Mach mal das Ventil auf – Ein Sonntag mit Harald Schmidt #BTW2025 @k_frenzel

Deutschlandfunk Kultur. Moderator Korbinian Frenzel. Theater Freiburg, Sonntagvormittag. Kostenloser Eintritt. Wer da ist, ist wirklich da. Oder wurde von der AOK geschickt. Harald Schmidt sieht sich um. Das Publikum: Eine Mischung aus Kulturabonnenten, die immer sonntags ins Theater gehen, weil dann ihr Buchclub ruht, und Menschen, die im Wartezimmer von drei Ärzten gleichzeitig vorgemerkt sind. Die Zielgruppe von Prostagutt, Granu Fink und Kijimea Darmflora Plus.

Schmidt bedankt sich höflich, dass niemand an diesem Sonntag stattdessen ins Möbelhaus gefahren ist, um sich von einem schlechten Espresso und einer schlecht gelaunten Angestellten überzeugen zu lassen, dass jetzt die letzte Chance auf 0 %-Finanzierung für einen Schrank aus Presspappe sei.

Erster Applaus.

Schmidt kennt die Spielregeln: Gratiskarten bringen ein spezielles Publikum. Leute, die sich in letzter Minute doch nicht aus ihrem linksgrün versifften Bett quälen. Oder das Theater nach 15 Minuten verlassen, weil sie feststellen, dass sie eigentlich beim Pilzvortrag im benachbarten Volkshochschulkurs sein wollten.

Aber immerhin: Das Publikum ist gebildet. Hat mindestens einmal im Leben ein Reclam-Heft im Vorbeigehen gestreift. Weiß, dass „Diskurs“ neuerdings nicht mehr nur Philosophie-Seminare heimsucht, sondern jetzt auch Talkshows. Früher hieß es Gespräch, dann Debatte, jetzt: Narrativ. Die Hauptstadt-Kollegen haben „Gespräch“ wiederentdeckt, aber jetzt mit Krawatte.

Was früher Meinung war, heißt jetzt Haltung. Und wenn Maybrit Illner von einem „Move“ spricht, kann man sicher sein, dass er ein Match für die Zuschauererwartung sein soll. Schmidt wartet eine Sekunde, dann sagt er trocken:

„Matcht für mich nicht.“

Lachen. Applaus.

Aber Vorsicht, Applaus kann tückisch sein. Ist er von der falschen Seite? Ach, wer sich darüber Gedanken macht, hat noch nie welchen bekommen.

Politik. Oder was davon übrig ist.

Lars Klingbeil. SPD-Co-Vorsitzender. Hat eine Ko-Vorsitzende, die ihn bremst, aber auch nicht beschleunigt. Schmidt rät:

Saskia Esken? Die sitzt dir noch im Nacken? Dann mach’s wie alle in der SPD – lächeln, nicken, abwarten. Die Probleme lösen sich von selbst.

Robert Habeck. Hoodie unter Sakko. Mal Dreitagebart, mal glatt rasiert. Der Mann, der zwischen „Ich bin Minister“ und „Ich bin Schriftsteller“ bewegt sich wie ein Kugelstoßpendel. Gerade noch mit der Fähre unterwegs, schon schreibt er den nächsten Essay über sich selbst.

„Sozialabgaben auf Dividenden?“, fragt sich Schmidt. „Klingt eher nach einem russischen Hackerangriff auf den Teleprompter.“

Und dann Jauch.

Jauch ist überall. Quizmaster, Shop-Apotheke-Testimonial, Deutschlands Antwort auf eine API-Schnittstelle. Schmidt feiert ihn:

„Hoffentlich trägt er den rosa Pulli auch, wenn er das Quadrell bei RTL moderiert. SPD, CDU, AfD, Grüne – eine Runde, ein Format. Noch Satire? Oder schon Deutschland?“

Sarah Wagenknecht.

Immer gut gekleidet. Ihr Mantel, tailliert, mit Pelzkrägelchen – irgendwo zwischen russischer Zarenfamilie und deutschem Wirtschaftswunder. Schmidt erinnert sich an ihr damaliges Kapitalismus-Bashing in seiner Show:

„Mein Lebensstil.“

Heute lebt sie ihn selbst. Fast so absurd, als würde Friedrich Merz einen IG-Metall-Vortrag halten.

Und apropos: Merz. Kanzler. Stand jetzt.

Nicht, weil er überzeugt. Sondern weil die Alternativen es noch weniger tun.

Finale.

80 Minuten Schmidt. Deutschland in 80 Minuten.

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