Wenn die Ordnung tanzen lernt: Bonn, Godesberg und die lange Kunst, sich rechtzeitig zu vergnügen #200JeckeJohrEnBonn

Man kann den Bonner Karneval für vieles halten: für eine stadtbürgerliche Erfindung, für eine rheinische Unverschämtheit, für eine gut geölte Vereinsmaschine mit Glitzerantrieb. Vor allem aber ist er ein uraltes Verhandlungsgeschäft zwischen Lust und Gesetz – und Bonn ist darin besonders begabt, weil es das Prinzip „Residenz und Rebellion“ seit Jahrhunderten einübt: mal kurfürstlich, mal französisch, mal preußisch, immer ein bisschen widerspenstig, stets geschniegelt genug, um den Widerspruch salonfähig zu machen.

Dass die Beethovenstadt „200 Jahre Bonner Karneval“ ausruft und „Loss mer fiere. 200 jecke Johr en Bonn“ auf die Fahnen schreibt, klingt wie eine fröhliche Bilanz – ist aber zugleich eine kleine Erinnerung daran, dass Jecksein hier nicht bloß passiert, sondern regelmäßig erstritten, organisiert, umbenannt, verteidigt und neu erfunden werden musste. Und dass die „Bönnische Carnevals-Gesellschaft“ bereits 1826 gegründet wurde, gehört zu diesen Bonner Wahrheiten, die so nüchtern klingen, als wären sie aus Versehen in ein Protokoll geraten.

Die Fastenzeit als Motor der Ausgelassenheit

Wer den Karneval verstehen will, muss ausgerechnet mit der Fastenzeit beginnen – dieser scheinbar freudlosen Institution, die dem Frohsinn paradoxerweise überhaupt erst Schwung verleiht. Im Mittelalter war Fasten nicht das heutige Wellnessfasten, bei dem man dem Körper demonstriert, wer hier die App installiert hat. Fasten war ein Programm mit Ecken, Kanten und Verboten: warmblütige Speisen tabu, später wurden Milch, Butter, Käse und Eier zwar wieder gelockert, aber das Fleisch blieb der gefallene Engel auf dem Teller. Nur einmal am Tag durfte man „richtig“ essen. Und wenn die Kirche zusätzlich „Lustbarkeiten“ untersagte, dann meinte sie nicht nur Kegelabend und Tanztee, sondern das gesamte Geräuschspektrum des Vergnügens – bis hinein in die privaten Zonen menschlicher Aktivität.

Die Pointe ist: Gerade diese Enthaltsamkeit erzeugte den Druck, der sich vor Aschermittwoch entlädt wie eine Flasche Sekt, die man zu lange geschüttelt hat. Noch einmal deftig zulangen, noch einmal trinken, noch einmal tanzen, noch einmal – ja, auch das – „besonders aktiv“ sein, bevor die Frömmigkeit wieder die Gardinen zuzieht. Karneval ist, historisch betrachtet, nicht die Abwesenheit von Moral, sondern ihre Überdehnung bis zum Platzen.

Verordnungen gegen die Freude: Der Staat entdeckt den Lärm

Dass man sich keineswegs immer an die kirchlichen Wünsche hielt, belegt schon die Notwendigkeit, sie zu wiederholen. 1731 etwa erließ der Kölner Erzbischof Clemens August – damals weltlicher Herr auch über Godesberg und Umgebung – ausgerechnet in Bonn eine klare Ansage: Während der Fastenzeit keine Tanzmusik in öffentlichen Wirtshäusern, die Lokalbehörden mögen Zuwiderhandelnde anzeigen. Man spürt zwischen den Zeilen die alte Erkenntnis jeder Obrigkeit: Wo man verbietet, hat es vorher stattgefunden – und wo man anzeigt, wurde vorher getanzt.

Noch kleinteiliger wird es 1596 in der Kurkölnischen Polizei- und Landesordnung: Karneval soll in Städten und Dörfern nur noch an einem einzigen Tag erlaubt sein – am Rosenmontag – und um sechs Uhr abends ist Schluss. Dazu ein ganzer Katalog dessen, was bitteschön „ganz und gar aufhören“ soll: Nachtgelage, Nachtsaufen, Schwerttänze, Mummereien, übermäßiges Fressen, Saufen, Tanzen – als habe ein Beamter einmal in einer Schenke zu lange zugesehen und danach beschlossen, das Leben müsse in Aktenordner passen. Wer sich nicht fügte, zahlte: fünf Gulden. Jeckheit als Bußgeldtatbestand.

Und doch: Jede neue Regel zeigt weniger die Stärke der Ordnung als die Vitalität des Ungehorsams. Der Karneval ist der historische Beweis, dass Verbote eine Form von Werbung sein können.

Godesberg als Labor: Kurort, Redoute, Maskenball

Nun könnte man meinen, Karneval sei vor allem Straßenkultur – aber der Bonner Raum hat eine zweite Bühne: den Saal. Rudolf Schmidt, der in den „Godesburger Heimatblättern“ mit liebevoller Genauigkeit die lokalen Spuren verfolgt, führt mitten hinein in eine Welt, in der Fastnacht nicht nur „Volk“ bedeutete, sondern auch „Gesellschaft“.

Als Kurfürst Max Franz 1790 begann, Godesberg zum Badeort auszubauen, entstanden neue Räume für Vergnügen: Logierhäuser, gehobene Gastwirtschaften, und vor allem die Redoute (1790–1792), jener Ballsaal, in dem Konzerte, Gesellschaftsabende, Glücksspiel und Tanz eine Art offizielles Amüsement bildeten. Das ist wichtig, weil es zeigt: Karneval ist nicht nur Krawall, er ist auch Kulisse. Er liebt die Straße – aber er kann genauso gut Parkett.

Schmidt notiert auch, wie sich ab etwa 1780 neben dem Wort „Fastnacht“ das fremd schillernde „Karneval“ durchsetzt. Der Begriff wirkt wie ein importierter Duft, der sich in die rheinische Küche mischt: Das Rezept ist alt, aber plötzlich steht ein französisch-italienisches Etikett auf dem Glas. Und wenn 1793 berichtet wird, dass junge Frauen aus Bonn und Köln nach Godesberg kamen, um zu walzern und „Englische“ zu tanzen, dann sieht man: Das Vergnügen war mobil, neugierig, modebewusst – und keineswegs nur eine Dorfangelegenheit.

Franzosen, Preußen und die Angst vor der Maske

Dann kommt die Geschichte, wie sie am Rhein gern kommt: nicht als Erzählung, sondern als Einmarsch. 1794 rücken französische Truppen ein; die Kurgäste bleiben weg; die Amüsements werden eingestellt. Anfang 1795 wird der öffentliche Karneval verboten – mit der Begründung, man fürchte Unruhe.

Später wird wieder erlaubt, wieder reglementiert, wieder misstraut. 1806 erhält in der französischen Verwaltungslogik der Theaterdirektor das Monopol auf Maskenbälle – auch das eine wunderbare Pointe: Selbst die Maske braucht plötzlich einen Konzessionär. Und 1814 mahnen neue Machthaber wiederum, man solle keine Tänze erlauben, um kirchliche Gebräuche nicht zu stören. Karneval wird zum Spielball wechselnder Regime – und bleibt doch erstaunlich standorttreu, als sei er die eigentliche Konstante am Rhein.

1826/1828: Bonn organisiert das Unorganisierbare

Dann beginnt das Bonner Kapitel, das man heute feiert: 1826 die Gründung der „Bönnischen Carnevals-Gesellschaft“, zwei Jahre später 1828 jene romantische Erfindung namens Hanswurst – Symbolfigur, Märchenwesen, politischer Spiegel und stadtpoetische Leitfigur in einem. Hanswurst kehrt aus einer Höhle im Siebengebirge zurück, entkommen dem bösen Zauberer Griesgram, noch unsicher, ob man ihn wiederhaben will – was psychologisch betrachtet ein genialer Kunstgriff ist: Der Karneval selbst fragt, ob er willkommen ist, und zwingt die Stadt damit zu einer Antwort.

Acht Tage nach dieser „Geburt“ zieht 1828 der erste neuzeitliche Rosenmontagszug durch Bonn: vorn Hanswurst, neben ihm Laetitia, die antike Freudgöttin. Es ist kein „Straßenfest“ im heutigen Sinn, eher ein repräsentatives Spektakel, das an die Residenzzeit erinnert und doch bürgerlich organisiert ist: Bonn übernimmt die Bühne von den Kurfürsten, aber mit der Kappe statt der Krone.

Und dann – als hätte man die Pointe gleich mitbestellt – folgt das preußische Verbot. 1828/29 wird Karneval politisch verdächtig. Man fürchtet Maskeraden, Vermummungen, grobe Scherze, rollende Umzüge, die plötzlich zu rollenden Argumenten werden könnten. Die Städte sollen nachweisen, dass es „Tradition“ habe, sonst gibt es keine Genehmigung. Der Witz ist alt: Der Staat verlangt eine Herkunftsbescheinigung für die Freude.

Der Prinz ersetzt den Hanswurst: Repräsentation als Zeitgeist

Hanswurst bleibt, aber er verwandelt sich. Im 19. Jahrhundert wird aus der Figur eine gesellschaftliche Identifikationsformel – und schließlich ein repräsentatives Oberhaupt: Prinz Karneval. 1873, im Zeichen eines neuen nationalen Selbstbewusstseins und bürgerlicher Organisation, tritt in Bonn erstmals der Prinz auf: zunächst noch als neue Bezeichnung für die alte Symbolfigur, dann als Ausdruck eines Zeitgeistes, der gern eine Spitze trägt – am liebsten als Narrenkappe mit Insignien.

Das ist keine Entjeckung, sondern eine Stilisierung. Der Karneval lernt im bürgerlichen Zeitalter das, was Bonn ohnehin beherrscht: Form. Und Form ist am Rhein nie das Gegenteil von Übermut, sondern seine elegante Verpackung.

Kinkel und die Gleichheit unter der Kappe

Die politische Kraft des Karnevals zeigt sich in Bonn besonders an Gottfried Kinkel. Er begreift das Fest als symbolische Aufhebung gesellschaftlicher Unterschiede – nicht als Revolution mit Mistgabeln, sondern als Egalität mit Pappnasen. „Bürger sind wir all’!“, lautet der Ton: Unter der Kappe gilt kein Stand.

Dass Preußen trotzdem misstrauisch blieb, ist fast logisch. Der Karneval ist eine Ausnahmezeit, in der Hierarchien wackeln dürfen – und wer Hierarchien liebt, hasst wackelnde Dinge. Selbst die Zensur wird dabei zur Folklore: Kinkel hält Büttenreden ohne Manuskript, um dem prüfenden Blick zuvorzukommen. Das Improvisierte wird zur Strategie. Der Witz wird zur juristischen Grauzone.

Vereinsleben als Überlebenskunst: Von „Uzvügel“ bis „Kleffbotze“

Was der Staat draußen begrenzt, verlagert sich drinnen in den Saal, den Verein, die „geschlossene Gesellschaft“. Hier ist Rudolf Schmidts Godesberger Blick besonders aufschlussreich, weil er zeigt, wie der Karneval in Nebenorten und Ortsteilen überlebt: als Maskenball, als Bockbierfest, als Sitzung, als „karnevalistische Versammlung“ – manchmal schon im Dezember, weil das Herz des Narren bekanntlich nicht an Kalender gebunden ist.

Da gibt es kurzlebige Sterne wie die „Uzvügel“ (1893) mit großem Maskenball; den „Nordpol“ (1897–1900); den „Comet“, der seinen Namen trägt wie ein Versprechen, schnell aufzuleuchten. Man trifft sich im „Aennchen“, man veranstaltet Sitzungen „mit Damen“ – eine Formulierung, die heute komisch wirkt, aber damals verrät, wie sehr selbst das Feiern seine gesellschaftlichen Schranken kannte. Und man trinkt in Plittersdorf „zu Ehren des Prinzen Karneval“ ein Fässchen leer: Diplomatie des Frohsinns, in Holz gebunden.

Die Friesdorfer „Kleffbotze“ – schon der Name klingt wie eine Kneipenpoetik – zeigen, wie sehr Karneval auch Sozialtechnik ist: Gemeinschaft entsteht dort, wo man gemeinsam probt, singt, lacht und anschließend schwer wieder nach Hause findet.

Das 20. Jahrhundert: Verbot, Besatzung, Comeback

Auch im 20. Jahrhundert bleibt der Karneval ein Seismograph. 1920 verbietet eine Polizeiverordnung öffentliche karnevalistische Veranstaltungen: Kostüm, Lied, Konfetti – alles tabu; Umzüge untersagt, Masken unerwünscht, Verschwendung von Lebensmitteln ohnehin. Begründungen liefert die Zeit im Übermaß: Wirtschaft, Politik, Hunger, Arbeitslosigkeit, Moral. Karneval wird wieder zum Luxus erklärt, den man sich nicht leisten dürfe – als sei Freude eine Ressource, die der Staat rationiert.

Aber Karneval ist selten dort, wo man ihn sucht. Er verschwindet nicht, er wechselt die Tür. Als 1926 die Besatzung Godesberg verlässt, kommt das öffentliche Feiern wieder „richtig in Gang“ – und man versteht plötzlich, warum das alles so zäh ist: Weil Karneval weniger ein Termin ist als ein Bedürfnis.

Der Hausmeister als Spätpreuße

Heute kommen die Beschwerden über Lärm und zu laute Live-Bands nicht mehr „von den Preußen“. Sie kommen vom Hausmeister, vom Ordnungsamt, vom Menschen, der um 22.07 Uhr gerne wieder eine Welt hätte, die sich benimmt. Und doch ist das nur die moderne Form jener alten Verordnungen, die schon 1596 um sechs Uhr Feierabend forderten und 1731 die Tanzmusik aus den Wirtshäusern verbannen wollten.

Man könnte darüber klagen. Oder man könnte – im besten Sinn bonnisch – darin die historische Kontinuität erkennen: Karneval lebt von der Reibung. Er braucht den Moralapostel, um seinen anarchischen Glanz zu polieren. Er braucht die Ordnung, um ihr für ein paar Tage eine Blume ins Revers zu stecken und zu sagen: Komm, tanz doch mit.

Und wenn Bonn heute „Loss mer fiere“ ruft, dann ist das mehr als ein Slogan. Es ist die freundliche Drohung einer Stadt, die gelernt hat, dass Freude keine Selbstverständlichkeit ist, sondern eine Tradition – und Tradition, das ist am Rhein bekanntlich das, was man jedes Jahr neu erfindet.

Der Mythos vom Bürokratieabbau – und die neue Lust am Formular: Warum wir seit Jahrzehnten „Entlastung“ rufen und am Ende doch nur die Papierstapel umsortieren

Das Ritual: „Wir bauen Bürokratie ab“ und gründen erst mal eine Taskforce

Bürokratieabbau ist längst keine Politik mehr, sondern Liturgie. Ein Bekenntnis, das jede Legislaturperiode wie eine Regierungsantrittsrede vor sich herträgt – als wäre das Wort schon die Tat. „Wir entbürokratisieren“ bedeutet in der Praxis: Wir schaffen eine neue Zuständigkeit für das Wegschaffen von Zuständigkeiten. Wir versprechen weniger Formulare – und beginnen mit einem Formular zur Erhebung der Formularlast.

Im Top-Management heißt es: Ich habe Termine, also bin ich. In der Politik lautet die Variante: Ich habe Entwürfe, also regiere ich. Und weil Regieren im Rechtsstaat fast immer heißt: Schreiben, wird der Bogen vom Versprechen der Vereinfachung zum nächsten Paragrafen erstaunlich kurz.

1978: Wir haben es gewusst – und es trotzdem getan

Man muss nicht auf die Gegenwart schauen, um das Muster zu erkennen. Man kann in die (heute fast rührend schlanke) Vergangenheit blättern: „Verwaltete Bürger – Gesellschaft in Fesseln“, Expertendiskussion von 1978 (Hg. Heiner Geißler, Ullstein). Dort formuliert Roman Herzog (später Bundespräsident) den Satz, der wie ein Steckbrief unserer Gegenwart klingt: „… würde ich dieses Wort Normierungswut nennen.“ Und dann der brutale Kern, der alles erklärt: „Das Mistbeet, auf dem all diese Sumpfblüten wachsen, ist das Gesetz.“

Damit ist nicht das Personal gemeint. Nicht „die Beamten“ als bequemer Prügelknabe. Sondern die Maschine dahinter: Das Prinzip der Gesetzmäßigkeit der Verwaltung. Wer weniger Bürokratie will, muss nicht zuerst an der Verwaltung sägen, sondern an der Gesetzgebungslogik, die Verwaltung zur Vollzugsmaschine macht. Der Rechtsstaat ist nicht nur Verwaltungsstaat – er wird, wie es damals schon diagnostiziert wurde, zum Gesetzgebungsstaat: Politik zeigt sich als Produktion von Normtext.

Die Pointe ist älter als jede Digitalisierungsstrategie: Wenn die Kritik an Bürokratie immer auch Kritik an Gesetzen ist, dann ist „Bürokratieabbau“ häufig nichts anderes als das Versprechen, das eigene Geschäftsmodell zu verkleinern – während man zugleich von ihm lebt.

Granularität als Moral: Je kleinteiliger, desto tugendhafter

Warum wird das Recht immer granularer? Weil Granularität moralisch aussieht. Weil sie suggeriert: Wir haben wirklich an alles gedacht. Weil sie die Illusion erzeugt, man könne Gerechtigkeit erzwingen, indem man alle möglichen Ausnahmefälle antizipiert und vorab regelt.

Hartmut Rosa hat für diese Entwicklung eine Sprache gefunden, die politisch weh tut. Im SPIEGEL-Gespräch (DER SPIEGEL 3/2026, Kultur) beschreibt er den Menschen „in den Fängen von Richtlinien und Formularen, Algorithmen und Apps“, die ihm „das korrekte Verhalten vorzeichnen“ – das bringe zwar „Rechts- und Planungssicherheit“, aber: „Die Spielräume schwinden.“

Und er präzisiert das mit seinem zentralen Gegensatz: Situation versus Konstellation. Die Situation sei komplex und diffus an den Rändern; die Konstellation dagegen zerlegt Wirklichkeit in „eindeutig identifizierbare Punkte“ – aber: „Es geht immer etwas verloren.“ Genau dieses „Verlorene“ ist politisch brisant: Augenmaß, Urteilskraft, Ermessensfähigkeit. Das, was man früher – ohne Scham – schlicht Menschenverstand nannte.

Im SPIEGEL sagt Rosa dann den Satz, der als Gegenprogramm auf jeden Koalitionsvertrag gedruckt werden müsste: „Leben heißt handeln! Es heißt, auf Situationen zu reagieren, nicht ein Programm auszuführen.“

Das Recht auf Reparatur: Das gute Anliegen – und der sichere Vollzugszuwachs

Jetzt kommt das perfekte Beispiel für die Paradoxie: Recht auf Reparatur. Wer könnte dagegen sein? Reparieren ist sinnvoll, ökologisch und ökonomisch. Genau deshalb ist es politisch attraktiv: moralisch klar, kommunikativ dankbar.

Die Richtlinie (EU) 2024/1799 führt eine Reparaturverpflichtung der Hersteller für bestimmte Waren ein – Reparatur „unentgeltlich oder zu einem angemessenen Preis“ und „innerhalb eines angemessenen Zeitraums“. Gleichzeitig wird ein „Europäisches Formular für Reparaturinformationen“ etabliert, das „kostenlos zur Verfügung zu stellen“ ist, inklusive detaillierter Angaben (Identität, Ware, Mangel, Reparaturart, Preis bzw. Preisberechnung etc.). Dazu kommen Informationspflichten, Plattform-Logiken, Nachweis- und Transparenzanforderungen. Das ist – bei allem guten Ziel – Bürokratie. Nicht als Schimpfwort, sondern als Beschreibung: standardisierte Verfahren, Dokumentationspflichten, Prozessvorgaben.

Der deutsche Vollzug folgt dem europäischen Takt: Das Bundesjustizministerium hat einen Referentenentwurf zur Umsetzung vorgelegt (Stand 15. Januar 2026). Das ist konsequent, es ist rechtsstaatlich sauber – und es wird in der Praxis genau das erzeugen, was man offiziell abbauen will: neue Nachweise, neue Streitfragen („angemessener Preis“, „angemessener Zeitraum“), neue Kontroll- und Abgrenzungsarbeit.

Das Tragische daran: Nicht, dass man Reparaturen stärkt. Sondern dass wir die Stärkung fast reflexhaft in die Form pressen, die uns am vertrautesten ist: in die Konstellation. In die Checkliste. In das Formular.

Vollzug ist die Zukunft – und die Wut ist sein Nebenprodukt

Rosa liefert auch die politische Folgewirkung: Wenn alles regelbasiert ist, wird die Verantwortung unauffindbar. Dann kann man niemanden mehr ansprechen, man kann nur noch „die Regeln“ anklagen – „Kein Wunder, dass die Wut wächst.“

Das ist kein Anti-Rechtsstaat-Argument. Im Gegenteil: Rosa lässt ausdrücklich gelten, dass bürokratische Rationalität „Basis von Gerechtigkeit“ und sogar „Basis menschlicher Emanzipation“ sein kann. Aber genau daraus entsteht die Klemme: Wir wollen Gerechtigkeit – und wir produzieren Entmündigung. Wir wollen Schutz – und wir erzeugen Ohnmacht. Wir wollen weniger Bürokratie – und wir bauen, aus Angst vor dem Einzelfall, mehr.

Das lässt sich sogar ganz banal im Alltag zeigen: In seinem Buch Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums“ (Suhrkamp) beschreibt Rosa, wie für „eine einzige Förderleistung“ für ein Kind „acht Formulare“ und Bescheinigungen aus mehreren Ämtern nötig werden – und wie daraus „ohnmächtige Entfremdung“ entsteht. Der Staat sieht Punkte. Der Mensch lebt Situationen.

Warum die Politik so selten Gesetze „unnötig“ macht

Warum ist der politische Betrieb nicht darauf ausgerichtet, Gesetze überflüssig zu machen – Zielbilder einfacher zu erreichen, ohne den Vollzug aufzublasen?

Drei Gründe, alle unerquicklich:

Haftung & Skandalprävention: Wer wenig regelt, riskiert den Einzelfall, der zur Schlagzeile wird. Der politische Reflex lautet: Regel nachschärfen, Ausnahme nachtragen, Nachweis ergänzen.

Konstellative Debattenlogik: Politik wird medial in Ja/Nein-Optionen gepresst. Rosa nennt diese Festlegung „strunzblöd“ – weil sie Situationen zerstört und Schaukämpfe erzeugt.

Symbolische Gesetzgebung: Ein Gesetz ist sichtbare Aktivität. Eine steuerliche Lenkung, die still wirkt, ist weniger fotogen. Der Entwurf dagegen ist ein Termin, also ist man.

So wird Bürokratieabbau zum Marketing, während Bürokratieproduktion der eigentliche Produktionsmodus bleibt.

Der berühmte Bierdeckel – oder: Ordnungspolitik statt Formularpolitik

Der Gegenentwurf ist nicht Gesetzesromantik („einfach mal weniger regeln“), sondern Anreizdesign: Wo immer möglich, weg vom mikro-detaillierten Vollzug, hin zu einfachen, robusten Signalen.

Beispiel: Wiederverwendung/Refurbishing steuerlich privilegieren, etwa durch Halbierung oder Streichung der Mehrwertsteuer für nachweislich wiederverwendete Produkte. Das ist eine ordnungspolitische Logik, die mit einem einzigen Hebel Preisrealitäten verschiebt, statt Hersteller, Werkstätten und Verbraucher in neue Formularwelten zu treiben.

Wilhelm Mauss von der Firma Lorenz hat das beim Green Monday im Sommer 2025 auf den Punkt gebracht: „Wer Produkte im Kreislauf hält, sollte steuerlich entlastet werden – idealerweise durch einen reduzierten oder vollständig gestrichenen Mehrwertsteuersatz.“

Natürlich ist auch das nicht „bürokratiefrei“ – man muss definieren, was als „refurbished“ gilt, man braucht Missbrauchsschutz. Aber der entscheidende Unterschied: Man belohnt ein Zielverhalten mit einem klaren, verständlichen Vorteil, statt es über Pflichtinformationen und Prozessvorgaben zu erzwingen.

Weniger Versprechen, mehr Spielraum

Der politische Witz am Bürokratieabbau ist, dass er wie ein Diätplan wirkt, den man beim Bäcker unterschreibt. Solange das System – aus guten Gründen! – auf Konstellationen setzt, wird es Regeln vermehren, um Gerechtigkeit herzustellen. Und solange Politik sich über sichtbare Aktivität definiert, wird sie das Aktivste tun, was sie kann: Papier produzieren.

Vielleicht wäre das realistischste Ziel nicht „Bürokratieabbau“, sondern Spielraumerhalt: weniger Granularität dort, wo sie nur Scheingenauigkeit erzeugt; mehr Anreize dort, wo Verhalten kippen soll; und vor allem die Demut, dass man die Welt nicht durch Checklisten repariert.

Denn Reparatur – das lehrt uns ausgerechnet das „Recht auf Reparatur“ – beginnt selten mit dem Formular. Sie beginnt damit, dass jemand hinsieht, urteilt, improvisiert. Also: Situation. Nicht Konstellation.

Europa im Wilden Frieden: Warum die EU endlich lauter werden muss #WEF

In Davos, so lässt sich dieser Januartag lesen, liegt ein eigentümlicher Zug in der Luft: als hätten sich die Mächtigen der Weltwirtschaft in ein alpines Wartezimmer zurückgezogen, um dort – zwischen Sicherheitszonen und Panel-Optimismus – dem Geräusch beim Zerbrechen einer Ordnung zu lauschen. Sebastian Matthes, Chefredakteur des Handelsblatts, berichtet von einem Satz, der ihm „eben ein enger Freund“ schrieb, der bereits vor ihm „in den Bergen beim World Economic Forum (WEF) angekommen“ war: „Mal sehen, ob die Welt, wie wir sie kennen, Ende dieser Woche noch existiert“ …

Das ist mehr als dramaturgische Übertreibung. Es ist ein Symptom. Denn selten wird ein Epochenwechsel so geschäftig kommentiert, während man zugleich so beharrlich an Ritualen festhält: Motto, Bühne, Dialog, Empfang.

Davos als Seismograf der Unordnung

Gerade das WEF-Motto „The Spirit of Dialogue“ wirkt wie ein Schild, das man vor ein einstürzendes Gebäude hält. Dialog ist zur Beschwörung geworden, zur liturgischen Selbstberuhigung eines Milieus, das lange davon lebte, Konflikte in Verfahren zu verwandeln: Zölle in Verhandlungen, Machtfragen in Arbeitsgruppen, Risiken in „Roadmaps“.

Wenn aber – wie Matthes schildert – schon auf dem Weg nach Davos mit der Androhung von Sonderzöllen ein Deal „pulverisiert“ wird, bevor er überhaupt in Kraft tritt, dann liegt darin die neue Lehre der Zeit: Wo die Regel nur gilt, solange der Stärkere sie bequem findet, wird Kooperation zur Gnade – und Berechenbarkeit zur Erinnerung.

Der „Wilde Frieden“ und die Rückkehr der Erpressbarkeit

Der Publizist Rüdiger Altmann prägte dafür das Wort vom „Wilden Frieden“: kein Weltkrieg, aber auch keine stabile Ordnung; keine klaren Fronten, aber permanente Erpressbarkeit. Diese Formel trifft die Gegenwart, in der das Unwahrscheinliche wieder politisch wird und das Selbstverständliche – offene Märkte, Bündnistreue, das Vertrauen in Institutionen – seine Schutzwirkung verliert.

Europa bewegt sich seit Jahren in dieser Atmosphäre: zugleich zu groß, um ignoriert zu werden, und zu zögerlich, um als handelndes Subjekt zu erscheinen.

Die zu leise Union

Damit sind wir beim Kölner Schriftsteller Wolfgang Schiffer, der in einem WDR-Interview einen Satz sagt, der schlicht klingt und doch entlarvt: Er habe die Europäische Union „zu leise“ erlebt – „viel zu leise, immer schon“. Leise: Das ist keine Stilfrage, keine PR-Laune, sondern eine politische Kategorie. Denn „leise“ meint hier nicht Bescheidenheit, sondern Selbstverkleinerung; nicht Diplomatie, sondern den Reflex, Konflikte zu scheuen, weil man das eigene Gewicht nicht ausspielen will – oder weil man sich über das Ziel nicht einig ist.

Schiffer verbindet diese Diagnose mit einem Lob, das im Lärm der Tagespolitik fast antiquiert wirkt: Es habe „keine bessere Idee“ gegeben als die Gründung der EU. Der Satz gehört nicht ins Sonntagsprogramm, sondern in die politische Grundausstattung. Denn die Union war – gemessen an Europas Geschichte – der Versuch, Souveränität nicht abzuschaffen, sondern zu bändigen; Macht nicht zu leugnen, sondern zu teilen; alte nationale „Narzissmen“ durch eine gemeinsame Perspektive zu entgiften.

Und doch: Der Erfolg der europäischen Befriedung hatte eine Nebenwirkung. Er gewöhnte Europa daran, Politik als Verwaltung eines erreichten Zustands zu missverstehen. Aus dem Projekt wurde ein Apparat; aus dem Versprechen eine Zuständigkeit.

Werte ohne Zähne

Schiffer wird schärfer, wenn er Konsequenzen verlangt: stärkere Sanktionsmöglichkeiten gegen Mitgliedstaaten, die sich dem entziehen, was Europa als Wertegemeinschaft gesetzt hat – er nennt Ungarn als Beispiel. Hier geht es nicht um Straflust, sondern um Selbstachtung. Eine Union, die Werte behauptet, aber Verstöße nicht wirksam beantworten kann, verliert nicht nur Autorität nach außen; sie unterminiert Loyalität nach innen.

Im „Wilden Frieden“ gilt ein harter Satz: Wer nicht sanktionieren kann, wird sanktioniert – nicht unbedingt juristisch, aber strategisch, ökonomisch, symbolisch.

Vom Dialog zur Durchsetzung

Das Davoser Motto zeigt das Dilemma wie unter einer Glasglocke. Dialog ist nur dann mehr als Dekoration, wenn er von Handlungsfähigkeit getragen wird. Wer Dialog sagt, muss Macht meinen können – sonst wird Dialog zur Einladung, die eigene Wehrlosigkeit zu besichtigen.

Europa hat sich lange auf die Magie des Verfahrens verlassen: auf Regeln, Gremien, Kompromissformeln. Doch es gibt Akteure, die Verfahren als Schwäche lesen. Dann verwandelt sich die Tugend der Mäßigung in ein System der Verzögerung – und Verzögerung ist in Krisenzeiten oft nur ein anderer Name für Entscheidungslosigkeit.

Mehr Europa wagen: Verteidigung als Integrationsprojekt

Wenn Altmanns „Wilder Frieden“ der Zustand ist, dann braucht es tatsächlich eine neue Theorie der Politik: eine, die Risiko nicht als Störfall behandelt, sondern als Normalzustand; die nicht voraussetzt, dass der Gegner rational im eigenen Sinne handelt; die begreift, dass Ordnung nicht von selbst fortlebt.

In diesem Licht wirkt die Forderung nach „mehr Europa“ bis hin zur Europäischen Verteidigungsgemeinschaft nicht wie Militarisierung, sondern wie Nüchternheit. Wer nicht gemeinsam schützt, wird einzeln erpresst. Wer seine Verteidigung fragmentiert, fragmentiert am Ende auch seine Politik.

Europas Stimme

Aus Schiffer und Matthes lässt sich dieselbe Lehre ziehen, nur aus verschiedenen Blickwinkeln: Die Welt wird weniger regelgläubig, weniger berechenbar, weniger geduldig mit jenen, die sich in die Sprache der Vorsicht flüchten. Europa muss lauter werden – nicht im Sinn der Pose, sondern der Klarheit. Es braucht Instrumente, die mehr sind als moralische Appelle. Und es braucht den Mut, die eigene Größe nicht länger zu flüstern.

Die Zirkelschluss-Gesellschaft: Die Republik der unkaputtbaren Sätze

Wir leben in einem Land, in dem fast alles kaputtgehen darf – nur nicht die Sätze, mit denen man es erklärt.

Die Brücke ist marode? „Komplexe Gemengelage.“ Bürgermeister
Das Projekt implodiert? „Kommunikation war nicht optimal.“ #Merz
Die Strategie wirkt wie ein Horoskop? „Wir müssen agiler werden.“ CEO
Der Laden brennt? „Wir evaluieren die Lage fortlaufend.“ NATO-Generalsekretär

Das ist die Zirkelschlussgesellschaft: eine Kultur, die sich mit unkaputtbaren Formulierungen gegen die Wirklichkeit polstert. Sätze wie Airbags. Schön groß. Schön weich. Und so praktisch, dass man nach dem Crash sagen kann: Wir haben ja alles richtig gemacht – es war nur anders.

Die neue Staatsreligion: Dashboardismus

Früher hat man in Krisen gebetet. Heute klickt man.
Und wenn die Kurve stimmt, stimmt auch der Charakter.

Das Dashboard ist die Kanzel der Gegenwart: Ampeln, KPIs, Inzidenzen, Balken – man sieht so viel, dass man vergisst, dass man gerade nur den Ausschnitt sieht, den man sich vorher gebaut hat. Zahlen sind super. Aber in der Zirkelschlussgesellschaft werden sie zu etwas anderem: zu moralischen Ausweisen.

„Die Zahlen sprechen für sich.“
Klar. Und der Toaster schreibt Gedichte.

Zahlen sprechen durch Definitionen, durch Auswahl, durch Messpraxis, durch das, was man nicht zählt, weil es die Story versaut. Wer „die Zahlen“ als Schlusswort benutzt, will meistens nicht erklären, sondern abwürgen.

Die Lieblingssätze der Bequemen

Wenn du wissen willst, ob du gerade in einer Diskussion bist oder in einer liturgischen Veranstaltung, hör auf diese Klassiker:

„Das ist alternativlos.“
Übersetzung: Ich will nicht, dass du Alternativen siehst.

„Das ist eben komplex.“
Übersetzung: Ich will nicht, dass du Kriterien verlangst.

„Wir müssen handlungsfähig bleiben.“
Übersetzung: Ich will handeln, ohne Rechenschaft darüber, woran wir Irrtum merken.

„Wer das kritisiert, ist verantwortungslos.“
Übersetzung: Ich will gewinnen, ohne argumentieren zu müssen.

    Das ist keine Argumentation. Das ist Rhetorik mit Maulsperre.

    Wenn beide Lager dich hassen…

    Ein Alltagsmesser für Qualität im öffentlichen Streit:

    Wenn nach einer Debatte gleichzeitig die Empörten von rechts und die Empörten von links auf dich losgehen, hast du nicht automatisch recht – aber du hast sehr wahrscheinlich eine bequeme Lüge verweigert.

    Bequeme Sätze sind lagerkompatibel. Sie passen überall rein. Sie sind wie diese Einheitssoße, die in jeder Kantine gleich schmeckt: Du kannst dich dran nicht verschlucken, aber du wirst auch nicht satt.

    Unbequeme Sätze haben Außenkanten. Die schneiden. Und deshalb schreien beide Seiten, weil beide Seiten lieber an ihren Gewissheiten nuckeln als an der Realität zu kauen.

    Münchhausen als Betriebsanleitung

    In Meetings, Talkshows und Ministerien läuft immer derselbe Film, wenn jemand die einzige relevante Frage stellt:

    „Woran würden wir merken, dass wir falsch lagen?“

    Dann gehen drei Türen auf:

    • Regress: „Dazu brauchen wir mehr Studien.“ (Vertagung in seriöser Verpackung)
    • Dogma: „Das ist unser Leitprinzip.“ (Stoppschild mit Moralrand)
    • Zirkel: „Das sieht man doch an den Zahlen.“ (Drehtür mit Excel-Anstrich)

    Und zack: Die Frage ist weg, die Verantwortung auch. Übrig bleibt das Gefühl von Kompetenz. Das ist die eigentliche Ware: Kompetenzsimulation.

    Der Airbag-Satz: Wachstum + Nachhaltigkeit + Profit + Liebe

    Im Management ist es besonders komisch, weil da ständig so getan wird, als würde man steuern – während man in Wahrheit formuliert.

    „Wir wachsen profitabel und nachhaltig.“
    „Wir fokussieren uns auf Kernkompetenzen.“
    „Wir werden agiler und kundenzentrierter.“
    „Wir treiben Transformation mit Augenmaß.“

    Das sind keine Strategien. Das sind Tugendlisten. Formuliert diese Sätze mal um am Gegenteiltag von SpongeBob, dann merkt Ihr, wie hohl diese Sätze sind. S

    Und wenn es scheitert? Dann kommt die Zauberformel:
    „Wir waren noch nicht konsequent genug.“
    Das ist Tautologie mit Karriereleiter: Egal was passiert, der Satz bleibt Chef.

    Die moralische Lackschicht: Kritik = Charakterfehler

    Die gefährlichste Entwicklung ist nicht die Zahl, nicht das Modell, nicht der KPI. Die gefährlichste Entwicklung ist, wenn man eine These so mit Moral umwickelt, dass jede Kritik wie ein Angriff auf Anstand wirkt.

    Dann ist nicht mehr die Frage: „Stimmt das?“
    Sondern: „Darf man das überhaupt fragen?“

    Das ist der Moment, in dem öffentliche Debatte in Gesinnungsprüfung umkippt. Und Gesinnungsprüfungen sind die perfekte Umwelt für tautologische Sätze: Sie sind nicht falsifizierbar, aber maximal karrierefähig.

    Der Tautologie-Scanner (für Leute, die noch denken wollen)

    Kleiner Test, bevor du wieder nickst:

    1. Was müsste passieren, damit der Satz falsch ist?
      Wenn „nichts“: Vorsicht.
    2. Ist das „weil“ eine Begründung oder nur ein Spiegel?
      „Es ist richtig, weil es korrekt ist.“ – Drehtür.
    3. Wird Kritik in Unmoral übersetzt?
      Wenn ja: Das ist kein Argument, das ist ein Panzer.
    4. Kann ich die Buzzwords austauschen und es klingt immer noch wie Weisheit?
      „Innovation / Resilienz / Effizienz / Nachhaltigkeit“ – wenn alles passt, sagt der Satz oft nichts.

    Warum das alles so gut funktioniert

    Weil Irrtum heute wie Schuld behandelt wird.
    Und wer Schuld fürchtet, baut Sätze, die nicht irren können.

    Tautologien sind die Komforttechnologie einer Kultur, die maximale Gewissheit bei minimaler Verantwortung will. Sie liefern den Kick von „wir haben’s im Griff“, ohne den Preis von „wir könnten danebenliegen“.

    Der einzige Satz, der wirklich zählt

    Wenn du nur einen Satz aus diesem Text behalten willst, nimm den:

    Ein Satz, der nicht scheitern kann, ist kein Erkenntnissatz. Er ist ein Machtwerkzeug.

    Ich schreibe darüber ein Buch: Die Zirkelschlussgesellschaft – Wie leere Wahrheiten Macht werden.
    Wenn du Beispiele hast aus deinem Alltag – die unkaputtbaren Sätze, die jede Diskussion töten – her damit. Ich sammle. Und ich verspreche: Wir machen sie kaputt.

    Zettelwirtschaft. Eine Familiengeschichte in Klebestellen

    Klebestelle: Der Anstoß

    Es ist unerquicklich, wie schnell man in Deutschland wieder bei Herkunft landet. Es genügt ein Kommentarstrang, ein falscher Ton, ein zu selbstverständliches „wir“, und schon fährt einer die Schranke runter. „Nur Deutsche dürfen über Deutschland reden“, schreibt eine junge Anwältin in Köln in eine Debatte, die mit Kriminalität und Flüchtlingen aufgeladen ist wie eine schlecht belüftete Kneipe. Meine verstorbene Frau, Serbin, im Rheinland geboren, doppelte Staatsbürgerschaft, perfekte Sprache, politische Wachheit, Counterspeech – sie wird angegangen, als wäre sie ein Gast im eigenen Land. Der Rest ist Mechanik: Erst das Widersprechen, dann das Schärferwerden, dann der Griff in die Schublade „ausländischer Name“, dann der Versuch, Zugehörigkeit zu entziehen, als sei sie eine Lizenz.

    Und ich sitze daneben und merke, wie mein eigener Name in solchen Situationen wie eine Tarnkappe wirkt. „Sohn“ klingt für viele nicht nach Gefahr. Eher nach nordischer Folklore. In meinem Fall auch noch verstärkt: Gunnar Erik – fast wie ein Souvenir aus Schweden. Als ob man sich mit Buchstaben in Sicherheit bringen könnte.

    Das ist der Moment, in dem die Familiengeschichte nicht mehr Privatsache ist. Nicht, weil ich irgendeine Abstammungs-Überlegenheit beweisen will, sondern weil ich nicht zulassen kann, dass Herkunft als Waffe herumgetragen wird, ohne dass man die Klinge sieht. Denn meine Klinge ist alt. Sie liegt in einer Mappe. Sie ist aus Papier. Und sie schneidet, wenn man sie aufklappt.

    Ich habe diese Mappe lange wie andere Leute ein altes Fotoalbum behandelt: vorsichtig, gelegentlich, mit einer Mischung aus Respekt und Abwehr. Man weiß, dass man hineinschauen muss, und man weiß zugleich, dass man danach anders sitzt, anders spricht. Dann kam diese Kölner Kommentarspalte – und mit ihr die Einsicht: Wer sich heute „Vaterland“ auf die Zunge legt, soll hören, was dieses Wort in einer Familie bedeutet, deren Vaterland nicht sang- und klanglos war, sondern amtlich, nummeriert, gestempelt.

    Ich habe mich an den Tisch gesetzt und die Blätter ausgebreitet.

    Klebestelle: Vier Blätter, eine Uhrzeit

    Vier Blätter. Ein Leben, das sich nicht als Erzählung überliefert hat, sondern als Registratur.

    1. Geburtsurkunde, Frankfurt am Main, Dezember 1893.
    2. Heiratsurkunde, Eggersdorf, Oktober 1927.
    3. Taufschein, Berlin, August 1939.
    4. Sterbeurkunde, Bendorf-Sayn, Mai 1942.

    Dazwischen: Abwesenheit. Keine Briefe, kein Tagebuch, kein Nachlass, keine Einkaufszettel, keine Notizen. Ich beneide manchmal Familien, die Schubladen voller Handschrift haben, als wäre Vergangenheit ein gut sortiertes Lager. Bei uns ist sie ein Loch, das nur an den Rändern beschriftet ist.

    Und doch: Diese vier Blätter reichen aus, um einen Sog zu erzeugen. Sie sind wie Koordinaten, die nicht erklären, aber verorten. Was sie geben, sind keine Gefühle – sie geben Orte, Daten, Rubriken. Und in den Rubriken lauert die Zeit.

    Ich bleibe immer wieder an einer einzigen Uhrzeit hängen: 5 Uhr 30. Der Tod meines Großvaters, Wilhelm Sohn, ist auf die Minute beurkundet. Als sei ein Menschenleben eine Abfahrtszeit. Ich lese: 23. Mai 1942, 5 Uhr 30. Bendorf-Sayn, Hindenburgstraße 49. „In dieser Wohnung.“ Ich höre beim Lesen keine Wohnung, ich höre eine Anstalt, ein überfülltes Haus, einen Ort, an dem Menschen „untergebracht“ werden. Aber das Formular sagt Wohnung. Es sagt es so, als wäre das Normalität. Papier kann Normalität simulieren, selbst dort, wo sie vernichtet wird.

    Dann lese ich weiter und stoße auf das zweite Messer in diesem Blatt: Im Namen steht ein Zusatz, den mein Großvater nie geführt hat. Ein Zwangsvorname. Ich weiß, warum er dort steht. Ich weiß, dass er nicht „dazugehört“. Und doch steht er da – amtlich, glatt, als sei er schon immer da gewesen. Genau so funktioniert Herrschaft: Sie schreibt sich in die Oberfläche, bis sie wie Natur aussieht.

    Und gleich daneben eine Zeile, die mich jedes Mal wütend macht: „ohne Beruf“. Als wäre da nichts gewesen. Keine Arbeit, kein Können, keine Rolle, keine Würde. Das Formular entzieht ihm den Beruf, so wie das Regime ihm zuvor den Besitz, die Beweglichkeit, die Luft entzogen hat. Ich lege das Blatt weg und merke: Ich schreibe dieses Buch gegen diese Zeile.

    Klebestelle: Frankfurt – Neue Zeil 29

    Die Geburtsurkunde ist der hellste Fleck in diesem Bündel. Nicht, weil sie glücklich wäre, sondern weil sie noch nicht unter der späteren Sprache steht. Frankfurt am Main. Neue Zeil 29. Der Vater: Kaufmann Emil Samuel Sohn. Ich sehe meinen Urgroßvater nicht – ich sehe eine Berufsbezeichnung, eine Adresse, eine städtische Topografie. Und ich merke, wie sehr ich an Adressen glaube, seit ich Akten lese: Eine Adresse ist der Beweis, dass jemand Platz in der Welt hatte.

    Neue Zeil. Ein Name wie ein Versprechen: neu. Ich stelle mir die Geräusche vor, die man in Registerzeilen nicht findet: Schritte, Kutschen, später Straßenbahn, das Klappen von Ladentüren, Papiergeruch, Tinte. Und ich stelle mir die kleine Selbstverständlichkeit vor, die man 1893 noch hat: Dass ein Kind geboren wird und der Vater es beim Standesamt anzeigt, als sei die Welt ein Ort, der dieses Kind tragen wird.

    Dann schaue ich auf das Datum der Abschrift, die später ausgestellt wurde, Jahre nach der Geburt. Irgendwann braucht man eine beglaubigte Kopie. Papier wird zur Eintrittskarte. Nicht mehr nur für die eigene Lebensorganisation, sondern für die Verwaltung der Zugehörigkeit. Ich lerne: Eine Kopie ist nie nur Kopie. Sie ist ein Hinweis darauf, dass eine Zeit begonnen hat, Menschen nach Dokumenten zu sortieren.

    Klebestelle: Danielsberg in Kärnten – die falsche Fluchtrichtung

    Der Sprung von Frankfurt nach Brandenburg und weiter nach Kärnten wirkt auf den ersten Blick wie ein normaler Lebenslauf: Familie, Heirat, Unternehmung, Land, Gasthof, Arbeit. Mein Großvater ist nicht als Symbol geboren worden. Er ist als Mensch geboren worden, der Dinge tut: kaufen, verkaufen, bewirten, anbauen, verwalten. Ein Leben mit Rechnungen, Lieferungen, Jahreszeiten.

    Und dann kommt 1933. Und dann 1936 die Entscheidung, Deutschland zu verlassen. Nicht in die Schweiz – das ging kaum. Nicht nach England – auch schwierig. Also dorthin, wo Deutsch gesprochen wird und man sich noch bewegen kann: Österreich. Danielsberg, Kärnten. Herkuleshof. Ein Hotelbetrieb in der Höhe, ein Bergsee, eine Landschaft, die den Blick beruhigt. Ich kenne Fotos, die alles sagen, was idyllische Oberfläche sagen kann: Lederhose, Sonne, Bergluft. In Familienfotos ist die Katastrophe nie im Bild. Sie steht außerhalb des Rahmens und wartet.

    1938, der Anschluss. Und dann das, was ich beim Recherchieren kaum ertragen konnte: die Geschwindigkeit. Enteignung nicht als schleichendes Verfahren, sondern als Sprint. Eine Kärntnerin, Maria Paulitsch, stößt ein Arisierungsverfahren an, das so schnell durchläuft, als hätte es nur darauf gewartet. Eigentum wechselt die Hand, und die Hand, die es bekommt, wirkt in der Akte nicht wie Diebstahl, sondern wie Verwaltung. Die Sprache der Nachgeschichte macht es später noch glatter: In einer Dorfchronik steht dann „Wechsel der Eigentümer nach den Umständen der Zeit“. Ein Satz, der sich selbst wie ein Seufzer tarnt und doch eine ganze Schuld in Watte packt.

    Ich lese diesen Satz und spüre, dass mein Buch auch gegen solche Sätze geschrieben wird. Gegen die höfliche Lüge.

    Klebestelle: Dachau – das Loch

    Früh 1939 kommt mein Großvater nach Dachau. Das ist in meiner Familienüberlieferung kein Kapitel, sondern eine Leerstelle. Es gibt keine Krankenakte, keine Briefe, kein „So war es“. Es gibt nur die Erzählung: Er kam zurück, körperlich und psychisch verändert, ausgehungert, „nur noch ein Skelett“, sagt meine Großmutter später. Diese Worte haben die Schärfe von Dingen, die man nicht literarisch erfindet.

    Wenn ich über Dachau schreibe, schreibe ich gegen das, was mir fehlt. Und doch ist das Fehlen selbst ein Befund: Dem Regime gelingt nicht nur die Gewalt, ihm gelingt auch die Zerstörung der Spuren. Es bleibt eine Art Negativabdruck: Ein gesund wirkender Mann auf einem seltenen Foto – und wenige Jahre später die Zeile „ohne Beruf“ und die Diagnose, die wie ein Etikett an ihm hängt.

    Ich weiß nicht, was genau zwischen 1939 und 1941 medizinisch geschieht. Ich weiß nur: Dass „nicht behandeln“ eine Form von Behandlung ist. Eine Behandlung im Sinne der Zerstörung.

    Klebestelle: Berlin-Wedding – „freiwillig“

    Dann liegt dieses andere Blatt vor mir, das nicht Tod beurkundet, sondern Verschiebung: „Anmeldung“, Jacoby’sche Anstalt Sayn, 17. September 1941. Herkunft: Berlin N, Lottumstraße 13. Gesundheitsamt Wedding. Aufnahme als „freiwilliger Pensionär“. Diagnose: Taboparalyse.

    Ich bleibe an „freiwillig“ hängen. Es ist ein Wort aus einer normalen Welt. In einer normalen Welt bedeutet es: Entscheidung, Willen, Vertrag. In dieser Zeit bedeutet es: eine Verwaltungssprache, die Zwang als Formalität verkleidet. „Freiwillig“ ist die weiße Bluse über dem Schlag.

    Taboparalyse: ein Begriff, der sich wissenschaftlich anhört und damit gefährlich beruhigt. Denn die Diagnose kann stimmen und trotzdem Teil einer Maschinerie sein. Ich habe in Koblenz Akten gelesen, viele, zu vielen Menschen, und ich habe gesehen, wie Gutachten klingen, wenn sie nicht heilen wollen, sondern verwalten, entmündigen, sterilisieren. Zwangssterilisation, Unfruchtbarmachung, Erbgesundheitsgerichte – es ist ein Papieruniversum, das sich mit Unterschriften legitimiert. Und es hat eine besondere Perfidie: Es kann sich als „Medizin“ ausgeben.

    Dann kommt die zweite Ebene: der Erlass vom 10. Dezember 1940, der alle jüdischen „Geisteskranken“ Deutschlands in Sayn konzentrieren lässt. Eine Einrichtung für etwa achtzig Patienten wird auf achthundert, neunhundert aufgebläht. Das ist nicht „Überbelegung“. Das ist eine Sammelstelle. Ein Knoten. Ein Ort, der im Schatten großer Namen liegt und gerade deshalb erzählt werden muss.

    Klebestelle: Sayn – Hindenburgstraße 49

    Ich war dort. Ich kenne das Gebäude. Ich kenne die Schönheit, die noch in der Architektur steckt. Und ich kenne die Überlagerung: Wie etwas „schön“ sein kann und doch ein Ort der Vernichtung. Solche Orte sind die schlimmsten, weil sie der Fantasie die Fluchtwege nehmen. Man kann sich nicht damit beruhigen, dass „es“ dort bestimmt offensichtlich gewesen sei. Es ist nicht offensichtlich. Es ist alltäglich. Es ist ein Haus. Es hat Treppen. Es hat Fenster.

    Ich lese Zeugnisse von Pflegerinnen, Berichte über beschlagnahmte Pelze, über improvisierte Wärme, über das Zusammendrängen von Menschen, über Angst und eine verzweifelte Lebenslust. Ich lese von Menschen, die Gedichte kilometerlang aufsagen können – tonlos, auswendig. Und ich denke unwillkürlich: Vielleicht saß mein Großvater unter ihnen. Vielleicht war er nicht „weg“, nicht „verschwunden“, sondern hellwach in einer Welt, die ihn ausradieren wollte.

    Dann lese ich, wie penibel Behörden noch 1941 prüfen, ob „feuerpolizeiliche Vorschriften“ eingehalten werden. Die Vernichtung hat Brandschutz. Sie hat Stempel. Sie hat Formblätter. Das ist der Punkt, an dem das Wort „banal“ nicht mehr tröstet, sondern anklagt: Die Normalität der Abläufe ist Teil des Verbrechens.

    Und dann wieder diese Uhrzeit: 5 Uhr 30. Mai 1942.

    Ich weiß: Anfang 1942 beginnen die Deportationen. Ich weiß: Mein Großvater stand für den zweiten Transport auf der Liste, Juni 1942, Sonderzug, tausend Menschen, Lützel, Köln, Düsseldorf, weiter nach Lublin. Die Reichsbahn notiert Abfahrten, die Gestapo stellt Begleitmannschaften, Vermögenserklärungen werden „noch übersandt“. Eine Reise, die im Formular „Evakuierung“ heißt.

    Mein Großvater stirbt kurz davor. Es ist, als würde die Maschine ihn nicht mehr brauchen – oder als wäre sein Körper schon vorher von der Maschine zermahlen worden. Ich kann nicht schreiben, er „entging“ dem Transport. Das wäre eine falsche Grammatik. Er entging nur der Fahrkarte.

    Klebestelle: Franz in London

    Die Familie hat eine Nebenlinie, die überlebt. Mein Großonkel Franz und seine Frau Else gehen nach London. Dafür wird Geld zusammengekratzt. Eine Familie teilt Ressourcen nicht nach Fairness, sondern nach Möglichkeit: Wer rauskommt, soll raus. Wer drin bleibt, bleibt. London wird zum Rettungsraum, nicht zur Heimat. Mein Großonkel stirbt relativ früh, Else lebt lange. Ich war Ende der siebziger Jahre dort, vier Wochen. Ich erinnere mich nicht an große Sätze, sondern an eine andere Art von Alltag: Tee, Straßen, eine gewisse Zurückhaltung, die zugleich Schutz ist, viele Gespräche mit jüdischen Emigranten aus Deutschland im Bridge-Club meiner Großtante.

    London ist in meinem Buch nicht „Happy End“. Es ist der Beweis, dass Geschichte an Zufällen hängt – und an den brutalen Grenzen, die Staaten setzen.

    Klebestelle: Dieter, 1957, Handschrift

    Dann die nächste Generation: mein Vater Dieter, geboren 1929. Misch-Ehe, evangelische Mutter, jüdischer Vater. Das Regime führt dafür eigene Kategorien, als wären Menschen chemische Mischungen. Mein Vater darf keine Ausbildung machen. Das ist eine stille Form der Gewalt: nicht schlagen, sondern Wege versperren. Man nimmt einem Kind die Zukunft, und das ist kein Nebenschaden, sondern Absicht.

    Ende des Krieges wird er schwer verletzt. Dann Schweden: ein knappes Jahr bei einer Gastfamilie. Die Sprache, die Gastfreundschaft, die Erfahrung, dass ein anderes Land nicht automatisch Feind ist. Daraus entsteht später mein Name. Gunnar Erik. Nicht, weil ich mich als Schwede fühle, sondern weil mein Vater in Schweden etwas erlebt hat, das man in Deutschland 1945 selten erlebt: eine Form von Aufatmen.

    1957 schreibt er einen Lebenslauf. Kein literarischer Text. Aber für mich ist er ein Dokument des Nachkriegs: die Art, wie ein Mensch sich in einem Satz zusammenfaltet, damit Behörden ihn akzeptieren. Ich lese diese Handschrift und merke: Sie ist das Gegenteil der Sterbeurkunde. Hier spricht ein Ich. Dort spricht das Formular.

    Und ich merke: Mein Buch muss beide Stimmen gegeneinander halten. Nicht, um eine zu widerlegen, sondern um zu zeigen, was Verwaltung mit Leben macht.

    Klebestelle: „Umstände der Zeit“ – und mein eigenes Motiv

    Es gibt in Kärnten eine Dorfchronik, in der die Enteignung meiner Familie mit einem Satz zugedeckt ist: „nach den Umständen der Zeit“. Ich habe mir vorgenommen, diesen Satz nicht stehen zu lassen. Ich will eine Lesung in Kolbnitz. Ich will, dass man diesen Satz ersetzt durch einen, der die Dinge beim Namen nennt. Wenn sie es nicht ändern, lese ich trotzdem. Notfalls im Café. Notfalls am Herkuleshof. Es geht nicht um Rache. Es geht um Grammatik. Die Nachgeschichte darf nicht so tun, als sei Diebstahl Wetter gewesen.

    Denn das ist die Verbindung zur Gegenwart, zu der Kölner Anwältin, zu all den Leuten, die heute wieder „Deutschland“ sagen, als wäre es ein Erbstück. Ich frage mich: Auf welches Vaterland soll ich stolz sein? Auf das, das meinem Großvater einen Zwangsvornamen aufdrückt und ihn „ohne Beruf“ sterben lässt? Auf das, das Transportlisten schreibt und die Reichsbahn pünktlich fahren lässt? Auf das, das nachher „Umstände der Zeit“ sagt?

    Wenn ich schreibe, dann nicht, um eine Familienlegende zu pflegen. Ich schreibe, um eine Gegenrede zu bauen – gegen das Wiederauftauchen der alten Sätze in neuen Kommentarfeldern.

    Klebestelle: Methode – Schere, Klebstoff, Kombinatorik

    Ich habe lange geglaubt, eine Familiengeschichte müsse linear sein: Ahnentafel, Generationen, sauber. Aber meine Materialien sind nicht sauber. Sie sind zerrissen, verstreut, amtlich, brüchig. Also muss die Form es auch sein: Montage, Umordnung, Klebestellen.

    Ich arbeite wie jemand, der am linken Rand eines Blattes neu ansetzt: Ausschnitt aus einer Urkunde, daneben eine Erinnerung, daneben eine Recherchepassage, daneben ein Satz aus der Gegenwart. Nicht, um Unordnung zu stiften, sondern um Ordnung beweglich zu halten. Die Umordnung ist die Erkenntnis.

    Ich will nicht das „Betriebsgeheimnis“ sichtbar machen, indem ich Überschriften ausstelle wie Schilder. Im fertigen Text sollen diese Randmarken verschwinden, so dass nur noch der Fluss bleibt – aber ein Fluss, der aus vielen Zuflüssen besteht.

    Dieses Buch soll ein offenes Kunstwerk sein, nicht im Sinn von Beliebigkeit, sondern im Sinn von Erweiterbarkeit: Neue Dokumente werden auftauchen, neue Akten werden auffindbar sein, neue Stimmen werden sich melden. Ich will eine Form, die das nicht als Störung empfindet, sondern als Prinzip.

    Klebestelle: Auftaktbild – ein Mensch, den man nicht mehr kennt

    Wenn ich an meinen Großvater denke, sehe ich nicht zuerst den Menschen, sondern das, was von ihm übrig blieb: eine Sterbeurkunde. Ich sage das nicht, um dramatisch zu sein. Es ist buchstäblich so. In vielen Familien ist das Foto die letzte Instanz. Bei uns ist es ein Formular.

    Und genau deshalb muss ich ihn aus dem Formular herauslösen. Ich muss ihn aus „ohne Beruf“ zurückholen. Ich muss ihm sein Leben wiedergeben, nicht indem ich es erfinde, sondern indem ich die Welt rekonstruiere, in der es stattfand: Brandenburg, Gasthof, Landwirtschaft, Danielsberg, Anschluss, Enteignung, Dachau, Berlin, Wedding, Sayn, Hindenburgstraße 49.

    Die Akte macht aus dem Menschen einen Fall. Ich will aus dem Fall wieder einen Menschen machen – und aus der privaten Geschichte eine öffentliche Erzählung, die der Gegenwart widerspricht, wenn sie wieder ihre Schranken ausfährt.

    Denn wenn ich eines gelernt habe beim Lesen dieser Blätter, dann das: Man kann Geschichte nicht neutral erzählen. Neutralität ist oft nur die schönere Verpackung der alten Formeln. Ich schreibe, weil ich nicht will, dass die Formeln gewinnen.

    Wie daraus ein Buch wird

    Erste Skizze:

    1. Kapitel 1: „Hindenburgstraße 49“ – eine dichte Montage um den Todeseintrag (5:30) als Einstieg, mit Rückblenden in Frankfurt/Berlin.
    2. Kapitel 2: „Neue Zeil 29“ – Frankfurt, Kaufmannswelt, jüdisches Bürgertum, Mobilität Landau–Mainz–Frankfurt als Hintergrund.
    3. Kapitel 3: „Eggersdorf“ – Gasthof/Landwirtschaft, Alltag, Heirat, Kind Dieter 1929.
    4. Kapitel 4: „Danielsberg“ – Flucht nach Österreich, Herkuleshof, Foto als Leitobjekt.
    5. Kapitel 5: „Arisierung“ – Geschwindigkeit, Tätergrammatik, „Umstände der Zeit“.
    6. Kapitel 6: „Dachau“ – Leerstelle als Kapitel: Was man weiß, was man nicht weiß, was Akten verschlucken.
    7. Kapitel 7: „Wedding“ – Gesundheitsamt, Gutachtenkultur, Sterilisationsbürokratie, Route nach Sayn.
    8. Kapitel 8: „Sayn“ – Überfüllung, Pflegerinnen-Berichte, Pelze, Deportationslogik, Juni 1942 als Schatten.
    9. Kapitel 9: „London“ – Franz/Else, Überleben als Nebenpfad.
    10. Kapitel 10: „1957“ – Dieters Handschrift, Schweden, Nachkrieg, Aufstieg bei der BVG.
    11. Epilog: „Lesung in Kolbnitz“ – die Rückkehr als geschichtspolitische Intervention.

    KOMI Zukunftswerkstatt am 5. Februar in Stuttgart: Praxis-Impulse zu KI, Cybersecurity und Managed Services

    KI, Cybersecurity und hybride Arbeit sind im Mittelstand längst keine Zukunftsthemen mehr, sondern operative Baustellen – mit unmittelbaren Folgen für Infrastruktur, Prozesse und Wettbewerbsfähigkeit. Genau hier setzt die KOMI Zukunftswerkstatt am Donnerstag, 5. Februar, in Stuttgart an. Im begleitenden Smarter-Service-Talk skizziert Benjamin Springub (KOMI Group) das Ziel der Veranstaltung: Orientierung geben – aber so, dass es im Alltag funktioniert.

    „Unsere DNA als KOMI Group liegt im Mittelstand. Wir wissen, was Mittelstand treibt und sprechen die gleiche Sprache“, sagt Springub. Impulse bedeuten für ihn nicht Leitbilder, sondern umsetzbare Handgriffe: „Impulse heißt: verstehen, was derzeit in IT und Digitalisierung passiert, vor allem bei Cybersecurity und KI, und daraus Orientierung für den Mittelstand ableiten.“ Dazu gehören ganz konkrete Fragen wie: „Wie setze ich Copilot ordentlich ein, wie unterstützt mich Copilot dabei, mit Agents zu agieren.“

    KI trifft Maschinenraum: Infrastruktur wird wieder zum Thema

    KI dürfe nicht als reines Software-Feature missverstanden werden. Der Druck gehe „bis in den Maschinenraum“ – also in Hardware, Server-Infrastrukturen und WLAN. Wer KI nur als Lizenz- oder Toolfrage diskutiert, investiere schnell am Engpass vorbei.

    Managed Services als Kapazitätshebel

    Beim Thema Managed IT argumentiert Springub nicht mit Kostensenkung, sondern mit der Realität vieler Betriebe: fehlende IT-Bandbreite und ein Markt, der sich rasant dreht. „Viele Mittelständler haben gar nicht die Kapazität – vom Know-how, vom Skill –, die Bandbreite zu bedienen, weil der Markt sich viel zu schnell bewegt“, sagt er. Der betriebliche Effekt: IT-Komplexität an Partner geben, die sie beherrschen – und im Unternehmen selbst wieder Fokus auf das Kerngeschäft gewinnen. „Mit dem richtigen Partner das in die richtigen Hände geben, um dann sich auf sein Kerngeschäft zu konzentrieren.“

    Zielgruppe für Managed IT sind Unternehmen zwischen 50 und rund 500 Mitarbeitenden – also genau jene Größenordnung, in der IT längst geschäftskritisch ist, Spezialteams aber oft fehlen. Springub beschreibt das mit einem Augenzwinkern: Häufig gebe es „jemanden, der IT mitmacht“.

    Corona und Digitalpakt Schule als Turbo für Medientechnik

    Den Schub bei Präsentations- und Medientechnik führt Springub auf zwei Katalysatoren zurück: Schule und Pandemie. „Corona, insbesondere im schulischen Bereich, hat für einen sehr großen Push gesorgt. Digitalpakt Schule hat hier sehr, sehr gut funktioniert. Jetzt wird das revitalisiert“, so Springub. In Unternehmen habe Corona den Druck erhöht, hybride Zusammenarbeit stabil zu organisieren – und damit den Besprechungsraum zum Produktivitätsfaktor gemacht.

    Werkstatt statt Messe – plus Netzwerkbus

    Die Zukunftswerkstatt setzt auf zwei gleichwertige Bühnen: ein ZukunftsForum für Strategie und Einordnung sowie eine LösungsWerkstatt für Praxis. Dort sind unter anderem Live-Hacking und konkrete Copilot-Anwendungen angekündigt – „anfassbarer“, wie Springub sagt: „Das eine ist, über Security zu sprechen, das andere ist: gib mir doch mal ein Beispiel, was passiert da.“

    Ein besonderes Service-Detail: der KOMI-Netzwerkbus, der Teilnehmende aus der Region einsammelt – als rollender Auftakt fürs Netzwerken oder Arbeiten auf der Anreise. Bericht unter: https://www.smarter-service.com/2026/01/16/die-stunde-der-betriebsfaehigkeit-ausblick-auf-die-komi-zukunftswerkstatt-am-5-februar-in-stuttgart/

    Kassenbon statt Kanzlerwort @Bundeskanzler: Selbständige zahlen – und werden ignoriert – Auf den Spuren von @WolfLotter @welchering @GKV_SV @TK_Presse

    Seit Jahrzehnten verfolge ich ein Phänomen, das jedem Prognosemodell der VWL den Rang abläuft: Nicht die Konjunktur macht die Menschen optimistisch – oft ist es umgekehrt. Erst eine aufgehellte Stimmung ist der Antriebsmotor für die Volkswirtschaft. Wer das ernst nimmt, muss sich heute weniger über einzelne Quartalszahlen wundern als über die wachsende Kluft zwischen öffentlicher Rhetorik und gelebter Erfahrung.

    In den Kommentaren zur ersten Veröffentlichung fiel nun ein treffender Hinweis: Goodharts Gesetz. Sobald eine Kennzahl zur Zielgröße wird, verliert sie ihren Informationswert. Das gilt für Geldmengen in der Zentralbankpraxis ebenso wie für „Stimmung“ im politischen Betrieb. Wer Stimmungen managen will, sorgt häufig dafür, dass sie unkenntlich werden – weil Menschen spüren, dass hier nicht mehr verstanden, sondern gesteuert werden soll. Aus dem Seismografen wird ein Instrument der Kulisse.

    Die Selbständigen als Frühwarnsystem – und warum sie gerade nicht an „Aufbruch“ glauben

    Man sieht das gerade exemplarisch bei den Soloselbständigen und Kleinstunternehmen. Der Jimdo-ifo-Geschäftsklimaindex ist im Dezember auf -23,7 Punkte gefallen; sowohl Lagebeurteilung als auch Erwartungen verschlechterten sich. Dazu kommt ein Wert, der in der politischen Debatte viel zu selten vorkommt, aber ökonomisch alles erklärt: Unsicherheit. 34,3 % der Befragten fällt es schwer, die eigene Geschäftsentwicklung vorherzusagen – deutlich mehr als in der Gesamtwirtschaft (23,8 %).

    Und die Erwartungen für 2026 sind ein Konzentrat dieser Nervosität: 35,3 % rechnen mit einer Verschlechterung, nur 14 % mit einer Verbesserung; der Rest erwartet Stillstand. Das ist keine „schlechte Laune“. Das ist die nüchterne Bilanz von Menschen, die jeden Monat beweisen müssen, dass ihre Rechnung aufgeht.

    Wolf Lotter: Der Verdacht, dass es „oben“ egal ist – und warum das so toxisch wirkt

    Wolf Lotter reagierte auf meine erste Veröffentlichung mit einem Satz, der hängen bleibt, weil er nicht wirtschaftlich, sondern politisch-psychologisch ist: der Verdacht, es sei dem Bundeskanzler „völlig wurscht“ – und eine schlechte Lage für Selbständige manchen in der Politik womöglich sogar recht.

    Ob man diese Zuspitzung teilt oder nicht: Sie trifft einen Nerv. Lotter argumentiert seit langem gegen die reflexhafte Abwertung von Selbständigkeit und verweist auf die kulturelle Schieflage, in der Selbständige schnell als Problem, selten als produktive Infrastruktur der Gesellschaft gesehen werden. Genau diese Wahrnehmung – „wir sind unsichtbar“ – findet sich inzwischen auch organisiert wieder: Der VGSD warnt mit Blick auf 2026 vor einem möglichen „stillen Sterben“ kleiner Unternehmen und fordert Reformen bei Statusfeststellung, Beitragsbemessung, Aktivrente und privater Altersvorsorge.

    Das ist die Stelle, an der Stimmung und Konjunktur sich berühren: Wenn eine große Gruppe wirtschaftlich relevanter Akteure den Eindruck gewinnt, politisch nicht vorzukommen, wird aus Vorsicht Investitionsverzicht – und aus Investitionsverzicht wird Wachstumsschwäche. Nicht, weil jemand „pessimistisch sein will“, sondern weil die Zukunft in der Kostenrechnung keinen Rabatt kennt.

    Welchering und die Barmer: Wenn Systeme Vertrauen verbrauchen

    In dieselbe Kerbe schlägt ein X-Posting von Peter Welchering, der mit seiner Krankenkasse um Hilfsmittel streitet, um trotz Schwerhörigkeit weiter lehren zu können – und die Ausflüchte der Bürokratie als „atemberaubend“ beschreibt.

    Hier geht es nicht um Einzelfälle als Anekdote, sondern um ein strukturelles Muster: In einem System, das Solidarität verspricht, aber in der Praxis oft wie Zuständigkeits-Schach wirkt, wird Vertrauen zur Mangelware.

    Ich kenne das aus eigener Erfahrung: Meine Krankenkasse mag mich – so mein Eindruck – spätestens seit meinen Fragen zur Leistungsfähigkeit dieser Organisation nicht mehr. Welchering ging der bei der Barmer noch der Frage nach, was ein Vorstandschef so nach Hause bringt. Allein die Grundvergütung lag 2024 bei 351.805 Euro, die Gesamtvergütung bei 358.957 Euro. Das ist nicht „Skandal“ um des Skandals willen. Es ist eine Frage der Proportionen – und der Signale, die ein System an seine Beitragszahler sendet.

    ÖRR-Problem im Gesundheitswesen: Fragmentierung plus Selbstbedienungsanreize

    Bei den gesetzlichen Krankenkassen zeigt sich eine Struktur, die man sonst aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk kennt: Viele Einheiten, Monster-Gremien, schwer durchschaubare Verantwortung – und oben eine Vergütungslogik, die sich erstaunlich gut gegen den Alltag der Versicherten immunisiert.

    Ein Blick auf die nackten Zahlen ist ernüchternd:

    • Brutto-Verwaltungs- und Verfahrenskosten (2024): 15,98 Mrd. Euro
    • Erstattete Verwaltungskosten: 3,35 Mrd. Euro
    • Netto-Verwaltungskosten: 12,63 Mrd. Euro
    • Persönliche Verwaltungskosten: 10,80 Mrd. Euro
    • Beschäftigte insgesamt (ohne Eigenbetriebe): 132.250

    Und zur Struktur: Der GKV-Spitzenverband weist für 01. Januar 2026 noch 93 gesetzliche Krankenkassen aus!!!!! Der Gesetzgeber erlaubt pro Kasse Vorstände von bis zu zwei Personen (bis 500.000 Mitglieder) bzw. bis zu drei Personen (darüber).

    Hefte raus: Selbst wenn nur ein Teil der Kassen mehrköpfige Vorstände hat, landet man rasch jenseits des Zahlenraums bis 100. Und selbst wenn man die genaue Summe nicht zentral ausgewiesen bekommt: Die Möglichkeitsstruktur ist eindeutig – viele Apparate, viele Spitzen, viele Schnittstellen. In so einem System entsteht Dysfunktion nicht erst durch bösen Willen, sondern durch Reibungsverluste, Zielkonflikte und eine Kultur, die sich an internen Regeln wärmt, während draußen die Versicherten frieren.

    Was das für Selbständige heißt: Bedingungen statt PR

    Genau hier schließt sich der Kreis zur „Stimmung“. Wer Selbständigen 2026 „Aufbruch“ erzählt, ihnen aber gleichzeitig ein Sozialabgaben- und Bürokratielabyrinth zumutet, betreibt Stimmungspolitik – und zerstört damit die Stimmung als Information.

    Für Selbständige heißt eine ernst gemeinte Wende:

    • weniger Ungewissheit (Statusfeststellung entkrampfen, Scheinselbständigkeitsangst reduzieren),
    • weniger Schikanen (verständliche Verfahren, klare Fristen, echte Rechtsklarheit),
    • tragfähigere Sozialabgaben-Logik (Beitragsbemessung, die Einkommen realistisch abbildet – nicht willkürlich volatil),
    • realistischere Finanzierungskanäle (Kreditzugang, Garantien, weniger Hürden),
    • und erst danach Kommunikationskampagnen über „Zuversicht“.

    Denn Zuversicht ist kein Plakat. Sie ist ein Nebenprodukt verlässlicher Institutionen. Und wenn Goodhart recht hat – und er hat oft recht –, dann gilt: Sobald Politik versucht, „Stimmung“ als Zielgröße zu optimieren, verliert sie die Fähigkeit, Stimmung als Frühindikator zu lesen. Dann bleibt nur noch: Zynismus. Und der ist, ökonomisch betrachtet, eine sehr teure Ressource.

    Mehr zu diesem Thema in unserem Sohn@Sohn-Newsletter am Freitag, den 16. Januar 2026:

    Das Klima der kleinen Wirtschaft kippt, Herr @Bundeskanzler

    Es gibt Indizes, die tun so, als seien sie Thermometer. In Wahrheit sind sie eher Wetterkarten: Sie zeigen nicht nur Temperatur, sondern Windrichtung, Luftdruck, Gewitterneigung – kurz, das Klima einer Lage. Wer Konjunktur verstehen will, muss deshalb lernen, zwischen den Zahlen zu lesen: Nicht jede Zahl ist ein Faktum, manche sind eine verdichtete Erwartung. Und Erwartungen sind in der Wirtschaft kein Beiwerk, sondern ein Antrieb.

    Der Jimdo-ifo-Geschäftsklimaindex für Selbständige ist so ein Instrument. Er misst nicht die „große“ Industrie, nicht die exportierenden Flaggschiffe, sondern jene kleinteilige Ökonomie, in der die Entscheidungen häufig unmittelbarer sind: Soloselbständige, Kleinstunternehmen, weniger als neun Beschäftigte – stark dienstleistungsgeprägt, nah am Kunden, nah an der Liquidität. Seit August 2021 wird dieses Segment gesondert erfasst.

    Die jüngsten Werte sind unerquicklich klar: Mehr als ein Drittel (35,3 %) erwartet 2026 eine Verschlechterung der eigenen wirtschaftlichen Lage; nur 14 % rechnen mit besseren Geschäften als 2025; 50,7 % erwarten Stillstand. In der Gesamtwirtschaft ist der Pessimismus geringer: 26,1 % erwarten schlechtere, 14,9 % bessere Geschäfte.

    Der Satz der ifo-Expertin Katrin Demmelhuber bringt das Ergebnis auf eine Formel: „Die Selbständigen starten mit mehr Sorge als Zuversicht in das neue Jahr.“

    Sorge hat eine Struktur

    Sorge ist nicht einfach „schlechte Laune“. Sie hat eine Struktur, und diese Struktur ist in den Daten sichtbar. Der Index sank im Dezember auf −23,7 Punkte, nach −19,8 im November: ein Rückschritt zum Jahresende 2025, getragen von schlechteren Lageurteilen und schlechteren Erwartungen.

    Noch bedeutsamer als der Stimmungswert ist jedoch ein Begleitsymptom: Ungewissheit. 34,3 % der Selbständigen fiel es schwer, die eigene Geschäftsentwicklung vorherzusagen; im November waren es 32 %. In der Gesamtwirtschaft lag der Anteil im Dezember bei 23,8 %.

    Hier zeigt sich ein Kernproblem unserer Zeit: Nicht nur, dass viele Erwartungen negativ sind – sie sind auch unsicher. Wo Unsicherheit steigt, sinkt die Bereitschaft, Risiken einzugehen. In der kleinteiligen Wirtschaft bedeutet das ganz konkret: weniger Investitionen, weniger Einstellungen, mehr Aufschub.

    Und dieser Aufschub bekommt, wie so oft, ein finanzielles Gesicht: 47,6 % der Selbständigen melden Schwierigkeiten beim Kreditzugang (Q4, nach 45,1 % in Q3). Gleichzeitig führen nur 10,9 % überhaupt Kreditverhandlungen – gegenüber 26,3 % in der Gesamtwirtschaft. Das ist die stille Klemme: Wer kaum verhandelt, ist entweder zu klein, zu vorsichtig – oder zu entmutigt, um den Versuch zu machen.

    Die Parallele zur Allensbach-Frage

    An dieser Stelle wird der Anschluss an Ihre Allensbach-Analyse sichtbar. Dort wird seit 1949 zum Jahreswechsel gefragt: „Sehen Sie dem neuen Jahr mit Hoffnungen oder Befürchtungen entgegen?“ – eine einfache Frage, die in ihrer Schlichtheit mehr über Handlungsbereitschaft verrät als mancher Modelllauf.

    Ihre jüngste Auswertung beschreibt für 2026 ein Land im Zwischenlicht: 33 % Hoffnungen, 29 % Befürchtungen, 29 % Skepsis, 9 % unentschieden. Das Entscheidende ist dabei weniger die reine Befürchtung als der gleich große Block der Skepsis: nicht Angst, sondern zähes Zögern.

    Genau dieses Zögern erscheint nun im Mikrokosmos der Selbständigen in zugespitzter Form. Die Selbständigen sind – stärker als die Durchschnittsbevölkerung – in einer Lage, in der „Hoffnung“ sofort zur Entscheidung werden muss: einen Auftrag annehmen, einen Vertrag verlängern, eine Software anschaffen, einen Kredit aufnehmen, eine zusätzliche Kraft bezahlen. Wenn hier das Klima kippt, kippt es praktisch: nicht in Kommentaren, sondern in Kassenständen.

    So fügen sich zwei Messungen zusammen: Das Allensbach-Barometer zeigt das Meinungsklima der Gesellschaft, der Jimdo-ifo-Index das Entscheidungsklima eines besonders konjunktursensiblen Sektors. Und beide deuten in die gleiche Richtung: 2026 beginnt mit Vorsicht – und mit einer Skepsis, die weniger laut ist als wirksam.

    Vorlauf statt Nachlauf

    Die Lesart des Statistikers Karl Steinbuch – zuerst Optimismus, dann Wachstum – bekommt hier eine zweite Bestätigung: Wenn Stimmung Vorlauf ist, dann sind die Selbständigen ein besonders empfindlicher Sensor. Denn sie sind näher an Unsicherheit und Finanzierung, und sie erleben Regulierung nicht als Debatte, sondern als Formular.

    Millionen kleiner Entscheidungen erzeugen erst jene Durchschlagskraft, die wir Aufschwung nennen oder auch nicht. Der Jimdo-ifo-Befund ist in diesem Sinn kein Randthema, sondern ein Frühwarnsignal: Wo ein Drittel Verschlechterung erwartet und nur jeder Siebte Verbesserung, entsteht kein Gleichschritt nach vorn.

    Das Problem der öffentlichen Wahrnehmung

    Es kommt etwas hinzu, das man in Konjunkturberichten selten liest: die Frage, wer seine Lage überhaupt noch öffentlich artikuliert. In einer Gesellschaft, in der viele Selbständige das Gefühl haben, politisch nicht vorzukommen, wird aus Unmut leicht Rückzug. Dann wird nicht mehr gestritten, sondern abgewinkt; nicht mehr investiert, sondern „erst mal abgewartet“. Gerade diese stille Resignation ist wirtschaftlich gefährlich, weil sie statistisch als „Stabilität“ erscheinen kann – in Wahrheit aber das Absterben von Dynamik bedeutet.

    Der Jimdo-ifo-Befund enthält dafür eine harte Kennzahl: der sprunghaft hohe Anteil derjenigen, die ihre eigene Entwicklung kaum noch prognostizieren können. Wo die Zukunft nicht mehr in Szenarien, sondern nur noch in Befürchtungen vorkommt, wird die Gegenwart defensiv.

    Politik: Nicht „Start-ups“, sondern Alltag

    Wenn eine Regierung (gleich welcher Couleur) Wachstum will, muss sie dort ansetzen, wo Wachstum im Alltag entsteht: bei den Bedingungen, unter denen Menschen überhaupt den Mut haben, selbständig zu arbeiten. Die Realität sieht anders aus: Krankenversicherungsbeiträge, die sich für Selbständige wie eine Strafsteuer anfühlen; eine Rentenarchitektur, die als Zwang und Misstrauen erlebt wird; eine Praxis der Scheinselbständigkeitsprüfung, die aus berechtigter Missbrauchsbekämpfung oft eine Kultur der Verunsicherung macht.

    Wenn die politische Erzählung von „Aktivrente“ und „Steuererleichterungen“ handelt, die Realität der Selbständigen aber aus Beitragsbescheiden, Prüfungen und Kreditklemmen besteht, dann entsteht ein Bruch im Meinungsklima: Man fühlt sich nicht gemeint. Und wer sich nicht gemeint fühlt, verhält sich nicht expansiv.

    Der einfache Schluss

    Man kann die Lage in einem Satz zusammenfassen: Die Skepsis der Bevölkerung findet bei den Selbständigen ihre praktische Übersetzung. Dort, wo aus Stimmung Handlung werden müsste, überwiegt die defensive Erwartung – und die Unsicherheit ist höher als im Unternehmensdurchschnitt.

    Herr Bundeskanzler, machen Sie endliche ihre wirtschaftspolitischen Hausaufgaben.

    Wenn Zahlen lügen lernen: „Daten sind Macht“ als Gegenmittel gegen Statistik-Folklore

    „Daten sind Macht“ ist eines dieser seltenen Management-Bücher, die nicht so tun, als ließe sich die Welt mit einem Dashboard reparieren. Es ist eher ein Gegenmittel gegen den verbreiteten Irrglauben, Zahlen seien Natur, nicht Narrativ.

    Katharina Schüller setzt früh einen Satz, der in jedem Vorstandszimmer an die Wand gehört: „Missbrauch von Daten ist Missbrauch von Macht.“ Das klingt nach moralischem Zeigefinger – ist aber in Wahrheit eine nüchterne Betriebsanleitung für eine Zeit, in der „data-driven“ oft nur bedeutet: Wir haben eine Zahl gefunden, die zu unserer Meinung passt. Schüller dreht die Beweislast um: Nicht „die Daten sagen…“, sondern: Wer hat sie erhoben, wie, wozu, und was wird dabei systematisch übersehen? Daten, so ihr roter Faden, sind nicht neutral, sondern in soziale, wirtschaftliche und politische Kontexte eingebettet; sie formen Entscheidungen und Machtstrukturen. Das ist keine akademische Fußnote, sondern der Kern des Problems.

    Das Buch als Entzauberungsmaschine: Die beliebtesten Zahlentricks – und wie sie funktionieren

    Schüller schreibt für Führungskräfte, die weniger „mehr KI“ brauchen als mehr Widerstandskraft gegen Statistik-Folklore. Und sie liefert Munition: nicht als trockener Methodenkurs, sondern als Tour durch die gängigsten Manipulationspfade – vom harmlosen Schönrechnen bis zum algorithmischen Irrsinn.

    Der Mythos der sauberen Daten: Wenn schon die Erfassung lügt
    Ein herrlicher, fast schon komischer Abschnitt handelt von Fehlern, die nicht in der Analyse passieren, sondern vorher: Bei der Digitalisierung von Dokumenten „korrigiert“ eine OCR plötzlich Zahlen – aus 8 wird 3, aus 1 wird 7. Das ist keine Metapher, sondern ein reales Risiko automatisierter Verarbeitung. War ja auch mal Thema beim Chaos Computer Club.

    Und wer glaubt, das sei ein Nerd-Problem, bekommt gleich den nächsten Treffer: Selbst Tabellenprogramme haben in der Forschung Gen-Namen „automatisch“ umformatiert und damit Daten verfälscht. Die Pointe sitzt: Man kann sich tagelang über p-Werte streiten – und hat vorher schon Müll eingelesen.

    Auswahlfehler sind keine Macke, sie sind ein Geschäftsmodell
    Schüller zeigt, wie leicht sich „Mehrheiten“ erzeugen lassen, wenn man die Teilnahmebedingungen so gestaltet, dass am Ende nur die Lautesten übrigbleiben. Beispiel EU-Konsultation zur Sommerzeit: „84 Prozent“ klingen nach Volkswille – bis klar wird, dass es eben keine repräsentative Befragung war, sondern eine Selbstselektion. Das ist Lehrbuchstoff – und trotzdem Alltag in Politik und PR: Der Trick heißt nicht Fake News, sondern „Online-Umfrage“.

    Korrelation ist keine Kausalität – aber eine fantastische Ausrede
    Wer heute Kausalität behauptet, sollte Belege bringen. Schüller illustriert das über den klassischen Streit um Rauchen und Lungenkrebs: Dass selbst prominente Statistiker Kausalität lange bezweifelten, ist ein Lehrstück über methodische (und manchmal auch ideologische) Blindheit. Der Punkt ist nicht Historie, sondern Gegenwart: In Unternehmen wird Kausalität gern behauptet, wenn eine Korrelation die gewünschte Story hergibt – „Engagement-Score hoch, also Produktivität hoch“ –, und vergessen, wenn sie unbequem wird. Schüllers Mahnung: Ohne belastbares Design bleibt vieles nur Muster – und Muster sind verführerisch.

    Siehe auch:

    Die Münzwurf-Studie: Wenn „Evidenz“ statistisch kaum mehr ist als Glück
    Ein besonders bitteres Beispiel stammt aus der Medizin: Eine Studie, die „Herzgesundheit durch einen Apfel am Tag“ suggeriert, steht und fällt mit einer kleinen Stichprobe – statistisch wird das Ergebnis schnell zur Lotterie. Schüller nutzt solche Fälle, um die Illusion zu zerlegen, man könne aus schwachen Daten starke Schlüsse pressen. Das ist „Absence of Evidence is not Evidence of Absence“ – aber eben auch: Absence of good data is not Evidence of anything.

    Wenn Modelle wichtiger werden als Wirklichkeit: der Google-Flu-Effekt
    Schüller erinnert an das berühmte Beispiel, wie Google mit Suchanfragen Grippewellen vorhersagen wollte – und spektakulär scheiterte, weil die Modellannahmen und das sich verändernde Suchverhalten die Daten überrollten.

    Diskriminierung per Proxy: Wenn man das Merkmal entfernt, bleibt es trotzdem drin
    Wer glaubt, Fairness ließe sich herstellen, indem man in einem Modell „Geschlecht“ oder „Ethnie“ einfach löscht, bekommt von Schüller eine kalte Dusche. Sie beschreibt u. a. den Fall, wie ein Recruiting-System Bewerberinnen benachteiligte – und warum solche Effekte über Korrelationen mit anderen Variablen weiterleben. Der Algorithmus wird dann zum Alibi: „Die Maschine hat entschieden.“ Schüller hält dagegen: Verantwortung lässt sich nicht outsourcen; Ethik ist mehr als Compliance.

    Visualisierung als Waffe: Ein Diagramm kann lügen, ohne ein einziges Wort zu sagen
    Ein einfacher, brutaler Rat aus dem Buch: Erst die Zahlen abdecken, dann vergleichen. Wenn die Grafik nur „wirkt“, solange man die Werte nicht sieht, ist etwas faul. In einer Welt voller Slides ist das fast revolutionär: Misstrauen gegenüber Design ist Datenkompetenz.

    Absolute Zahlen sind Betäubung – ohne Kontext werden sie zu Propaganda
    Schüller zeigt am Beispiel E-Scooter-Unfällen, wie schnell Schlagzeilen entstehen („Unfälle steigen!“), wenn man den Nenner unterschlägt: Wie viele Fahrten gab es? Wie viele Nutzer? Was ist die Vergleichsbasis? Wer nur Zähler liefert, liefert Erregung – keine Erkenntnis. Die kommunalpolitischen Hausmeister saugen diese Scheininfos auf, um E-Sooter aus der Stadt zu verbannen.

    Worum es Schüller wirklich geht: Führung als Umgang mit Unsicherheit

    Das Buch rahmt „dateninformiertes Entscheiden“ ausdrücklich als Führungsthema, verbunden mit Zielklarheit, Werkzeugwahl und der Pflicht, die eigenen Fragen zu prüfen. Und es insistiert darauf, dass Ethik nicht nachträglich als Pflaster draufkommt: Recht sei das „moralische Minimum“, Ethik die weitergehende Reflexion über das Richtige.

    Das Buch will viel. Historischer Abriss, Praxisfälle, Ethik, Führung, KI – manchmal wirkt es wie ein Werkzeugkoffer, in den man noch schnell eine Axt und einen Espresso-Maker gelegt hat. Wer eine stringente, streng didaktische Statistik-Einführung erwartet, wird gelegentlich mit erzählerischen Bögen und Exkursen konfrontiert. Aber vielleicht ist genau das der Trick: Es erreicht Menschen, die bei „Konfidenzintervall“ sonst reflexhaft das Handy zücken.

    Und: Die Beispiele sind stark, aber sie machen auch unbarmherzig klar, wie groß das Problem ist. Nach der Lektüre sieht man es überall: in Headlines, in Pitches, in HR-Kennzahlen, in ESG-Reports. Das ist kein Mangel des Buches – eher ein Symptom der Wirklichkeit.

    „Daten sind Macht“ ist kein Buch für Leute, die Daten „nutzen“ wollen. Es ist ein Buch für Leute, die vermeiden wollen, von Daten benutzt zu werden – durch andere oder durch die eigenen Wunschvorstellungen. Wer in Organisationen Entscheidungen verantwortet, findet hier keinen Zauberstab, aber etwas Wertvolleres: ein Vokabular, eine Skepsis und eine praktische Prüfliste gegen Zahlenzauberei.

    Und wer nach der Lektüre noch immer glaubt, ein Dashboard sei Wahrheit, dem ist nicht zu helfen.

    Siehe auch:

    Berlin. Dunkel. Und dann: Scheinheilige Polit-PR.

    Berlin, Januar. Kälte. Strom weg. Alltag weg. Nerven blank. Und während Menschen frieren, Läden dichtmachen, Infrastruktur stottert, während bis zu zigtausende Haushalte und tausende Betriebe betroffen sind – rattert im politischen Kopf nicht zuerst: Schutz. Aufklärung. Konsequenz. Sondern: Erzählung.

    Erzählung ist alles.
    Erzählung ist der Ersatz für Wirklichkeit.
    Erzählung ist die Religion der modernen Partei.

    Und da stehen sie dann, die Berliner Grünen, geschniegelt im Sprachlabor, und tippen diese eine Zeile, die alles sagt, ohne es zu sagen: Fokus verschieben. Täter raus. Nicht Tat. Nicht Angriff. Nicht Extremismus. Sondern: Wegner.

    „Kommunikationslinie“.
    Dieses Wort ist ein kleines Grab.
    Darin liegt: Politik.

    Denn was ist passiert? Ein mutmaßlich linksextremistischer Brandanschlag/Sabotageakt aufs Stromnetz, Debatte über kritische Infrastruktur, über Verwundbarkeit, über Täterlogik, über Szene, über Abschreckung, über Schutz.

    Und was wollen die Grünen? (Laut interner Mail, über die mehrere Medien berichten.)
    Nicht die Täter in den Mittelpunkt.
    Sondern: „Kai Wegner kann Krise nicht“. Führung. Kompetenz. Mediale Begleitung. Strategisches Interesse.

    Das ist nicht einfach nur taktisch. Das ist das, was Taktik wird, wenn sie nicht mehr weiß, wofür sie eigentlich existiert.

    Der Trick: Moral spielen, wenn es bequem ist

    Und dann natürlich: das Tennisding.
    Der Regierende spielt eine Stunde Tennis – mitten im Blackout – und schwupps, Bingo, das moralische Schnellfeuer ist geladen.

    Aber jetzt mal wirklich, Berlin: Eine Stunde Sport ist kein Staatsverrat.
    Eine Stunde Sport ist oft das Einzige, was dich halbwegs menschlich hält.

    Regeneration. Reset. Kreislauf. Kopf frei.
    Ich sag’s ganz stumpf: Ich spiele in der Regel einmal die Woche eine Stunde Volleyball. Auch wenn alles brennt, auch wenn Arbeit drückt, auch wenn’s „nicht passt“. Gerade dann. Health Care. Nicht Lifestyle. Wartung am eigenen System.

    Der zweite Trick: Nicht über Täter reden heißt nicht „nicht spekulieren“

    Ja, natürlich: Man soll nicht wild herumspekulieren, bevor Ermittlungen belastbar sind. Das ist banal richtig. Ein Grünen-Abgeordneter wird auch genau so zitiert: Behörden hätten wenig Erkenntnisse, man solle nicht spekulieren, man verurteile Gewalt und wolle Aufklärung.

    Aber: Das ist ein anderer Satz als „Täter nicht in den Mittelpunkt“.
    Das eine ist Zurückhaltung. Das andere ist Agenda-Setzung.

    Denn wenn du ernsthaft glaubst, dass politische Kommunikation nach einem Anschlag vor allem „strategisches Interesse“ ist – dann hast du den Moment verpasst, in dem Politik noch etwas anderes war als Medienbearbeitung.

    Und dieser Moment ist genau da: Eine Stadt wird angegriffen, Infrastruktur verwundbar, Notfallroutinen, Schutzkonzepte, Zuständigkeiten, Prävention, Strafverfolgung, Lehren.

    Aber nein: Erstmal Wegner. Erstmal die Führungsfrage. Erstmal das Bild im Kopf der Leute: Wegner im Tennisoutfit.

    Das Perfide daran

    Das Perfide ist nicht, dass Opposition kritisiert. Opposition muss kritisieren.
    Das Perfide ist das Wegdrücken des eigentlichen Kerns:

    Dass es in Berlin (mutmaßlich) Leute gibt, die meinen, sie könnten mit Feuer und Sabotage Politik machen.
    Dass kritische Infrastruktur nicht nur „ein Thema“ ist, sondern das Rückgrat.
    Dass so ein Angriff nicht nur „eine Krise“ ist, sondern ein Angriff auf Alltag, Sicherheit, Vertrauen.

    Und dann kommt die Partei, die gern „Demokratie verteidigen“ sagt, und setzt intern: Bitte nicht über Täter reden, lieber über Wegners Kompetenz.

    Das ist diese moderne Form von Verantwortungslosigkeit:
    Man hält sich die Hände sauber, indem man das Schmutzige einfach aus dem Bild schiebt.

    Nicht weil man es nicht sieht.
    Sondern weil es nicht nützt.

    Health Care, liebe Grüne Fraktion

    Wenn ihr schon Kommunikation liebt: Dann kommuniziert doch mal das Naheliegende.

    1. Gewalt, Sabotage, Extremismus – egal von wem – sind nicht „Randthemen“, wenn die Stadt im Dunkeln steht.
    2. Krisenmanagement kann man kritisieren, ja. Aber nicht als Ersatzhandlung, damit man das andere nicht anfassen muss.
    3. Und ja: Sport ist sinnvoll. Auch in der Krise. Gerade in der Krise.

    Das ist die Pointe, die euch wehtut:
    Ihr wollt moralisch sein, aber ihr wollt es bequem.
    Ihr wollt ernst sein, aber bitte so, dass es in die Kommunikationslinie passt.
    Und wenn die Wirklichkeit stört, wird sie umgeschnitten wie ein missliebiger O-Ton.

    Berlin ist nicht eure PR-Bühne.
    Berlin ist eine Stadt.
    Mit Kabeln. Mit Kälte. Mit Leuten.
    Und mit der Erwartung, dass Politik mehr kann als Schlagzeile.