Zeiten bestehen kann. Wer Politik macht, muss sich entscheiden: Gastgeber oder Gast im Dunkel. Dazwischen gibt es nichts – nicht einmal in Baku.
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