
Nick Cave sitzt bei Stephen Colbert und spricht. Er spricht über Musik, über das Leben, über den Tod – wie immer, klar, aber diesmal ist es anders. Es ist keine bloße Promotion für sein neues Album Wild God. Es ist ein Manifest, ein radikaler Monolog über die letzten Dinge, über das, was bleibt, wenn alles weg ist.
„Musik“, sagt Cave, „ist das Letzte, was uns bleibt. Die letzte legitime Möglichkeit, eine transzendente Erfahrung zu machen.“ Hier spricht kein Popstar, hier spricht ein Prophet, einer, der den Abgrund gesehen hat und nicht wegsieht. „Wir müssen vorsichtig sein“, fährt er fort, „denn es gibt Kräfte, die versuchen, uns die Kreativität zu nehmen.“ Er meint die Technologie, die alles industrialisiert, die Musik zu einem bloßen Produkt macht, die Magie zerstört. Es ist eine Kriegserklärung an die moderne Welt, an das, was von ihr übrig ist.
Und dann die Stille. Die Stille, die zwischen seinen Sätzen hängt, wie das schwere Tuch über einem Sarg. Colbert, normalerweise der Meister des Wortes, verstummt, weil er merkt, dass hier etwas Größeres passiert. „Musik kann das Herz verändern“, sagt Cave, und es klingt wie ein Bekenntnis. Nein, es ist ein Bekenntnis. „Musik ist Magie, sie kann dich verändern, ohne dich zu berühren.“
Cave spricht über die Bühne, über das Live-Spielen, und es ist klar: Für ihn ist es ein heiliger Akt. „Es ist eine transzendente Erfahrung, eine Möglichkeit, zu etwas Größerem zu werden.“ Aber es ist nicht nur das. Es ist der Schrei eines Mannes, der weiß, dass jede Performance sein letztes Abendmahl sein könnte. „Ich betrete die Bühne mit einer Art von Schrecken, aber dann… dann werde ich größer, vollständiger.“
Und dann, mitten in diesem philosophischen Diskurs, dieser Reise durch die Dunkelheit, kommt das Licht. Der Verlust seiner Söhne, der Schmerz, der ihn fast zerstörte – und doch, sagt er, hat er sich entschieden, „sich der Welt zuzuwenden“. Es ist ein Faustschlag ins Gesicht all derer, die denken, Kunst sei bloß ein Spiel, eine Ablenkung. Nein, sagt Cave, Kunst ist Leben. Kunst ist Überleben. „Wir alle erleben die Verwüstung, und das ist es, was uns von halbfertigen Menschen zu vollständig geformten Menschen macht.“
Nick Cave sitzt da, dieser ausgemergelte Priester der Dunkelheit, und spricht über Hoffnung. „Hoffnung“, sagt er, „ist nicht neutral. Sie ist ein Krieger. Sie ist das, was den Zynismus in Schach hält.“ Jeder Satz ist eine Klinge, geschärft und tödlich. Jeder Gedanke ein Schlag gegen die Lethargie, gegen das bequeme Leben in der Lüge. Es ist keine leichte Kost, was Cave hier serviert, es ist Gift und Heilung zugleich.
Warum mich das alles so berührt? Warum ich Nick Cave in den letzten Jahren, seit dem Tod meiner Frau Miliana, so sehr geschätzt habe? Weil ich in seiner Musik, in seinen Worten eine Wahrheit gefunden habe, die über die bloße Trauer hinausgeht. Als Miliana starb, zerbrach etwas in mir, etwas, das nie wieder ganz wird. Einige Jahre verging kein Tag ohne Tränen, und doch gibt es diese Momente, in denen die Musik von Nick Cave mich daran erinnert, dass wir trotz allem weitermachen müssen, weil das Leben – wie er sagt – „systematisch schön“ ist, selbst in seiner grausamsten Form.
Zum Schluss spricht er über Johnny Cash, seinen Helden, den Mann, der am Rande des Todes noch eine Stimme fand, um mit ihm zu singen. „Er war ein schreckliches Gespenst, als er auf mich zukam, blind, die Hände ausgestreckt.“ Und dann, wie durch ein Wunder, singt Cash. „Jesus“, sagte er, „ich habe noch nie um etwas gebeten, aber heute Nacht brauche ich meine Stimme zurück, denn ich muss mit Nick singen.“ Es ist das Letzte, was zählt: die Stimme, die Musik, die Verbindung zwischen den Seelen.
Dieser Auftritt bei Stephen Colbert war mehr als ein Interview. Es war ein Manifest des Überlebens, ein Schrei gegen die Sinnlosigkeit, gegen die Maschinen, die versuchen, das Menschliche zu ersticken. Nick Cave, dieser letzte Prophet, hat uns gezeigt, dass es noch Hoffnung gibt – aber nur, wenn wir bereit sind, uns dem Schrecken zu stellen und das Heilige in der Kunst zu finden. „Die Welt ist nicht grausam“, sagt er zum Schluss, „sie ist systematisch schön.“ Wer das nicht sieht, hat schon verloren.