
Über den deutschen Exportschlager Nr. 1 in China und dessen Bezug zum Jahr des Pferdes verlor Bundeskanzler Merz in Peking kein Wort – zur Analyse des Sinologen Harro von Senger.
Wer China verstehen will, sollte sich nach Auffassung des Sinologen Harro von Senger nicht mit den vordergründigen Daten eines Staatsbesuchs begnügen: mit Handelszahlen, Gesprächsformaten, Pressebildern und dem üblichen Vokabular aus Distanz, Dialog und Austausch. Interessant werde es dort, wo die Wahrnehmung über den Mainstream hinausreicht. „Eine solche Erweiterung des Blickfelds leistet die Morphologie: jene von Fritz Zwicky inspirierte Methode, die Sachverhalte nicht nur entlang der vertrauten Deutungsmuster, sondern auch in ihren Nebenlinien, historischen Tiefenschichten und begrifflichen Verknüpfungen in den Blick nimmt“, so von Senger. Von dort aus erscheint auch die China-Reise des Bundeskanzlers vom 24. bis 26. Februar 2026 in anderem Licht.
Merz sprach in Peking korrekt und protokollgerecht. Beim Empfang durch den chinesischen Ministerpräsidenten Li Qiang sagte er: „Zwischen Berlin und Peking liegen 7.500 Kilometer. Das ist eine Entfernung, die wir gern überbrücken, die wir gern auch als Anlass nehmen, um über diese Distanz hinweg mit unseren beiden Ländern einen guten Dialog und einen guten Austausch zu haben.“ Gegenüber Li Qiang nahm er sodann auf das „Jahr des Pferdes“ Bezug und wünschte „Energie und Kraft, ganz passend zu diesem Symbol“. Auch gegenüber Xi Jinping griff er diesen Kalenderbezug auf und erklärte, er schätze es, „dass er der erste Regierungschef sei, der von ihm im neuen Jahr empfangen werde, im Jahr des Pferdes“.
Karl Marx und die ungenutzten Möglichkeiten
Diese Sätze markieren, was in der diplomatischen Standardsprache gesagt werden kann. Sie zeigen aber auch, wo eine Möglichkeit ungenutzt blieb. Denn der Hinweis auf das Jahr des Pferdes hätte sich mit einem Motiv verbinden lassen, das in Deutschland nur selten wahrgenommen wird, für das offizielle China jedoch von erheblicher Bedeutung ist: mit Karl Marx als dem wohl folgenreichsten deutschen Exportgut in der geistig-politischen Ordnung der Volksrepublik.
Der stärkste Einfluss in China ist nicht notwendig dort zu suchen, wo die deutsche Selbstbeschreibung ihn vermutet: bei Maschinenbau, Automobilindustrie oder Chemie. Im Bereich der staatstragenden Ideenlehre steht vielmehr ein anderer Name im Zentrum. Marx gilt im offiziellen China als Schlüsselfigur von Welterkenntnis und Weltveränderung. Xi Jinping hat ihn den „größten Denker in der Geschichte der Menschheit“ genannt; Hu Yaobang hat in den achtziger Jahren ausdrücklich daran erinnert: „Karl Marx war ein Deutscher.“ Wer in Peking als deutscher Regierungschef spricht, bewegt sich damit in einem Deutungshorizont, in dem Deutschland bereits auf eigentümliche Weise präsent ist.
Hier kommt ein sprachliches Detail ins Spiel, das mehr ist als eine Kuriosität. Das chinesische Wort für Pferd lautet „ma“. Eben mit diesem Laut beginnt der chinesische Name von Karl Marx: Makesi, geschrieben 马克思. Dasselbe Schriftzeichen, mit dem das Pferd bezeichnet wird, eröffnet im Chinesischen auch das Wort für Marxismus: Makesi zhuyi, 马克思主义. Natürlich ist Marx nicht deshalb so benannt worden, weil man ihn mit Pferden assoziiert hätte; im Chinesischen gibt es zahlreiche Schriftzeichen, die als „ma“ ausgesprochen werden, aber das mit der Bedeutung Pferd ist am prominentesten. Doch In einer politischen Kultur, die für Wortfelder, Anspielungen und Traditionslinien empfänglich ist, wäre «ma» dies ein naheliegender Ansatzpunkt gewesen, um eine geistige Verbindung zwischen Deutschland und China auf elegante Weise sichtbar zu machen.
Weltveränderung
An dieser Stelle wären nicht Ironie sondern Takt, Bildung und die Fähigkeit gefordert gewesen, ideologische Selbstbeschreibungen eines Gegenübers ernst zu nehmen, ohne sich ihnen anzudienen, erläutert von Senger. Ein deutscher Kanzler hätte an das Jahr des Pferdes anknüpfen und darauf hinweisen können, dass das Zeichen „ma“ nicht nur das neue den Kalenderjahr, sondern auch den Namen jenes Deutschen eröffnet, dessen Lehre in China bis heute zum Fundament der amtlichen Weltdeutung zählt. Er hätte hinzufügen können, dass im Foyer der Humboldt-Universität zu Berlin ein in China besonders bekannter Satz von Marx eingraviert ist: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ Mehr wäre nicht nötig gewesen. Ein solcher Hinweis hätte Signalcharakter gehabt.
Denn der Marxismus ist in der Volksrepublik keine museale Reminiszenz. In der Satzung der Kommunistischen Partei Chinas steht an erster Stelle der ideologischen Richtschnur ihres Handelns der Marxismus-Leninismus, ergänzt durch Mao-Zedong-Ideen, Deng-Xiaoping-Theorie, die wichtigen Ideen des „Dreifachen Vertretens“, das wissenschaftliche Entwicklungskonzept und die Xi-Jinping-Gedanken über den Sozialismus chinesischer Prägung für eine neue Ära. Der Marxismus bildet darin das Fundament; zugleich ist er im chinesischen Kontext fortgeschrieben umgearbeitet und in eine eigene geschichtliche Bahn gelenkt worden. Deshalb spricht vieles dafür, von einem chinesischen Marxismus oder, prägnanter, von einem Sinomarxismus zu sprechen.
„Gerade hier erweist sich der heuristische Wert der Morphologie. Sie fragt nicht nur, was offiziell gesagt wird, sondern auch, wie unterschiedliche Schichten von Sprache, Ideologie, Geschichte und politischer Praxis zusammenwirken. Wer China ausschließlich mit den Kategorien westlicher Tagespolitik liest, wird dazu neigen, die Volksrepublik schlicht als autoritären Staat unter anderen zu behandeln. Damit bleibt jedoch unsichtbar, dass die chinesische Ordnung sich in ihrer Selbstdeutung aus einer Verbindung von primär deutschem und sekundär chinesischem Geistesgut legitimiert. Diese Verbindung prägt nicht alles, aber sie prägt viel“, sagt von Senger.
Die Geschichte der Volksrepublik lässt sich unter dem Signum des Pferdes sogar in einer eigentümlichen Ambivalenz Doppelbewegung lesen. Zwei chinesische Redewendungen geben ihr Kontur. Die eine lautet „wan ma qi yin“: „Zehntausend Pferde stehen stumm da.“ Das Bild bezeichnet eine Atmosphäre, in der niemand zu sprechen wagt. Auf die Zeit der Kulturrevolution lässt sich diese Formel ohne weiteres beziehen. Die Exzesse des dem Marxismus entsprungenen Klassenkampfs, die damit einhergehende Erstarrung des öffentlichen Lebens und die Lähmung geistiger Eigenständigkeit sind in ihr mit bemerkenswerter Präzision gefasst.
Friedrich Engels am Grab von Marx
Die andere Wendung lautet „wan ma ben teng“: „Zehntausend Pferde galoppieren voran.“ Sie steht für Dynamik, Aufbruch und beschleunigte Entwicklung. Nach Maos Tod (19.8. 1976) deutete sich in China schon wenige Wochen später ein fundamentaler Kurswechsel an. In einem Bericht aus Peking vom 19. November 1976 wurde darauf hingewiesen, dass nunmehr die Erhöhung der Produktion betont werde. und Der Gruppe um Jiang Qing wurde vorgeworfen, mit ihrer Überbetonung der Politik der Produktion schweren Schaden zugefügt zu haben. Bemerkenswert war die Begründung: Man berief sich nicht auf Kapitalismus, sondern auf ein „Grundprinzip des Marxismus“, nämlich darauf, dass die Menschen zuerst essen, trinken, wohnen und sich kleiden müssten, bevor sie sich mit Politik, Wissenschaft, Kunst oder Religion befassen könnten. Der Akzent verlagerte sich damit vom Klassenkampf auf das, was Engels am Grab von Marx das „Entwicklungsgesetz der menschlichen Geschichte“ genannt hatte.
Von da an trat in China der Wirtschaftsaufbau in den Vordergrund, auch unter Einbeziehung kapitalistischer Methoden. Nicht die Abkehr vom Marxismus, sondern seine Neuinterpretation unter chinesischen Bedingungen wurde programmatisch. In den Jahrzehnten danach 1976 entwickelte sich das Land unter Führung der Kommunistischen Partei zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Wer nur den Gegensatz von Plan und Markt, Ideologie und Pragmatismus oder Autoritarismus und Modernisierung vor Augen hat, verfehlt die innere Logik dieses Prozesses. Die Morphologie verlangt, die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen auszuhalten: marxistische Begriffswelt, chinesische Traditionsbildung, ökonomische Rationalisierung und machtpolitische Steuerung.
Die Morphologie verlangt, die aus sinomarxistischer Sicht problemosen Koexistenz widersprüchlicher Sachverhalte auszuhalten: deutscher Marxismus und chinesische Traditionsbildung, ökonomische Rationalisierung und machtpolitische Steuerung, Plan und Markt, Prinzipientreue im Grundsätzlichen und Pragmatismus im Nichtgrundsätzlichen, politischer Autoritarismus und technokratische Modernisierung etc..
„Aus dieser Perspektive fällt auf, wie zurückhaltend die deutsche Politik gewöhnlich gegenüber den ideologischen Selbstbeschreibungen Chinas bleibt. Berlin weiß meist sehr genau, was China exportiert, importiert, subventioniert oder reguliert. Weit weniger Aufmerksamkeit gilt der Frage, wie das offizielle China sich selbst deutet: in den langen Linien seiner Geschichte, in der n Formeln Gedankenwelt der Partei, in den semantischen Signalen der Sprache. Hier liegt eine Leerstelle deutscher China-Wahrnehmung“, mahnt von Senger.
Ein Staatsbesuch in Peking verlangt selbstverständlich nicht nach gelehrter Vortragskunst. Aber er verlangt nach einem Mindestmaß geistiger Präsenz. Wer dort nur korrekt spricht, bleibt unter Umständen dort stumm, wo das Gegenüber auf Resonanzen hört. Gerade Deutschland hätte die Möglichkeit, auf einem Feld sichtbar zu werden, das weder ökonomisch noch militärisch ist, sondern kultur- und ideengeschichtlich: mit dem Umstand, dass der für China bis heute maßgebliche Name Marx ein deutscher Name ist. Das wäre kein Anlass zur Selbstüberhebung, wohl aber ein Pfund, mit dem sich maßvoll wuchern ließe.
Der Hinweis auf das Pferd wäre daher mehr gewesen als eine hübsche Kalenderreferenz. Er hätte den Zugang eröffnet zu einer tieferen, amtlich hoch relevanten Schicht chinesischer Selbstdeutung. Dass diese Gelegenheit ungenutzt blieb, verweist auf ein verbreitetes deutsches Defizit: zu viel Routine im Politischen, zu wenig Aufmerksamkeit für das Geistesgut die Formen, in dem denen sich ein Staat wie China selbst erkennt. Wer nur anwesend ist, ist noch nicht präsent. Wer nur redet, hat noch nichts zum Klingen gebracht.
Weiterführende Hinweise
Harro von Senger: Moulüe – Supraplanung. Unerkannte Denkhorizonte aus dem Reich der Mitte. 3. Auflage. Hanser, München 2024.
Harro von Senger: „Akzentverschiebungen in China“, Neue Zürcher Zeitung, 19. November 1976, S. 2.
Veröffentlichungen Harro von Sengers über den Sinomarxismus
http://www.supraplanung.ch/sinomarxismus.html
Harro von Senger: Erinnerungen an China (1975-1977) – Morphologie und China.
Die amtliche Denkweise der Volksrepublik China: Ein blinder Fleck in der deutschen China-Wahrnehmung?