Noch eine Replik zu Ramge und Mayer-Schönberger: Der Vormärz als Fortschrittsarchiv – gegen das KI-Biedermeier-Narrativ

Wenn Thomas Ramge und Viktor Mayer-Schönberger vom „KI-Vormärz“ sprechen, dann tun sie das mit dem Unterton einer historischen Warnung: Fortschrittliche Hoffnungen, die sich nicht einlösen, politische Ermächtigungsfantasien, die im Privaten verpuffen, und am Ende ein Rückfall in Machtallianzen zwischen industrieller Effizienz und monarchischer Repression. Das klingt nach großem Bild – ist aber historisch ein Zerrbild.

Denn der Vormärz war keine Epoche des Rückzugs, sondern eine Zeit zäher Emanzipation, technischer Erfindung, akademischer Erneuerung und bürgerlicher Selbstermächtigung. Wer darin nur Biedermeier sieht, meint wahrscheinlich Spitzweg-Gemälde, vergisst aber Göttingen, Berlin, den Kölner Dom und die ersten Telegrafenleitungen.

Die 1830er und 1840er Jahre waren kein politisches Vakuum, sondern ein Labor neuer Weltzugänge: Während Carl Friedrich Gauß und Wilhelm Weber in Göttingen mit dem elektromagnetischen Telegrafen experimentierten, wurde im Rheinland der Dombau zum nationalen Symbol bürgerlicher Kulturförderung. An der Universität Berlin blühte das Humboldtsche Bildungsideal auf, und Alexander von Humboldt organisierte die ersten vernetzten Forschungsinitiativen als Blaupause moderner Wissenschaftskooperation.

Wer über den Vormärz spricht, darf nicht bei der Schlafmütze des deutschen Michels stehen bleiben – er muss auch über den „Magnetischen Verein“ sprechen, der die Grundlage für moderne Kommunikationssysteme schuf. Das Bürgertum hat sich nicht zurückgezogen, es hat sich organisiert: in Gesangsvereinen, Lesekreisen, Universitäten, Gewerken, frühen Presseinitiativen und technischen Gesellschaften. Die industrielle Revolution war kein Naturereignis, sondern wurde in kleinen Zirkeln entfacht – abseits von Machtzentren, mit viel Improvisation, oft gegen die Trägheit der Herrschenden.

Auch nach 1871 setzte sich dieser Weg fort: „Postminister“ Heinrich von Stephan verwandelte Berlin in ein Silicon Valley der Telefonie – in vielen Beiträgen auf ichsagmal.com beleuchtet. Die Gründungen jener Jahre – Siemens, AEG, BASF – tragen noch heute die Infrastruktur unserer Volkswirtschaft. Wenn KI also tatsächlich zur neuen Grundlagentechnologie wird, dann entscheidet sich ihr Fortschritt nicht an der moralischen Großgeste, sondern in der Frage: Wer darf mitmachen?

Und genau hier liegt das Missverständnis der beiden Autoren. Sie reduzieren KI auf einen Machtapparat – dabei ist sie auch eine Zugangstechnologie. Sie reißt die Türen zu Wissen und Können für jene auf, die nicht in Salem groß wurden, keine dreifach kodierten Diplome vorweisen können, aber Fähigkeiten mitbringen, die bislang durchs Raster fallen.

Wenn es also so etwas gibt wie einen KI-Vormärz, dann bitte nicht als Rückzug ins Private, sondern als konspirative Aufbruchsbewegung – dezentral, neugierig, bildungshungrig, widerständig. Es ist kein Zufall, dass die Hyperpersonalisierung der KI gerade dort ihre größte Kraft entfaltet, wo die alten Sortierlogiken versagen: in Schulklassen mit 30 verschiedenen Biografien, im Recruiting abseits der Ivy-League-Blasen, im Onboarding ohne Filterblasen.

Vielleicht ist es naiv, daran zu glauben. Aber naiver ist, von KI nur Enttäuschung zu erwarten. Fortschritt braucht nicht nur Kritik, sondern auch Imagination. Und die war im Vormärz keine Pose – sie war eine produktive Unruhe. So gesehen: Willkommen im neuen Vormärz.

Bei der Fehlinterpretation des Vormärz würde Joseph Schumpeter antworten: Man sieht die Bäume vor lauter Wald nicht.

https://newmanagement.haufe.de/strategie/mythen-der-innovation-3-regionale-ecosystems

Exkurs: Göttingen, Böblingen, Biberach – Warum die Zukunft aus der Region kommt

Wer über Innovation spricht, meint oft das Silicon Valley, Shenzhen oder Tel Aviv. Doch wer verstehen will, wie nachhaltiger Fortschritt entsteht, sollte nach Göttingen, Böblingen oder Ostwestfalen-Lippe blicken – dorthin, wo sich über Jahrhunderte Kompetenzen verdichtet haben, lange bevor das Wort „Start-up“ zum Modebegriff wurde.

Göttingen etwa ist keine globale Metropole, aber ein historischer Taktgeber wissenschaftlicher Weltgeltung. Was wie ein Provinznest wirkt, war das Zentrum mathematischer und physikalischer Erkenntnis im 19. Jahrhundert. Carl Friedrich Gauß lebte und forschte dort. Die Fakultät zog Talente aus ganz Europa an. Der Clou: Diese intellektuelle Schwerkraft hat Spuren hinterlassen. Heute gibt es allein in Göttingen 39 spezialisierte Hersteller für Messtechnik. Keine Zufälligkeit – sondern Tiefenstruktur.

Das ist keine Folklore, sondern wirtschaftliche Substanz. Die Innovationskultur in Deutschland ist nicht laut, aber langlebig. Aus den feinmechanischen Werkstätten des Schwarzwalds entstanden über 500 Medizintechnikunternehmen. Die Uhrmachertradition wurde zur Grundlage der biotechnischen Präzision. In Böblingen sitzen – fast unbemerkt – globale Player für Industrieautomatisierung. Und wer einmal in Biberach war, weiß, dass Welterfolg nicht zwingend mit Skyline beginnt.

Man kann es so sagen: Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, oft belächelt als Flickenteppich, war in Wahrheit ein dezentrales Innovationsökosystem. Kleinstaaterei bedeutete damals Wettbewerb, Gründungsfreiheit, Schutzräume für Nonkonformismus – von den Druckereien der Reformation bis zu den Universitäten der Aufklärung.

Was wir heute „Cluster“, „DeepTech Valley“ oder „Ecosystem Innovation“ nennen, gab es hier schon, als Kalifornien noch spanischer Missionsboden war.

Diesen Geist gilt es zu reaktivieren. Denn die großen Probleme unserer Zeit – Klimawandel, Energiewende, neue Wertschöpfung – brauchen kein Innovations-Branding, sondern konkrete Kompetenz. Und die findet sich in den Regionen.

Es geht also nicht um Nostalgie. Es geht um das, was Hidden-Champion-Forscher Hermann Simon als „industrielle Tiefenbohrung“ beschreibt: Know-how, das nicht glänzt, sondern trägt. Wissen, das sich nicht in PowerPoint-Pitches erschöpft, sondern im Produkt manifestiert.

Was wäre, wenn wir den Innovationsbegriff selbst neu kalibrierten – nicht auf Sichtbarkeit, sondern auf Wirkung? Dann würden wir feststellen: Die Zukunft wird nicht in Davos verkündet, sondern vielleicht gerade in einem Labor in Göttingen programmiert oder in einer Werkhalle in Balingen konstruiert.

Und vielleicht ist das die eigentliche Lektion aus der langen Geschichte europäischer Innovationskraft: Nicht das Zentrum entscheidet – sondern der Zusammenhang.

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