Meditation im Feuer: Georges Bataille, Knut Ebeling und der Krieg im Kopf #PhilCologne

Ein regnerischer September. Knut Ebeling, Professor für Medientheorie und Ästhetik an der Kunsthochschule Berlin, zieht sich zum wiederholten Mal in ein Vipassana-Retreat zurück. Es geht um mehr als Ruhe. Es geht um Depression, um Zerrissenheit – und um Georges Bataille. Mitten im Schweigen beginnt Ebeling, sich Notizen zu machen. Ein Bruch, ein Akt des Denkens – und der Beginn eines Experiments: Kann man sich durch einen Krieg meditieren?

Am Freitagabend, um 20:30 Uhr, stellte Ebeling im Grünen Saal des COMEDIA Theaters in der Kölner Südstadt sein neues Buch Der Krieg im Kopf. Meditieren mit Bataille vor. Der Moderator des Abends, Gert Scobel, lenkte das Gespräch auf den Kern einer Philosophie, die nicht beruhigt, sondern erschüttert. Die Frage lautete nicht, wie man sich beruhigt, sondern wie man durchhält – inmitten der Gedankenflut, der Körperkrisen, der Bedeutungsverluste. Und ob Georges Bataille, dieser Denker des Ekstatischen, tatsächlich meditierte.

Dass Bataille meditiert habe, nicht nur metaphorisch, sondern in Form einer „atheologischen Meditation“, ist die These, die Ebeling mit Akribie und Leidenschaft entfaltet. Die Referenztexte: L’expérience intérieure von 1943 und die nahezu unbekannte Méthode de méditation von 1947. Was bei Bataille Meditation heißt, ist keine kontemplative Entspannungstechnik, sondern ein Durchgang durch das Dunkel der Existenz. Nicht Selbstvergewisserung, sondern Entsubjektivierung: „Ein Ich, das sich selbst entgleitet“, heißt es im Buch, wird zum Schauplatz eines inneren Krieges.

In der Diskussion im COMEDIA Theater rückte Scobel dieses Motiv der Auflösung ins Zentrum: Wer sich selbst als Zentrum verliert, so ließe sich Ebeling zusammenfassen, wird nicht leer, sondern offen. Offen für das Zufällige, das Störende, das passive Ereignis. Nicht Herrschaft über das Denken ist Ziel der Meditation, sondern das Durchhalten der eigenen Fragmentierung. Eine kleine Szene verdeutlichte das exemplarisch: Eine Fliege landet während der Meditation auf der Nase. Man bleibt sitzen, beobachtet das Kitzeln, das Irritierende. Die Fliege, so ließ Ebeling durchblicken, sei kein Hindernis, sondern ein Lehrer. Meditation sei die Kunst, nicht zu reagieren – und darin das Andere zuzulassen.

Diese Bereitschaft zum Zufall, zur Störung, hat bei Bataille eine lange Genealogie. Ebeling verweist im Buch auf das Spiel als Form der „Flüchtigkeit der Chance“, auf das Denken als einen Modus des Suspendierens. Auch Proust wird in diesen Zusammenhang gestellt: Nicht als Stilist des Gedächtnisses, sondern als ein Seismograph der kontingenten Erfahrung. Meditation, so ließe sich formulieren, heißt hier nicht Sammlung, sondern Zerstreuung – nicht Konzentration, sondern Ablenkung als Überlebenskunst.

Von Scobel wurde im Gespräch Ernst Jünger ins Spiel gebracht. Die Konfrontation der beiden Denker ist aufschlussreich. Wo Jünger den Krieg ästhetisiert, formt und stilisiert, zerlegt Bataille ihn in seinem Inneren. Die äußere Ordnung, die Jünger im Stahlbad des Krieges findet, wird bei Bataille zum chaotischen Feld innerer Zersetzung. Nicht das Protokoll des Helden, sondern das Tagebuch des Verwundbaren.

Diese „souveräne Wissenschaft“, wie Ebeling sie nennt, ist eine der radikalen Innensicht. Eine Philosophie des Versuchs, des Tastens, der Verweigerung jeder begrifflichen Glätte. Meditation ist in diesem Sinne weder religiös noch psychologisch, sondern eine Form des Widerstands gegen die Übermacht des Gegebenen. Atheologisch ist sie, weil sie sich keinem transzendenten Sinn unterwirft; kontingent, weil sie das Zufällige als Quelle der Erkenntnis anerkennt. Es ist kein Zufall, dass Roland Barthes – der Leser Batailles und Spieler der Sprache – in Ebelings Buch als Zeuge dieser Haltung erscheint.

Am Ende steht keine Auflösung. Auch kein Trost. Die Meditation ist keine Lösung für das Leiden, sondern eine Form, es anzuschauen, ohne daran zu zerbrechen. Oder wie Ebeling es formuliert: „Man meditiert nicht, um zu verstehen, sondern um nicht zu fliehen.“

Gleichzeitig war der Abend in der PhilCologne-Reihe auch eine Kritik an der verwertungslogischen Überformung des Meditationsbegriffs. Scobel und Ebeling sprachen über die Tendenz, Meditation zum Werkzeug der Selbstoptimierung zu machen – zur Steigerung von Produktivität, Resilienz, innerer Effizienz. Demgegenüber steht Bataille für eine Meditation ohne Zweck, ohne Ziel, ohne Fortschritt: eine Praxis, die nicht stärkt, sondern schwächt – und darin eine andere Form von Wahrheit ermöglicht. Nicht Ertüchtigung, sondern Entgrenzung.

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