
Ulf Poschardt hat mal wieder eine steile These rausgehauen. Berlin sei „komplett und vollständig lost“, eine Stadt der steuerfinanzierten, transferempfangenden, ererbten Faulenzer, mit ein paar wackeren Arbeitern, die den Laden gerade so am Laufen halten. Deutschlands Zukunft? So verloren wie Berlin.
Das ist nicht nur ein bemerkenswerter Rundumschlag, sondern auch ein erstaunlich einfältiges Bild. Denn Deutschlands Zukunft entsteht nicht in der Pose. Sie entsteht in der Präzision.
Und zwar genau da, wo seit Jahrhunderten Wissen in Wertschöpfung übersetzt wird. Wo aus feinmechanischer Tradition führende Medizintechnik wurde. Wo Maschinen gebaut werden, die weltweit Standards setzen. Wo tief verwurzelte Exzellenz nicht hip sein muss, um innovativ zu sein.
Deutschlands Zukunft ist wie die Schwäbische Alb.
Dort, wo Firmen wie Bizerba hochpräzise Wägesysteme für die Lebensmittelindustrie entwickeln. Wo Multivac im Allgäu Verpackungstechnologien herstellt, die den globalen Handel bestimmen. Wo sich aus Gauss’schen Prinzipien in Göttingen eine Hochburg der Messtechnik entwickelt hat, die heute in Smartphones und Satelliten steckt.
Es geht nicht darum, Berlin gegen die Alb auszuspielen. Aber wer glaubt, dass die Zukunft nur aus urbanem Hedonismus oder nur aus Maschinenbauhallen kommt, hat Fortschritt nicht verstanden.
Es sind die innovativen Ökosysteme, die Deutschland erfolgreich machen. Cluster von Wissen, Handwerk, Hochtechnologie und Forschung, die nicht durch Hasstiraden auf eine Großstadt entstehen, sondern durch Zusammenarbeit, durch präzises Denken und durch Menschen, die mehr tun, als auf X markige Sprüche rauszuhauen.
Exkurs: Die Kleinstaaterei als Innovationsmotor – Ein Gespräch mit Hermann Simon
In einem Sohn@Sohn-Adhoc-Interview brachte Hermann Simon einen bemerkenswerten Gedanken auf: Die Zersplitterung Deutschlands im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation hat maßgeblich zur wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Exzellenz des Landes beigetragen.
Während andere Nationen früh auf Zentralismus setzten, war Deutschland ein Flickenteppich aus Hunderten von Kleinstaaten, die sich gegenseitig befruchteten, aber auch in einem ständigen Konkurrenzverhältnis standen. Handel musste grenzüberschreitend gedacht werden, Innovationen fanden in kleinen, spezialisierten Zentren statt – und genau dieses Denken hat sich in die DNA der deutschen Wirtschaft eingebrannt.
Die Kleinstaaterei als Innovationsschule
„Wenn ein Unternehmer im 18. oder 19. Jahrhundert wachsen wollte, musste er international denken – nicht, weil er expandieren wollte, sondern weil er keine Wahl hatte“, erklärt Simon. Die Grenzen zwischen den Fürstentümern, Herzogtümern und freien Reichsstädten zwangen Unternehmen dazu, schnell neue Märkte zu erschließen, ihre Produkte anzupassen und sich auf wechselnde Bedingungen einzustellen.
Diese historische Notwendigkeit hat zu einer tiefen Verwurzelung des deutschen Unternehmertums im Exportgeschäft geführt. Heute gilt Deutschland als Weltmarktführer in zahlreichen Nischenbranchen – eine direkte Folge der historischen Kleinstaaterei, die Internationalisierung zur Grundvoraussetzung des wirtschaftlichen Erfolgs machte.
Von den Gilden zur modernen Wirtschaftsstruktur
Auch die deutsche Berufsausbildung ist ein Erbe dieser Zeit. Das bis heute erfolgreiche duale Ausbildungssystem hat seinen Ursprung in den mittelalterlichen Zünften und Gilden. Schon damals wurden spezialisierte Fachkräfte in klar strukturierten Lehrverhältnissen ausgebildet – ein System, das später durch technische Schulen und spezialisierte Hochschulen erweitert wurde.
Simon verweist auf ein beeindruckendes Beispiel: Die Schwarzwaldregion. Einst bekannt für ihre Uhrmacherhandwerkskunst, ist sie heute ein Zentrum der Medizintechnik mit über 500 Unternehmen. Die feinmechanische Präzision, die über Jahrhunderte in der Uhrmacherei entwickelt wurde, hat sich in einen neuen, zukunftsweisenden Industriezweig übertragen.
Hidden Champions: Die wahre Innovationskraft Deutschlands
Das Konzept der „Hidden Champions“, das Simon geprägt hat, lässt sich direkt auf diese historischen Wurzeln zurückführen. In Jena etwa, wo die optische Forschung seit Jahrhunderten führend ist, gibt es heute eine florierende Photonik-Industrie mit 170 Firmen und 12 Forschungsinstituten. Göttingen ist ein Zentrum der Messtechnik, weil seine Universität seit der Zeit Carl Friedrich Gauss’ mathematische Exzellenz gefördert hat.
Diese industriellen Ökosysteme sind das, was Deutschland stark macht – nicht laute Metropolen mit kurzfristigem Hype, sondern Regionen, in denen Wissen und Präzision seit Jahrhunderten gepflegt werden.
Zukunft braucht Herkunft – aber auch Anpassung
Was bedeutet das für heute? Laut Simon wäre es ein Fehler, diese historischen Cluster dem Zufall zu überlassen. Stattdessen sollten gezielte Maßnahmen ergriffen werden, um sie weiterzuentwickeln – beispielsweise durch thematische Sonderwirtschaftszonen, die Innovation in Bereichen wie Quantencomputing, nachhaltige Mobilität oder mRNA-Technologie bündeln.
Deutschland hat seine Stärke nie aus Zentralismus oder kurzfristigen Trends gezogen. Sondern aus der Fähigkeit, Tradition und Innovation zu verknüpfen.
Die Zukunft liegt nicht in einer einzelnen Stadt oder Region – sondern in einem Netzwerk aus Hochtechnologie, historisch gewachsener Exzellenz und der Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden.