Sicherheit beginnt vor dem Angriff: Vom Aushalten zum Antizipieren #Vigilanz

Die sicherheitspolitische Debatte liebt die beruhigenden Begriffe. Sie nimmt ein Wort, das nach Halt klingt, und stellt es wie eine Stütze unter ein schwankendes Gebäude: Resilienz. Man spricht es in Talkshows aus, in Strategiepapiere hinein, in Leitbilder hinein – und meint damit am Ende meist dasselbe: standhalten, aushalten, den Stoß ertragen, wenn er kommt. Das ist die Logik der Befestigung, und sie hat ihren Ort. Doch wer sie zum Leitstern der Epoche erhebt, verwechselt die Tugend der Zähigkeit mit der Kunst der Sicherheit.

Denn im 21. Jahrhundert liegt der Gegensatz nicht zwischen Mut und Feigheit, nicht einmal zwischen Angriff und Verteidigung. Er liegt zwischen zwei Arten, Zeit zu begreifen. Resilienz ist die Haltung, die nach dem Ereignis ihre Würde sucht; Vigilanz ist die Haltung, die vor dem Ereignis die Entscheidung erzwingt.

Vom Wort, das die Lage verrät

Resilienz ist ein Konzept, das aus der Erfahrung industrieller Gewalt gespeist ist: Fabriken, Brücken, Depots, Verbände – Dinge, die sich treffen, zerstören, ersetzen lassen. Wer Resilienz predigt, denkt in Schäden und Reparatur, in Wiederaufbau und Durchhaltefähigkeit. Das ist nicht falsch; es ist nur nicht mehr hinreichend.

Vigilanz hingegen ist kein Zustand, sondern eine Tätigkeit. Sie ist keine Mauer, sondern ein Blick; keine Versicherung, sondern eine laufende Rechnung. Proaktive Wachsamkeit heißt: den Angriff nicht erst „verkraften“, sondern ihn antizipieren, seine Vorzeichen lesen, seine Kostenstruktur verstehen, seine psychologischen und technischen Bedingungen stören, bevor er sich in Handlung verwandelt. Vigilanz ist die Fähigkeit, das Unfertige im Entstehen zu erkennen.

Hier beginnt der neue Ansatz, den Christian Hummert von der Cyberagentur in die Debatte trägt: Er spricht nicht von der Stärke der Substanz, sondern von der Aufmerksamkeit der Organisation. Und Aufmerksamkeit ist im Zeitalter der Asymmetrie selbst eine Waffe.

Von der falschen Buchhaltung

Die Protagonisten der Politik rechnen noch immer gern in den Kategorien, die ihr vertraut sind: Material, Infrastruktur, Personal. Das sind wichtige Größen. Doch es kommen neue Aspekte hinzu. In den asymmetrischen Konfliktformen der Gegenwart gewinnt nicht der, der die größten Lager hat, sondern der, der die bessere Kostenkurve der Wirkung besitzt.

Wenn ein Akteur alte Prestigeplattformen abstößt und in Drohnenschwärme investiert, dann ist das weniger eine technische Mode als eine strategische Aussage: Wirkung wird entkoppelt von Masse. Und wenn ein anderer Akteur hochpreisige Abwehrsysteme einsetzt, um sehr günstige Angriffsobjekte zu bekämpfen, dann entsteht eine gefährliche Illusion: Man hat „abgewehrt“, aber zu Bedingungen, die die eigene Handlungsfreiheit ausbluten lassen. Wer in einem solchen Verhältnis Resilienz predigt, sagt: „Wir werden das schon ertragen.“ Doch Sicherheit ist nicht die Fähigkeit, teuer zu reagieren, sondern die Fähigkeit, den Gegner zu zwingen, teuer zu werden.

Vigilanz heißt daher: nicht nur die eigene Verwundbarkeit zu härten, sondern die gegnerische Kalkulation zu vergiften. Sie fragt: Wo entsteht der Angriff? Welche Vorentscheidungen braucht er? Welche Sensorik, welche Kommunikation, welche Narrative, welche Trainingsdaten, welche Lieferketten, welche Routinen? Und wie lässt sich dort, im Vorfeld, eine Störung setzen, die aus einem günstigen Angriff ein riskantes Abenteuer macht?

Von der Operativität der Wachsamkeit

Man hat Vigilanz oft für eine bloß moralische Tugend gehalten: „wach sein“, „aufmerksam sein“, „nicht naiv sein“. Das ist zu wenig. Vigilanz wird erst dann sicherheitspolitisch relevant, wenn sie operativ wird – wenn sie sich in Systeme, Verfahren, Übungen und Beschaffung übersetzt.

Genau dort setzt die Cyberagentur mit ihren technologischen Linien an: mobile Formen leistungsfähiger Rechenkapazität, neuroadaptive Schnittstellen, autonome Systeme im Schwarm. Der gemeinsame Nenner dieser Vorhaben ist nicht „Hightech“ als Selbstzweck, sondern eine neue Art, Entscheidung zu organisieren: schneller als die Überraschung, robuster als die Störung, verteilt statt zentral, lernend statt statisch.

Die Signale aus Wettbewerben wie HAL2025 – robuste Kommunikation im Schwarm, autonome Perimeter-Aufklärung, schwarmintelligente Sensorik für Großveranstaltungen – deuten auf eine Doktrin, die nicht mehr die einzelne Plattform optimiert, sondern das Verhalten vieler. Schwärme sind nicht nur Geräteverbände, sie sind Entscheidungsmaschinen: Sie verteilen Wahrnehmung, sie absorbieren Ausfälle, sie erzeugen Redundanz ohne übermäßige Kosten. Resilienz versucht, den Schlag zu überleben; Vigilanz versucht, den Schlag gar nicht erst als kohärenten Schlag entstehen zu lassen.

So verschiebt sich die Verteidigung von der Linie in die Tiefe: nicht als Rückzug, sondern als Verdichtung von Beobachtung und Gegenwirkung. Man gewinnt nicht nur dadurch, dass man stärker gepanzert ist, sondern dadurch, dass man dem Gegner den Moment nimmt, in dem sein Angriff „sinnvoll“ ist.

Vom Nebel der Information und seiner Bewaffnung

Die Gegenwart kennt eine zweite Front, die sich nicht in Trümmern zeigt, sondern in Zweifeln: die manipulative Bearbeitung von Wahrnehmung. Deepfakes, koordinierte Desinformation, synthetische Stimmen – all dies ist nicht bloß „Kommunikation“. Es ist ein Angriff auf den Zusammenhang zwischen Ereignis und Urteil. Wer hier nur resilient sein will, plant bereits die Schadensbegrenzung im Vertrauen: Richtigstellungen, Faktenchecks, nachlaufende Aufklärung. Das ist notwendig – aber es ist das Regiment der Nachhut.

Vigilanz in dieser Sphäre bedeutet: nicht erst die Fälschung zu entlarven, wenn sie viral ist, sondern die Entstehungsbedingungen der Fälschung zu erkennen und zu stören: Trends, Narrative, technische Werkzeuge, Foren, die neue Methoden hervorbringen, und die soziokulturellen Spannungen, an die Manipulation andocken will.

Ein konkreter Ausdruck dieser Idee findet sich im Konzept „Cassandra“ der Bonner Söhne – Constantin und Gunnar Sohn i- n Anlehnung an das Konzept von Professor Jürgen Wertheimer: Der Ansatz setzt nicht primär bei der nachträglichen Erkennung fertiger Deepfakes an, sondern bei der präventiven Frühdetektion. Ein KI-System soll kontinuierlich Kontextinformationen, Trends und Narrative analysieren, um manipulative Absichten und entstehende Deepfake-Techniken bereits in ihrer Entwicklungs- oder Planungsphase zu identifizieren. Es beobachtet nicht nur technische Merkmale, sondern auch Kommunikationsmuster, Diskussionsräume und soziokulturelle Bewegungen – und schafft damit eine Datenbasis, die Bedrohungen „vor ihrer Materialisierung“ sichtbar macht.

Man erkennt: Das ist Vigilanz in Reinform. Nicht der Kampf um das einzelne Video steht im Zentrum, sondern der Kampf um das Zeitfenster. Wer früher sieht, zwingt den Gegner, früher zu handeln – und wer den Gegner zu früherem Handeln zwingt, zwingt ihn oft zu schlechterem Handeln.

Von der Trägheit der Institutionen

Jede strategische Einsicht scheitert zuerst an der Gewohnheit. Institutionen lieben klare Zuständigkeiten, feste Grenzen, messbare Outputs. Resilienz ist administrativ bequem: Man kann Listen erstellen, Schutzbedarfe definieren, Standards setzen, Audits durchführen. Vigilanz hingegen ist unbequem, weil sie nicht nur „Schutz“ ist, sondern Jagd: Sie verlangt Hypothesen, kontinuierliche Beobachtung, das Denken in gegnerischen Möglichkeiten, den Mut zur Vorverlegung von Ressourcen in den Bereich des Ungewissen.

Das Ungewisse ist aber nicht das Gegenteil von Rationalität; es ist ihr Prüfstein. Wer nur das absichert, was bereits bekannt ist, baut Festungen gegen die letzte Schlacht. Vigilanz verlangt eine Organisation, die nicht nur reagiert, sondern lernt – eine, die Fehler schnell erkennt, Korrekturen schnell zulässt, und die in Übung und Alltag dieselbe Sprache spricht.

Dazu gehört auch eine neue Beschaffungslogik. Nicht „das beste System“ ist die Frage, sondern: Welches System verändert die gegnerische Kostenrechnung am stärksten? Welche Fähigkeiten lassen sich skalieren, ohne dass jeder Zuwachs exponentiell teurer wird? Wo ersetzt Software teure Hardware? Wo ersetzt Verteilung die Verwundbarkeit des Zentrums? Wo ersetzt Autonomie die Trägheit der Befehlskette – ohne die politische Kontrolle zu verlieren?

Von der Entscheidung als eigentlichem Ziel

Am Ende ist Sicherheitspolitik nicht die Verwaltung von Dingen, sondern die Gestaltung von Entscheidungen. Der Gegner versucht, uns in Situationen zu bringen, in denen jede Wahl schlecht ist: teure Abwehr gegen billigen Angriff, hektische Kommunikation gegen kalkulierte Manipulation, späte Reaktion gegen frühe Initiative. Resilienz akzeptiert oft, dass man in diese Lage gerät – und will dann „durchhalten“. Vigilanz will verhindern, dass diese Lage überhaupt entsteht.

Das heißt nicht, dass Vigilanz immer „offensiv“ sein muss. Es heißt, dass Verteidigung nicht passiv verstanden werden darf. Die wahre Verteidigung ist diejenige, die dem Gegner die Form seines Angriffs nimmt. Sie arbeitet am Vorfeld: an Sensorik, an Vorwarnung, an Mustererkennung, an der Robustheit verteilter Kommunikation, an der Fähigkeit, Schwärme nicht nur zu haben, sondern zu führen – und an der geistigen Disziplin, das Denken des Gegners als ständige Aufgabe zu begreifen.

Der Wechsel der Epoche in einem Begriff

Resilienz bleibt notwendig, weil kein Schutz vollkommen ist. Aber sie darf nicht mehr die Leitidee sein, wenn der Angriff selbst billig, schnell, massenhaft und oft unsichtbar geworden ist. Dann wird Resilienz zur Erzählung des Ertragens – und das Ertragen ist keine Strategie.

Vigilanz ist die Erzählung des Vorgriffs. Sie ist das Prinzip, das Technik, Organisation und Politik auf eine neue Zeitskala zwingt: früher sehen, früher entscheiden, früher stören. In diesem einen Wort liegt der Übergang von der Festung zur Aufklärung, vom Wiederaufbau zur Verhinderung, vom Nachlauf zur Initiative.

Und wer die Initiative in der Zeit gewinnt, gewinnt häufig auch die Freiheit im Raum.

Nicht Konfabulation, Klaus — Arbeit.

Mit Klaus an der Mosel.

Klaus Janowitz, du fängst in Deinem Blogbeitrag im zweiten Absatz mit der Regionalbahn an, mit Jugendlichen, mit dem Satz: „Lass uns mal ChatGPT fragen.“ Und du setzt sofort die Deutung oben drauf wie eine fertige Folie: Die Sprachmaschine sei zur Suchmaschine geworden, KI werde zur kognitiven Infrastruktur, Intermediär, Magma, Konfabulation. Alles groß. Alles sauber formuliert. Und genau deshalb: zu bequem.

Denn du baust dir einen Bruch, den du dann beklagen kannst. Dabei ist der Bruch älter. Kälter. Und viel banaler.

Regionalbahn ist nicht der Skandal. Skandal war immer schon: Tempo ersetzt Urteil.

Diese Szene ist wahr, klar. Aber sie ist nicht “neu”. Neu ist nur, dass die Geste sichtbarer ist: nicht tippen, nicht klicken, sondern sprechen lassen. Der Reflex war längst da: Ich bin unsicher → ich frage eine Maschine → ich nehme das Ergebnis als Orientierung. Nur dass früher das Ergebnis als Trefferliste kam, heute als Stimme.

Und wenn du so schreibst, als sei das eine moralische Wende, dann tust du so, als sei die alte Welt der Suchmaschinen ein epistemischer Garten gewesen: Links, Quellen, Aufklärung. War sie nicht.

Die Suchmaschine: hundertstel Sekunden, Spiegelbild — und drunter der Schminkkoffer.

Du schreibst: Suchmaschinen führten zu Quellen. Bewertung blieb bei den Nutzern. Ich sage: Suchmaschinen führten zu Siegern. Bewertung wurde delegiert an Rankings, Snippets, Klickwahrscheinlichkeiten, an den ganzen Markt für Aufmerksamkeit.

Hundertstel Sekunden, zack, ein Spiegelbild der Serverwelt. Aber dieser Spiegel war geschminkt.
SEOLeadSchlagmichtot. Experten, die Überschriften züchten wie Mastschweine. “Top 10”-Listen, die nie etwas erlebt haben, aber alles behaupten. Affiliate-Köder, Keyword-Suppe, Content-Farmen. Das war nicht die Ausnahme, das war das System. Du kannst nicht die Trefferliste als “Quelle” romantisieren und dann der KI vorwerfen, sie liefere “Plausibilität”. Plausibilität war schon immer die Währung. Nur dass sie früher als Link getarnt war.

Luhmann: Die Entkopplung ist der Grundzustand — nicht KI.

Wenn man wirklich verstehen will, was passiert, muss man tiefer als “Intermediär”. Der Soziologe Niklas Luhmann hat es glasklar beschrieben: Eingabe und Abruf werden so getrennt, dass keine Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird.
Und mit dieser Entkopplung passiert etwas Brutales: Autorität der Quelle wird entbehrlich. Absicht wird unlesbar. Verdacht wird schwer.

Das ist der Kern, Klaus. Nicht ChatGPT. Nicht “Konfabulation”.
Computerkommunikation selbst ist das Setting, in dem Herkunft der Information verblasst und die Form des Outputs die Rolle der Quelle übernimmt.

“Plausible Konfabulation”

Deine Metapher aus der Neuropsychologie ist elegant: Konfabulation ohne Täuschungsabsicht. Plausible Fortsetzung. Statistik statt Bedeutung. Nur: Selbst wenn das technisch stimmt, sozial stimmt etwas anderes viel mehr.

Die Gefahr ist nicht primär, dass etwas falsch ist. Falsches gab es immer. Die Gefahr ist: Die Autorität wandert in den Klang der Antwort. Nicht Quelle, nicht Motiv, nicht Kontext – sondern Ton. Flüssigkeit. Souveränität. “Hilfreich”. Die Maschine muss nicht lügen, um Wirkung zu haben. Sie muss nur so klingen, dass du aufhörst, nach Herkunft zu fragen.

Und dann kommt dein Satz: “Wer KI nutzt, produziert mehr, schneller, glatter.” Glatter – als moralisches Urteil. Als Vorwurf. Als Verdacht.

Hier widerspreche ich aus eigener Praxis: Ich produziere nicht glatter. Ich produziere präziser. Besser begründet. Fundierter. Weil ich nicht delegiere, sondern arbeite: iterieren, nachfragen, Gegenargumente ziehen, Begriffe klären, Struktur prüfen, nochmal prüfen. Nicht “mach du”, sondern “gib mir Varianten, damit ich härter entscheiden kann”. Das ist nicht Doping. Das ist Handwerk in Schleife.

Und genau an dieser Schleife entscheidet sich alles: ob KI zur Plausibilitätsdroge wird – oder zum Präzisionswerkzeug.

Herkunft ist nicht Schicksal – und genau hier kann KI zum ersten Mal wirklich brechen

Jetzt kommt mein eigener Punkt. Hyperpersonalisierung ist die neue Chance für Menschen, die bislang keine Chancen hatten. Hyperpersonalisierung ist eine Praxis. Meine Schleife. Meine Arbeit. Meine Disziplin: fragen, nachhaken, gegenprüfen, umformulieren, präzisieren. Und ich behaupte: Genau darin liegt die antielitäre Sprengkraft.

Denn Deutschland hat dieses alte, zähe Gesetz: Herkunft gleich Zukunft. Postleitzahl als Prognose. Elternhaus als Lebenslauf. Schule als Sortiermaschine. Und ja: Es gibt die alte Route der Privilegien immer noch – Salem-Internat, dann Harvard, dann CEO, Aufsichtsrat, Spitzenwissenschaft, Gründung. Der glänzende Korridor. Und daneben: das Regelsystem für alle anderen. Das ist nicht nur “ungerecht”, das ist strukturell.

Und hier wird KI plötzlich erquicklich real: Kein Lehrer, keine Lehrerin kann Losgröße 1. Nicht, weil sie schlecht wären. Weil es praktisch unmöglich ist. Zwanzig oder dreißig Kinder, fünf Stunden, Lehrplan, Noten, Verwaltung, Lärm, Müdigkeit. Da gibt es nicht “individuell”, da gibt es bestenfalls “differenziert”. Förderung als Ausnahme, nicht als Betrieb.

Der Lerncomputer kann Losgröße 1. Nicht magisch. Nicht moralisch. Einfach: skalierbar.
Er kann dir hundert Erklärungen geben, bis es klickt.
Er kann dich nicht beschämen, wenn du zum fünften Mal fragst.
Er kann in deinem Tempo laufen, nicht im Tempo der Klasse.
Er kann dir Wege öffnen, die das System oft nicht liefert.

Und ja: Er kann dich aus der Fritz-Erler-Allee 16, Gropiusstadt, Berlin-Neukölln nicht in die Eckkneipe vor der eigenen Tür führen – nicht in den erwartbaren Kreis –, sondern in Bildungsabenteuer mit beruflicher Perspektive, die im Schulsystem viel zu oft gar nicht erreichbar gemacht werden. Nicht weil KI “gut” ist. Sondern weil Zugang plötzlich anders organisiert werden kann: individuell, dauerhaft, ohne soziale Demütigung, ohne Gatekeeper-Rituale.

Das ist in der jüngeren Bildungsgeschichte ein möglicher Bruch: Herkunft muss nicht mehr so hart Zukunft diktieren, wenn Losgröße 1 zur Grundform werden kann. Antielitär nicht als Parole, sondern als Praxis. Und dass “elitär anmutende Experten” das reflexhaft kleinreden (“Doping!”, “Betrug!”), ist oft weniger Sorge um Wahrheit als Sorge um Ordnung: Wenn Förderung massenhaft wird, verliert das Privileg der Förderung seinen Status.

Natürlich ist das kein Automatismus. Ohne Gerät, ohne Ruhe, ohne Unterstützung wird niemand “erlöst”. Aber der Punkt bleibt: Zum ersten Mal gibt es ein Werkzeug, das Individualförderung nicht nur verspricht, sondern liefern kann. Und das ist politisch.

Wenn KI hier helfen kann, dann nicht als Sprachmaschine. Sondern als Werkzeug, das Arbeit ermöglicht — präzise, iterativ, antielitär. Und genau deshalb sollte man aufhören, sie nur als “plausible Konfabulation” zu beschreiben. Das ist zu klein. Das ist zu bequem.

Die Zitatmaschine und die stille Macht der Auswahl: TwitterX stärkste Plattform im Zitate-Ranking – TableMedia verdoppelt und hängt Steingart ab – LinkedIn immer häufiger zitiert

Zitat heißt: Ich war da. Ich habe etwas, das andere brauchen. In der Medienwelt ist das die härteste Währung. Wer oft zitiert wird, bestimmt nicht nur Gespräche – er bestimmt, worüber überhaupt gesprochen wird. Die Media-Tenor-Auswertung für 2025 zeigt deshalb keine bloße Rangliste. Sie zeigt ein System. Und dieses System hat Schlagseite.

Die BILD-Gruppe baut ihre Dominanz aus. 2025 liegt sie bei 1.476 Zitaten, 2024 waren es 1.374. Auf Platz zwei folgt die SPIEGEL-Gruppe – aber mit Abstand und mit Verlusten: 924 nach 1.073. Auch Handelsblatt und Süddeutsche verlieren. Gewinner sind neben BILD unter anderem die RTL/ntv/STERN/CAPITAL-Gruppe sowie FAZ und Tagesspiegel. Das ist mehr als ein Stimmungsbild: Es ist ein Machtwechsel im Zitierkartell der Leitmedien.

Dominator Bild

Warum BILD? Die Studie nennt einen Treiber beim Namen: „Horse-Race“-Berichterstattung, also Umfragen als Dauer-Drama. Umfragen sind bequem. Sie sind schnell. Sie liefern Zahlen, die jede Redaktion ohne großen Aufwand in eine Schlagzeile gießt. Und sie sind politisch verwertbar. Wer Umfragen setzt, setzt Themen – und wer Themen setzt, wird zitiert. Das Problem: Umfragen sind kein Ersatz für Politikberichterstattung. Trotzdem wurden sie 2025 zum zweithäufigsten Zitate-Thema, direkt hinter der Asylpolitik. Das ist eine medienpolitische Warnlampe.

Denn Zitate entstehen nicht im luftleeren Raum. Zitate entstehen in Redaktionskonferenzen. Dort entscheidet man: Machen wir das groß – oder klein? Nehmen wir den Konflikt – oder die Lösung? Den Skandal – oder die Struktur? Das Ranking legt nahe: Was sich gut zuspitzen lässt, gewinnt. Parteipolitik steht an der Spitze der Zitate-Themen, dazu innere Sicherheit, internationale Konflikte, Krieg. Drängende Dauerbaustellen wie Rente, Bildung, Arbeitsmarkt tauchen in dieser Top-Liste nicht als Zugpferde auf. Gesundheit schafft es immerhin unter die Top 15. Aber das Gesamtbild bleibt: Außen, Alarm, Aufregung. Innen, Alltag, Ausdauer: zu selten.

Angelsächsische Tiefenbohrer gefragt

Politico springt 2025 sichtbar nach oben; als Grund nennt die Auswertung ein Trump-Interview, das die Plattform „deutlich nach oben“ katapultiert. Die Financial Times schärft ihr Profil als Quelle für internationale Wirtschaftsbeziehungen und wird mit Analysen und Recherche besonders häufig zitiert. Das ist interessant: Wenn es um die Weltwirtschaft geht, vertrauen deutsche Leitmedien auf angelsächsische Tiefenbohrer. Wenn es um deutsche Innenpolitik geht, vertrauen sie auffällig oft auf den heimischen Krawallmotor. Beides zusammen ergibt ein merkwürdiges Menü: außen präzise, innen polarisiert.

Tagesspiegel kann punkten

Der Tagesspiegel zeigt, wie Agenda-Setting funktioniert – selbst im Sommerloch. Recherchen zu Moskau-Reisen und Konferenzauftritten trieben die Zitate in den Monaten Juli und August; später sogar eine Feiertagsdebatte. Das ist die gute Nachricht: Journalistische Arbeit kann durchdringen. Die schlechte Nachricht: Sie muss oft den Umweg über Empörung nehmen, um den Zitat-Olymp zu erreichen.

Der Politikteil ist die Zitat-Schaltzentrale. Und dort ist BILD „das Maß der Dinge“. Das ist nicht bloß ein journalistisches Detail. Das ist medienpolitisch relevant, weil Zitate in Leitmedien Rückkopplung erzeugen: Politik liest Medien, Medien zitieren Medien, Politik reagiert auf das, was Medien als Reaktion darstellen. Ein Zirkel. Wenn in diesem Zirkel ein Medium mit Umfragen und Zuspitzung dauerhaft dominiert, verschiebt sich der Ton. Der Diskurs wird schneller, härter, taktischer. Und wer am Rand steht, bekommt mehr Bühne – nicht weil er stärker argumentiert, sondern weil er stärker klickt.

Bild stark auch bei Wirtschaftsthemen – ARD und ZDF schwach

Im Wirtschaftsteil fällt eine zweite Schieflage auf. Handelsblatt und Financial Times führen – erwartbar. Überraschend ist, dass BILD im Wirtschaftsteil deutlich vor dem SPIEGEL liegt, während ARD und ZDF dort schwach sind. Wer Wirtschaft nicht erklären kann, verliert Einfluss. Und wer Einfluss verliert, verliert wiederum die Fähigkeit, wirtschaftspolitische Debatten zu erden – gerade in Zeiten von KI, Robotik und Umbrüchen in Schlüsselbranchen. Die Studie zeigt: 2025 rücken IT, Elektro, KI und Robotik als Zitat-Treiber nach vorn; der Auto-Sektor nutzt sich ab; Chemie fällt durchs Raster. Das ist kein naturgegebenes Abbild der Realität – das ist eine Auswahl.

TwitterX wichtigste Plattform im Zitate-Ranking

Plattformen sind längst Mitsender. X (Twitter) bleibt die dominierende zitierte Plattform; Truth Social legt zu, bleibt aber stark an Trump gebunden. LinkedIn steigt als Zitierquelle – auf einem Niveau, das plötzlich mit etablierten Marken konkurriert. Table.Media verdoppelt seine Sichtbarkeit und hängt einen prominenten Konkurrenzbrief ab. Das alles zeigt: Die Grenze zwischen Redaktion und Netzwerk löst sich auf. Wer medienpolitisch noch so tut, als sei „Presse“ ein klar umgrenztes Gebiet, verwaltet ein Museum. Zitate Gesamtjahr 2025

Was folgt daraus? Keine Moralpredigt. Regeln.

Transparenzregeln für Umfragen.
Wenn Umfragen den Diskurs treiben, müssen Herkunft, Methode, Unsicherheit und Auftraggeber in der Berichterstattung sichtbar sein – und zwar standardisiert. Und: Redaktionen sollten offenlegen, wie oft sie Umfragen ohne neue politische Substanz spielen. Das ist kein Maulkorb. Das ist Hygiene.

Öffentlich-rechtlicher Auftrag im Wirtschaftsteil ernst nehmen.
Wenn öffentlich-rechtliche Anbieter bei Wirtschaft schwächeln, ist das ein Auftragsproblem – nicht nur ein Redaktionsproblem. Wirtschaft ist Alltagspolitik: Mieten, Energie, Jobs, Innovation. Wer das nicht beherrscht, überlässt das Feld den Lauten oder den Londonern.

Plattformkompetenz als Pflichtfach – auch für Redaktionen.
Wenn X, LinkedIn und alternative Portale zitierfähig werden, brauchen Redaktionen klare Standards: Verifikation, Kontext, Missbrauchsschutz. Und Medienaufsicht braucht die Fähigkeit, systemische Verstärker zu erkennen: Welche Plattformmechanik macht welches Narrativ groß?

Mehr Themenmut.
Das Zitate-Ranking zeigt eine Fixierung auf Parteipolitik und Konflikte. Medienpolitik kann das nicht verordnen. Aber sie kann Räume schaffen: für Bildung, Infrastruktur, Demografie. Nicht als „Service“, sondern als Machtfrage.

Die Republik der Ausnahmen: 20 Jahre IFG – und die Kunst, Anfragen an den Staat ins Leere laufen zu lassen

„Wie fragt man den Staat? Was fragt man den Staat? Inkl. Action!“ – als dieses Motto am 2. Mai 2012 auf der re:publica als Workshop-Ansage stand, klang es noch nach demokratischer Bastelanleitung: ein bisschen Plattform, ein bisschen Formulierungshilfe, dann flutscht der Informationszugang schon.
Dreizehn Jahre später ist aus der Bastelanleitung ein Diagnoseinstrument geworden: Nicht die Frage, ob man fragen darf, ist das Problem – sondern wie der Staat lernt, nicht zu antworten, ohne „Nein“ zu sagen.

Genau diesen Punkt trifft der Freiburger Staatsrechtslehrer Friedrich Schoch in seinem FAZ-Gastbeitrag zum 20-jährigen Jubiläum des Informationsfreiheitsgesetzes: Das IFG war ein Fortschritt, aber es bleibt ein System begrenzter Transparenz – und ein System, das politisch jederzeit wieder kleiner gemacht werden kann.

Was an der Schoch-Analyse so nützlich ist: Er schreibt nicht aus dem Aktivistenreflex, sondern aus der Kombination von Lehrstuhl und Gerichtspraxis. Gerade dadurch wird sein Text zur Steilvorlage, um meine 2012er Recherchen (Insider-Infos einer Pressesprecherin im Geschäftsbereich des Bundesinnenministeriums, Abwehrleitfäden, Gebühren-Drohkulisse) als das zu lesen, was sie waren: eine Feldstudie über die Exekutive im Abwehrmodus.

Die große Verheißung: Jedermannrecht ohne Begründung – und doch mit Haken

Das IFG startete mit Pathos: Jeder hat Anspruch auf Zugang zu amtlichen Informationen. Schoch erinnert daran, dass es damit in Deutschland einen Bruch mit dem alten Prinzip „Akten nur bei berechtigtem Interesse“ gab – und dass das Gesetz ausdrücklich Demokratie, Meinungsbildung und Kontrolle stärken sollte.

Meine 2012er Bilanz dagegen klingt wie das Protokoll aus einer Behörde, die den neuen Anspruch als Störung des Betriebsfriedens behandelt: Gummiparagrafen, Abwimmelroutinen, Gebühren als Abschreckung. Das Gesetz verspricht Offenheit als Standard – die Verwaltung behandelt Offenheit als Ausnahmefall, der begründet werden muss.

Schoch liefert dafür die juristische Innenansicht: Es gibt legitime Geheimhaltungsgründe – aber das IFG arbeitet teils mit absoluten Ausschlussgründen (ohne Abwägung), mit Bereichsausnahmen (z. B. Nachrichtendienste), und mit einem Schutz privater Interessen (u. a. Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse), der in der Praxis sehr weit reicht. Fast die Hälfte der Paragrafen kann benutzt werden, um Bürgerinnen und Bürger wieder loszuwerden.

Die Abwehr ist die Botschaft: „Öffentliche Sicherheit“ als Blackbox

Der klassische Abwehrsatz heißt: „Die Veröffentlichung gefährdet die öffentliche Sicherheit.“ Das klingt nach Terrorlage, endet aber manchmal bei peinlich profanen Dingen – etwa Namen.

Das ACTA-Beispiel ist bis heute die perfekte Miniatur dafür: Eine IFG-Anfrage wollte wissen, wer für die Bundesregierung an ACTA-Verhandlungsrunden teilnahm; abgelehnt wurde u. a. mit Verweis auf „öffentliche Sicherheit“, weil die betroffenen Personen potenziell Angriffen ausgesetzt sein könnten – und weil FragDenStaat Veröffentlichung ermöglicht. Und dann passiert etwas Interessantes: Die Abwehr produziert Öffentlichkeit. Ein Spendenaufruf macht die Gebührenangst kollektiv finanzierbar – „7000 Euro“ tauchen als Symbol dafür auf, dass Transparenz in Deutschland oft erst dann real wird, wenn Bürger sie crowdsourcen.

Das ist der Punkt, an dem du Susanne Gaschkes „totalitäre Transparenz“-Warnung elegant drehen kannst: Totalitär ist hier nicht Transparenz, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der der Staat Transparenz als Risiko framet. Die politische Schieflage ist nicht „zu viel Öffentlichkeit“, sondern zu viel Deutungshoheit der Verwaltung darüber, was Öffentlichkeit „gefährdet“.

Der Trick mit dem Medium: Wenn Akten digital werden, wird Transparenz optional

Schoch setzt noch einen zweiten, modernen Hebel drauf: Die elektronische Kommunikation droht das IFG zu unterminieren, weil Ministerien Chats, Direktnachrichten und „informelle“ Kanäle aus der Aktenwelt herausdefinieren (TwitterX-DMs als „bagatellartig“, Wire-Nachrichten als „privat“). Er nennt das juristisch unhaltbar und politisch brandgefährlich: Wenn sich Regierungshandeln in Kanäle verlagert, die nicht als „amtliche Information“ gelten, entsteht Transparenzverweigerung durch Aktenvermeidung.

Meine 2012er Insider-Informationen bekommen dadurch eine neue Aktualität: Früher war die zentrale Technik „Ablehnen mit Paragraf“. Heute kommt „Nicht-Aufzeichnen“ dazu – die modernste Form des Abwimmelns ist das Verschwindenlassen der Spur.

Der Staatstrojaner als Lehrstück: Die Wunschliste ist politischer als der Einsatz

In Überwachungsfragen wird politisch gern über den konkreten Einsatz gestritten; mein Blick richtet sich auf Beschaffung, Leistungsbeschreibung, Abnahme, Rechnung.

Der Bericht des damaligen Bundesdatenschutzbeauftragten (Peter Schaar) dokumentiert 2012 zur Quellen-TKÜ beim BKA den DigiTask-Rahmenvertrag und die bemerkenswerte Klammer: „Grundmodul inkl. Skype“ – und das Modul „Onlinedurchsuchung“ sei „im Preis enthalten“ und könne „bei Bedarf integriert werden“. Ob ein Modul angeblich nie „abgerufen“ wurde, wird so zur semantischen Debatte – während die eigentliche demokratische Frage lautet: Was wurde strukturell einkaufbar gemacht? Der Skandal beginnt nicht beim Klick, sondern beim Warenkorb.

„Mehrwert“ – das freundlichste Codewort für Rückbau?

Schoch endet nicht euphorisch: Der Fortbestand des IFG sei politisch nicht gesichert; Reformbedarf gebe es, aber die Richtung sei offen. Und dann steht da dieser Satz aus dem Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD: Man wolle das IFG „in der bisherigen Form mit einem Mehrwert für Bürgerinnen und Bürger und Verwaltung reformieren“.

Das Wort „Mehrwert“ ist in diesem Kontext so harmlos, dass es gefährlich wird. Denn die Vorgeschichte war lauter: In den Verhandlungen stand zeitweise im Raum, das IFG in seiner bisherigen Form abzuschaffen – nach Protest aus Medien und Gesellschaft wurde daraus die weichgespülte „Mehrwert“-Formel.

Mehrwert für wen – für Antragsteller oder für die Behörde?
Mehrwert für die Verwaltung kann nämlich auch heißen: mehr Ausnahmen, mehr „Unverhältnismäßigkeit“, mehr Gebühren, mehr formale Hürden. Also: ein IFG, das sich demokratisch gibt, aber administrativ entkernt.

Schochs Reformvorschläge zeigen, wie „Mehrwert“ anders aussehen müsste: weniger Ausnahmen durch Überschneidungen, weniger absolute Verweigerungsgründe, mehr Abwägung wie im Umweltinformationsrecht, keine pauschalen Bereichsausnahmen ohne Begründungs- und gerichtliche Kontrollfähigkeit.

Wie man den Staat fragt, ohne in die Abwehrmaschine zu laufen

Frag nach Dokumenten, nicht nach Meinungen. („Bitte übersenden Sie…“, nicht „Bitte erklären Sie…“).

Begrenze sauber: Zeitraum, Organisationseinheit, Dokumenttypen.

Verlange Teilzugang: „Sofern einzelne Passagen schutzbedürftig sind, bitte ich um Schwärzung und Herausgabe des übrigen Teils.“

Kostenkontrolle: „Bitte informieren Sie mich vorab, falls Gebühren anfallen, und beziffern Sie diese.“ (damit §10 nicht als Überraschungskeule kommt).

Spur sichern: „Bitte berücksichtigen Sie auch elektronische Kommunikation, soweit sie dienstlich veranlasst ist.“

Transparenz ist keine Ideologie – sie ist Rechenschaft

Schochs stärkster Satz steht zwischen den Zeilen: Verwaltung und Regierung üben Herrschaftsmacht aus; wenn Vorgänge sichtbar werden, ist das keine Zumutung, sondern demokratische Normalität.
Meine 2012er Pointe – „besser mit der Kunst des Abwimmelns beschäftigen“ – wird damit zur 2026er Agenda: Nicht weil wir Transparenz vergöttern, sondern weil wir Rechenschaft brauchen, wo Macht ausgeübt wird.

Meine laufende Anfrage: Antrag nach dem IFG: Zweck, Kosten und Verarbeitung von Meldungen im „EinfachMachen-Portal“ (seit 01.12.2025)

Siehe auch:

Antrag nach dem IFG NRW – Haushaltsplanung und ordnungspolitische Steuerung im Bereich der Verkehrsüberwachung

Der Kanzler und sein Buch: Warum Deutschland 2026 mit Reförmchen weiter verliert


Der Herbst 2025 sollte der „Herbst der Reformen“ werden. Das Etikett klebte bereits, bevor die Flaschen gefüllt waren. Und dann? Er wurde zum Herbst der Verzagtheit: Reförmchen, Prüfaufträge, Trippelschritte. Genau die Mischung, die eine Volkswirtschaft im Stresstest nicht gebrauchen kann – große Worte, k(l)eine Wirkung. Wer in diesen Monaten auf das Kanzleramt blickte, sah weniger Schneise als Schaumkrone. Während Industrie und Mittelstand nach verlässlichen Strompreisen, Planbarkeit, schnelleren Genehmigungen und digitalen Behörden rufen, wird Verantwortung im Politikbetrieb so fein verteilt, bis sie niemand mehr greifen kann. Diese Zerfaserung – Zuständigkeiten wie Kleingeld – beschrieben Wolfgang Clement und Friedrich Merz bereits vor 15 Jahren als Standortkrankheit. Ihr Buch im Herder-Verlag trug einen Titel, der keinen Interpretationsspielraum ließ: „Was jetzt zu tun ist – Deutschland 2.0“. Die Botschaft war unmissverständlich: Ein Staat, der sich im eigenen Regelwerk verfängt, ist kein Schutzschild. Er wird zur Bremsanlage.

Heute ist Merz Bundeskanzler. Damit wird aus dem damaligen Autoren-Duktus eine Regierungsfrage mit Ablaufdatum: Was setzt er nun um – und was bleibt der prominenteste Reformtext, den man im Kanzleramt unangetastet lässt? Clement – früherer NRW-Ministerpräsident und Bundeswirtschaftsminister – und Merz schrieben kein Wohlfühlprogramm, sondern eine Zumutung: Ebenen verschlanken, Verantwortung sichtbar machen, Verfahren beschleunigen, Bürokratie begrenzen – führen statt verwalten. Wer derzeit Investitionen streckt, Standorte prüft, Lieferketten neu kalkuliert oder bei Energie- und Abgabenlast den Rotstift ansetzt, braucht keine weiteren Formulierungen. Er braucht die Einlösung politischer Zusagen.

Und ja: Man kann über die Aktualität eines Textes von 2010 lächeln. Man sollte es nicht. Denn die Diagnose passt erschreckend präzise – und einer ihrer Autoren sitzt inzwischen am Schalthebel der Macht. Clement und Merz riefen damals nicht nach der nächsten Kommission, sondern nach Umbau dort, wo Zeit und Geld verdampfen: Ebenen reduzieren, Verantwortung sichtbar machen. Wer Entbürokratisierung ernst meint, muss politische und administrative Ebenen verschlanken. Mehr Verwaltung braucht niemand. Territorien und Finanzen neu ordnen. Föderalismus ist kein Selbstzweck. Wo Grenzen Funktionen blockieren, wird Reform schmerzhaft – aber nötig. Bürokratie nicht streicheln, sondern messen und begrenzen. Normen begrenzen, Verfahren beschleunigen – bis hin zum Prinzip: Wenn die Behörde nicht entscheidet, gilt der Antrag.

Demografie als Realität behandeln. Bildung, Wissen, Integration, Unternehmergeist – statt reflexhaftes Ausweiten und Verschieben. Wenn das wie ein harter Einstieg klingt: Genau so ist es gemeint. Denn 2026 wird nicht das Jahr, in dem Deutschland Zeit geschenkt bekommt.

Die andere Realität: Ein Teil des Mittelstands hält – und
wächst

Während der politische Betrieb sich in Mini-Korrekturen flüchtet, läuft in vielen Familienunternehmen und Hidden Champions längst das, was man im Kanzleramt „Transformation“ nennt – ohne PowerPoint-Pathos, sondern als betriebliche Disziplin. Die Zukunftsmacher-Studie des Smarter Service Instituts zeigt: Krisen sind nicht mehr Ausnahme, sondern Umweltbedingung. Und viele Unternehmen organisieren sich durch Krisen, nicht gegen sie. Fast 60 Prozent bewerten ihre Lage als stabil
(Krisenampel Grün), weitere 30 Prozent als angespannt, aber beherrschbar (Gelb). Und 87 Prozent sind auf Wachstumskurs. KI ist dabei nicht mehr Laborfolklore, sondern Budget-Realität: Im Schnitt fließen rund 30 Prozent der Investitionsbudgets in Digitalisierung – und jeder fünfte Digital-Euro gezielt in KI. Das korrespondiert mit messbaren Effekten: Im Mittel werden 22 Prozent Produktivitätszuwachs genannt, hinzu kommen klare Effizienzgewinne. Daran sollte sich das Kanzleramt orientieren.

Siehe auch:

Treu und Glauben in Moll: Ein Paragraph betritt die Bühne

Es beginnt dort, wo das Recht gewöhnlich nicht singt: im Büro. Nicht im Gerichtssaal, nicht auf der großen Bühne der Republik, sondern in einer Anwaltskanzlei, „meinem Büro“, wie Claus Recktenwald in seinem „242 Song“ betont. Der Paragraph steht schon im Titel wie eine Aktennotiz, die sich in einen Refrain verwandelt hat: § 242 BGB, Treu und Glauben. Ein Satz, der so schmal ist, dass er fast nichts zu sagen scheint – und gerade deshalb alles sagen kann.

„Was ist billig? Was gerecht?“ – die Poetik der Unschärfe

Recktenwald lässt § 242 wie eine Beschwörung klingen: „Was ist billig? Was gerecht? Niemand weiß das wirklich.“ Der Witz sitzt dort, wo die Juristerei sonst gern ernst tut: In Wahrheit lebt das Zivilrecht in seinen härtesten Momenten von Worten, die nicht rechnen, sondern wägen. „Billig“ – dieses altmodische Wort, das nicht Rabatt meint, sondern Angemessenheit. „Gerecht“ – ein Begriff, der im Gesetzestext nie ganz ankommen will, weil er zu groß ist, um in eine Norm zu passen.

Instanzen als Choreografie: Rechtsprechung als Bühnenmechanik

Der Song macht aus dieser juristischen Technik eine kleine Tragikomödie des Entscheidens. „Richter oder Richterin erst die müssen her. Doch bei denen hält das nur. Dafür gibt’s Instanzen.“ Man hört darin die bekannte Dialektik: Das Recht sucht Eindeutigkeit, aber das Leben liefert Sachverhalte, die sich widersetzen. Also schrumpft, wie der Song sagt, „häufig … das Leben, das den Sachverhalt bestimmt, auf den Tatbestand“. Nicht nur ein richterlicher Fehler ist benannt, sondern eine strukturelle Versuchung: das Vieldeutige wird in die Form gepresst – und am Ende klingt das Urteil nach Folgerichtigkeit, obwohl es womöglich nur nach Vereinfachung klingt.

Rupert Felder: Krisen sind nicht neu – aber die Rede ist es

Genau hier dockt Rupert Felder im Interview auf der Zukunft Personal Nachgefragt Week über „multiple Krisen“ an. Für ihn ist Krise weniger ein Ausnahmezustand als ein Dauerrauschen mit wechselnden Etiketten: Ölkrise, Kriege, Lieferketten, Postpandemie. Entscheidend sei nicht die Liste, sondern die Reaktion: Herausforderung erfassen, Alternativen prüfen, Ressourcen bündeln, gestärkt hervorgehen. Doch das eigentlich Moderne, sagt Felder, liegt in der Kommunikation: „Man hat den Eindruck, es gewinnt nicht der Stärkere, sondern der Lautstärkere.“ Nicht mehr zuhören, schneller Ausschluss, „Sturm der Entrüstung“ – die Sprache als Brandbeschleuniger.

§ 242 als Gesellschaftstechnik: Beziehung statt Vorteil

Das ist die politische Variante dessen, was § 242 im Privatrecht verhindern will: die Reduktion des Gegenübers auf einen Zweck. Treu und Glauben heißt im Kern: Ich darf den Vertragspartner nicht als bloßes Objekt meiner Vorteilskalkulation behandeln. Ich muss die Beziehung mitdenken – wechselseitige Erwartungen, Loyalität, Zumutbarkeit. Felder überträgt genau diese Logik auf die Gegenwart: Gemeinschaft ist nicht nur Inklusion, sondern Teilhabe; sie entsteht nicht durch Slogans, sondern durch die Anerkennung des Anderen als Gesprächspartner – selbst im Dissens.

Wortgeklingel und Opportunismus: Wenn Begriffe ihre Substanz verlieren

Felder warnt vor dem Auseinanderfallen von Wort und Bedeutung: Diversity heute – geschleift morgen; Nachhaltigkeit als Pflichtübung, sobald Analysten danach fragen, als Ballast, sobald sie es nicht mehr tun. Das ist, in ziviler Übersetzung, § 242 als Kulturkritik: Nicht das Etikett zählt, sondern die innere Stimmigkeit. Haltung und Handlung müssen zusammenpassen. Sonst bleibt vom Wert nur noch der Klang.

Die dunkle Seite der Generalklausel: Macht und Urteilskraft

Recktenwalds Refrain kippt genau hier ins Ernsthafte: „Wer das dann entscheiden muss, nehme sich in acht … denn man selbst entgeht zum Schluss auch nicht dieser Macht.“ § 242 ist eben nicht nur Schutzschild, sondern auch ein Instrument, das vom Entscheider Charakter verlangt. Wer Treu und Glauben anwendet, muss urteilen. Und wer urteilt, trägt Verantwortung – gerade weil der Paragraph nicht alles ausbuchstabiert, sondern Spielraum lässt.

„Judex non calculat“ – nicht zählen, sondern wiegen

Felder formuliert dieselbe Einsicht als juristischen Habitus: Nicht die Menge der Argumente entscheidet, sondern ihr Gewicht. Ein einziges Argument kann zehn andere „aushebeln“. Das ist der Gegenentwurf zur heutigen Empörungskultur, die oft auf Lautstärke, Lager und Reflex setzt. Treu und Glauben verlangt das Gegenteil: Prüfung, Abwägung, die Zumutung, den Einzelfall nicht zu verraten.

Einigkeit, Recht, Freiheit: Der Verfassungs-Hintergrundton

Wenn Felder „Einigkeit und Recht und Freiheit“ aufruft, klingt darin eine alte Einsicht: Ohne Rechtsbindung keine Freiheit. Recht ist nicht Dekoration der Politik, sondern ihre Grenze – und manchmal ihr Korrektiv. In dieser Perspektive erscheint § 242 wie eine zivile Miniatur derselben Idee: Nicht die Laune des Tages, nicht die formale Machtposition, sondern die Bindung an eine Grundethik des Umgangs.

Treu und Glauben als Zumutung – und als Anfang

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe, die aus Song und Interview gemeinsam hervorgeht: Dass ausgerechnet ein Paragraph, den man gern als „Leerformel“ unterschätzt, heute wie ein Kulturbegriff wirkt. Treu und Glauben ist kein Orakel. Aber es ist eine Erinnerung: Wo die Eindeutigkeit endet, beginnt nicht die Willkür, sondern die Verantwortung, den Anderen nicht nur zu sehen, sondern mitzudenken. Eine Zumutung – und genau deshalb ein Anfang. Mehr von Rupert Felder gibt es auf der nächsten Zukunft Personal Nachgefragt Week in der letzten Februar-Woche. Programm wird gerade fertig gestellt.

Bonn-Duisdorf-Derletal: Winter 2026

Hauptstraße, 10. Januar

Du stehst in Schöneberg vor einer Fassade, die heute zwei Geschichten gleichzeitig erzählt. Oben prangt in freundlichen Lettern „Osteopathie“, darunter hängen Jalousien wie blaue Taktstriche, und dazwischen: eine schmale Tafel, die so tut, als wäre sie nur ein Hinweis – dabei ist sie eine Zeitmaschine. David Bowie, Hauptstraße 155. Kein Pathos, kein Neon, keine Bühne. Ein Hinweis: Hier hat einer gewohnt, der sich selbst entkommen wollte.

Zehn Jahre ist es her, dass Bowie starb. Und der Todestag hat diese seltsame Wirkung: Er schaltet Städte wieder auf analog. Berlin läuft plötzlich nicht mehr im Update-Modus, sondern auf Band. Du hörst wieder das Knacken, wenn ein Tonarm aufsetzt. Du riechst kalten Rauch in Treppenhäusern. Du siehst Männer in zu langen Mänteln, die aussehen, als hätten sie sich nie entscheiden wollen, ob sie Poeten oder Taxifahrer sind.

West-Berlin 1976 war keine Metropole, es war ein Zustand. Eine Insel, eingeklemmt, die ihren Mangel in Stil verwandelte. Das Geld war knapp, die Freiheit groß, die Luft manchmal mies, die Nächte endlos. Und mittendrin dieser Mensch, halb Weltstar, halb verletzter Tourist, der von Amerika wie von einer Krankheit sprach, die man abwaschen muss. Berlin als Sanatorium, nicht im Wellness-Sinn, eher wie ein Ort, wo man wieder lernt, wie ein Körper funktioniert, wenn der Rausch aufhört, dich zu tragen.

Bowie kam nicht als Sieger. Er kam als jemand, der zu lange in grellem Licht gestanden hatte. Los Angeles: ein Dauerblitz, ein Dauerlächeln, ein Dauerverdacht. In Berlin dagegen konnte er in ein Café gehen, ohne dass jemand sofort mit offenen Mündern stehen blieb. Die Nachbarschaft war nicht auf Pop-Ikonen geeicht. Genau das brauchte er: Normalität als Tarnkappe.

Und da taucht das Bild auf, das man sich wie eine Polaroidaufnahme vorstellen muss: Bowie, in einem Schöneberger Café, ein Buch aufgeschlagen, nicht irgendeins, sondern Isherwoods Berlin-Roman – diese Mischung aus kühler Beobachtung und verruchtem Charme, aus politischer Vorahnung und Nachtleben, die später als „Cabaret“-Mythos durchs Kulturgedächtnis marschiert. Bowie las das nicht wie ein Tourist, der Reiseführer sammelt. Er las, um eine Rolle zu finden, die nicht Ziggy hieß.

Du willst verstehen, warum Berlin ihn so festhielt? Dann stell dir seine Leseliste als heimlichen Stadtplan vor.

Homer und die „Ilias“: nicht wegen der Heldenpose, sondern wegen der langen Schleifen aus Wut, Rückzug, Wiederkehr. Krieg als Hintergrundrauschen, Ehre als Kostüm, das irgendwann zu schwer wird.
Dante und das „Inferno“: Kreise, Abstiege, Schwellen. West-Berlin war voller Schwellen – Checkpoints, Mauern, Türen, die nachts plötzlich zu anderen Welten führten.
Lévi und die „Transzendentale Magie“, dazu Bulwer-Lyttons „Zanoni“: okkulte Handbücher für jemanden, der schon immer wusste, dass Pop ein Zaubertrick ist – Licht, Maske, Verwandlung.
Flauberts „Madame Bovary“: Sehnsucht, die sich an der Wirklichkeit wundreibt.
Fitzgeralds „Gatsby“: Glamour als Kulisse, dahinter Einsamkeit. Bowie kannte beide Räume, das glitzernde Fest und den leeren Morgen danach.

Und dann Berlin selbst als Buch: Döblins „Berlin Alexanderplatz“ liegt wie eine grobe Stimme in der Tasche, eine Stadt, die nicht schmeichelt. Dazu T. S. Eliots „Ödes Land“: moderne Trümmerpoesie, nicht als Literaturkurs, sondern als Stimmung. Diese Texte liefern keine Lösungen. Sie liefern Wetter.

Tagsüber fuhr Bowie Fahrrad. Nicht als Geste – es gab kein Publikum dafür –, sondern als Methode. Drei Gänge, zuverlässig, ein bisschen klapprig: ein Fahrzeug, das zur Stadt passt. Du trittst, du frierst, du wirst wach. Und Berlin macht aus jedem Weg eine Lektion: Grunewald, Brücke-Museum, Expressionisten – zerrissene Figuren, die aus ihren Rahmen nicht herauskommen. Das ist nicht weit weg von jemandem, der dauernd sein Gesicht wechselt und trotzdem in einer einzigen Biografie festklebt.

Nachts die Clubs. Schöneberg hatte Orte, die wie Paralleluniversen funktionierten. Romy Haag, Fuggerstraße: ein Raum, in dem man die Zwanzigerjahre wie ein Kostüm anziehen konnte, ohne lächerlich zu wirken. Leuchtreklame, ein Hauch Dietrich, ein Hauch Weill, dazu dieses Berlin-Gefühl, das immer auch Weltuntergang ist – und genau deshalb so verführerisch. Bowie und Haag spielten Isherwoods Berlin nach wie zwei Leute, die in einem Roman wohnen wollen, weil die Realität ihnen zu grob geworden ist.

Und dann der andere Pol: Kreuzberg, Oranienstraße, das frühe SO36, Punk als offenes Messer. West-Berlin war damals ein Biotop, in dem sich Szenen nicht gegenseitig neutralisierten, sondern übereinander herfielen. Glam neben Dreck, Kunst neben Krach, große Gesten neben kaputten Kneipenstühlen. Wenn du Glück hattest, hat dich diese Mischung nicht zerstört, sondern neu zusammengesetzt.

Der Klang, der daraus wurde, entstand ein paar Meter von der Mauer entfernt. Hansa, Meistersaal: Geschichte im Putz, Schatten an den Wänden, und draußen die Grenze wie ein stummes Metronom. Drinnen eine strenge, fast altmodische Regel: Bier ja, harter Stoff nein. Nicht Moral, eher Überlebenstechnik. Dazu ein Gerät, das wie ein Science-Fiction-Koffer klingt: der Harmonizer, der Töne verschiebt, ohne Zeit zu ändern. Kalt, unnatürlich, unmenschlich – genau richtig für einen Mann, der seine Menschlichkeit gerade wieder zusammenkratzt.

Und plötzlich ergibt die Leseliste wieder Sinn: John Cage mit seiner Stille als Material. Ronald D. Laing mit dem geteilten Selbst. Julian Jaynes mit der verrückten Idee, dass Bewusstsein sich historisch umbaut. Bowie las nicht, um klüger zu wirken. Er las, weil er spürte, dass Identität ein Bauprojekt ist – und Berlin bot die Baustelle.

Selbst die deutsche Musik, die er inhalierte – diese Schleifen, diese Repetition, die kalte Schönheit, die Weigerung, sich in Akkordfolgen zu verlieren – war eine Form von Literatur ohne Buchstaben. Musik, die nicht erzählt, sondern Zustände baut. Eine Kamera mit offener Blende: aufnehmen, nicht erklären.

Zehn Jahre nach seinem Tod wirkt das fast unverschämt lebendig. Weil es eben nicht der Bowie der Stadionhymnen ist, der hier auftaucht, sondern der Bowie der Übergänge: ein Mann, der in Schöneberg wohnt, Kaffee trinkt, nachts in Studios sitzt, tagsüber Fahrrad fährt, zwischendurch Bücher stapelt wie Schutzschilde. Einer, der versucht, die Überdosis Amerika loszuwerden, indem er sich eine Stadt wie Berlin injiziert: grau, frei, kaputt, wunderbar.

Und jetzt stehst du wieder vor dieser Tafel in der Hauptstraße, unter dem Osteopathie-Schriftzug, und merkst: Berlin hat ihn nicht nur beherbergt. Berlin hat ihm erlaubt, nicht ständig David Bowie zu sein. Für einen Weltstar ist das vielleicht die größte Form von Luxus.

Am Todestag ist das die eigentliche Pointe: Nicht die Ikone ist geblieben, sondern der Moment, in dem ein Mensch zwischen Mauer, Musik und Büchern wieder atmen konnte.

Ein Buch über Tautologien – die eleganteste Form des Irrtums

Es gibt Sätze, die sind so wahr, dass sie nichts riskieren – und genau deshalb regieren sie. Ich arbeite gerade an einem wissenschaftstheoretischen Buchprojekt über Tautologien: nicht als Logik-Spielerei („A ist A“), sondern als Kulturtechnik – als diese glatte, glänzende Satzform, die Diskussionen gewinnt, ohne die Wirklichkeit zu berühren.

Das Buch wird eine Expedition durch Disziplinen und Lebenswelten:
Ökonomie, Management, Soziologie, Naturwissenschaften, Pandemie-Debatten bis hin zum Gottesbeweis.
Immer mit derselben Leitfrage: Wie entstehen Wahrheiten, die unangreifbar sind – und gerade dadurch leer werden?

Worum geht’s wirklich?

Um Sätze, die wie Türen aussehen, aber eigentlich Vorhängeschlösser sind.
Um Modelle, die als Fenster verkauft werden, obwohl sie Spiegel sind.
Um Kennzahlen als moderne Liturgie.
Um Moral als Lackschicht, auf der jede Kritik abperlt.
Und um den Moment, in dem „Evidenz“ nicht mehr Erkenntnis bedeutet, sondern Zuständigkeit beendet.

In dem Opus sollst Du Tautologien nicht nur erkennen, sondern riechen.
Steril (logisch), weich (sprachlich), lackiert (methodisch), kreisförmig (argumentativ).
Tautologien kommen selten im Schulbuch-Outfit. Sie kommen als Lebenshilfe, als Talkshow-Ton, als Führungskräfte-Satz, als „gesunder Menschenverstand“.

Talkshow-Prinzip

Wenn nach einer hitzigen Sendung sowohl die Empörten von rechts als auch die Empörten von links dich gleichzeitig zerlegen wollen, hast du nicht automatisch recht – aber ziemlich sicher einen wunden Punkt getroffen.

Büro & Management

  • „Wir müssen jetzt ins Machen kommen.“
    (Klingt wie Handlung, ist oft nur eine Flucht vor Kriterien.)
  • „Am Ende zählt das Ergebnis.“
    (Klar. Die Frage ist: welches Ergebnis und zu welchem Preis?)
  • „Wir brauchen mehr Kommunikation.“
    (Kann stimmen – und heißt manchmal: Niemand will entscheiden.)

Beziehungen & Familienleben

  • „Wenn du mich lieben würdest, würdest du’s verstehen.“
    (Liebe als Beweisersatz: immunisiert gegen jede Nachfrage.)
  • „Ich bin halt so.“
    (Wahr, aber als Argument: ein Schloss ohne Schlüssel.)
  • „Es ist kompliziert.“
    (Manchmal wahr – oft auch: Regress als emotionales Versteck.)

Social Media & Moral

  • „Das sagt doch alles über dich aus.“
    (Ein Satz, der Diskussionen abkürzt, indem er Personen statt Gründe bewertet.)
  • „Wer dagegen ist, ist Teil des Problems.“
    (Moral als Panzer: Kritik wird zur Charakterfrage.)

Gesundheit & Lifestyle

  • „Hör auf deinen Körper.“
    (Richtig – aber auch: Was heißt das konkret, wenn Körper widersprüchlich sprechen?)
  • „Natürlich ist immer besser.“
    (Eine Tautologie in grünem Anstrich: „gut“ wird in „natürlich“ hineindefiniert.)

Politik & Öffentlichkeit

  • „Wir müssen handlungsfähig bleiben.“
    (Ja. Aber wie und woran messen wir Nebenwirkungen?)
  • „Sicherheit hat Priorität.“
    (Fast unbestreitbar – und trotzdem nicht automatisch eine Begründung.)

Wissenschaft, Zahlen, Kurven

  • „Die Zahlen sprechen für sich.“
    (Zahlen sprechen nie „für sich“. Sie sprechen durch Definitionen, Auswahl, Messpraxis.)
  • „Das ist wissenschaftlich belegt.“
    (Kann heißen: robust geprüft. Kann auch heißen: rhetorisch abgeschlossen.)

Warum ich das schreibe

Weil ich den Eindruck habe, dass unsere Zeit zwei Dinge gleichzeitig liebt:
Komplexität (als Ausrede) und Gewissheit (als Beruhigung).
Tautologien sind das perfekte Bindemittel zwischen beiden.

Und weil ich glaube: Die interessantesten Sätze sind nicht die, die immer stimmen.
Sondern die, die scheitern könnten – und gerade deshalb etwas riskieren.

Wenn du das verfolgen willst

Ich werde hier auf dem Blog regelmäßig kurze Auszüge posten:

  • „Tautologie der Woche“ (aus Politik, Alltag, Management, Wissenschaft)
  • Mini-Essays zu Modell-Platonismus, KPI-Liturgie, Vorsorge-Paradoxon, Gottesbeweis als Grenzfall
  • und kleine „Scanner“-Übungen: Woran merkt man, dass ein Satz nur glänzt?

Wenn du magst, schreib mir in die Kommentare:
Welche Alltagstautologie begegnet dir am häufigsten?
Ich sammle sie – und einige landen (anonymisiert) im Buch.

Wackelpudding mit Eilmeldung

Man möchte sie schütteln. Nicht die Politiker – die schütteln sich bereits selbst, in Endlosschleife, vor Mikrofonen, die so geduldig sind wie Zimmerpflanzen. Man möchte die Nachrichten schütteln. Diese tägliche Wackelpuddingmasse, die uns von spiegel.de bis Tagesschau, vom Agenturticker bis zum TwitterX-Thread um die Ohren gehauen wird: zitternd, gläsern, scheinbar formschön – und doch ohne Biss, ohne Knochen, ohne Erkenntnis. Ein Dessert aus Dringlichkeit, das nach Vanille riecht und nach nichts schmeckt.

Die Second-Hand-Maschine

Was wir „News“ nennen, ist längst Second Hand. Nicht einmal Second Hand, eher Third Hand: Die Rede wird gehalten, die Rede wird zusammengefasst, die Zusammenfassung wird paraphrasiert, die Paraphrase wird kommentiert, der Kommentar wird empört geteilt, das Geteilte wird zur „Debatte“, und die „Debatte“ wird am Abend in einer Talkshow noch einmal vakuumverpackt – als hätte man Angst, sie könnte über Nacht verderben. Dabei ist sie schon bei der Herstellung geronnen.

Der Nachrichtenwert? Wackelpudding. Er hat die bewegliche Stabilität des Zeitgeists: Jede Erschütterung lässt ihn zittern, aber nichts fällt um, nichts bricht, nichts ändert sich. Ein Ereignis, das nicht einmal ein Ereignis sein will: ein Satz, der den Tag füllt, weil der Tag gefüllt werden muss.

Proporz, Pressetext und Pfandflaschen

Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist die Ausrede so alt wie die Gremien: Parteienproporz, Aufsicht, das höfliche Gitter des Einverständnisses. Hofberichterstattung als Kompromisskunst. Man kann es „Balance“ nennen, man kann es „Staatsferne“ nennen, man kann auch „Sitzordnung“ sagen. Der Effekt bleibt: Es wird berichtet, was sagbar ist, und sagbar ist, was ritualisiert ist.

Aber warum machen Agenturen und Tageszeitungen das Gleiche, ohne Proporz, ohne Gremien, ohne den Trost der formalen Entschuldigung?

Weil es billig ist. Weil es schnell ist. Weil es rechtlich sauber ist. Und weil es die Illusion von Relevanz erzeugt, ohne das Risiko von Recherche. Wer eine Politikerfloskel zitiert, hat immer etwas in der Hand: einen O-Ton, ein PDF, ein „Beleg“. So wird aus Journalismus, diesem alten Beruf des Nachprüfens, ein Gewerbe des Abschreibens: die Kunst, den Pressetext so zu entkernen, dass er wie Information aussieht.

Und dazu das Zauberwort „Einordnung“, das heute oft bedeutet: Wir sagen Ihnen noch einmal, was Sie ohnehin schon überall gelesen haben – nur in einer anderen Schriftart.

Wolf Schneider und die Hygienehypothese

Wolf Schneider empfahl vor rund 15 Jahren sinngemäß: Über politische Sprechblasen wahrheitsgemäß berichten heiße, in redlicher Absicht die Zeitung mit Schönfärbereien und Irreführungen zu füllen; je weniger man davon drucke, desto höher steige der Wahrheitsgehalt. Halbiert würde dabei auch die schiere Langeweile.

Das ist keine Polemik, das ist eine Art journalistische Hygienehypothese: Weniger kontaminierte Luft, weniger Erkältung. Weniger Sprechblasen, mehr Atem.

Die Agentur als Gelatinefabrik

Die Agenturen spielen dabei die Rolle der industriellen Gelatinefabrik. Sie liefern das Bindemittel: „X sagte“, „Y forderte“, „Z zeigte sich betroffen“. Danach wird portioniert: Regionalzeitung, Onlineportal, News-App, Push-Mitteilung. Ein Fließband, das nur einen Rohstoff kennt: das Gesagte. Nicht das Gemachte. Nicht das Belegte. Nicht das Herausgefundene. Das Gesagte.

Und weil täglich geredet wird, kann täglich produziert werden. Der Journalismus, einst ein Spürhund, ist stellenweise zum Papagei geworden – und wundert sich, warum ihm niemand mehr zuhört.

Francium-Meinungen und Dauerbeleuchtung

Social Media treibt diese Logik nicht an, es destilliert sie. Dort hat die Meinung die Halbwertszeit von Francium: Ein kurzer Blitz, dann Zerfall. Eine Empörung, die sich selbst frisst. Ein Thread in zwölf Teilen erklärt, warum die Lage „komplex“ sei – woraufhin dreizehn Leute kommentieren, dass sie „eben komplex“ sei. So entsteht eine Öffentlichkeit, die sich für wach hält, weil sie nie schläft. Dabei ist sie nur dauerhaft beleuchtet.

Live-Schaltungen aus Wanne-Eickel

Dazu kommt das Ex-post-Schlaumeiertum: Talkshows, Börsensendungen, Nachrichtensender, die „live“ sind, weil ein roter Balken unten durchs Bild läuft. Experten aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft kommentieren exakt das, was schon überall bis zum Abwinken berichtet wurde. Das ist Zweitverwertung mit Stirnfalte: Der Kommentar als Recyclinghof.

Und währenddessen steht ein Korrespondent in Kairo und ordnet Ereignisse im Iran ein. Dat kann ich auch in Wanne-Eickel – mit dem Vorteil, dass ich dabei wenigstens nicht so aussehen muss, als hätte ich gerade „die Großwetterlage“ erfunden.

Die große Ausrede: Großwetterlage

Wenn gar nichts mehr da ist, kommt sie: die Großwetterlage. Sie ist der Universaljoker für alles, was nicht verstanden und trotzdem gesendet werden muss: Venezuala, Lieferketten, geopolitische Komplexität, Auflösung der Blöcke – bla, bla, blub. Ein Wortschlauch, der alles berührt und nichts trifft.

Großwetterlage ist das „Vielleicht“ im Anzug: Man wirkt informiert, ohne sich festzulegen.

Eine Frischzellenkur, die wehtut

Niemand zwingt die Medien. Sie zwingen sich selbst – aus Angst, etwas zu verpassen, aus Angst, nicht dabei zu sein, aus Angst, dass ohne das Ritual der O-Töne die Welt still würde und man plötzlich merken müsste: Stille kann eine Form von Erkenntnis sein.

Man stelle sich vor: Ein Tag ohne Politikerstatements. Ein Tag, an dem Redaktionen pressetextfreie Kost servieren: Zahlen, Dokumente, Interessen, Widersprüche, Folgen. Ein Tag, an dem „Quelle“ nicht „Pressekonferenz“ bedeutet, sondern „Akte“, „Daten“, „Ortstermin“.

Das wäre nicht weniger politisch – es wäre politischer.

Schluss: Weniger Wackeln, mehr Wirklichkeit

Das politische Interesse sinkt nicht, weil Menschen zu dumm wären. Es sinkt, weil man sie mit Luft füttert und überrascht ist, dass sie nicht satt werden. Wer täglich Wackelpudding serviert, darf sich nicht wundern, wenn die Gäste irgendwann anfangen, ihre eigenen Desserts zu kochen – und dann ist im Topf nicht selten nur noch Zucker und Zorn.

Vielleicht beginnt die Frischzellenkur mit einer unromantischen Entscheidung:

Weniger „hat gesagt“, mehr „hat getan“.
Weniger „fordert“, mehr „wirkt“.
Weniger „betont“, mehr „belegt“.

Dann würden die Nachrichten nicht ärmer. Sie würden nur endlich aufhören zu wackeln.