
Im Anfang war das Geklaute. Und es war gut.
Ein Schlagzeug. Eine Katze. Zwei Elemente, die in einem dreißigsekündigen Video zusammengeklatscht wurden, irgendwo zwischen Heavy-Metal-Meme und niedlicher TikTok-Infantilität. Die Kritik daran? Sie sei nicht originell. Sie sei aus Maschinengehirnen geboren. Sie sei – McDonald’s für die Augen.
Doch ist das wirklich der Punkt? Ging es in der Kunst je darum, originell zu sein im Sinne von ex nihilo? Oder ist das ein Mythos des romantischen 19. Jahrhunderts, als das „Originalgenie“ zum säkularisierten Propheten verklärt wurde, zum Einsiedler auf dem Ideen-Olymp, der aus innerer Glut Werke erschafft, die „so noch nie da gewesen“?
Nein. Es geht – es ging immer – um Rekombination. Um das Montieren, das Neuzusammensetzen, das Filtern, Kuratieren, Kombinieren. Shakespeare war kein Originalgenie im modernen Sinn, sondern ein raffinierter Stoff-Verarbeiter. Nestroy war ein Umformungsvirtuose. Brecht ein Text-Monteur. Walter Kempowski ein Kompilator, der das Rauschen der Zeit in literarische Echolote verwandelte. Und Roland Barthes – der ließ sich gar nicht mehr auf das lineare Lesen ein, zog Schriftproben, notierte Bruchstücke, mixte Theorien, Phantasmen und Beobachtungen wie ein DJ der Semantik. Er nannte es: das Rauschen der Sprache.
Heute heißt es: Remix-Kultur. Und ja – die KI, dieser neue Maschinen-Montaigneur, kann das mittlerweile auch. Sie bedient sich am Weltgedächtnis, wie ein Kind an der Lego-Kiste. Nicht immer sinnvoll. Nicht immer geschmackvoll. Aber: frei. Und eben nicht schlechterdings „sinnlos“, wie manch empörter Kommentar auf LinkedIn vermuten lässt. Sinn ist keine Vorbedingung der Kunst, sondern ein möglicher Nebeneffekt.
Wer die Katze am Schlagzeug für bedeutungslos hält, hat vielleicht nicht erkannt, dass genau diese Absurdität das eigentliche Motiv ist: Sie ist eine posthumane Dada-Operette, ein digitales Schmunzelbild aus der Unterwelt der Semiotik. Witz entsteht hier aus kultureller Streuung: Heavy Metal + Katzen + oberbayerische Volksmusik = Ironie über Identität. Wer die Bausteine nicht kennt, lacht trotzdem – oder gerade deshalb.
Und ja, irgendwann wird die KI Videos generieren aus Videos, die sie selbst generiert hat. Autopoiesis im Unsinn. Eine Endlosschleife der Ästhetik. Ist das schlimm? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist es einfach nur die digitale Version jenes radikalen Intertextualismus, von dem schon Barthes träumte – wo Autor und Leser im gleichen Moment verschwinden. Wo alles Zitat wird. Wo die Herkunft egal ist, weil der Zusammenhang wichtiger wird.
Natürlich kann man fragen, ob das genügt. Ob eine Kultur, die sich in Memes und Mini-Clips erschöpft, nicht doch auch verarmt. Aber dieselbe Frage stellte man über den Roman. Über den Film. Über das Fernsehen. Über das Internet. Und jedes Mal lag darin auch eine heimliche Angst: dass das Neue uns nicht mehr gehört.
Doch wer sagt denn, dass Kreativität ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen bleibt? Vielleicht müssen wir lernen, dass auch Maschinen kreativ sein können – nicht trotz, sondern weil sie klauen. So wie wir. So wie Brecht. So wie Taubes, der Jäger des einen Satzes, aus dem sich das Ganze entfaltete.
Denn die Wahrheit ist: Wir sind keine Schöpfer. Wir sind Sammler. Finder. Filter. Übersetzer von Welt in Welt. Kultur war nie ein Original, sondern immer ein Remix.
McDonald’s? Vielleicht. Aber manchmal liegt der Zauber nicht im Sterne-Menü, sondern in der seltsamen Kombination aus Pommes, süß-saurer Sauce und einem Katzensolo auf der Snare Drum.
Und das ist dann – für einen Moment – vielleicht doch ein kleines Wunder.