
Vor einigen Jahren versammelten sich Literaturbegeisterte in der Bonner Buchhandlung „Böttger“ zur Lesung „Der magische Meyrink“, die von dem Schauspieler Thomas Franke gehalten wurde. Franke, ein großer Bewunderer von Gustav Meyrink, dessen Werke ihn stark beeinflusst haben, las aus verschiedenen Texten des bekannten Autors vor, darunter der berühmte Roman „Der Golem“ und mehrere Geschichten und Satiren aus der Sammlung „Des deutschen Spießers Wunderhorn“.
Franke begann die Veranstaltung mit einer Einführung in Meyrinks Werk und Bedeutung, wobei er besonders die Vielfalt und Tiefe des Autors hervorhob. Meyrink, der nicht nur Romane, sondern auch zahlreiche Kurzgeschichten und Satiren schrieb, beschäftigte sich in seinen Texten oft mit mystischen und gruseligen Themen. Franke erklärte weiter, dass Meyrink in „Des deutschen Spießers Wunderhorn“ scharfzüngig und satirisch die engstirnige und konformistische Haltung des Kleinbürgertums seiner Zeit kritisierte. Passt doch auch gut in die Jetzt-Zeit.
Um das Publikum besser in den Kontext von Meyrinks Kritik einzuführen, erklärte Franke den Begriff „Spießer“. Der Ausdruck, so erläuterte er, stammt aus dem Mittelalter und bezeichnete ursprünglich die Stadtbürger, die ihre Heimatstadt mit Spießen verteidigten. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Bedeutung des Begriffs zu einer abwertenden Bezeichnung für Personen, die durch geistige Unbeweglichkeit, ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen und eine starke Abneigung gegen Veränderungen gekennzeichnet sind.
Die Hauptlesung des Abends war die Erzählung „Petroleum, Petroleum“ von Gustav Meyrink, die Franke mit viel Ausdruckskraft und Engagement vortrug. Meyrink, der die Geschichte bereits 1903 schrieb, widmete sie prophetisch der Deepwater Horizon-Katastrophe im Golf von Mexiko. Franke brachte das Publikum mit seiner Interpretation dazu, über die langfristigen Folgen der menschlichen Ausbeutung der Natur nachzudenken.
In „Petroleum, Petroleum“ beschreibt Meyrink eindringlich die Entstehung und die schrecklichen Konsequenzen der Nutzung von Erdöl. Franke erklärte während der Lesung, dass Petroleum ein fossiler Brennstoff ist, der aus den Überresten von Pflanzen und Tieren entstanden ist und Millionen von Jahren benötigt, um sich zu bilden. Diese kostbare Ressource wird jedoch in der modernen Welt in einem rasanten Tempo verbraucht, ohne Rücksicht auf die begrenzten Vorräte und die Umweltfolgen.
Die Geschichte schildert, wie das Erdöl durch unterirdische Explosionen freigesetzt wird und sich über die Weltmeere ausbreitet, was letztlich zu einer globalen Umweltkatastrophe führt. Meyrinks fiktive Darstellung war beängstigend real und erinnerte an die heutigen Herausforderungen des Klimawandels und der Umweltzerstörung. Frankes eindringliche Lesung ließ die Zuhörer die Dramatik und die Tragik der Erzählung deutlich spüren.
Franke führte das Publikum durch die komplexe Handlung der Erzählung und betonte die prophetischen Elemente von Meyrinks Werk. Die Beschreibung der ökologischen Katastrophe und der hilflosen Reaktion der Menschheit ließ niemanden unberührt. Meyrinks Warnung vor der rücksichtslosen Ausbeutung der Natur und den fatalen Folgen für die Menschheit wurde durch Frankes Interpretation eindrucksvoll vermittelt.
Viele der Anwesenden zeigten sich tief beeindruckt von der Aktualität und der visionären Kraft von Meyrinks Erzählungen. Die Lesung bot nicht nur eine Hommage an den Schriftsteller, sondern auch eine dringende Mahnung an die heutige Gesellschaft, verantwortungsbewusster mit den Ressourcen der Erde umzugehen.