Ehrenrettung der Cargo-Kulte: Warum die „Naivität“ der Melanesier aufgeklärter war als unsere KI-Simulationen

Von einem westlichen Schreibtisch aus, flankiert von Touchpads, neuronalen Netzen und Feuilletonsätzen über „digitale Transformation“, mag es lächerlich erscheinen, wenn Melanesier in den 1940er-Jahren mit Holzflugzeugen auf Lichtungen warteten, um die Rückkehr des „Cargo“ zu erzwingen – jener Gütersegen, der einst mit den Amerikanern vom Himmel fiel. Man nannte das dann: Cargo-Kult. Ein Synonym für irrationale Rituale, bloßen Schein von Rationalität, eine lächerliche Pantomime von Fortschritt. Heute, so Winfried Felser, wird das Phänomen imitiert: in KI-Workshops, auf Konferenzen mit „Prompt-Designern“ und in Innovationshubs, die so tun, als könne man durch das Nachbilden digitaler Devotionalien Zukunftsfähigkeit herbeitanzen.

Doch was, wenn der ursprüngliche Cargo-Kult nicht das war, was wir glauben? Was, wenn er klüger war als seine westlichen Karikaturen – analytischer, politischer, realitätstüchtiger?

„Zuerst kamen die Deutschen. Sie haben uns nichts gelehrt. Sie haben uns wie Traktoren behandelt. Danach die Australier – wie Ochsen. Und schließlich die Amerikaner, die tatsächlich etwas brachten.“

Diese bittere Bilanz eines melanesischen Beobachters ist kein religiöser Wahn. Es ist eine Analyse geopolitischer Nützlichkeit. Der Cargo-Kult war kein Ausdruck von Verwirrung, sondern ein Versuch, aus der Geschichte zu lernen. Die Götter kamen in Uniform. Und sie brachten Dinge. Wer wären wir, diesen Zusammenhang nicht zu erkennen?

Die vielzitierte „Naivität“ der Cargo-Kult-Anhänger – ihre Rituale, das Hissen der Stars and Stripes, ihre geschnitzten Kopfhörer – sind nur unter der Bedingung naiv, dass man glaubt, Religion sei bei uns etwas anderes. In Wahrheit ist ihr Handeln so rational wie jede westliche Theologie, die im Namen des Fortschritts Opern-Apps fördert oder sich in „Purpose“-Statements erschöpft. Die Melanesier verknüpften westliche Technik, christliche Symbole und ihre Mythen zu einem hochkomplexen Erklärungssystem – weit entfernt vom blanken Fetisch.

Was in ihrer Welt funktionierte, versuchte man zu rekonstruieren. Dass die Form das Ergebnis bringt, war kein magischer Fehlschluss, sondern ein pragmatischer Akt des Überlebens in einer Welt, in der die „Zivilisation“ auf Inseln stürzte, bombardierte, kolonialisierte – und sich dann wieder verzog. Wer das Nachbauen der Landebahnen lächerlich findet, der sollte einen Blick in europäische Ministerien werfen, in denen heute ChatGPT als Innovationsausweis herhalten muss.

Und jetzt? Jetzt wiederholt sich das Schauspiel in neuen Kleidern. Statt mit US-Flaggen zu winken, ruft man OpenAI an. Statt Stahlvögel erwartet man Tokenflüsse, während auf PowerPoint-Folien die „Zukunftsfähigkeit“ herabgleitet. Auch hier: Rituale ohne Substanz. Auch hier: Der Glaube, man müsse nur die äußere Form imitieren, um den Segen zu erhalten.

Felsers Diagnose ist präzise. Seine Wortwahl: treffend. Doch sie unterschlägt etwas Entscheidendes – eine Form von Ethnozentrismus, der sich still in unsere Begrifflichkeit eingeschlichen hat. Wir sprechen von Cargo-Kulten der Digitalwirtschaft, ohne uns zu fragen, ob nicht der ursprüngliche Kult die rationalere, die analytischere Form war. Vielleicht ist es an der Zeit, das Etikett umzudrehen. Vielleicht sind es nicht die Melanesier, die Cargo-Kulte betrieben – sondern wir.

Der Paliau-Kult – entstanden aus genau dieser Geschichte – schuf ein Sozialsystem, das die UN 1953 als „äußerst ordentlich, progressiv und blühend“ bezeichnete. Öffentliche Beichte statt Parteitagsrhetorik. Abschaffung des Brautpreises, kollektive Steuerfonds, neue Formen der Dorfverwaltung. Und das alles unter dem „Deckmantel“ der Religion – weil die Australier sonst keine Selbstverwaltung geduldet hätten. Es war kluge Camouflage, nicht blinder Glaube.

Was aber sind unsere KI-Kulte? Wer sich heute auf künstliche Intelligenz verlässt, ohne die Machtverhältnisse, die Strukturfragen und die Eigentumsverhältnisse zu verändern, der imitiert Cargo-Kulte auf eine Weise, die nichts Heroisches mehr hat – sondern nur noch unternehmensberaterischen Zynismus.

Die Ehrenrettung des Cargo-Kults beginnt mit der Einsicht: Er war eine Form des Widerstands. Eine hybride Reaktion auf koloniale Gewalt, technologische Übermacht und soziale Zerstörung – nicht naiv, sondern notwendig. In dieser Hinsicht sind viele KI-Workshops in Davos und Düsseldorf ärmer an Realismus als die geschnitzten Funktürme auf Manus Island. Sie feiern Cargo, ohne je gefragt zu haben, wem es gehört.

2 Gedanken zu “Ehrenrettung der Cargo-Kulte: Warum die „Naivität“ der Melanesier aufgeklärter war als unsere KI-Simulationen

  1. Anonym

    Richtig und bemerkenswert: „Denn die Wirtschaft betreibt keinen Cargo-Kult, sie betreibt Change-Theater.“ Der mutige Typus des „Promising Start-Up“ ist rar, und das „sich-neu-erfindende Unternehmen“ extrem selten, Konzerne in Deutschland und Europa sind zumeist ebenso transformationsunwillig wie politische Systeme. Dem Cargo-Cult als komplexe Verbindung von sozialpolitischer und spiritueller Bewegung wird man mit dem schlechten Theater nicht gerecht. Nichts ist so primitiv wie es dem „vernünftigen“ Westen erscheint, auch das Christentum hat mit einem Wanderprediger und sozialpolitischen Zielen angefangen.

  2. gsohn

    Der Satz „Denn die Wirtschaft betreibt keinen Cargo-Kult, sie betreibt Change-Theater“ ist treffend. Treffend deshalb, weil er eine rhetorische Verschiebung markiert: Der oft reflexhaft ins Spiel gebrachte Cargo-Kult ist eben nicht das, wofür ihn viele halten – eine absurde Imitation, ein naiver Glaube an magische Techniklieferungen. Die Wirtschaft hingegen inszeniert sich selbst als Fortschrittsträgerin, scheut aber echte Veränderung. Was sie produziert, ist kein Kult, sondern Simulation. Und das meist schlecht.

    Der Vergleich mit dem Cargo-Kult ist deshalb irreführend – und zugleich entlarvend. Denn der ursprüngliche Cargo-Kult war nicht dumm. Er war eine komplexe, durch Erfahrung motivierte Antwort auf koloniale Verhältnisse, eine spirituell-politische Synthese, ein Versuch, die Fremdheit der Moderne in eine verstehbare Ordnung zu bringen. Wer Flugzeuge aus Bambus baut, tut das nicht, weil er das Original nicht kennt – sondern weil er hofft, die damit verknüpfte Macht zu rekonstruieren. Es ist ein symbolischer Akt, kein Theater. Und schon gar kein Change-Workshop.

    Dass ausgerechnet Konzerne, die das Wort „Transformation“ wie einen Talisman vor sich hertragen, ohne ihre Macht-, Besitz- und Kontrollverhältnisse zu ändern, sich selbst als Avantgarde sehen, ist eine Ironie, die sich der Cargo-Kult nie erlaubt hätte. Dort war der Kult ein Versuch, soziale Kohärenz zu stiften, spirituelle Orientierung zu finden – während unsere CEOs mit Purpose-Folien jonglieren und sich dabei selbst bespielen.

    Wer also den Cargo-Kult in die Wirtschaftskritik importiert, sollte wissen, was er sagt. Denn dieser Kult war – bei aller religiösen Semantik – ein durch und durch rationaler Umgang mit Gewalt, Technologie, Fremdherrschaft und ökonomischer Verheißung. Er war ein Spiegel der Macht. Was in unserer Welt dagegen oft als Transformation verkauft wird, ist nichts weiter als Inszenierung – billig, folgenlos, feige.

    Und ja: Auch das Christentum begann als sozialpolitische Bewegung eines Wanderpredigers. Die primitive Annahme, dass spiritueller Glaube immer gleichbedeutend mit Unwissen ist, bleibt ein europäisches Missverständnis. Vielleicht sollten wir dem Cargo-Kult nicht nur mit Respekt begegnen – sondern auch mit Neugier. Denn seine Rituale sind uns näher, als wir glauben.

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